Wenn die Welt auf dem Kopf steht

Im Ange­sicht einer Kata­stro­phe sehen wir Men­schen, deren Welt zusam­men gebro­chen ist. Vom Bett­ler bis zum Ban­ker sind alle gleich in ihrem Bemü­hen, aus den Trüm­mern auf­zu­ste­hen und der Rest der Welt fühlt sich ihrem Schick­sal in Anteil­nahme ver­bun­den. In die­ser mit­tel­ba­ren Hilf­lo­sig­keit fällt es uns Zuschau­ern schwer, den Sinn zu fin­den für eine Welt, in der wir Mit­men­schen beim Kampf ums nackte Über­le­ben zuse­hen. An die­ser Stelle wird Kom­mu­ni­ka­tion zu einem Akt der Schöp­fung. Kon­struk­ti­vis­mus, die mensch­li­che Eigen­schaft sich eine eigene Rea­li­tät zu schaf­fen, ist nir­gends sicht­ba­rer, nie­mals greif­ba­rer als in Zei­ten wo die Rea­li­tät uns ein­holt und mit unse­rer ver­dräng­ten Unge­wiss­heit konfrontiert.

Heute kön­nen wir Zeuge wer­den, wie Men­schen, die wir ohne die social net­works des Inter­net­zeit­al­ters nie ken­nen gelernt hät­ten, ihre Rea­li­tät neu jus­tie­ren. Wir kön­nen aus ers­ter Hand beob­ach­ten, wie ver­schie­dene Gesell­schaf­ten eine gemein­same Per­spek­tive tei­len und wir kön­nen erfah­ren, wo sich diese Per­spek­ti­ven unter­schei­den. Eine Beob­ach­tung aus den Infor­ma­ti­ons­strö­men des Twit­ter­ver­sums, wie auch der tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­dien war ziem­lich ein­drück­lich. Das framing (siehe auch die­sen Arti­kel) des Erd­be­bens, des fol­gen­den Tsu­na­mis und schließ­lich der dro­hen­den Kata­stro­phe in den japa­ni­schen Kern­kraft­wer­ken unter­schied sich deut­lich, je nach Natio­na­li­tät, Kul­tur und Struk­tur der mensch­li­chen Netz­werke. Auf Sei­ten der New York Times dau­erte es einen gan­zen Tag, bis die Angst vor einer Kern­schmelze die Bericht­er­stat­tung zur huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe im Erd­be­ben­ge­biet als Leit­thema ver­drängte. Die deut­schen Leit­me­dien hat­ten bereits am ers­ten Tag die­sen Auf­hän­ger ganz oben auf den Start­sei­ten plat­ziert. Diese The­men­set­zung schlug sich ana­log bei Twit­ter nie­der, auf eng­lisch­spra­chi­gen Time­lines war Fukus­hima zunächst kaum ein Thema. […] → zu Ende lesen

Parteien, politische Partizipation & Piraten

Wo kom­men eigent­lich Par­teien her? Was moti­viert Men­schen, sich zu poli­ti­schen Grup­pie­run­gen zusam­men­zu­schlie­ßen oder sich als Wäh­ler mit die­sen Grup­pie­run­gen zu iden­ti­fi­zie­ren? Und was hat das alles mit See­räu­bern zu tun? Die Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Sey­mour Mar­tin Lip­set und Stein Rok­kan haben im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert eine ein­fluss­rei­che Theo­rie für die Par­tei­en­for­schung eta­bliert, die Cleavage-​​Theorie, die einen Erklä­rungs­an­satz von beste­chen­der Schlicht­heit bie­tet: Gesell­schaft­li­che Kon­flikte wer­den in Par­tei­en­sys­teme übersetzt.

Damit ein Modell diese Über­set­zung abbil­den kann, wer­den Kon­flikte in Gegen­satz­paare auf­ge­spal­ten. Für das Modell wur­den dabei vier ent­schei­dende Kon­flikt­li­nien defi­niert. Der Kon­flikt um Macht­struk­tu­ren von Eli­ten (Zen­trum vs Peri­phe­rie), der Kon­flikt um Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit (Kapi­tal vs Arbeit), der Kon­flikt um mora­li­sche Deu­tungs­ho­heit (Reli­gion vs Säku­la­ri­tät) und der Kon­flikt ter­ri­to­ria­ler Zuge­hö­rig­keit (Stadt vs Land). Anhand die­ser Pola­ri­sie­run­gen lässt sich die Ent­wick­lung der euro­päi­schen Par­teien seit dem 19. Jahr­hun­dert recht zuver­läs­sig beschrei­ben und eine Zuord­nung in Par­tei­fa­mi­lien vor­neh­men. […] → zu Ende lesen

Wir und die Anderen

An Dis­kri­mi­nie­rung und einer ihrer Spiel­ar­ten, dem Ras­sis­mus, ist wenig Frem­des. Im Gegen­teil: Das Per­fide am Ras­sis­mus ist seine Mensch­lich­keit. Jeder Mensch ist Ras­sist. Denn jeder Mensch kann nicht anders, als seine Umwelt zu dis­kri­mi­nie­ren. Gefähr­lich wird es dann, wenn die Natur des Ras­sis­mus ver­kannt oder gar geleug­net wird. Das aller­dings geschieht ständig.

Deutsch zu sein bedarf es wenig, schon gar kei­ner Selbst­re­fle­xion oder Leit­kul­tur. Es reicht, zu wis­sen, wer die Ande­ren sind.

Wie anders ist es zu erklä­ren, dass Roland Koch vol­ler Empö­rung den Vor­wurf des Ras­sis­mus von sich weist, wäh­rend er gleich­zei­tig im Wahl­kampf dafür wirbt, Jugend­kri­mi­na­li­tät anhand von eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit zu bewer­ten? Wie sonst kann Kris­tina Köh­ler eine »deut­schen­feind­li­che Gewalt von Aus­län­dern gegen­über Deut­schen« her­bei­re­den, die ent­ge­gen ihrer Welt­sicht von kei­ner Kri­mi­nal­sta­tis­tik bestä­tigt wird, und trotz­dem über­zeugt sein, dass eben diese Welt­sicht not­wen­di­ger Bestand­teil des demo­kra­ti­schen Spek­trums und kei­nes­falls ras­sis­tisch sei? Warum sonst sollte eine Schwei­zer Pro­fes­so­rin, mit­hin eine gebil­dete Frau, in einem pri­va­ten Gespräch über Poli­tik die mina­rett­freien Eid­ge­nos­sen vor dem Ver­dacht des Ras­sis­mus in Schutz neh­men und anschlie­ßend unge­niert fortfahren:

Aber als wir die Reli­gi­ons­frei­heit ein­ge­führt haben, da ging es um die Chris­ten und die Juden, da war von Islam nicht die Rede. […] → zu Ende lesen

Von der wachsenden Relevanz rechtsfreier Räume

Netz­po­li­tik, Daten­schutz, Abmahn­we­sen. Drei The­men, die noch vor einem Jahr in ers­ter Linie für eine Rand­gruppe der Gesell­schaft rele­vant waren, haben die öffent­li­che Wahr­neh­mungs­schwelle über­schrit­ten. Netz­po­li­tik hat es auf die Agenda der im Bun­des­tag ver­tre­te­nen Par­teien geschafft. Daten­schutz­pan­nen wer­den als Pro­blem mit tie­fer­lie­gen­den Ursa­chen wahr­ge­nom­men. Das Rechts­mit­tel der Abmah­nung wird von Kon­su­men­ten zuneh­mend kri­tisch beäugt. Die klas­si­schen Medien trans­por­tie­ren den The­men­kom­plex an die netz­ferne Öffent­lich­keit. Das Feuille­ton kom­men­tiert und reflek­tiert mit einer Verve, die vor einem Jahr kaum zu fin­den war. Bei­spiel­haft ein Arti­kel der FAZ.

In allen drei Fäl­len wur­den die Nischen­dis­kus­sio­nen der vor­nehm­lich betrof­fe­nen Netz­be­woh­ner zur gesell­schaft­li­chen Debatte. Die zuneh­mende Durch­läs­sig­keit der tra­di­tio­nel­len Medien trans­por­tiert Netz­dis­kurse immer schnel­ler an eine grö­ßere Öffent­lich­keit. Vor­aus­set­zung ist deren Bereit­schaft, sich der im Netz ent­stan­de­nen Dis­kurse anzu­neh­men und für die Gesell­schaft außer­halb des Net­zes auf­zu­be­rei­ten. Im Zusam­men­spiel von klas­si­schen Medien und digi­ta­lem Gras­wur­zel­jour­na­lis­mus ent­steht ein neues gesell­schaft­li­ches Kor­rek­tiv. Öffent­lich­keit wird zu einem Macht­fak­tor, der sich aus der Summe von Ein­zel­stim­men ad hoc zusam­men­schlie­ßen und gegen eta­blierte Macht­in­ha­ber beste­hen kann. Öffent­li­che Sym­pa­thie tri­um­phiert über juris­ti­sche Droh­ku­lis­sen. […] → zu Ende lesen



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