Wenn die Welt auf dem Kopf steht

Im Ange­sicht einer Kata­stro­phe sehen wir Men­schen, deren Welt zusam­men gebro­chen ist. Vom Bett­ler bis zum Ban­ker sind alle gleich in ihrem Bemü­hen, aus den Trüm­mern auf­zu­ste­hen und der Rest der Welt fühlt sich ihrem Schick­sal in Anteil­nahme ver­bun­den. In die­ser mit­tel­ba­ren Hilf­lo­sig­keit fällt es uns Zuschau­ern schwer, den Sinn zu fin­den für eine Welt, in der wir Mit­men­schen beim Kampf ums nackte Über­le­ben zuse­hen. An die­ser Stelle wird Kom­mu­ni­ka­tion zu einem Akt der Schöp­fung. Kon­struk­ti­vis­mus, die mensch­li­che Eigen­schaft sich eine eigene Rea­li­tät zu schaf­fen, ist nir­gends sicht­ba­rer, nie­mals greif­ba­rer als in Zei­ten wo die Rea­li­tät uns ein­holt und mit unse­rer ver­dräng­ten Unge­wiss­heit konfrontiert.

Heute kön­nen wir Zeuge wer­den, wie Men­schen, die wir ohne die social net­works des Inter­net­zeit­al­ters nie ken­nen gelernt hät­ten, ihre Rea­li­tät neu jus­tie­ren. Wir kön­nen aus ers­ter Hand beob­ach­ten, wie ver­schie­dene Gesell­schaf­ten eine gemein­same Per­spek­tive tei­len und wir kön­nen erfah­ren, wo sich diese Per­spek­ti­ven unter­schei­den. Eine Beob­ach­tung aus den Infor­ma­ti­ons­strö­men des Twit­ter­ver­sums, wie auch der tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­dien war ziem­lich ein­drück­lich. Das framing (siehe auch die­sen Arti­kel) des Erd­be­bens, des fol­gen­den Tsu­na­mis und schließ­lich der dro­hen­den Kata­stro­phe in den japa­ni­schen Kern­kraft­wer­ken unter­schied sich deut­lich, je nach Natio­na­li­tät, Kul­tur und Struk­tur der mensch­li­chen Netz­werke. Auf Sei­ten der New York Times dau­erte es einen gan­zen Tag, bis die Angst vor einer Kern­schmelze die Bericht­er­stat­tung zur huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe im Erd­be­ben­ge­biet als Leit­thema ver­drängte. Die deut­schen Leit­me­dien hat­ten bereits am ers­ten Tag die­sen Auf­hän­ger ganz oben auf den Start­sei­ten plat­ziert. Diese The­men­set­zung schlug sich ana­log bei Twit­ter nie­der, auf eng­lisch­spra­chi­gen Time­lines war Fukus­hima zunächst kaum ein Thema. […] → zu Ende lesen

Transformationen, Demokratie und der nahe Osten: Was wird aus Ägypten?

Nach­dem in Tune­sien sich eine Trans­for­ma­tion des poli­ti­schen Sys­tems deut­lich abzeich­net, ist nun auch in Ägyp­ten eine Trans­for­ma­tion in greif­bare Nähe gerückt. An die­ser Stelle ist bewusst nicht die Rede von »demo­kra­ti­schen Revo­lu­tio­nen,« weil die­ses Trans­for­ma­ti­ons­pa­ra­digma in sei­ner Beschrei­bung eine frag­wür­dige Per­spek­tive dar­stellt. Die durch Samuel Hun­ting­ton popu­lär gewor­dene Meta­pher von den Wel­len der Demo­kra­ti­sie­rung ent­puppt sich bei genaue­rem Hin­se­hen als wenig hilf­reich. Ihre Defi­ni­tion von Demo­kra­tie ist beschränkt auf die pro­zess­fi­xierte Dimen­sion des Wahlvorgangs.

The ›demo­cra­tic method,‹ he said, ›is that insti­tu­tio­nal arram­ge­ment for arri­ving at poli­ti­cal deci­si­ons in which indi­vi­du­als acquire the power to decide by means of a com­pe­ti­tive struggle for the people’s vote.‹

Schum­pe­ter, zitiert durch Huntington

Die durch diese Linse wahr­ge­nom­me­nen Wel­len der Demo­kra­ti­sie­rung führ­ten dazu, dass eine große Anzahl auto­kra­tisch geführ­ter Staa­ten kur­zer­hand die Bedin­gun­gen pro­zes­su­ra­ler Demo­kra­tie ein­führ­ten, um als »Demo­kra­tien« in den Genuss von Ent­wick­lungs­hilfe oder auch nur  öffent­li­cher Aner­ken­nung zu kom­men. Wah­len sind das beste Fei­gen­blatt für Des­po­ten. Hun­ting­tons Meta­pher der demo­kra­ti­schen Wel­len ist aber so grif­fig, dass sie im öffent­li­chen Dis­kurs als »Stan­dard« der Trans­for­ma­ti­ons­for­schung wahr­ge­nom­men wird. Joseph Joffe hat das kürz­lich wie­der ein­mal demons­triert. Dabei hat die Poli­tik­wis­sen­schaft längst andere Kri­te­rien für die Demo­kra­tie­for­schung oder den Sys­tem­wan­del auf­ge­grif­fen. […] → zu Ende lesen

Denn sie tun nicht, was sie wissen: Klimawandel in der Diskussion

Wir erle­ben zum zwei­ten Mal hin­ter­ein­an­der einen für uns unge­wöhn­lich kal­ten Win­ter. Prompt wird auf das Wet­ter geschimpft: »Schnee im Novem­ber, das gab es ja noch nie!« oder auch »ich musste noch nie so früh die Hei­zung wie­der anstel­len.« Zeit für Medien und Gesell­schaft, sich mit dem Klima aus­ein­an­der zu set­zen. Dies geschieht in zuletzt unge­wohn­ter Rich­tung — statt über Hit­ze­re­korde wird über Käl­te­re­korde gespro­chen. Aber der Mensch ist ja fle­xi­bel, der Kli­ma­wan­del ist schnell abgesagt.

Folgt man der inter­na­tio­na­len Presse, so rumort es bereits seit Anfang des Jah­res. Aus­ge­löst durch den soge­nann­ten »Climategate«-Skandal gerie­ten Kli­ma­for­scher in Miss­kre­dit. In inter­nen E-​​Mails dis­ku­tier­ten füh­rende Wis­sen­schaft­le­rIn­nen, wie sie die größt­mög­li­che Wir­kung für ihre For­schungs­er­geb­nisse errei­chen könn­ten. Außer­dem wurde gleich eine ganze Fülle von Feh­lern in den Berich­ten des zwi­schen­staat­li­chen Aus­schus­ses zum Kli­ma­wan­del (IPCC) gefun­den. Die öffent­lich gewor­de­nen Emails waren ein gefun­de­nes Fres­sen für Kli­maskep­ti­ker, das Befeu­ern von Kon­tro­verse ist wie­derum ein Garant für Auf­lage und weil jeder eine Mei­nung zum Wet­ter hat, fin­det das Thema Erd­er­wär­mung gro­ßen Anklang. Die Emails wur­den zur Schlag­zeile. […] → zu Ende lesen

Wikileaks, Justin Bieber und die Echokammern des Netzes

Einige der inter­es­san­tes­ten Erkennt­nisse, die Wiki­leaks ermög­licht, stam­men nicht aus gehei­men Doku­men­ten, son­dern aus den Dis­kus­sio­nen, die um die Platt­form ent­ste­hen. Da sind zum einen die Reak­tio­nen der betrof­fe­nen Amts­trä­ger, die das Selbst­ver­ständ­nis des Staa­tes, wie er von den Volks­ver­tre­tern in Demo­kra­tien ver­stan­den wird, ver­deut­li­chen. Clay Shirky hat die not­wen­dige Abwä­gung von berech­tig­ten Inter­es­sen nach Trans­pa­renz aber auch nach Geheim­hal­tung in demo­kra­ti­schen Sys­te­men schön erläu­tert, John Naugh­ton kom­men­tiert im Guar­dian, wie das Selbst­ver­ständ­nis von Staat durch Wiki­leaks in Frage gestellt wird. Zum ande­ren sind auch die Bür­ger selbst in die Mei­nungs­bil­dungs­pro­zesse inte­griert. Dies geschieht durch die ver­mit­telnde Funk­tion von Mas­sen­me­dien, durch die Instanz zwi­schen Bür­ger und Staat, die sich gerne vierte Gewalt nennt. Und durch die Äuße­run­gen in den vie­len Foren und Publi­ka­ti­ons­for­men, die das Inter­net bie­tet. Diese Netz­werke von öffent­li­chen Mei­nungs­be­kun­dun­gen wer­den immer mehr Teil der vier­ten Gewalt, weil die ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen von den tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­dien gie­rig auf­ge­so­gen und ver­brei­tet wer­den. […] → zu Ende lesen

Was ist eigentlich »kulturelle Identität?«

Die Inte­gra­ti­ons­de­batte in Deutsch­land tritt auf der Stelle. Nun ist Inte­gra­tion auch kein ein­fa­ches Thema. Nicht, weil die damit ver­bun­de­nen gesell­schaft­li­chen Pro­bleme so kom­plex wären. Sie sind nicht kom­pli­zier­ter als die meis­ten ande­ren gesell­schaft­li­chen Pro­bleme. Kom­pli­ziert ist heut­zu­tage schein­bar jedes Pro­blem und befrie­di­gende Lösun­gen sind ohne­hin nicht die Stärke des poli­ti­schen Betrie­bes. Trotz­dem fin­den in den ande­ren Debat­ten die betrof­fe­nen Teil­neh­mer der Gesell­schaft statt, selbst wenn sie nur wüten­den Pro­test bei­tra­gen kön­nen. Die von der Inte­gra­ti­ons­de­batte betrof­fe­nen Mit­glie­der fin­den in der Debatte um ihre urei­ge­nen Inter­es­sen aber nicht statt.

Die Inte­gra­ti­ons­de­batte tritt auf der Stelle, weil die Bewer­tung die­ser Pro­bleme so fun­da­men­tal mit den per­sön­li­chen Vor­stel­lun­gen von Kul­tur ver­knüpft ist, dass sich die meis­ten Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer einer kri­ti­schen Über­prü­fung die­ser Vor­stel­lung ver­wei­gern — das würde näm­lich einer kri­ti­schen Über­prü­fung des eige­nen Iden­ti­täts­ent­wurfs erschre­ckend nahe kom­men. Und wer hin­ter­fragt seine Über­zeu­gun­gen schon gern? Die von der Inte­gra­ti­ons­de­batte betrof­fe­nen Men­schen sind jeden­falls nicht irgend­wel­che Aus­län­der. Die Men­schen, um die es in die­ser Debatte eigent­lich geht, sind wir. Es sind wir alle, die wir Mit­glie­der die­ser Gesell­schaft sind. […] → zu Ende lesen

Das Werkzeug ist nicht das Medium

Der Begriff »Medium« wird in vie­len ver­schie­de­nen Bedeu­tun­gen gebraucht. Nicht sel­ten kommt es dabei zu Miß­ver­ständ­nis­sen und fehl­ge­lei­te­ten Annah­men über das Wesen von Kom­mu­ni­ka­tion. Spe­zi­ell die Ver­ein­nah­mung der Begriffe »Medien« und »Kom­mu­ni­ka­tion« durch Publi­zis­tik und PR trübt den Blick dar­auf, wie Bedeu­tung zwi­schen Men­schen über­tra­gen wird, wenn es nicht gerade darum geht, Inhalte oder das Image eines Unter­neh­mens zu verkaufen.

Wenn wir uns nur Epiphä­no­mene der Kom­mu­ni­ka­tion anse­hen, weil wir zu sehr dar­auf fokus­siert sind, wel­che Akteure sich im gesell­schaft­li­chen Mei­nungs­bil­dungs­pro­zess posi­tio­nie­ren, ver­ste­hen wir nie die zugrunde lie­gen­den Wirk­me­cha­nis­men und gelan­gen schnell zu fal­schen Ver­all­ge­mei­ne­run­gen. Der Dis­kurs über neue Medien ist selbst ein gutes Bei­spiel dafür, wie Dis­tri­bu­ti­ons­ka­näle und Medium in einen Topf gewor­fen wer­den. […] → zu Ende lesen



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