Über Diskussionskultur, Wahrheitlichkeit und Berufsdemagogen

Was kön­nen wir von Thilo S. ler­nen? Wir leben in einem Zeit­al­ter der nor­ma­ti­ven Kraft der Öffent­lich­keit. Hin­ter der Wirk­macht von Öffent­lich­keit steht das Fak­ti­sche längst zurück. Schon vor Jah­ren prägte der ame­ri­ka­ni­sche Sati­ri­ker Ste­phen Col­bert das Wort der Trut­hi­ness. Trut­hi­ness (Wahr­heit­lich­keit) bezeich­net »Wahr­hei­ten«, die aus dem Bauch her­aus gefühlt wer­den und kei­ner ratio­na­len, logi­schen oder fak­ti­schen Über­prü­fung stand­hal­ten müs­sen. Wenn sol­che »Wahr­hei­ten« nur oft und laut genug wie­der­holt wer­den, wer­den sie in den Köp­fen der Men­schen zur Rea­li­tät. Dank Trut­hi­ness sind es nicht nur Mei­nun­gen, die jedem Men­schen frei zuste­hen. Mitt­ler­weile scheint auch jeder frei über Fak­ten ver­fü­gen zu dür­fen. […] → zu Ende lesen

Was ist eigentlich »Liquid Democracy?«

Die Men­schen in Deutsch­land dis­ku­tie­ren wie­der über Poli­tik und Demo­kra­tie. Darf es etwas mehr Bür­ger­be­tei­li­gung sein? Wie ver­tra­gen sich direkt­de­mo­kra­ti­sche Ansätze mit einer moder­nen, plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft?  Sol­che und andere Fra­gen erge­ben sich schnell in den Dis­kus­sio­nen über Bür­ger­ent­scheide im euro­päi­schen Umfeld und in den Bun­des­län­dern. Bür­ger bestim­men selbst, mit wel­chen Gesell­schafts­schich­ten ihre Kin­der mög­lichst kurz­fris­ti­gen Kon­takt haben sol­len oder wie tole­rant sie im Umgang mit gesund­heits­schäd­li­chen Las­tern sein wollen.

Nach und nach ver­brei­tet sich außer­dem die Erkennt­nis, dass sich unsere  poli­ti­sche Gesell­schaft zwar stets in klei­nen Schrit­ten, aber doch maß­geb­lich ver­än­dert hat. Frau Mer­kel kon­sta­tierte in einem Inter­view die Frag­men­tie­rung der Öffent­lich­keit:

Es gibt nicht mehr nur eine Öffent­lich­keit, son­dern viele Öffent­lich­kei­ten, die ganz ver­schie­den ange­spro­chen wer­den müs­sen. […] → zu Ende lesen

Parteien, politische Partizipation & Piraten

Wo kom­men eigent­lich Par­teien her? Was moti­viert Men­schen, sich zu poli­ti­schen Grup­pie­run­gen zusam­men­zu­schlie­ßen oder sich als Wäh­ler mit die­sen Grup­pie­run­gen zu iden­ti­fi­zie­ren? Und was hat das alles mit See­räu­bern zu tun? Die Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Sey­mour Mar­tin Lip­set und Stein Rok­kan haben im ver­gan­ge­nen Jahr­hun­dert eine ein­fluss­rei­che Theo­rie für die Par­tei­en­for­schung eta­bliert, die Cleavage-​​Theorie, die einen Erklä­rungs­an­satz von beste­chen­der Schlicht­heit bie­tet: Gesell­schaft­li­che Kon­flikte wer­den in Par­tei­en­sys­teme übersetzt.

Damit ein Modell diese Über­set­zung abbil­den kann, wer­den Kon­flikte in Gegen­satz­paare auf­ge­spal­ten. Für das Modell wur­den dabei vier ent­schei­dende Kon­flikt­li­nien defi­niert. Der Kon­flikt um Macht­struk­tu­ren von Eli­ten (Zen­trum vs Peri­phe­rie), der Kon­flikt um Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit (Kapi­tal vs Arbeit), der Kon­flikt um mora­li­sche Deu­tungs­ho­heit (Reli­gion vs Säku­la­ri­tät) und der Kon­flikt ter­ri­to­ria­ler Zuge­hö­rig­keit (Stadt vs Land). Anhand die­ser Pola­ri­sie­run­gen lässt sich die Ent­wick­lung der euro­päi­schen Par­teien seit dem 19. Jahr­hun­dert recht zuver­läs­sig beschrei­ben und eine Zuord­nung in Par­tei­fa­mi­lien vor­neh­men. […] → zu Ende lesen

Emmet Brown und Bullshit-​​Science-​​Journalismus

Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich unge­ach­tet der Zeit­ver­schie­bung diese Woche aus dem Bett klin­gelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zuge­sto­ßen. In gewis­ser Weise war es das auch, weil der Bou­le­vard näm­lich seine geliebte Wis­sen­schaft ver­ein­nahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schul­ter neh­men, er ist schließ­lich Wis­sen­schaft­ler aus Lei­den­schaft. Wenn er auf den Titel­sei­ten am Kiosk liest, dass Libe­rale und Athe­is­ten einen höhe­ren IQ haben als Kon­ser­va­tive und dass Fremd­ge­her einen nied­ri­ge­ren IQ haben als treue Part­ner, dann fühlt er, der er eher agnos­tisch und viel­leicht auch libe­ral ist und trotz­dem kon­ser­va­tiv in sei­nem part­ner­schaft­li­chen Ver­hal­ten, sich nicht geschmei­chelt. Dann schril­len bei ihm alle Alarm­glo­cken und er möchte wis­sen, ob so eine markt­schreie­ri­sche Aus­sage auch stimmt.

Spä­tes­tens nach dem Satz »Wis­sen­schaft­ler haben her­aus­ge­fun­den, dass…« setzt näm­lich in den Redak­ti­ons­stu­ben die oft­mals eigen­ge­lobte Fak­ten­re­cher­che kom­plett aus und jeder Unsinn wird wie­der­ge­käut. Dass ein Jour­na­list sich auf fremde Exper­tise ver­lässt, bei einem Thema wo er aus­nahms­weise nicht das Gefühl hat, selbst aus­rei­chend Experte zu sein, um Mei­nung zu machen, finde ich eigent­lich nur mensch­lich und nicht ver­dam­mungs­wür­dig. Aber Emmet schreit mich durch den Hörer an, dass diese Schlag­zei­len ein Para­de­bei­spiel dafür lie­fern, was so grund­sätz­lich falsch läuft in der Bezie­hung von Wis­sen­schaft, Gesell­schaft und den ver­mit­teln­den Medien. Der wis­sen­schaft­li­che Arti­kel, der hin­ter der bou­le­var­des­ken Zuspit­zung steht, ist noch vor Abdruck in einem wis­sen­schaft­li­chen Maga­zin in den Medien lan­ciert wor­den. […] → zu Ende lesen

Wozu noch Feminismus in Blogs? Eine Frage der Perspektive

Die Frauen im deut­schen Netz­dis­kurs ver­schaf­fen sich gerade mäch­tig Gehör — gemes­sen an der Laut­stärke, die sie bis­lang an den Tag leg­ten. Als Anne Roth im Frei­tag die Frage stellte, warum es keine Frauen unter den mei­nungs­füh­ren­den deut­schen Blog­gern gäbe, bekam die­ses oft­mals unbe­merkt vor sich hin köchelnde Thema Öffent­lich­keit. Dar­auf­hin wurde sie von Phi­lip Banse für seine dctp.tv-Interviewreihe mit Blog­gern befragt. Zeit­nah gab es eine Wahl zur Blog­ge­rin des Jah­res und damit ein­her ging ein wei­te­rer Zuwachs an Öffent­lich­keit femi­ni­ner und femi­nis­ti­scher Dis­kurse. Denn viele der betei­lig­ten Blog­ge­rin­nen beken­nen sich zu Femi­nis­mus, Frau­en­rech­ten und Geschlechterdebatten.

Prompt wer­den sie dafür ange­fein­det. Selbst wenn wir die Trolle und Idio­ten ver­nach­läs­si­gen, die um des Rad­aus wil­len oder aus über­zeug­ter Igno­ranz gegen sol­che Eman­zi­pa­ti­ons­be­mü­hun­gen anstän­kern, müs­sen wir fest­stel­len: Der Teil des Net­zes, in dem Mei­nung gemacht wird, ist ein von Män­nern domi­nier­ter Dis­kurs­raum und damit ein Para­de­bei­spiel für patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren. Die Stim­men von Frauen wer­den mar­gi­na­li­siert, auch auf­ge­klärte, moderne Män­ner betrei­ben unwil­lent­lich bestän­dig othe­ring und gemäß dem Wesen von struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung arbei­ten auch Frauen an der Bestä­ti­gung fremd­be­stimm­ter Selbst­bil­der mit.

Wie sehr die eigene Per­spek­tive von einem patri­ar­cha­li­schen Sys­tem und den darin begrün­de­ten Erwar­tun­gen geprägt ist? Der geneigte Leser und auch die geneigte Lese­rin möge sich fra­gen: Was sind vier erfolg­ver­spre­chende Ver­hal­tens­re­geln, die Frauen Schutz vor Ver­ge­wal­ti­gung bie­ten? […] → zu Ende lesen

Wie Elisabeth Wienbeck ihr Herz an Afghanistan verlor

Die Würde der Men­schen in Afgha­nis­tan wird auch in Deutsch­land von Men­schen wie Eli­sa­beth Wien­beck gestützt und getra­gen. Recht auf Bil­dung, Recht auf Gesund­heit, letzt­end­lich Recht auf Leben wird für die afgha­ni­sche Bevöl­ke­rung nicht mit der Waffe in der Hand und nicht von Angst hin­ter Pan­zer­glas gewähr­leis­tet, son­dern mit Hilfe jener Men­schen ver­wirk­licht, die sich von ihrem Gewis­sen und ihrer Neu­gier lei­ten las­sen. Von die­sen stil­len Hel­den berich­tet Mak­sim Hartwig.

Düs­sel­dorf im Win­ter 2010. Hin­ter dem Bota­ni­schen Gar­ten der Heinrich-​​Heine-​​Universität steht ein Rei­hen­haus. Am Haus­ein­gang ist ein Namens­schild ange­bracht: »Wien­beck«. Alles, was ich hin­ter die­ser Tür erfah­ren werde, liegt fern von die­sem Ort. Afgha­nis­tan ist weit weg, und den­noch fand das Land einen Platz im Her­zen des Men­schen, der mir mit einem ruhi­gen und freund­li­chen Lächeln die Tür öffnet. Das Leben von Eli­sa­beth Wien­beck ist unzer­trenn­lich mit Afgha­nis­tan und sei­nen Men­schen ver­bun­den. »Das Afghanistan-​​Virus hat mich erwischt«, erklärt sie und im glei­chen Atem­zug: »Man wird unwei­ger­lich davon befal­len, wenn man ein­mal in das Land gereist ist und dort Men­schen ken­nen gelernt hat.« Ich will ver­su­chen, die­ses »Virus« zu ver­ste­hen… […] → zu Ende lesen



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