Als ich mit den Recherchen zum folgenden Artikel begann, hatte ich eine aufklärerische Story über die Geschlechterdebatte und den katalytischen Effekt von Sportereignissen für gesellschaftliche Diskurse im Sinn. Caster Semanya hatte gerade den 800-Meter-Lauf der Frauen gewonnen, da stürzte sich die Weltöffentlichkeit auf ihr Privatleben. Sie sei womöglich keine Frau, der Sieg somit erschlichen. Über ihr Geschlecht wurde öffentlich spekuliert, Vorurteile willfährig bedient, auch die beteiligten Funktionäre der Leichtathletik erschienen in keinem guten Licht. Ich wollte das Schicksal von Caster Semanya als Aufhänger nehmen, um über Diskriminierung und Rückständigkeit zu schreiben. Einige Emailanfragen, Dokumentensichtungen und Telefonate später beschloss ich, statt dessen über Menschen zu schreiben. Und darüber, wie Menschen dem Unbekannten begegnen.
Ein Ingenieur, ein Mathematiker und ein Philosoph entdecken auf einer Wandertour durch Schottland ein einzelnes, schwarzes Schaf. »Na so was, in Schottland sind die Schafe schwarz« meint der Ingenieur. »Das kannst du gar nicht wissen,« verbessert ihn der Mathematiker, »wir wissen nur, dass es mindestens ein schwarzes Schaf in Schottland gibt.« »Eigentlich,« wirft der Philosoph ein, »sehen wir nur, dass es auf der uns zugewandten Seite schwarz ist.«
Weil uns in der Welt immer wieder Männer und Frauen begegnen, nehmen die meisten Menschen an, es gebe genau diese zwei Geschlechter. Diese Unterteilung der Menschheit ist in unserer Gesellschaft so fest verankert, dass sie nie hinterfragt wird. Wir sind keine Mathematiker und keine Philosophen, zumindest sind wir das nicht ständig und selten bei banalen Alltagsweisheiten. Alle Menschen sind entweder männlich oder weiblich. […] → zu Ende lesen