Als Dagmar Hase den Goldfisch aus dem Dreck zog

Vor ziem­lich genau 15 Jah­ren schrieb im Schwimm­sport eine Frau Geschichte, die heute wei­test­ge­hend in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist. Dafür brauchte sie keine Rekorde, Medail­len oder Skan­dale. Eine große Geste reichte, um in die Anna­len ein­zu­ge­hen. Die Rede ist von Dag­mar Hase, die im Juli 1994 auf ihren Start­platz im 200 Meter Finale zu Guns­ten von Fran­ziska van Alm­sick ver­zich­tete und damit der Favo­ri­tin den Welt­meis­ter­ti­tel ermög­lichte. Schau­platz war damals das Olym­pi­sche Schwimm­sta­dion in Rom. 15 Jahre spä­ter fin­det an glei­cher Stelle erneut eine WM statt.

Fran­ziska van Alm­sick war der „Gold­fisch der Nation“. Mit süßen 14 Jah­ren hatte sie bei den Olym­pi­schen Spie­len 1992 in Bar­ce­lona zwar eine Gold­me­daille ver­passt, schwamm sich aber den­noch in die Her­zen der Deut­schen. Klar, dass die Erwar­tun­gen bei der Welt­meis­ter­schaft in Rom auf der Teen­age­rin las­te­ten. Im his­to­ri­schen Foro Ita­lico ereilte die erfolgs­ver­wöhnte Ath­le­tin lei­der die erste Krise der Kar­riere. Auf ihrer Parade-​​Strecke über 200 Meter Frei­stil trö­delte die „Ber­li­ner Göre“ im Vor­lauf so aus­gie­big, dass die Zeit nicht für den End­lauf reichte. Nur Platz neun. Ein Desas­ter.

Glück­li­cher­weise schaffte Team­kol­le­gin Dag­mar Hase den Sprung unter die bes­ten Acht. Welch Steil­vor­lage für die deut­sche Mann­schafts­lei­tung. Nach lan­gen Dis­kus­sio­nen ver­zich­tete Hase schließ­lich frei­wil­lig auf ihr Start­recht und über­gab Fran­ziska van Alm­sick die Außen­bahn im Finale. In die Geschichte des deut­schen Schwimm­sports wäre diese Epi­sode einer Welt­meis­ter­schaft ohne ein Happy End jedoch wahr­schein­lich nie ein­ge­gan­gen. Van Alm­sick gewann die Gold­me­daille mit Welt­re­kord. Es war die ein­zige, die deut­sche Schwim­mer bei die­ser WM gewin­nen konn­ten. Dag­mar Hase sei Dank.

Herbe Ent­täu­schung für die Olym­pia­sie­ge­rin von Barcelona

Die 400 Meter Goldmedaillen-​​Gewinnerin von Olym­pia 1992 wurde zwei Jahre spä­ter in Rom dage­gen herbe ent­täuscht. Über ihre Para­de­stre­cke lag sie nach dem Vor­lauf eben­falls nur auf Rang neun. Die acht­plat­zierte Team­kol­le­gin Jana Henke zeigte sich aller­dings weni­ger gütig und wurde schließ­lich im Finale Sechste. Dag­mar Hase bekam für ihr mann­schafts­dien­li­ches Ver­hal­ten vom DSV eine Urlaubs­reise geschenkt.

Ob der Deut­sche Schwimm­ver­band auch bei der aktu­el­len WM in Rom Last-​​Minute-​​Reiseangebote gewälzt hat, um den Mann­schafts­geist zu för­dern, bleibt das Geheim­nis der Ver­ant­wort­li­chen. Glaubt man dem »Deut­schen Alba­tros« Michael Groß, zwei­ma­li­ger Goldmedaillen-​​Gewinner von Los Ange­les 1984, hätte der Zusam­men­halt ein wenig Moti­va­tion durch­aus nötig. Kein Mensch sei in der Lage, sich selbst am Schopf aus dem Dreck zu zie­hen, weiß der heu­tige Unter­neh­mens­be­ra­ter und ätzt gegen den »rudi­men­tä­ren Team­spi­rit« im deut­schen Team.

Seine Kri­tik gilt dabei vor allem dem heu­ti­gen »Gold­fisch der Nation«, Britta Stef­fen. Die blonde Ber­li­ne­rin hatte bei Olym­pia 2008 in Peking auf die 200 Meter-​​Staffel ver­zich­tet — und auf der 50– und 100 Meter-​​Strecke Gold geholt. In Rom ist sie zumin­dest in der 100 Meter-​​Staffel im Ein­satz. Als Start­schwim­me­rin führte sie die Team­kol­le­gin­nen zum deut­schen Rekord und Final­ein­zug. Sollte Stef­fen mit der Staf­fel zum Titel schwim­men, dürfte auch Michael Groß ver­stum­men. Mann­schafts­gold blieb Fran­ziska van Alm­sick vor 15 Jah­ren an glei­cher Stelle ver­sagt. Gemein­sam mit Dag­mar Hase reichte es über 4×100 Meter »nur« zu Silber.

Update 26.07. 20:10

Wie vor 15 Jah­ren gewann die Deut­sche 4×200 Meter Damen-​​Staffel erneut die Sil­ber­me­daille. Britta Stef­fen steu­erte als Start­schwim­me­rin sogar eine Welt­re­kord­zeit zum zwei­ten Platz hinzu, Team­geist hin oder her. Mit der Gold­me­daille über 400 Meter-​​Freistil von Paul Bie­der­mann und Britta Stef­fens wei­te­ren Titel­chan­cen sieht es nach einer über­ra­schend erfolg­rei­chen Welt­meis­ter­schaft für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft aus.

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  • McP sagt:

    Schöne Arti­kel hier. Kleine Anmer­kung zum Update: Ich bin mir ziem­lich sicher, dass Du nicht die 4x200m Staf­fel meinst — jeden­falls aktu­ell. Wie es vor 15 Jah­ren war, weiß nicht mehr.




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