Transformationen, Demokratie und der nahe Osten: Was wird aus Ägypten?

Nach­dem in Tune­sien sich eine Trans­for­ma­tion des poli­ti­schen Sys­tems deut­lich abzeich­net, ist nun auch in Ägyp­ten eine Trans­for­ma­tion in greif­bare Nähe gerückt. An die­ser Stelle ist bewusst nicht die Rede von »demo­kra­ti­schen Revo­lu­tio­nen,« weil die­ses Trans­for­ma­ti­ons­pa­ra­digma in sei­ner Beschrei­bung eine frag­wür­dige Per­spek­tive dar­stellt. Die durch Samuel Hun­ting­ton popu­lär gewor­dene Meta­pher von den Wel­len der Demo­kra­ti­sie­rung ent­puppt sich bei genaue­rem Hin­se­hen als wenig hilf­reich. Ihre Defi­ni­tion von Demo­kra­tie ist beschränkt auf die pro­zess­fi­xierte Dimen­sion des Wahlvorgangs.

The ›demo­cra­tic method,‹ he said, ›is that insti­tu­tio­nal arram­ge­ment for arri­ving at poli­ti­cal deci­si­ons in which indi­vi­du­als acquire the power to decide by means of a com­pe­ti­tive struggle for the people’s vote.‹

Schum­pe­ter, zitiert durch Huntington

Die durch diese Linse wahr­ge­nom­me­nen Wel­len der Demo­kra­ti­sie­rung führ­ten dazu, dass eine große Anzahl auto­kra­tisch geführ­ter Staa­ten kur­zer­hand die Bedin­gun­gen pro­zes­su­ra­ler Demo­kra­tie ein­führ­ten, um als »Demo­kra­tien« in den Genuss von Ent­wick­lungs­hilfe oder auch nur  öffent­li­cher Aner­ken­nung zu kom­men. Wah­len sind das beste Fei­gen­blatt für Des­po­ten. Hun­ting­tons Meta­pher der demo­kra­ti­schen Wel­len ist aber so grif­fig, dass sie im öffent­li­chen Dis­kurs als »Stan­dard« der Trans­for­ma­ti­ons­for­schung wahr­ge­nom­men wird. Joseph Joffe hat das kürz­lich wie­der ein­mal demons­triert. Dabei hat die Poli­tik­wis­sen­schaft längst andere Kri­te­rien für die Demo­kra­tie­for­schung oder den Sys­tem­wan­del auf­ge­grif­fen. […] → zu Ende lesen

Wikileaks, Justin Bieber und die Echokammern des Netzes

Einige der inter­es­san­tes­ten Erkennt­nisse, die Wiki­leaks ermög­licht, stam­men nicht aus gehei­men Doku­men­ten, son­dern aus den Dis­kus­sio­nen, die um die Platt­form ent­ste­hen. Da sind zum einen die Reak­tio­nen der betrof­fe­nen Amts­trä­ger, die das Selbst­ver­ständ­nis des Staa­tes, wie er von den Volks­ver­tre­tern in Demo­kra­tien ver­stan­den wird, ver­deut­li­chen. Clay Shirky hat die not­wen­dige Abwä­gung von berech­tig­ten Inter­es­sen nach Trans­pa­renz aber auch nach Geheim­hal­tung in demo­kra­ti­schen Sys­te­men schön erläu­tert, John Naugh­ton kom­men­tiert im Guar­dian, wie das Selbst­ver­ständ­nis von Staat durch Wiki­leaks in Frage gestellt wird. Zum ande­ren sind auch die Bür­ger selbst in die Mei­nungs­bil­dungs­pro­zesse inte­griert. Dies geschieht durch die ver­mit­telnde Funk­tion von Mas­sen­me­dien, durch die Instanz zwi­schen Bür­ger und Staat, die sich gerne vierte Gewalt nennt. Und durch die Äuße­run­gen in den vie­len Foren und Publi­ka­ti­ons­for­men, die das Inter­net bie­tet. Diese Netz­werke von öffent­li­chen Mei­nungs­be­kun­dun­gen wer­den immer mehr Teil der vier­ten Gewalt, weil die ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen von den tra­di­tio­nel­len Mas­sen­me­dien gie­rig auf­ge­so­gen und ver­brei­tet wer­den. […] → zu Ende lesen

Über Diskussionskultur, Wahrheitlichkeit und Berufsdemagogen

Was kön­nen wir von Thilo S. ler­nen? Wir leben in einem Zeit­al­ter der nor­ma­ti­ven Kraft der Öffent­lich­keit. Hin­ter der Wirk­macht von Öffent­lich­keit steht das Fak­ti­sche längst zurück. Schon vor Jah­ren prägte der ame­ri­ka­ni­sche Sati­ri­ker Ste­phen Col­bert das Wort der Trut­hi­ness. Trut­hi­ness (Wahr­heit­lich­keit) bezeich­net »Wahr­hei­ten«, die aus dem Bauch her­aus gefühlt wer­den und kei­ner ratio­na­len, logi­schen oder fak­ti­schen Über­prü­fung stand­hal­ten müs­sen. Wenn sol­che »Wahr­hei­ten« nur oft und laut genug wie­der­holt wer­den, wer­den sie in den Köp­fen der Men­schen zur Rea­li­tät. Dank Trut­hi­ness sind es nicht nur Mei­nun­gen, die jedem Men­schen frei zuste­hen. Mitt­ler­weile scheint auch jeder frei über Fak­ten ver­fü­gen zu dür­fen. […] → zu Ende lesen

Manifest eines Fußballpuristen

Respek­tiere das Spiel. Es beginnt und endet auf dem Platz. Alles andere ist Nebensache.

Lerne das Spiel lesen, nicht die Ergebnisse.

Widme deine Lei­den­schaft dem Spiel, nicht der see­len­lo­sen Hülle des Events.

Teile deine Lei­den­schaft mit anderen.

Medienkompetenz ist soziale Kompetenz

Wie­der ein­mal zer­bre­chen kluge Köpfe sich den ihri­gen, Regeln auf­zu­stel­len für den Umgang, den Men­schen mit­ein­an­der pfle­gen.  Mensch­li­ches ist den Nut­zern des Inter­nets zwar schon lange ver­traut, doch die tech­ni­schen Ver­bin­dun­gen des Net­zes ent­pup­pen sich schließ­lich auch den Lord­sie­gel­be­wah­rern des rich­ti­gen Lebens im Unge­ho­bel­ten als soziale Bande. Nun gilt es, Eti­ket­te­ver­stöße die­ses digi­ta­len Men­schelns anzu­grei­fen. Wer bes­ser als der Name Knigge stünde für ein Unter­fan­gen, Rat zu bie­ten wider die Fall­stri­cke des Sozia­len Net­zes? Wie sich her­aus­stellt: Jeder mit einer Spur von Medienkompetenz.

Der 2005 als Mar­ke­ting­platt­form für teil­neh­mende Benimm­be­ra­ter und –Auto­ren gegrün­dete Knigge-​​Rat hat in einer Pres­se­mit­tei­lung »[…] die For­de­rung von Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­rin Ilse Aigner nach neuen Ver­hal­tens­re­geln im Netz auf­ge­grif­fen und einen Social-​​Media-​​Knigge erar­bei­tet.« Das Ergeb­nis ist eine Kata­stro­phe. Gleich­zei­tig ist es ein gutes Bei­spiel für die These, dass Medi­en­kom­pe­tenz zu nicht gerin­gen Tei­len soziale Kom­pe­tenz ist. Für Umgangs­for­men gilt: Es gibt kaum »rich­ti­ges Beneh­men«. Es gibt nur ange­mes­se­nes Ver­hal­ten. […] → zu Ende lesen

Seid gegrüßt, Euer Diskurshoheit

Der päpst­li­che Bann­strahl trifft den deut­schen Dis­kurs an emp­find­li­cher Stelle. Der des Sprach­paps­tes, wohl­ge­merkt. »Geschwätz«, hat er gesagt, und qua sei­nes Amtes wird damit einem Groß­teil der­je­ni­gen, die sich der deut­schen Spra­che für ihre Teil­nahme an öffent­li­chen Gesprä­chen bedie­nen, die Daseins­be­rech­ti­gung in die­sen Dis­kur­sen abgesprochen.

Wolf Schnei­der hat in sei­nem Leben sicher­lich viel Rich­ti­ges gesagt. Wo er jedem Auto­ren, jeder Auto­rin emp­fiehlt, sich selbst der größte Kri­ti­ker zu sein, da fällt es schwer, ihm nicht bei­zu­pflich­ten, der er gleich­zei­tig ein gro­ßer Fan sei­nes eige­nen Schaf­fens ist. Wolf Schnei­der tut aller­dings trotz all sei­ner Bemü­hun­gen um klare Spra­che und Ver­ständ­lich­keit dem Dis­kurs nicht nur unrecht, er beschä­digt ihn durch seine bloße Anwe­sen­heit. Dafür kann er nichts, zumin­dest wird er es kaum gewollt haben. Und doch ist es seine Funk­tion in die­sem Dis­kurs, die Rolle als Sprach­papst, als letzt­in­stanz­li­che Auto­ri­tät, die ihn zum trau­ri­gen Fanal des Schei­terns von Ver­stän­di­gung macht. […] → zu Ende lesen



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