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	<title>Kontextschmiede &#187; Gesellschaft</title>
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	<description>Wir schaffen Zusammenhänge</description>
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		<title>Was ist eigentlich »Liquid Democracy?«</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Jul 2010 14:15:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geld & Macht]]></category>
		<category><![CDATA[hilfreich]]></category>
		<category><![CDATA[video]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Menschen in Deutschland diskutieren wieder über Politik und Demokratie. Darf es etwas mehr Bürgerbeteiligung sein? Wie vertragen sich direktdemokratische Ansätze mit einer modernen, pluralistischen Gesellschaft?  Solche und andere Fragen ergeben sich schnell in den Diskussionen über Bürgerentscheide im europäischen Umfeld und in den Bundesländern. Bürger bestimmen selbst, mit welchen Gesellschaftsschichten ihre Kinder möglichst kurzfristigen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Menschen in Deutschland <a  title="Sandra Mamitzsch (Carta): 10 Argumente für und gegen direkte Demokratie" href="http://carta.info/30999/10-argumente-fuer-und-gegen-direkte-demokratie-und-verbindliche-volksentscheide/">diskutieren wieder </a>über Politik und <a  title="Begleitschreiben: Jürgen Petersen - Repräsentation in Demokratien" href="http://begleitschreiben.twoday.net/stories/6410368/" target="_blank">Demokratie</a>. Darf es etwas <a  title="Ronnie Grob: Für verbindliche Volksentscheide" href="http://www.direktedemokratie.com/2010/07/21/10-argumente-fur-direkte-demokratie-und-verbindliche-volksentscheide/" target="_blank">mehr Bürgerbeteiligung</a> sein? Wie <a  title="Chris (Fixmbr): Gegen verbindliche Volksentscheide" href="http://www.fixmbr.de/10-argumente-gegen-direkte-demokratie-und-verbindliche-volksentscheide/" target="_blank">vertragen sich direktdemokratische Ansätze</a> mit einer modernen, pluralistischen Gesellschaft?  Solche und andere Fragen ergeben sich schnell in den Diskussionen über Bürgerentscheide im europäischen Umfeld und in den Bundesländern. Bürger bestimmen selbst, mit welchen Gesellschaftsschichten ihre Kinder möglichst kurzfristigen Kontakt haben sollen oder wie tolerant sie im Umgang mit gesundheitsschädlichen Lastern sein wollen.</p>
<p>Nach und nach verbreitet sich außerdem die Erkenntnis, dass sich unsere  politische Gesellschaft zwar stets in kleinen Schritten, aber doch maßgeblich verändert hat. Frau Merkel konstatierte in einem Interview die <a  title="Netzpolitik: Späte Einsicht einer Kanzlerin" href="http://www.netzpolitik.org/2010/spate-erkenntnis-einer-bundeskanzlerin-das-netz-verandert-offentlichkeiten/" target="_blank">Fragmentierung der Öffentlichkeit</a>:</p>
<blockquote><p>Es gibt nicht mehr nur eine Öffentlichkeit, sondern viele Öffentlichkeiten, die ganz verschieden angesprochen werden müssen.<span id="more-2691"></span></p>
</blockquote>
<p>Die Kanzlerin benennt das Internet als einen Faktor, der diese gesellschaftliche Grüppchenbildung zu Tage fördert. Daran müssten sich die modernen Demokratien erst noch anpassen. Nicht nur, dass Meinungsbilder nun extremen Schwankungen unterliegen. Das <a  title="Wikilink: Agenda Setting" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Agenda_Setting" target="_blank">Agenda Setting</a> in der Mediendemokratie, das unsere Berufspolitiker als Kernkompetenz mühevoll erlernt haben, funktioniert unter dem neu entstandenen Medienparadigma nicht mehr. Das dürfte für Stirnrunzeln nicht nur bei Frau von der Leyen sorgen, die sich bei ihrem perfiden Versuch des Agenda-Settings prompt einen <a  title="erz: Zensursula und Medienschelte" href="http://kontextschmiede.de/zensursula-und-medienschelte/">unrühmlichen Spitznamen</a> einhandelte. Öffentlich.</p>
<h4>Demokratietheorie</h4>
<p>In der Politikwissenschaft zerbröseln derweil alte Gewissheiten. Mehrheitswahlrecht führt automatisch zu Zweiparteiensystemen? Das ficht den Angelsachsen nicht an. Konkordanzdbasierte direkte Demokratie integriert auch Minderheiten? Nicht jeder darf in der Schweiz eine Kirche bauen. Mehr und mehr stellt sich die Frage, ob angesichts des gesellschaftlichen Wandels und verschiedener globaler Trends das liberaldemokratische Ideal westlicher Prägung der Geschichte letzter Schluss ist. Noch aber gibt es keine einschlägigen Überlegungen der Wissenschaft, die Kaffeehäuser aus der <a  title="Wikilink: Strukturwandel der Öffentlichkeit" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Strukturwandel_der_%C3%96ffentlichkeit#Normativer_Begriff_der_.C3.96ffentlichkeit" target="_blank">Habermasschen Diskurstheorie</a> oder die Radios aus dem <a  title="Wikilink: Radiotheorie" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Radiotheorie" target="_blank">Brechtschen Verständnis</a> in unserer gewandelten Gesellschaft neu zu verorten.</p>
<p>Das passiert bislang nur in nichtakademischen Diskursen. Der Begriff der <a  title="Liquid Democracy e.V." href="http://liqd.net/static/about.html" target="_blank"><em>Liquid Democracy</em></a> ist folglich eine wenig ausgereifte Idee, eine Utopie, die aber <a  title="Markus Lochmann: Was ist Liquid Democracy" href="http://fdp-bw.de/fdpbwblogs/lochmann/2010/05/21/was-ist-liquid-democracy/" target="_blank">nach</a> und nach <a  title="Tina Klopp (Zeit): Mehr Technokratie wagen" href="http://www.zeit.de/digital/internet/2010-02/liquid-democracy-piraten?page=all" target="_blank">breitere Beachtung</a> bis in das <a  title="Piratenwiki: Liquid Democracy" href="http://wiki.piratenpartei.de/Liquid_Democracy" target="_blank">Parteienspektrum</a> findet. In der Tat hat der Paradigmenwechsel weg vom Sender-Empfänger-Modell seit der Allgegenwart des Internets längst einige Entwicklungen angeschoben, die noch immer als Utopien diskutiert werden. Dabei sind einige Wesenszüge des Modells schon weitaus mehr Alltag als Utopie. Die Demokratie hat sich längst der technischen Möglichkeiten vernetzter Information angenommen, auch wenn diese Entwicklung nicht abgeschlossen ist. E-Petitionen oder die erhöhte Responsivität der Verwaltung und Politiker durch Email und watchdog-Portale sind nur die anschaulichsten Beispiele.</p>
<p>Die Demokratiedefinition aus dem Video hatte sich einer extrem vereinfachten Darstellung von prototypischen Vertretern der jeweiligen Konzepte bedient. Natürlich gibt es bereits komplexere Mischformen und Alternativen. Mit der Gesellschaft verändert sich auch die Demokratie. Aber mit jeder Debatte darüber, wie Demokratie funktionieren soll, gewinnen wir Einsichten über das Wesen der Demokratie selbst. The more things change, the more they stay the same.</p>
<p><small>Zu diesem Artikel gehört ein Video:</small>
        	<br />
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        </p><p><small>© Dies ist ein RSS-Feed der <a  href="http://kontextschmiede.de">Kontextschmiede</a></small></p><p><strong>Den Artikel <a  href="http://kontextschmiede.de/was-ist-eigentlich-liquid-democracy//#respond">kommentieren</a></strong></p>

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		<title>Parteien, politische Partizipation &amp; Piraten</title>
		<link>http://kontextschmiede.de/parteien-politische-partizipation-piraten/</link>
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		<pubDate>Fri, 09 Apr 2010 16:36:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geld & Macht]]></category>
		<category><![CDATA[analytisch]]></category>
		<category><![CDATA[grüblerisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Wo kommen eigentlich Parteien her? Was motiviert Menschen, sich zu politischen Gruppierungen zusammenzuschließen oder sich als Wähler mit diesen Gruppierungen zu identifizieren? Und was hat das alles mit Seeräubern zu tun? Die Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan haben im vergangenen Jahrhundert eine einflussreiche Theorie für die Parteienforschung etabliert, die Cleavage-Theorie, die einen Erklärungsansatz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wo kommen eigentlich Parteien her? Was motiviert Menschen, sich zu politischen Gruppierungen zusammenzuschließen oder sich als Wähler mit diesen Gruppierungen zu identifizieren? Und was hat das alles mit Seeräubern zu tun? Die Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan haben im vergangenen Jahrhundert eine einflussreiche Theorie für die Parteienforschung etabliert, die <a  title="Wikilink: Cleavage-Theorie" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Cleavage-Theorie" target="_blank"><em>Cleavage-Theorie</em></a>, die einen Erklärungsansatz von bestechender Schlichtheit bietet: Gesellschaftliche Konflikte werden in Parteiensysteme übersetzt.</p>
<p>Damit ein Modell diese Übersetzung abbilden kann, werden Konflikte in Gegensatzpaare aufgespalten. Für das Modell wurden dabei vier entscheidende Konfliktlinien definiert. Der Konflikt um <strong>Machtstrukturen von Eliten</strong> (Zentrum vs Peripherie), der Konflikt um <strong>Klassenzugehörigkeit</strong> (Kapital vs Arbeit), der Konflikt um <strong>moralische Deutungshoheit </strong>(Religion vs Säkularität) und der Konflikt <strong>territorialer Zugehörigkeit</strong> (Stadt vs Land). Anhand dieser Polarisierungen lässt sich die Entwicklung der europäischen Parteien seit dem 19. Jahrhundert recht zuverlässig beschreiben und eine Zuordnung in Parteifamilien vornehmen.<span id="more-2605"></span></p>
<p>Die politisch relevanten Konflikte  des  vorvergangenen Jahrhunderts wurden im Laufe der Zeit institutionalisiert. Politische Strömungen gegensätzlicher Ideologie geronnen abhängig von den strukturellen Umständen des nationalen Demokratisierungsprozesses nach und nach zu den jeweiligen Parteiensystemen, die wir in Europa heute kennen. Entscheidend für die Entwicklung ist, dass Wählerschichten entlang der Konfliktlinien in den politischen Willensbildungsprozess integriert wurden. Die Arbeiterbewegung hatte ihre Partei, der Katholizismus hatte seine Partei, die Adligen oder industriellen Eliten hatten ihre Partei.</p>
<h4>Wahlleiter, where is my vote?</h4>
<p>Die Hauptaufgabe der Parteien ist, die Integration von gegensätzlichen Weltanschauungen in einen gemeinsamen Staat zu leisten. Auch wenn nicht jede Einzelmeinung repräsentiert wird, gibt es in der modernen Massendemokratie für jeden Wähler ein Angebot der mittelbaren Meinungsäußerung durch eine politische Gruppierung. Wo allerdings eine Schwelle der Übereinstimmung mit den Inhalten der Parteien so weit unterschritten wird, dass selbst das kleinste Übel nicht mehr als wählbare Alternative wahrgenommen wird, entsteht ein Vakuum der politischen Teilhabe. Deswegen fühlen sich viele Menschen heute von keiner Partei des etablierten Spektrums vertreten.</p>
<p>Ein Generationenzyklus der Entfremdung könnte als Blaupause für eine regelmäßige Veränderung des modernen Parteienspektrums dienen. Immer wenn ein Generationenkonflikt eine Kluft zwischen der bereits repräsentierten Generation und einer jungen, nachfolgenden Generation offenbart, werden entlang dieser Kluft inhaltliche Konflikte ausgetragen. Entweder internalisieren die Parteien diese Konflikte, wie es die SPD mit der Neuausrichtung des <a  title="Wikilink: Godesberger Programm" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Godesberger_Programm" target="_blank">Godesberger Programms </a>nach dem zweiten Weltkrieg demonstrierte, oder ein Thema wird zum Kristallisationskern für eine externe Bewegung, die bis in das Parteienspektrum vorstößt, wie es die Friedens– und Umweltbewegung dreißig Jahre nach dem Godesberger Programm zeigte.</p>
<p>Nun mag man den Kampfbegriff des <a  title="Wikilink: Digital Divide" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_divide" target="_blank"><em>digital divide</em></a> als eigenständige,  neue Kluft betrachten oder den Konfliktlinien von Stadt vs Land (das  Internet als kulturelles Urbanisierungsphänomen) und Zentrum vs  Peripherie (im Internet werden etablierte Strukturen der alten  Machteliten in Frage gestellt) zuordnen. Kaum zu übersehen ist  allerdings, wie sehr eine  Gruppe verschiedener Gesellschaftsschichten  und Altersstrukturen sich um ein Anliegen schart, mit dem sie sich von  den im Parlament vertretenen Parteien abgrenzt. Diesen wiederum gelingt  es nicht, sich glaubhaft das Thema zu eigen zu machen, das einer  potentiellen Wählerschicht ihre Identität stiftet.</p>
<p>Wenn es tatsächlich ein Vakuum gibt, nach dem sich eine relevante Wählerschicht nicht repräsentiert fühlt, ist es fast unerheblich, welcher Konflikt zum Kristallisationskern einer gesellschaftlichen Bewegung wird. Die ideologische Ausrichtung der Bewegung pendelt im Entstehungsprozess zwischen den bestehenden Konfliktlinien hin und her. Man bedenke, dass die Grüne Partei, die trotz der neuen Definition eines »bürgerlichen Lagers« gleichzeitig noch von vielen Akteuren der linken Seite des Klassenspektrums zugeordnet wird, aus einer Bewegung hervorging, in der sich auch Esoterikfaschisten des rechten Spektrums tummelten. Um so amüsanter ist der selbsterklärte Anspruch einer neuen Partei, postideologisch zu sein.</p>
<h4>Die Volksfront von Judäa? Spalter!</h4>
<p>Die Piratenpartei hat es in kürzester Zeit geschafft, zum politischen Sammelbecken für Bürger zu werden, die sich nicht repräsentiert fühlen. Auch wenn es nur anekdotische Evidenz ist, scheinen sich dort gerade jene Menschen zu engagieren, die sich bislang als unpolitisch betrachtet haben, manchmal tatsächlich <a  title="Kontextschmiede: Zwischen Stammtisch und Bürokratie 2.0" href="http://kontextschmiede.de/zwischen-stammtisch-und-burokratie-2-0-die-piratenpartei/">Nichtwähler</a> waren und mit dem Slogan »Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen geblieben« gegen das Establishment antreten. Natürlich werden auch innerhalb dieser Partei ideologische Zugehörigkeiten aktiviert — noch ist eben nicht klar, welche gesellschaftlichen Themen jenseits des Kernthemas Netzpolitik zur Identität der Partei beitragen werden. Deswegen kommt es in einer <a  title="Piratenwiki: Genderdebatte" href="http://wiki.piratenpartei.de/Genderdebatte" target="_blank">innerparteilichen Debatte</a> um Geschlechterfragen zu erbitterten Meinungsverschiedenheiten, die das Dogma der »Postideologie« als Illusion entlarven. Deswegen versuchen Kräfte des rechten Spektrums, ihre Ideologie in der Partei zu verankern. Diese Themen werden  zwar auch ausgiebig außerhalb der Partei diskutiert, aber den Bezugsrahmen für diesen gesellschaftlichen Streit bildet zunehmend die Piratenpartei.</p>
<p>Im Spannungsfeld von Ideologie, links-rechts Spektrum und Vakuum tut sich übrigens ein interessanter Nebenschauplatz auf. Historisch sind die liberalen Parteien, die ursprünglich den Gegenpart zu konservativen Parteien entlang der Konflikte von Säkularisierung und Demokratisierung bildeten, spätestens mit der Parteiwerdung des Klassenkampfes immer wieder in Überschneidung mit dem rechten Spektrum geraten. Der Populismus der freiheitlichen, der nationalliberalen und liberalen Kräfte, der im deutschsprachigen Raum auch vor Antisemitismus nicht halt macht, könnte auf eine Erosion der weltanschaulichen Grundlage dieser Parteien hindeuten. Wir haben womöglich ein liberales Vakuum in Europa, was die ideologische Entwicklung der Piratenpartei um so interessanter macht. Informationelle Selbstbestimmung und Beschränkung des Staates sind immerhin Themen, die dem klassischen Liberalismus nicht fremd sind.</p>
<p>Wir können obendrein den Prozess der nationalen Demokratisierung auf  <a  title="Daniele Caramani: Nationalisation and Democracy" href="http://www.ipw.unisg.ch/org/ipw/web.nsf/wwwPubInhalteEng/Stein+Rokkan+Lecture?opendocument" target="_blank">moderne europäische Entwicklungen</a> übertragen: Es erscheint gemäß  der (kurzen) historischen Tradition der Massendemokratie plausibel, dass sich eine europäische Wählerschaft und damit ein  Parteiensystem herausbildet, das sich auch an supranationalen Konfliktlinien orientiert.  Eine europäische Identität bedingt eine europäische Nationalisierung. Allerdings unterscheiden sich die strukturellen Umstände heute deutlich  von der Zeit der ersten Demokratisierungsprozesse in Europa. Immerhin  sind wir bereits demokratisch sozialisiert und der europäische  Superstaat ist von Konsens, statt von Konflikt geprägt. Dementsprechend  werden vermutlich andere Konfliktlinien von höherer Relevanz sein, als  für die Bildung der nationalen Parteien der Fall war.</p>
<p>Bemerkenswerterweise waren es die Europawahlen, die eine deutsche Wählerschaft für die Piratenpartei mobilisiert haben. Der Einzug des schwedischen Abgeordneten wurde von deutschen Wählern gefeiert. Eine Konvergenz von nationaler und europäischer Wählerschicht ist also schon festzustellen. Prompt wurden die Piraten bei ihrer ersten Bundestagswahl zur stärksten Kraft der nicht im Parlament vertretenen Parteien. Jetzt bleibt nur die spannende Frage, ob eine Partei, die mit ihrem Namen schon potentielle Wähler vergrault, tatsächlich zur politischen Entsprechung einer gesellschaftlichen Bewegung in Deutschland wird. Oder ob die Partei oder gar die Bewegung selbst die kritische Masse nicht erreichen, die zur Teilhabe an politischer Vertretung ermächtigen. Die Landtagswahlen könnten einen ersten Maßstab für die  Politisierung der Netzbewegung liefern.</p>
<p><small>© Dies ist ein RSS-Feed der <a  href="http://kontextschmiede.de">Kontextschmiede</a></small></p><p><strong>Den Artikel <a  href="http://kontextschmiede.de/parteien-politische-partizipation-piraten//#respond">kommentieren</a></strong></p>

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		<title>Emmet Brown und Bullshit-Science-Journalismus</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 13:48:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[kurzweilig]]></category>

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		<description><![CDATA[Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich ungeachtet der Zeitverschiebung diese Woche aus dem Bett klingelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zugestoßen. In gewisser Weise war es das auch, weil der Boulevard nämlich seine geliebte Wissenschaft vereinnahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schulter nehmen, er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich ungeachtet der Zeitverschiebung diese Woche aus dem Bett klingelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zugestoßen. In gewisser Weise war es das auch, weil der Boulevard nämlich seine geliebte Wissenschaft vereinnahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schulter nehmen, er ist schließlich Wissenschaftler aus Leidenschaft. Wenn er auf den Titelseiten am Kiosk liest, dass Liberale und Atheisten einen höheren IQ haben als Konservative und dass Fremdgeher einen niedrigeren IQ haben als treue Partner, dann fühlt er, der er eher agnostisch und vielleicht auch liberal ist und trotzdem konservativ in seinem partnerschaftlichen Verhalten, sich nicht geschmeichelt. Dann schrillen bei ihm alle Alarmglocken und er möchte wissen, ob so eine marktschreierische Aussage auch stimmt.</p>
<p>Spätestens nach dem Satz »Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…« setzt nämlich in den Redaktionsstuben die oftmals eigengelobte Faktenrecherche komplett aus und jeder Unsinn wird wiedergekäut. Dass ein Journalist sich auf fremde Expertise verlässt, bei einem Thema wo er ausnahmsweise nicht das Gefühl hat, selbst ausreichend Experte zu sein, um Meinung zu machen, finde ich eigentlich nur menschlich und nicht verdammungswürdig. Aber Emmet schreit mich durch den Hörer an, dass diese Schlagzeilen ein Paradebeispiel dafür liefern, was so grundsätzlich falsch läuft in der Beziehung von Wissenschaft, Gesellschaft und den vermittelnden Medien. Der wissenschaftliche Artikel, der hinter der boulevardesken Zuspitzung steht, ist noch vor Abdruck in einem wissenschaftlichen Magazin in den Medien lanciert worden.<span id="more-2540"></span></p>
<p>Ist doch toll, denke ich, da macht die Wissenschaft Werbung für ihre Sache und obendrein besetzt sie Themen, die für Nichtwissenschaftler interessant sind. Das sieht Emmet anders. Wofür gibt es eigentlich Wissenschaftsredaktionen, wenn die sich die Qualität der Arbeit nicht mal flüchtig ansehen, das Vorwort alleine wimmelt doch von unbelegten Tatsachenbehauptungen, diffusen Hypothesen und Grundannahmen. Außerdem ist es Evolutionspsychologie. »Evolutionspsychologie«. Allein das Wort schon. Das wurde nur erfunden, weil die Soziobiologie als Disziplin im Streit um <em>nature vs nurture</em> in den Siebzigern so verbrannt wurde, dass die wissenschaftsfremdelnden Apologeten des Vorurteils sich lieber unter anderem Namen wieder versammelten. Emmet ist kein Freund der Evolutionspsychologie. Da wimmelt es von Scharlatanen, da sieht man, was alles falsch läuft im Wissenschaftsbetrieb, meint er.</p>
<p>Als ich ihn darauf hinweise, dass der Artikel »Why Liberals and Atheists Are More Intelligent« in einer renommierten Fachpublikation erscheinen wird, rastet Emmet schier aus. Das <em>peer review</em>–Verfahren taugt ganz offensichtlich nichts, wenn Autoren wie Satoshi Kanazawa ihr dubioses Verständnis von Theoriebildung und statistischer Signifikanz, sowie einen sehr kreativen Umgang mit Daten weiterhin in wissenschaftlichen Magazinen verbreiten dürfen. Dabei wurde Kanagawa bereits mehrfach und nachdrücklich auf offensichtliche Fehler in seiner Methodik hingewiesen.</p>
<blockquote><p>Dr. Kanazawa has looked for some interesting patterns, and it is certainly possible that the effects he is finding are real (in the sense of generalizing to the larger population). But the results could also be reasonably explained by chance and by selection effects. I think a proper reporting of Kanazawa’s findings would be that they are interesting, and compatible with his biological theories, but not statistically confirmed. <cite title="Department of Statistics, Columbia University, New York, NY 10027, USA">Andrew Gelman</cite></p>
</blockquote>
<p>Das ist ein in Wissenschaftssprache formulierter Hinweis auf »Bullshit!« der in einem Brief an die Herausgeber des <em>Journal of Theoretical Biology</em> ging. Emmet hat noch weitere Perlen solcher Zen-Koans der Zurückhaltung ausgegraben. Kevin Denny, beispielsweise, widmete Herrn Kanazawas Theorie im letzten Jahr gleich ein eigenes Paper im <em>Journal of Evolutionary Psychology,</em> das ähnlich höflich im Ton und noch vernichtender in der Bewertung der wissenschaftlichen Qualität von Kanazawas Arbeit ist. Passenderweise heißt es »On a Dubious Theory of Cross-Country Differences in Intelligence«.</p>
<p>Überhaupt, dieser Kanazawa. Angesichts der Äußerungen, mit denen er sonst noch in der Öffentlichkeit von sich reden macht, fällt es schwer, sich nicht in ad hominem Argumenten zu verlieren, statt seine Arbeit zu kritisieren. Kanazawa sprach sich unter anderem in einem Gedankenexperiment dafür aus, den nahen Osten mit Atombomben zu planieren, Ende der Terroranschläge, da wären auch keine Frauen übrig, neue Terroristen in die Welt zu setzen. Mir wäre fast der Hörer aus der Hand gefallen, bei dem Mangel an Zurückhaltung, den Emmet am Telefon an den Tag legte. Ich glaube, man kann es zusammenfassen mit: »Ein Paradebeispiel dafür, was alles falsch läuft in der Welt«.</p>
<p>Wem Schamesröte gut zu Gesicht steht, der möge sich unbedingt noch die Abrechnungen mit Kanazawa durchlesen, die eine kurze Recherche in der Blogosphäre zutage gefördert hat. »<a  title="Köstlich: Matt Katz fragt sich, wie jemand trotz eines solch offensichtlichen Defizits an der London School of Economics angestellt wird" href="http://www.morelightmorelight.com/2009/09/30/satoshi-kanazawa-cannot-think/" target="_blank">Satoshi Kanazawa can not think</a>« oder auch »<a  title="Rust Belt Philosophy nimmt die Argumente Kanazawas auseinander" href="http://rustbeltphilosophy.blogspot.com/2009/08/satoshi-kanazawa-has-better-things-to.html" target="_blank">Satoshi Kanazawa has better things to do than use logic</a>«. Interessanterweise hat er auch einen eigenen <a  title="Wikilink: Satoshi Kanazawa (auf Englisch)" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Satoshi_Kanazawa" target="_blank">Wikipediaeintrag,</a> der bei allem Streben der Onlineenzyklopädie nach Neutralität trotzdem kein besonders vorteilhaftes Bild des Evolutionspsychologen, der eigentlich Sozialwissenschaftler ist, zeichnet.</p>
<p>Was ist eigentlich los mit diesen Sozialwissenschaftlern, regt Emmet sich auf. Warum melden sich von denen immer wieder diejenigen, die damals die Einführung in die Statistik geschwänzt haben, die doch alle besucht haben müssten, und präsentieren ihre Unkenntnis in völlig merkbefreiten Beiträgen zu Debatten jenseits ihrer Expertise. Wenn sie die denn für irgendeine Disziplin haben sollten. Zur Klimadebatte möchten sie sich aber immer wieder unbedingt lächerlich machen. Nicht, dass die Zeitungen, die ihnen als willfährige Plattform zur Verfügung stehen, weniger merkbefreit ob der fehlenden Expertise der Wissenschaftler wären. Immer raus mit den klimaskeptischen Kommentaren. Sind ja Wissenschaftler.</p>
<p>Dabei könnte die Wissenschaft, in der nicht immer alles so wissenschaftlich von Statten geht, wie der Laie sich das gern vorstellt, auch ganz gut ein externes Korrektiv vertragen. Jemanden, der dem Betrieb auf die Finger schaut, jemanden, der erklärt, dass Forschung oft auch Politik ist, mit internen Machtkämpfen und Einflüssen von Lobbygruppen. Jemanden, der öffentlich macht, was alles falsch läuft in der Welt der Wissenschaft.<br class="spacer_" /></p>
<p>Leider ist Emmet von einer gewissen Naivität, wie sie manchen Wissenschaftlern in Filmen gerne angedichtet wird, nicht frei. Deswegen musste ich seine Frage, ob es denn nicht die Aufgabe von Journalisten sei, öffentlich zu machen, was alles falsch läuft in der Welt, mit einem bitteren Lächeln quittieren. Bei SpOn findet sich im Wissenschaftsressort eine <a  title="Psychologen glauben, dass sie die Vorurteile erklären können, die wir hier als Tatsachen präsentieren" href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,680956,00.html" target="_blank">wenig kritische Aufarbeitung </a>der »Erkenntnisse« Kanazawas. Was die Bild daraus macht, das konnte man am Kiosk zur Genüge sehen.</p>
<p>Die Debatte um Journalismus ist im Moment ein so leidiges Thema, da ist der Wissenschaftsbetrieb nicht der einzige Bereich, der sich mit Qualität manchmal schwer tut. Die gibt es übrigens auch im Journalismus immer noch. Vielleicht müssten Journalisten einfach nur mehr Zeitung lesen: »<a  title="Sehr putzig, wie der Artikel eingebettet ist. Da sieht man mal, was in Onlineredaktionen alles falsch läuft. Titten wohin das Auge blickt." href="http://www.tz-online.de/lust-leidenschaft/aktuell/deppen-studie-maenner-frauen-betruegen-sinddumm-653958.html" target="_blank">Deppen-Studie: Männer, die Frauen betrügen, sind dumm</a>« oder »<a  title="Spektrum der Wissenschaft - im aktuellen Heft greifen sie Kanazawa als Beispiel für unwissenschaftlichen Umgang mit Satistik auf - aber das liest wohl wieder kein Schwein." href="http://www.spektrum.de/artikel/1017406" target="_blank">Haben schöne Eltern mehr Töchter?</a>« zum Beispiel.</p>
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<li><a href='http://kontextschmiede.de/seid-gegrust-euer-diskurshoheit/' rel='bookmark' title='Permanent Link: Seid gegrüßt, Euer Diskurshoheit'>Seid gegrüßt, Euer Diskurshoheit</a></li>
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		<series:name><![CDATA[Emmet Brown]]></series:name>
	</item>
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		<title>Wozu noch Feminismus in Blogs? Eine Frage der Perspektive</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Feb 2010 10:53:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[meinungsstark]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Frauen im deutschen Netzdiskurs verschaffen sich gerade mächtig Gehör — gemessen an der Lautstärke, die sie bislang an den Tag legten. Als Anne Roth im Freitag die Frage stellte, warum es keine Frauen unter den meinungsführenden deutschen Bloggern gäbe, bekam dieses oftmals unbemerkt vor sich hin köchelnde Thema Öffentlichkeit. Daraufhin wurde sie von Philip [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Frauen im deutschen Netzdiskurs verschaffen sich gerade mächtig Gehör — gemessen an der Lautstärke, die sie bislang an den Tag legten. Als <a  title="Wichtige Blogs" href="http://www.freitag.de/community/blogs/anne-roth/wichtige-blogs" target="_blank">Anne Roth im Freitag</a> die Frage stellte, warum es keine Frauen unter den meinungsführenden deutschen Bloggern gäbe, bekam dieses oftmals unbemerkt vor sich hin köchelnde Thema Öffentlichkeit. Daraufhin wurde sie von Philip Banse für seine <a  title="Philip Banse befragt unter anderem Anne Roth" href="http://philipbanse.de/wp/blogger-interviews-fur-dctp-tv-3/" target="_blank">dctp.tv-Interviewreihe</a> mit Bloggern befragt. Zeitnah gab es eine Wahl zur <a  title="Mädchenmannschaft: Nominierungen zur Bloggerin des Jahres 2009" href="http://maedchenmannschaft.net/jetzt-abstimmen-die-bloggerin-des-jahres/" target="_blank">Bloggerin des Jahres</a> und damit einher ging ein weiterer Zuwachs an Öffentlichkeit femininer und feministischer Diskurse. Denn viele der beteiligten Bloggerinnen bekennen sich zu Feminismus, Frauenrechten und Geschlechterdebatten.</p>
<p>Prompt <a  title="Nochmal die Mädchenmannschaft: Ihr durchtriebenen, miesen Fotzen" href="http://maedchenmannschaft.net/ihr-durchtriebenen-miesen-fotzen/" target="_blank">werden sie dafür angefeindet</a>. Selbst wenn wir die Trolle und Idioten vernachlässigen, die um des Radaus willen oder aus überzeugter Ignoranz gegen solche Emanzipationsbemühungen anstänkern, müssen wir feststellen: Der Teil des Netzes, in dem Meinung gemacht wird, ist ein von Männern dominierter Diskursraum und damit ein Paradebeispiel für <a  title="Wikilink: Androzentrismus" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Androzentrismus" target="_blank">patriarchalische </a>Strukturen. Die Stimmen von Frauen werden marginalisiert, auch aufgeklärte, moderne Männer betreiben unwillentlich beständig<em> <a  title="Wikilink: Othering" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Othering" target="_blank">othering</a></em> und gemäß dem Wesen von struktureller Diskriminierung arbeiten auch Frauen an der Bestätigung fremdbestimmter Selbstbilder mit<em>.</em></p>
<p>Wie sehr die eigene Perspektive von einem patriarchalischen System und den darin begründeten Erwartungen geprägt ist? Der geneigte Leser und auch die geneigte Leserin möge sich fragen: <strong>Was sind vier erfolgversprechende Verhaltensregeln, die Frauen Schutz vor Vergewaltigung bieten?</strong><span id="more-2526"></span></p>
<p>Jetzt runterscrollen.</p>
<p>Weiter.</p>
<p>OK.</p>
<ol>
<li>Wenn Du eine Frau siehst, die aufreizende, dich sexuell stimulierende Kleidung trägt, versuche, das nicht als Einladung zur Vergewaltigung zu verstehen.</li>
<li>Wenn Dir beim Ausgehen eine Frau begegnet, die sich ohne Begleitung zum Vergnügen bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt, schließe nicht daraus, dass sie vergewaltigt werden will.</li>
<li>Wenn Deine Frau oder Freundin keine Lust hat, mit Dir zu schlafen, auch wenn sie es sich erst im Bett anders überlegt, bemühe Dich, diesen Wunsch zu respektieren und sie nicht zu vergewaltigen.</li>
<li>Wenn du alleine in eine unbeleuchtete Gegend gehen willst und Angst hast, deinen Trieb nicht kontrollieren zu können, falls eine Frau dir dort begegnen würde, rufe einen Freund an und bitte ihn, auf dich aufzupassen.</li>
</ol>
<p>Bei einer kleinen Stichprobe im Freundeskreis antworteten auch gut ausgebildete, emanzipierte Frauen spontan, dass ein guter Rat vielleicht sei, nicht zu kurze Röcke zu tragen. So sehr ist unser Weltbild von Denkstrukturen traditioneller Rollenklischees geprägt. Die Frau muss sich dem Mann anpassen. Implizit wird ihr sogar noch eine Mitschuld zugesprochen, wenn sie vergewaltigt wird. Und da fragt sich mancher ernsthaft, ob es vielleicht mal langsam Gut sei, mit Emanzipation?</p>
<h4>Für mehr Diversität im Blogmainstream</h4>
<p>Die Umkehrung der Perspektive aus dem obigen Beispiel konnte ich bis zu diesem <a  title="How to prevent rape: Tips for Men" href="http://womensstudies.homestead.com/tipsformen.html" target="_blank">Beitrag von Jennifer Robinson</a> verfolgen. Kluge Beobachtungen über die Privilegien von Männern und in amerikanischer Perspektive besonders die des weißen Mittelschichtsmannes, des »defaults«, finden sich bei <a  title="The male privilege checklist" href="http://www.amptoons.com/blog/the-male-privilege-checklist/" target="_blank">Alas</a>.</p>
<blockquote><p>Das erste Privileg der Weißen, von Männern, Mitgliedern bessergestellter Gesellschaftsschichten, der Heterosexuellen, der Nichtbehinderten ist, völlig in Ignoranz der Tatsache zu leben, dass sie privilegiert sind.</p>
<p><cite>Unbekannt</cite></p>
</blockquote>
<p>Flannel apparel war im letzten Jahr von der <a  title="flannel apparel: Helden in Hosenträgern" href="http://flannelapparel.blogspot.com/2009/04/helden-in-hosentragern.html" target="_blank">Bräsigkeit altherrlichen Alphabloggertums</a> schon ermüdet. Die Mädchenmannschaft arbeitet nicht erst seit der <a  title="Rückblick auf die re:publica 2009 aus feministischer Perspektive" href="http://maedchenmannschaft.net/ein-resumee/" target="_blank">vergangenen re:publica</a> an einer Vernetzung weiblicher Stimmen im Internet und ist vorsichtig optimistisch, dass die neue Öffentlichkeit auch erhöhte Wahrnehmung für ihre Anliegen mitbringt. Trotz dem Anne Roth mir auf Anfrage beschied, dass sie so kurz nach ihrem Interview außer leicht erhöhten Leserzahlen noch keinen eindeutigen Effekt ihres Wirkens auf die Blogosphäre feststellen könne (allerdings gebe es mehr Anfragen seitens der alten Medien), habe ich das Gefühl, dass mir Beiträge von Frauen in letzter Zeit häufiger aufgefallen sind als früher.</p>
<p>Das mag damit zu tun haben, dass ich jetzt sensibilisiert bin und darauf achte, von wem die Texte stammen. Aber ich glaube, dass gerade auch feministische Themen bei Aggregatoren wie Rivva in letzter Zeit vermehrt auftauchen. Die <a  title="Über Medien, Datenschutz, Journalismus, Blogs, Frauen und vieles mehr" href="http://opalkatze.wordpress.com/" target="_blank">Opalkatze</a> antwortete mir, sie habe sicher an Einfluss gewonnen. Der Erfolg sei messbar in Anfragen wie der meinen,und die Verlinkung bei Christiane Schulzki-Haddoutis <a  title="Kooperative Technologien in der sozial-medialen Revolution" href="http://blog.kooptech.de/" target="_blank">kooptech</a> (übrigens fallen mir neben ihr viele weitere Frauen aus meinem Feedreader ein, die auch ohne Topplatzierung in den Blogcharts sicher hohe Relevanz in ihren Themenbereichen haben), <a  title="Politik, Ökonomie, digitale Öffentlichkeit" href="http://carta.info/" target="_blank">Carta</a> und dem <a  title="Ein Watchblog für deutsche Medien" href="http://www.bildblog.de/" target="_blank">Bildblog</a> hätten sicher nicht geschadet.</p>
<p>Da scheint mein Eindruck vielleicht doch nicht zu trügen. Bleibt zu hoffen, dass die Diversität der deutschen Blogosphäre weiter zunimmt und die Vernetzung gleich mit. Und dass das erste Privileg der Privilegierten nicht länger Bestand haben möge.</p>
<p><em>Nachtrag 28.2. 22:00: Während ich den Artikel schrieb, wurde in der Piratenpartei gerade wieder eine Diskussion um den »Postfeminismus« losgetreten. Auch wenn ich persönlich Gründe für und wider den Stein des Anstoßes nachvollziehen kann, ein geschlossenes Forum in der Piratenpartei als Schutzraum für eine Diskussion unter Frauen einzurichten, so hoffe ich doch mich mit diesem Artikel eindeutig gegen die Annahme ausgesprochen zu haben, irgendetwas in unserer Gesellschaft und sei es auch die Piratenpartei, sei »Post-Gender«.</em></p>
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<li><a href='http://kontextschmiede.de/medienkompetenz-und-das-internet/' rel='bookmark' title='Permanent Link: Medienkompetenz und das Internet'>Medienkompetenz und das Internet</a></li>
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		<title>Wie Elisabeth Wienbeck ihr Herz an Afghanistan verlor</title>
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		<pubDate>Sun, 07 Feb 2010 12:32:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>maks</dc:creator>
				<category><![CDATA[Menschliches]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Würde der Menschen in Afghanistan wird auch in Deutschland von Menschen wie Elisabeth Wienbeck gestützt und getragen. Recht auf Bildung, Recht auf Gesundheit, letztendlich Recht auf Leben wird für die afghanische Bevölkerung nicht mit der Waffe in der Hand und nicht von Angst hinter Panzerglas gewährleistet, sondern mit Hilfe jener Menschen verwirklicht, die sich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>D<em>ie Würde der Menschen in Afghanistan wird auch in Deutschland von Menschen wie Elisabeth Wienbeck gestützt und getragen. Recht auf Bildung, Recht auf Gesundheit, letztendlich Recht auf Leben wird für die afghanische Bevölkerung nicht mit der Waffe in der Hand und nicht von Angst hinter Panzerglas gewährleistet, sondern mit Hilfe jener Menschen verwirklicht, die sich von ihrem Gewissen und ihrer Neugier leiten lassen. Von diesen stillen Helden berichtet Maksim Hartwig.</em></p>
<p>Düsseldorf im Winter 2010. Hinter dem Botanischen Garten der Heinrich-Heine-Universität steht ein Reihenhaus. Am Hauseingang ist ein Namensschild angebracht: »Wienbeck«. Alles, was ich hinter dieser Tür erfahren werde, liegt fern von diesem Ort. Afghanistan ist weit weg, und dennoch fand das Land einen Platz im Herzen des Menschen, der mir mit einem ruhigen und freundlichen Lächeln die Tür öffnet. Das Leben von Elisabeth Wienbeck ist unzertrennlich mit Afghanistan und seinen Menschen verbunden. »Das Afghanistan-Virus hat mich erwischt«, erklärt sie und im gleichen Atemzug: »Man wird unweigerlich davon befallen, wenn man einmal in das Land gereist ist und dort Menschen kennen gelernt hat.« Ich will versuchen, dieses »Virus« zu verstehen…<span id="more-2295"></span></p>
<p>Elisabeth Wienbeck macht ihre erste Erfahrung mit Afghanistan im Sommer 2003. Dort wird sie zu einer Schule am Rande von Kabul geführt. Die Schule wurde während des Krieges zerstört und ist eigentlich nicht für offizielle Besuche gedacht. Kinder sitzen im Freien entlang einer hohen Mauer, die früher einmal die Rückwand ihrer Klassenräume war. Viele finden keinen Platz im Schatten. Sie sitzen in Gruppen auf dem lehmigen Boden und lauschen aufmerksam ihren Lehrern oder hören den Mitschülern zu, die vor der Klasse etwas vortragen. Jungs und Mädchen sitzen getrennt. Ein Platz unter freiem Himmel, der von einer hohen Mauer umschlossen ist – eine Schule, wie sie in ähnlicher Form auch an vielen anderen Orten in Afghanistan zu finden ist. Aber lieber eine solche Schule als gar keine: Viele afghanische Kinder, besonders Mädchen, haben keine Chance auf Bildung. Frauen mit Ausbildung sind noch selten erwünscht in Afghanistan.</p>
<div id="attachment_2415" class="wp-caption alignright"><img class="size-medium wp-image-2415" src="http://kontextschmiede.de/wpkontext_333/wp-content/uploads/Maedchenschule_Gulbahar_Unterricht2-348x400.jpg" alt="Lehrerin in Afghanistan" width="348" height="400" /><span class="wp-caption-text">Mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck</span></div>
<p>Seit ihrem Besuch dieser Schule engagiert sich Elisabeth Wienbeck als Schulbeauftragte in dem Verein <a  href="http://http://www.bildung-fuer-afghanistan.de/">Bildung für Afghanistan e.V. (BfA)</a>. Drei Mädchenschulen und eine Schule für Jungs werden vom Verein getragen. Die erste Mädchenschule, »Malalai«, die der Verein bauen ließ, wurde im Dorf Lalam errichtet. Das Dorf liegt in der Provinz Wardak, einer im Süd-Westen an Kabul angrenzenden Region. Auf Drohungen der Taliban hin wurde diese Mädchenschule wieder geschlossen. Seitdem dürfen im Dorf Lalam nur Jungs zu Schule gehen. Die Mädchenschule »Diwa« im Dorf Yusof Khel, das auch in der Provinz Wardak liegt, wurde ebenfalls aus Angst vor Taliban geschlossen, nachdem der Schulleiter entführt und seine Familie bedroht worden war.</p>
<p>In letzter Zeit ist die Lage in der Region nicht mehr überschaubar. Immerhin: In der Provinz Parwan, die im Nord-Westen an Kabul angrenzt, hält eine Mädchenschule, deren Bau die BfA unterstützt hat, noch ihre Pforten geöffnet.  1500 Schülerinnen kann die Schule »Gulbahar« hinter ihren Mauern beherbergen, 100 km von Kabul entfernt. Im selben Ort wurde auch eine Schule für Jungs gebaut.</p>
<p>Im vergangenen Jahr wurde eine weitere Mädchenschule in Mohmandan nördlich von Mazar-i-Sharif gebaut, die inzwischen schon erweitert werden musste, weil sie so regen Zuspruch fand.  Ein kleiner, aber auch ein sehr wichtiger Beitrag zum Bildungssystem Afghanistans, wenn man bedenkt, dass von den 25 Millionen Einwohnern etwa 90% Analphabeten sind.</p>
<p>Zeitgleich mit den Wahl-Unruhen wurden alle Schulen in Afghanistan im Oktober 2009 geschlossen. »Wegen des Schweinegrippen-Virus«, hieß es. Auch jetzt bleiben die Schulen zu. In der Winterzeit ist der Schulweg zu mühsam,  besonders für schlecht ernährte und notdürftig gekleidete Kinder. Die Winterferien dauern von Dezember bis zum Beginn des neuen Jahres — in Afghanistan beginnt das  Jahr nach islamischer Zeitrechnung im März.</p>
<p>Elisabeth Wienbeck hält inne…</p>
<p>Wir sitzen im Gästezimmer auf der weichen Couch, zwischen uns stehen auf dem Tisch Kaffee und Kekse. Ich nippe verlegen an der Kaffeetasse. Sie redet, ich höre zu. Ich schaue kurz zum großen Terassenfenster, das zum Garten im Innenhof des Hauses führt. Alles scheint eingefroren — draußen duckt sich ein Magnolienbaum unter der Schneelast, drinnen stehen zwei Schaukelstühle still. Im Raum ist es kühl.</p>
<p>Frau Wienbeck hat in Afghanistan einen schmerzlichen Verlust erlitten. Ihr Mann ist in Kabul verunglückt. Im April 2005 wurde er mit seinem Fahrrad von einem Polizeiauto erfasst. Er starb am Unglücksort. Jetzt ist an dieser Stelle entlang der Straßenmitte eine hohe  Betonmauer errichtet  – als Schutz eines Ministeriums  vor Anschlägen.</p>
<div id="attachment_2316" class="wp-caption alignright"><img class="size-medium wp-image-2316" src="http://kontextschmiede.de/wpkontext_333/wp-content/uploads/DSC00110-400x300.jpg" alt="Menschen vor Klinikeingang" width="400" height="300" /><span class="wp-caption-text">Mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck</span></div>
<p>Prof. Dr. med. Martin Wienbeck gründete 2001 die <a  href="http://http://www.foundation.wienbeck.net/">Stiftung Wienbeck für medizinische Entwicklung</a>. Ziel der Stiftung ist es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Sie bildet unter anderem in Afghanistan Ärztinnen und Ärzte  im Bereich der Gastroenterologie, Endoskopie und Sonographie aus und schickt die dafür notwendigen medizinischen Geräte hin. Ein Viertel aller Erkrankungen in Afghanistan sind Darmerkrankungen.</p>
<p>Elisabeth Wienbeck hat nach dem Tod ihres Mannes die Stiftung übernommen. Mittlerweile unterhält die Stiftung sechs Endoskopiezentren in verschiedenen Regionen über Afghanistan verteilt,  in Kandahar, Kunduz, Herat, Masar-e-Sharif und Kabul.</p>
<p>Für ihre Stiftungen fliegt Elisabeth Wienbeck regelmässig nach Afghanistan, besucht Schulen, medizinische Einrichtungen, verhandelt mit den Ministerien, betreut Stipendiaten aus Afghanistan in Deutschland, führt Aufklärungsarbeit an deutschen Schulen durch, sammelt Spenden für medizinische Einrichtungen und für die Schulprojekte in Afghanistan…</p>
<p>In einem Brief beichtete sie kürzlich einer amerikanischen Freundin, dass sie immer öfter mit ihrem Engagement identifiziert wird. Immer seltener wird sie als der Privatmensch Elisabeth wahrgenommen. Allerdings gibt sie zu, dass das Engagement in Afghanistan sehr viel von ihrer Zeit und Energie in Anspruch nimmt. Das Land sei zu einem der wichtigsten Bezugspunkte in ihrem Leben geworden. Die Möglichkeit, so viel von diesem Land und seinen Menschen zu erfahren, sei der Lohn für ihr Bemühen. »It enriches my life, in spite of all the difficulties and frustration,« schrieb sie in dem Brief an ihre Freundin.</p>
<div id="attachment_2330" class="wp-caption alignright"><img class="size-medium wp-image-2330 " src="http://kontextschmiede.de/wpkontext_333/wp-content/uploads/Maedchenschule_Gulbahar_Pause-400x300.jpg" alt="Kinder laufen" width="400" height="300" /><span class="wp-caption-text">Mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck</span></div>
<p>Es gibt viele Fehlschläge und Enttäuschungen, die mit den Projekten in Afghanistan verbunden sind. Die Bedrohung der Schulen durch die Taliban, die Korruption im Land und die bürokratischen Hürden bei den medizinischen Projekten. Die Erfolge aber, die mit der Arbeit erzielt werden, überwiegen die Frustrationen. Seit den Präsidentschaftswahlen im September 2009 hat sich die Lage weiter verschlechtert. Und dennoch: Schon bis zur Wahl wurden Schulen gebaut und medizinische Einrichtungen gespendet. Mit Hilfe der Stiftung ausgebildete afghanische Ärztinnen können selbstständig weitere Frauen ausbilden. Die Freude der Kinder, die in den letzten Jahren zur Schule gehen durften, kann ihnen nicht mehr genommen werden.</p>
<p><em>»</em>Es gibt viele stille Helden in Afghanistan, die helfen wo sie können, ohne Gegenleistung oder Anerkennung zu verlangen. Man erfährt nichts über sie in der Öffentlichkeit, aber es gibt sie<em>,«</em> erklärt Elisabeth Wienbeck, als ich ihr meine Vermutung mitteile, dass es wahrscheinlich wenige Menschen gibt, die nach Afghanistan gehen, um dort humanitäre Hilfe zu leisten.</p>
<p>Zu meiner Frage, was ihre Pläne, Befürchtungen oder Hoffnungen für die Zukunft sind, muss sie nicht lange überlegen. Sie kam von ihrem letzten Besuch in Afghanistan hochmotiviert nach Deutschland zurück: Sie wird ihr Engagement in Afghanistan fortsetzen, so lange es möglich ist. Und sie hofft, dass diese Möglichkeit ihr lange erhalten bleibt.</p>
<h4>Eindrücke aus Afghanistan mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Wienbeck:</h4>

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		<title>Zwischen Stammtisch und Bürokratie 2.0: Die Piratenpartei</title>
		<link>http://kontextschmiede.de/zwischen-stammtisch-und-burokratie-2-0-die-piratenpartei/</link>
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		<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 18:13:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Geld & Macht]]></category>

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		<description><![CDATA[In den Nachrichten werden weiterhin Themen rund um das Netz, informationelle Selbstbestimmung und Datensicherheit präsentiert. Ein wenig aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerutscht ist dabei aber jene Bewegung, die sich diese Themen auf die Fahnen geschrieben und zur politischen Agenda gemacht hat. Was macht eigentlich die Piratenpartei, wenn sie nicht gerade Flashmobs organisiert, die Aufmerksamkeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>I<em>n den Nachrichten werden weiterhin Themen rund um das Netz, informationelle Selbstbestimmung und Datensicherheit präsentiert. Ein wenig aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerutscht ist dabei aber jene Bewegung, die sich diese Themen auf die Fahnen geschrieben und zur politischen Agenda gemacht hat. Was macht eigentlich die Piratenpartei, wenn sie nicht gerade <a  title="SpOn über einen Flashmobaufruf zur Nacktscannerdiskussion: Piraten springen aus der Hose" href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,670873,00.html" target="_blank">Flashmobs</a> organisiert, die Aufmerksamkeit für die Bedrohung von Freiheitsrechten wecken?</em></p>
<p>Ich weiß noch, wie nach den Bundestagswahlen die Partei selbst Thema war. Wie sie mit den Anfängen der Grünen, der SPD und der FDP verglichen, und teilweise als deren Neuerfindung konstruiert wurde. Die Frage nach dem »was nun?« trieb die Beobachter und Kommentatoren um. Angesichts des beachtlichen und überraschenden Erfolgs, als neue politische Kraft gleich zwei Prozentpunkte zu ergattern und die eigene Agenda den größeren Parteien aufzudrängen, war diese Frage sicherlich berechtigt.</p>
<p>Und sie ist es auch heute noch. Wie begegnet die junge Partei ihrer ersten Landtagswahl nach dem Hype? Öffnet sich die Partei, der vorgeworfen wurde, monothematisch und deswegen als politische Plattform unzulänglich zu sein, weiteren gesellschaftlichen Strömungen? Ich möchte herausfinden, wie viel »Partei« in der gesellschaftlichen Bewegung der Netizens steckt, und wie viele verschiedene Teile der Gesellschaft in der Partei mittlerweile eine Stimme gefunden haben. Deswegen bin ich zu einem Stammtisch der Piraten in Düsseldorf gegangen.<span id="more-2364"></span></p>
<h4>Aus dem Internet in die Eckkneipe</h4>
<p>Als ich pünktlich um 20 Uhr die Kneipe in Pempelfort betrete, schaue ich mich neugierig um, ob ich den Stammtisch entdecken kann. Die Gäste sind ein bunt gemischter Haufen, im Schnitt älter als 30 Jahre, Piratenflaggen sind keine zu sehen. Am Tresen frage ich nach, wo ich denn den Stammtisch finden könne. »Hi ich bin Marc, der ›Grumpy Old Man‹ aus dem Internet« spricht mich ein verwegen grinsender Wikinger von der Seite an. »Ich habe heute leider kein T-Shirt als Erkennungsmerkmal dabei, diesen Schlüsselanhänger hier übersieht man wohl zu leicht.« Ich stelle mich kurz vor, sage, warum ich hier bin. Ich möchte heute Eindrücke sammeln, mir ein Bild machen. Deswegen lasse ich Kamera und Aufnahmegerät spontan lieber in der Tasche.</p>
<p>Der GrumpyOldMan ist gar nicht so alt, er ist ein energiegeladener Enddreißiger. Seine schulterlangen, blonden Haare, das markante Kinn und die Tatsache, dass er beiläufig über seine Kontakte nach Schweden plaudert, lassen mich ein wenig schmunzeln. Er sieht tatsächlich ein bisschen aus, wie Raimund Harmstorf als Seewolf im <a  title="Der Seewolf (mit Raimund Harmstorf) - Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Seewolf_%281971%29" target="_blank">Film</a>. »Die anderen kommen sicher gleich,« klärt er mich auf.</p>
<p>So spießig sich »Stammtisch« auch anhört, so unverbindlich ist die Teilnahme daran. Der Ort, so habe ich auf der Internetseite der Partei zum Glück noch rechtzeitig nachgelesen, wurde kurzerhand in das »Safran« verlegt. Wer online ist und Zeit und Lust hat, der findet den Weg dorthin. Alle zwei Wochen findet das Treffen im Norden Düsseldorfs statt. Ich merke schnell, dass Geselligkeit hier im Vordergrund steht. Entgegen meinem Plan, meinen Hals mit Tee zu beruhigen, bestelle ich auch ein Bier.</p>
<p>Zumindest als Veteran geht Marc, der GrumpyOldMan, auf jeden Fall durch. Er ist schon lange dabei und mit seiner beruflichen Expertise in PR und Kommunikation hilft er lieber als Springer in verschiedenen Ortsgruppen aus, statt sich mit der Verantwortung für eine Gruppe einen Klotz ans Bein zu binden. »Das ist ja manchmal schon Bürokratie 2.0, was wir so machen, sage ich manchmal.« Sagt er. Seinen Spitznamen hat er aus dem Internet. In Foren und Chatrooms ist längst eine Kultur entstanden, aus denen die Nutzer den Bedeutunghintergrund für ihre Namen schöpfen. Mit einem <a  title="Nickname - Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Nickname" target="_blank"><em>nick name</em></a> wie dem seinen macht man direkt klar, dass man meinungsfreudig ist.</p>
<h4>Geselligkeit unter Piraten</h4>
<p>Während wir uns an den reservierten Tisch im Nichtraucherbereich der Kneipe setzen, stoßen die nächsten Piraten zu uns. Manche stellen sich mit ihrem Nick vor, die meisten mit ihrem Vornamen. Nach und nach sitzen wir ungefähr zu zehnt am Tisch. Einige gehen früher, andere kommen später. Wir tun das, was im Düsseldorfer Medienhafen <em>socializing</em> genannt wird: Wir schütten Bier aus großen Gläsern und quatschen. Es wird über andere Piraten getratscht, von Versammlungen und Wahlen berichtet, und es werden Witze erzählt. Ein Plan wird geschmiedet, mit Schiffen zum Bundesparteitag anzureisen und dort den größten Mettigel der Welt zu bauen. »Das sponsort uns sicher ein lokaler Metzger.« »Wir müssen das im Kühlraum zusammenbauen und dann auf dem Rollwagen rausfahren.« »Anstatt Salzstangen nehmen wir Baguette!«</p>
<p>Wir reden auch über Politik. Gerade wurde ein Beschluss durchgesetzt, dass sich die Piratenpartei zur Einheitsschule bekennt. Die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems nach skandinavischem Vorbild soll ein Thema der Piratenpartei werden. Bildungspolitik zumindest ist also ein gesellschaftlich relevantes Anliegen, das jenseits des monothematischen Spektrums von Netzpolitik liegt. Wie sich denn die Partei als Institution entwickelt hat, seit der Bundestagswahl, möchte ich wissen. Ob neue Impulse aus der Gesellschaft Eingang fänden? »Ich bin erst seit sechs Wochen dabei. Der beste Beweis, dass auch nach der Wahl noch neue Kräfte dazustoßen. Und ich bin total begeistert.« Paul ist der menschgewordene Enthusiasmus.</p>
<p>Als ich zu bemerken gebe, dass am Tisch nur Männer säßen, noch dazu ausschließlich Männer mit Bezug zur IT-Branche, wir hier also alle Klischees des Nerdtums locker erfüllten, wenn wir uns auch noch über Webstandards und mangelnde Barrierefreiheit von Flash unterhielten, unterbricht Paul: »Nein, das ist ja gerade das Spannende, wenn du zu verschiedenen Stammtischen gehst. Da lernst du ganz verschiedene Leute kennen. Im Stammtisch Mitte sind die viel geordneter als hier, da wird mehr über konkrete Ziele diskutiert. Anwälte, Köche, da ist alles dabei.« Es wurde übrigens gerade eine Frau in den Vorstand gewählt, werde ich aufgeklärt. »Und letztens war ich im Ruhrgebiet, da war ein Blinder, der hatte so ein spezielles Netbook mit dabei, das war total spannend. Der hat mir erst mal erklärt, was das überhaupt bedeutet, mit der Barrierefreiheit und wie sein Alltag funktioniert.«</p>
<h4>»Es ist ein Lernprozess«</h4>
<p>Das finde ich in der Tat spannend. An der Basis begegnen sich anscheinend wirklich verschiedene Gesellschaftsschichten, die hoffen, ihren speziellen Wünschen politische Umsetzung in der neuen Partei zu verschaffen. Und sie erweitern ihren Horizont im Dialog. Paul gibt zu, eigentlich Nichtwähler zu sein. »Aber jetzt hab ich gedacht, jetzt muss ich mal was machen, da ist doch eine Chance. Ursprünglich bin ich ja nur dabei, weil ich für das bedingungslose Grundeinkommen eintreten wollte. Dann war ich auf einer Veranstaltung, wo ich was über <a  title="Untereintrag &quot;Liquid Democracy&quot; zum Eintrag über direkte Demokratie bei Wikipedia" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Direkte_Demokratie#Liquid_democracy" target="_blank"><em>liquid democracy</em></a> gelernt habe. Das finde ich super!« Die Diskussionskultur in der Partei empfinden alle Stammtischbesucher als angenehm. Ohne, dass ich die Frage stellen müsste, sagt Marc: »Und deswegen habe ich auch keine Angst, dass wir von Rechten unterwandert werden. Das kommt in der Diskussion immer schnell raus, so lange und so gut können die sich gar nicht verstellen.«</p>
<p>Auch ohne Vereinnahmung der Partei durch demokratiefeindliche Kräfte müsse es doch Kontrollmechanismen in den Gremien geben, frage ich nach. »Das ist in der Tat ein Lernprozess,« geben die Piraten freimütig zu. Sie hatten anfangs nicht einmal eine Redezeitbegrenzung auf ihren Parteitagen, da konnte eine kleine, böswillige Gruppe die Entschlussfähigkeit der Partei schon mit zerstörerischen Anträgen zur Geschäftsordnung blockieren. Solche Fehler gehören zum Reifungsprozess der Partei als Institution. Auch Probleme mit den etablierten Mechanismen des Politikbetriebes, juristische Feinheiten des Parteienrechts zum Beispiel, werden erst nach und nach durch Routine umgangen.</p>
<p>Vielleicht ist die Zuversicht in demokratische Prozesse am Stammtisch auch so hoch, weil bislang nur wenige Politprofis die Partei als Sprungbrett für sich entdeckt haben. Selbstdarsteller zu bändigen, trauen die Piraten aus Pempelfort ihrer Streitkultur zu und liefern gleich ein Beispiel. Die Nachricht, dass einzelne Organisationsgruppen jetzt auch über Twitteraccounts die Mitglieder auf dem Laufenden halten, wird nicht einhellig begrüßt. Empört macht Dominic seinem Unmut Luft: »Wenn ihr übrigens eure Ankündigungen nur über Twitter verbreitet, dann werde ich die nie lesen. Warum nehmt ihr keine offene Plattform?« Der junge Programmierer tritt für die open-source-Bewegung ein, möchte die Rechner in den Amtsstuben ausschließlich mit offenen Systemen bestückt sehen. Ihm schräg gegenüber sitzt ein Microsoftangestellter.</p>
<p>Es sind nur wenige Monate bis zur Landtagswahl, frage ich abschließend, die nötigen Unterschriften für die Teilnahme hat die Partei aber noch nicht zusammen. In den Fußgängerzonen sei mir keine Werbemaßnahme aufgefallen, ob sie sich keine Sorgen machten, dass es langsam Zeit würde? »Die Verwaltung für die Unterschriftenliste liegt bei ein paar Studenten, die gerade voll mit ihren Prüfungen beschäftigt sind. Die haben längst nicht alle Unterschriften verarbeitet. Das wird schon. In Düsseldorf dürfen wir ohnehin noch keinen Wahlkampf machen, die Landeshauptstadt gibt da erst sehr spät die Straßen frei.« Marc ist sich ganz sicher. Zum Abschied bekomme ich noch den Ratschlag auf den Weg, bei möglichst vielen verschiedenen Gruppen vorbeizuschauen. Für Parteitage der Piraten dürften sich auch Autoren und Blogger ohne Presseausweis akkreditieren. Für diese Gelegenheit nehme ich mir dann auch vor, die gemeineren Fragen auszupacken. Und Tee statt Bier zu trinken.</p>
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		<title>Dem Tag mehr Leben geben</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Jan 2010 15:26:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>else</dc:creator>
				<category><![CDATA[Menschliches]]></category>

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		<description><![CDATA[Ramona Burger arbeitet im Düsseldorfer Kinderhospiz »Regenbogenland«. Im vergangenen Jahr sind hier drei Kinder gestorben.
Düsseldorf, im Dezember. Manchmal, sagt Ramona Burger, sei ihr danach, richtig auf die Rolle zu gehen. Alles rauszulassen, zu tanzen, den Kopf freizubekommen. »Man muss einen guten Freizeitausgleich haben, sonst geht es nicht«, sagt sie und rückt ihr milchgelbes Polohemd zurecht. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ramona Burger arbeitet im Düsseldorfer Kinderhospiz »Regenbogenland«. Im vergangenen Jahr sind hier drei Kinder gestorben.</em></p>
<p>Düsseldorf, im Dezember. Manchmal, sagt Ramona Burger, sei ihr danach, richtig auf die Rolle zu gehen. Alles rauszulassen, zu tanzen, den Kopf freizubekommen. »Man muss einen guten Freizeitausgleich haben, sonst geht es nicht«, sagt sie und rückt ihr milchgelbes Polohemd zurecht. Ramona Burger arbeitet im Düsseldorfer Kinderhospiz »Regenbogenland«. In diesem Jahr sind hier drei Kinder gestorben. Doch vom Tod ist wenig zu spüren an diesem Montag nach den Weihnachtsfeiertagen.</p>
<p><span id="more-2195"></span><br />
 In den hellen Räumen mit dem Parkettboden sieht es aus wie im Lager des Christkinds. Warm ist es hier und bunt, von der Decke baumeln Geschenke, auf den Tischen stehen Teller mit Schokolade. Wer mag, kann mit riesigen Stofftieren spielen, dem Panda aus »Kung Fu Panda«, dem Hasen aus »Keinohrhasen«, Tigerenten und Teddybären. Neben der Hängematte steht ein gluckerndes Wasserbett, ein ferngesteuertes Auto liegt bereit, und der CD-Player spielt Musik von Rolf Zuckowski.</p>
<p>Als Moritz vor einigen Wochen hier war, war die Musik aus. Ramona hielt damals den sechs Wochen alten Säugling auf dem Arm. Er war blau im Gesicht, und sie pumpte mit einem Beutel Luft durch einen Schlitz in der Kehle. Eine Stunde lang. In seinem Mund steckte ein Schlauch, mit dem eine Maschine Schleim aus der Lunge saugte. Der Pulsschlag auf dem Monitor wurde immer schwächer. »Bleib noch Moritz, du musst doch auf deine Mutter warten«, hat Ramona gesagt. Moritz hat sich angestrengt und gequält, sein winziges Herz, gerade einmal so groß wie eine Walnuss, hat gepocht. Die Mutter kam, nahm das Bündel Leben in den Arm und setzte sich auf die Couch in den Abschiedsraum. Dann ist Moritz ist gestorben. Und Ramona Burger hat geweint.</p>
<p>»Es ist für die Kinder einfacher, wenn ihre Eltern sie gehen lassen wollen«, sagt die 29-Jährige mit der sportlichen Figur. Das spüren auch die Kleinsten, davon ist sie überzeugt. Ohnehin sei der Tod für die Angehörigen viel schwieriger, »für die Kinder ist er meist eine Erlösung«. So ist das Hospiz vor allem darauf ausgerichtet, Angst vor dem Tod zu nehmen. »Nicht dem Leben mehr Tage, sondern dem Tag mehr Leben geben«, steht in einem Buch, das am Eingang ausliegt und das »Regenbogenland« vorstellt.</p>
<h4>Manche Krankheiten könnte sich der Autor eines Horrorfilms ausgedacht haben</h4>
<p>Wenn ein Kind unmittelbar vor dem Tod steht, »final wird«, wie die Pfleger es nennen, hat es fast immer eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Da gibt es Krankheiten, die so perfide sind, dass der Autor eines Horrorfilms sie erdacht haben könnte. Etwa Muskeldystrophie: Bei klarem Verstand bilden sich allmählich alle Muskeln des Körpers zurück, bis schließlich die Atemmuskulatur schwindet. Ist ein Kind an Neuronaler Ceroid-Lipofuszinose erkrankt, entwickelt es sich über Jahre wie seine Altersgenossen. Dann, anfangs kaum bemerkbar, löst sich langsam das Gehirn auf. Und mit ihm die Persönlichkeit. »Demenz der Jugend« wird die Krankheit auch genannt. Es sind Krankheitsbilder, von denen die Wissenschaft wenig versteht, weil sie so selten vorkommen.</p>
<p>Auch Ramona muss nachschlagen, wenn sie etwas darüber erfahren will. In ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester hat sie nichts darüber gelernt, genauso wenig wie über den Umgang mit geistig oder körperlich Behinderten. Nach einigen Jahren im Krankenhaus las die Duisburgerin eine Stellenanzeige für das Hospiz im nahen Düsseldorf. Ohne viel nachzudenken, bewarb sie sich und wurde prompt genommen. Was folgte, war eine Umstellung. In mehrerer Hinsicht.</p>
<p>Die Arbeit im Hospiz verlaufe ruhiger, findet sie. »Man hat mehr Zeit und kann auf Fragen der Eltern besser eingehen, der Stress ist nicht so hoch.« An die Nähe des Todes hat sie sich gewöhnt, seit sie im Sommer 2007 angefangen hat. Der Alltag lasse sich auch davon nicht aufhalten. Wenn ein Kind stirbt, ruft sie den Kinderarzt an, um den Tod feststellen zu lassen, füllt Formulare aus und wäscht den Leichnam. »Da musst du aufpassen, dass die Putzfrau nicht über den Eimer fällt«, sagt sie und lächelt.</p>
<h4>»Den Tod nimmt man mit nach Hause«</h4>
<p>Wenn sie nach der Schicht ihr Hemd gegen Jeans und Pullover tauscht, die braunen Lederstiefel überstreift und mit dem schwarzen BMW nach Hause fährt, hat Ramona den Arbeitstag manchmal schon vergessen. Als Moritz starb, war das anders. »Den Tod nimmt man mit nach Hause.« Um die Trauer zu bewältigen, geht sie ins Fitnessstudio oder spricht mit Freunden. Aber das hat Grenzen. »Wenn ich meinen Zuhörer trauriger machen würde, als ich Trost bekäme, behalte ich es lieber für mich.« Ihrer Mutter hat sie die Geschichte von Moritz nicht erzählt. Feiern ist ja auch eine gute Strategie.</p>
<p>Das soll nach Ramonas Wunsch auch für den eigenen Tod gelten. »Ich hoffe, dass die Leute Party machen.« Sie möchte unter einem Baum liegen, mit Blick aufs Spargelfeld. »Typisch deutsch, in Reih und Glied auf dem Friedhof, das ist nichts für mich.«</p>
<p>Ob dann Schluss ist?</p>
<p>»Danach ist noch irgendwas. Sonst wär’ es ja sehr, sehr traurig.«</p>
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		<title>Emmet Brown und das Arbeitsamt</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Jan 2010 10:59:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[kurzweilig]]></category>

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		<description><![CDATA[Gestern habe ich wieder mit meinem Freund Emmet Brown telefoniert. Emmet gehört zu dem, was manche heute Prekariat nennen, einer sozialen Gruppierung von Menschen, die in unsicheren Einkommensverhältnissen leben. Weil Emmet seiner Passion folgt, von der die gleichen Leute, die das Wachstum des Prekariats mit herablassender Sorge betrachten, sagen, dass diese Passion ein wichtiges und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern habe ich wieder mit meinem Freund Emmet Brown telefoniert. Emmet gehört zu dem, was manche heute Prekariat nennen, einer sozialen Gruppierung von Menschen, die in unsicheren Einkommensverhältnissen leben. Weil Emmet seiner Passion folgt, von der die gleichen Leute, die das Wachstum des Prekariats mit herablassender Sorge betrachten, sagen, dass diese Passion ein wichtiges und schützenswertes Gut sei, wird er so schnell das Prekariat auch nicht verlassen. Emmet ist nämlich Wissenschaftler.</p>
<p>Für den sozialen Aufstieg ist seine Berufswahl wenig vielversprechend. Leider ist er keiner dieser Forschung-ist-die-beste-Medizin-ham-se-mal-ne-Milliarde-Euro-für-Schweinegrippe-Wissenschaftler, geschweige, dass er »was Ordentliches« mit Technik und so macht, sondern ein Grundlagenforscher, dem es um den  finanziell irrelevanten Gewinn von Erkenntnis geht. Mit der <a  title="Wird selbst von der Luxusklasse des schweizer Offiziersmessers geschmäht - der Fluxkompensator" href="http://www.netzpolitik.org/2010/nicht-zum-telefonieren-geeignet/" target="_blank">Arbeit an Fluxkompensatoren</a> ist für »die Wirtschaft« nun mal kein Staat zu machen. Emmet verzweifelt aber nicht an der Ungerechtigkeit der Welt, sondern kniet sich weiter in ein Leben ohne Wochenenden, pendelt für Forschungsprojekte regelmäßig 600 Kilometer zwischen verschiedenen Labors hin und her und ist froh, dass er überhaupt einen Arbeitsvertrag hat, der ihm seine Forschung und die Ausbildung der nächsten Generation von Arbeitssuchenden ermöglicht. Dummerweise läuft sein aktueller Vertrag bald aus und weil Emmet weiter seine Miete(n) zahlen muss, während er auf neue Forschungsprojekte oder Lehraufträge wartet, wendet er sich ans Arbeitsamt.<span id="more-2190"></span></p>
<p>Die Agentur für Arbeit, wie das Arbeitsamt heute genannt werden will, soll fördern und fordern und dafür sorgen, dass Arbeitgeber und Arbeitssuchende zügig zueinander finden. Es kann aber seinen Charakter nicht mit seinem Namen wechseln, die Beamtenseele bleibt dem Laden treu. Das mag Vorteile haben, zumindest ist es politisch kaum anders zu lösen. Nur für Emmet ist das etwas unglücklich, weil er einen Arbeitgeber hat, der von einer mindestens eben so großen Sturheit geprägt ist, wie sie dem Arbeitsamt als Staatsorgan zu eigen ist. Die deutschen Universitäten haben ihre ganz eigenen politischen Vorgaben, von denen nicht jede darauf abzielt, ihren Arbeitnehmern finanzielle Sicherheit zu bieten.</p>
<p>Das wäre alles nicht so schlimm, Emmet ist flexibel, er schaut sich im Ausland nach Arbeit um und geht auch ohne Arbeitsvertrag weiter seiner Tätigkeit als Forscher nach, während er darauf wartet, dass Gelder für auf seine Arbeit zugeschnittene Projekte bewilligt werden, aus denen neue, befristete Stellen entstehen. Emmet ist ja noch jung und muss sich erst als Forscher einen Namen machen, mit dem er selbst Gelder beantragen kann oder gar einen jener legendären Lehrstühle ergattern, die für das Fortbestehen des universitären Ausbildungsbetriebes nicht ganz unwichtig sind. Wobei Emmet mir auch ganz schaurige Geschichten über die Juniorprofessur erzählt hat, aber davon will ich lieber ein anderes Mal berichten. Jedenfalls war er ganz aufgeregt am Telefon, weil die Agentur für Arbeit so viel Flexibilität anscheinend nicht gewohnt ist, vielleicht ist sie auch nicht gewollt, in jedem Fall ist für Emmet womöglich Sense mit einen Namen machen und gezielt weiter am Forschungsprofil arbeiten.</p>
<p>Das Arbeitsamt ist nämlich gar nicht begeistert, dass Emmet seine (recht beachtlichen) Forschungsergebnisse auf namhaften Tagungen in Amerika vorstellen will, noch sind Fortbildungsmaßnahmen an hochspezialisierten Einrichtungen im Ausland Teil der Programme, die das Amt als relevant für berufliches Fortkommen ansieht. Dabei ist es für Forscher an Fluxkompensatoren geradezu unabdingbar, auch mal mit einem Zeitparadoxon zu arbeiten. Dafür gibt es in Deutschland einfach keine Labors. Jetzt wartet Emmet, während darüber befunden wird, ob er entgegen den Bestimmungen für Arbeitssuchende ins Ausland reisen darf. Es könnte ja sein, dass während seiner Abwesenheit auf einer Tagung plötzlich ein Arbeitgeber die passende Stelle für sein Profil aus dem Hut zaubert. Also ein Labor für Fluxkompensatoren quasi aus dem Nichts in der deutschen Universitätenlandschaft auftaucht.</p>
<p>Nun ja, wenn es einen Forschungsbereich gibt, bei dem man mit diesem Phänomen rechnen muss, dann wohl den von Doc Brown.</p>
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		<series:name><![CDATA[Emmet Brown]]></series:name>
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		<title>Wir und die Anderen</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jan 2010 12:41:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Menschliches]]></category>
		<category><![CDATA[analytisch]]></category>
		<category><![CDATA[grüblerisch]]></category>

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		<description><![CDATA[An Diskriminierung und einer ihrer Spielarten, dem Rassismus, ist wenig Fremdes. Im Gegenteil: Das Perfide am Rassismus ist seine Menschlichkeit. Jeder Mensch ist Rassist. Denn jeder Mensch kann nicht anders, als seine Umwelt zu diskriminieren. Gefährlich wird es dann, wenn die Natur des Rassismus verkannt oder gar geleugnet wird. Das allerdings geschieht ständig.
Deutsch zu sein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>An Diskriminierung und einer ihrer Spielarten, dem Rassismus, ist wenig Fremdes. Im Gegenteil: Das Perfide am Rassismus ist seine Menschlichkeit. Jeder Mensch ist Rassist. Denn jeder Mensch kann nicht anders, als seine Umwelt zu diskriminieren. Gefährlich wird es dann, wenn die Natur des Rassismus verkannt oder gar geleugnet wird. Das allerdings geschieht ständig.</p>
<p><q class="pullquote">Deutsch zu sein bedarf es wenig, schon gar keiner Selbstreflexion oder Leitkultur. Es reicht, zu wissen, wer die Anderen sind.</q></p>
<p>Wie anders ist es zu erklären, dass Roland Koch voller Empörung den Vorwurf des Rassismus von sich weist, während er gleichzeitig im Wahlkampf dafür wirbt, Jugendkriminalität anhand von ethnischer Zugehörigkeit zu bewerten? Wie sonst kann Kristina Köhler eine »deutschenfeindliche Gewalt von Ausländern gegenüber Deutschen« herbeireden, die entgegen ihrer Weltsicht von keiner Kriminalstatistik bestätigt wird, und trotzdem überzeugt sein, dass eben diese Weltsicht notwendiger Bestandteil des demokratischen Spektrums und keinesfalls rassistisch sei? Warum sonst sollte eine Schweizer Professorin, mithin eine gebildete Frau, in einem privaten Gespräch über Politik die minarettfreien Eidgenossen vor dem Verdacht des Rassismus in Schutz nehmen und anschließend ungeniert fortfahren:</p>
<blockquote><p>Aber als wir die Religionsfreiheit eingeführt haben, da ging es um die Christen und die Juden, da war von Islam nicht die Rede.<span id="more-2158"></span></p>
</blockquote>
<p>Diskriminierung bedeutet zunächst einmal »Unterscheidung«. Unterscheidung ist psychologische Grundlage für menschliche Identität, doch der Mensch stellt sich diesem Teil seiner Natur viel zu selten und verbindet unreflektiert die psychologisch reale Unterscheidung von Gruppen mit schädlichen Vorurteilen. Daraus gewinnt Diskriminierung ihren zersetzenden Einfluss. Vielleicht hilft es, sich am folgenden Beispiel einzugestehen, dass menschliches Handeln häufig unwillkürlich ist:</p>
<p> Ein halbkreisförmiger, gepflasterter Weg verbindet Eingang und Ausgang eines Parks, durch den täglich viele Menschen auf dem Weg zu ihrer Arbeit strömen. Der Park besteht aus einer gepflegten Grünfläche ohne Hindernisse. Immer wieder kürzen Menschen den Weg zum Ausgang ab. Niemand hat ein anderes Motiv, als den schnellsten Weg zum Ausgang zu nehmen und doch wirken alle, die den Weg zu diesem Zweck verlassen, an einer gemeinsamen , unwillkürlichen Handlung mit. Sie schaffen einen Trampelpfad, der den gepflegten Rasen durchschneidet. Wenn der Pfad einmal geschaffen ist, folgen auch die weniger eiligen Parkbesucher dem kürzeren Weg.</p>
<h4>Eine Gesellschaft ist das Produkt etablierter Machtstrukturen und Rollenidentitäten</h4>
<p>Solcher Art sind Strukturen menschlichen Zusammenlebens. Sie entstehen oft zufällig und entwickeln dann eine Sogwirkung, die ihr Bestehen noch verfestigt. Der Feminismus und der Postkolonialismus haben dieses Phänomen beispielhaft anschaulich gemacht. Erst aus dem Willen zur Emanzipation, der Ablehnung von etablierten Machtstrukturen, entstand überhaupt die Erkenntnis um deren Zusammenhänge. Unschuldige Alltagshandlungen zementieren die bestehenden Strukturen von Machtgefügen und Rollenidentitäten. Neben den Profiteuren der bestehenden Machtverhältnisse sind es stets auch die nachteilig Betroffenen selbst, die im Kollektiv unwillkürlich ihre Benachteiligung verfestigen, indem sie Rollenklischees erfüllen, die im Einzelfall einen persönlichen Vorteil bedeuten.</p>
<p>Die hübsche Mitarbeiterin, die ihre Reize statt ihrer Qualifikation betont und damit ihre Karriere kurzfristig dank eines empfänglichen Vorgesetzten beschleunigt, dabei aber bestehende Vorurteile unterschwellig bedient, folgt diesem Muster.  Selbst Angela Merkel, die sich bis heute für ihre Garderobe und ihren Haarschnitt rechtfertigen muss, unterliegt noch als mächtigste Frau der Welt einer patriarchalischen Weltsicht. Bis heute ist den meisten Menschen in Deutschland die strukturelle Dimension von Geschlechterdiskriminierung weitgehend unverständlich. Und das, obwohl eine populäre Bewegung es sich zum Ziel gemacht hat, gegen diese Benachteiligung anzukämpfen. Eine dem Feminismus vergleichbare Bewegung gegen Rassismus und andere Formen struktureller Diskriminierung gibt es bis heute nicht. Da ist es kein Wunder, wenn Ausmaß und Form von Diskriminierung in ihrem schädlichen Einfluss unerkannt bleibt.</p>
<p>Strukturelle Benachteiligung, wie Rassismus, speist sich aus zwei grundsätzlichen Elementen menschlichen Zusammenlebens. Hierarchie und Identität. Wo zwei Menschen aufeinandertreffen, gibt es für jeden Moment ihrer Interaktion eine Balance der Hierarchie. Einer hat mehr Macht als der Andere. Hierarchien sind offensichtlich, wie die zwischen Eltern und Kind, oder auch subtil, wie die zwischen besten Freundinnen. Sie können je nach Kontext wechseln und ganze Gruppen einschließen, aber sie sind immer da. Und sie sind verknüpft mit Identität.</p>
<p>Identität entsteht aus Unterscheidung. Ich oder wir sind nicht wie Leute, die nicht ich oder nicht wir sind. Das sind die Anderen. Die Anderen sind die Abweichung von einem Standard, der keiner weiteren Definition bedarf, der nicht hinterfragt wird. Deutsch zu sein bedarf es wenig, schon gar keiner Selbstreflexion oder Leitkultur. Es reicht, zu wissen, wer die Anderen sind. Damit wird bereits eine Hierarchie etabliert. Das Andere muss sich rechtfertigen, das Eine, die Norm, nicht.</p>
<h4>Wenn aus Beobachtungen Verallgemeinerungen werden</h4>
<p>Eine weitere psychologische Eigenschaft des Menschen, die Unterteilung der Welt in Kategorien, tut ihr Übriges. Für Kategorien braucht es Eigenschaften. Wir erkennen einen Kreis daran, dass er rund ist. Wir unterscheiden Menschen anhand ihrer Muttersprache, Hautfarbe, ihrem bevorzugten Fußballverein und unzähliger weiterer Eigenschaften. Und für jede Kategorie, die wir auf Andere anwenden, kommen schnell einige Eigenschaften zusammen, die kaum eine Grundlage haben oder wo schlicht falsche Zusammenhänge hergestellt werden. Hier begegnet uns noch ein Fallstrick des menschlichen Geistes. Wir ziehen voreilige Schlüsse. Alle Schwäne sind weiß. Alle Neger sind schwarz. Alle Ausländer sind faul und wollen uns die Arbeitsplätze wegnehmen.</p>
<p>Wie sehr solche Klischees psychologische Realität werden, zeigen <a  title="Eine kurze Einführung in den stereotype threat (Wikipedia, auf Englisch)" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Stereotype_threat" target="_blank">einfache Versuche.</a> Schwarze Studenten wurden in Amerika zum Vergleich in zwei Situationen auf ihre Rechenfähigkeit getestet. Einmal wurden sie ohne besondere Vorbereitung getestet und einmal in einem Umfeld, in dem sie von der Versuchsleitung mit Stereotypen über die akademische Unzulänglichkeit von Schwarzen konfrontiert wurden. Die Studenten schnitten schlechter ab, wenn sie vor dem Test an ihre Ethnie erinnert wurden, weil sie schwarzen Studenten, genau wie jeder andere Rassist, weniger zutrauten.</p>
<p>Auf der anderen Seite können sich die gleichen Stammtischbrüder, die Angst vor Überfremdung haben, mit ihrem türkischen Taxifahrerkollegen solidarisieren. Das ist ja unser Ali, der ist nicht wie die anderen Ausländer. Die wollen wir lieber nicht hier haben. Ali nickt und schweigt, damit er seine Rolle als exotisches Mitglied der Gruppe nicht gefährdet. Der ehemalige Steinewerfer und überzeugte Bildungsbürger prahlt mit seiner Weltoffenheit, wenn er seine Tochter mit Ausländerkindern spielen lässt. Aber den Türkenjungen heiraten, das muss dann doch nicht sein. Der Junge mit ghanaischem Vater, der in Deutschland aufgewachsen keinem afrikanischen Einfluss als dem seiner Gene ausgesetzt war, lässt sich eigens für seine Bewerbung bei einem Musiksender Rastalocken drehen, weil Exotik ein gewünschtes Merkmal ist. Er erfüllt ein Rollenklischee, das gar nicht seiner deutschen Identität entspricht und beschwert sich hinterher bei seinen Freunden über Rassismus in Deutschland. Wir alle sind Rassisten. Ist es nicht besser, sich selbstkritisch mit diesem Schatten auf unserer Seele auseinanderzusetzen, als ihn zu leugnen?</p>
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		<title>Von der wachsenden Relevanz rechtsfreier Räume</title>
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		<pubDate>Sun, 29 Nov 2009 21:53:10 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[analytisch]]></category>
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		<description><![CDATA[Netzpolitik, Datenschutz, Abmahnwesen. Drei Themen, die noch vor einem Jahr in erster Linie für eine Randgruppe der Gesellschaft relevant waren, haben die öffentliche Wahrnehmungsschwelle überschritten. Netzpolitik hat es auf die Agenda der im Bundestag vertretenen Parteien geschafft. Datenschutzpannen werden als Problem mit tieferliegenden Ursachen wahrgenommen. Das Rechtsmittel der Abmahnung wird von Konsumenten zunehmend kritisch beäugt. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Netzpolitik, Datenschutz, Abmahnwesen. Drei Themen, die noch vor einem Jahr in erster Linie für eine Randgruppe der Gesellschaft relevant waren, haben die öffentliche Wahrnehmungsschwelle überschritten. Netzpolitik hat es auf die Agenda der im Bundestag vertretenen Parteien geschafft. Datenschutzpannen werden als Problem mit tieferliegenden Ursachen wahrgenommen. Das Rechtsmittel der Abmahnung wird von Konsumenten zunehmend kritisch beäugt. Die klassischen Medien transportieren den Themenkomplex an die netzferne Öffentlichkeit. Das Feuilleton kommentiert und reflektiert mit einer Verve, die vor einem Jahr kaum zu finden war. <a  title="Medien: Der Staat erobert das Internet zurück" href="http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~EC6C7B517F0534B79BE245AF44CD2E24F~ATpl~Ecommon~Scontent.html" target="_blank">Beispielhaft ein Artikel der FAZ.</a></p>
<p>In allen drei Fällen wurden die Nischendiskussionen der vornehmlich betroffenen Netzbewohner zur gesellschaftlichen Debatte. Die zunehmende Durchlässigkeit der traditionellen Medien transportiert Netzdiskurse immer schneller an eine größere Öffentlichkeit. Voraussetzung ist deren Bereitschaft, sich der im Netz entstandenen Diskurse anzunehmen und für die Gesellschaft außerhalb des Netzes aufzubereiten. Im Zusammenspiel von klassischen Medien und digitalem Graswurzeljournalismus entsteht ein neues gesellschaftliches Korrektiv. Öffentlichkeit wird zu einem Machtfaktor, der sich aus der Summe von Einzelstimmen ad hoc zusammenschließen und gegen etablierte Machtinhaber bestehen kann. Öffentliche Sympathie triumphiert über juristische Drohkulissen.<span id="more-2111"></span></p>
<p>Während die bestehende Kluft der alten und neuen Medien mancherorts noch großgeredet wird, entsteht gleichzeitig eine wachsende Verschränkung der Inhalte beider Welten. Was große Teile der Netzgemeinde bewegt, hat nun Nachrichtenwert. Was Nachrichtenwert hat, ist relevant für die Gatekeeper der Massenmedien. Was relevant für die Massenmedien ist, wird zum öffentlichen Thema. So werden vermeintliche Randgruppenprobleme nach und nach als gesamtgesellschaftliche Probleme wahrgenommen.</p>
<p>In den entstehenden Debatten werden Konfliktlinien offenbar, die nicht allein entlang der Fronten »Netzbewohner gegen Internetausdrucker« verlaufen, sondern bereits bestehende Bruchstellen gesellschaftlichen Wandels nachvollziehen. Das Internet ist keine Büchse der Pandora, die von fremder Hand geöffnet wurde und deren Inhalt über die ahnungslosen Bürger hinwegfegt, auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag. Es ist aber auch nicht einfach eine »<a  title="Netzwertig über Disruption" href="http://netzwertig.com/2009/07/01/innovationspsychologie-warum-der-umgang-mit-disruptionen-so-schwierig-ist/" target="_blank">disruptive Kraft</a>«, die durch ihre bloße Existenz gesellschaftlichen Wandel auslöst. Das Internet ist in den Debatten, die sich darum entspinnen, vor allem ein Spiegel der Reibungsflächen, die mit Veränderung einher gehen.</p>
<h4>Das Internet ist ein Katalysator des Wandels</h4>
<p>Sei es als Bürgerjournalist oder Kirschkernkissenproduzent, der deutsche Michel drängt sich nicht einfach ungefragt in die Domäne von Profis. In Zeiten von Scheinselbständigkeit und »Ich-AGs« wird der Bürger vielmehr zur Teilnahme am Spiel der etablierten Mächte gedrängt. Er soll selbst Aufgaben übernehmen, die früher der Wohlfahrtsstaat erfüllte. Traditionelle Rollenvorstellungen verlieren an Trennschärfe. Die Grenzen zwischen Zivilgesellschaft, Medien und Wirtschaft verschwimmen. Der Konsument wird zum aktiven Marktteilnehmer. Dabei sieht sich der Bürger in seiner Teilnahme am Spiel der Märkte mit Regeln konfrontiert, die nicht für ihn geschrieben wurden. Da ist es nur legitim, wenn er im öffentlichen Diskurs die geltenden Regeln hinterfragt.</p>
<p>Genau das geschieht, wenn der Unmut der Netzgemeinde über den nächsten Abmahnrüpel hinweg stürmt und von den herkömmlichen Medien für die Gesamtgesellschaft aufbereitet wird. Das geschieht auch, wenn das Vertrauen in die neuen Teilnehmer der Medienlandschaft so weit wächst, dass Informanten sich diesen anvertrauen und <a  title="Netzpolitik.org hat sich als neuer Medienteilnehmer ein hohes Maß an Vertrauen erarbeitet" href="http://www.netzpolitik.org/2009/zugriff-auf-350-000-rechnungen-im-sparkasse-shop/" target="_blank">echte Scoops ermöglichen</a>, die bislang den alten Mitspielern vorbehalten waren. Das geschieht, wenn Menschen ihre Lebenswirklichkeit so wenig repräsentiert sehen, dass sie eine neue politische Bewegung für ihre Anliegen mobilisieren, deren <a  title="Robin Meyer-Lucht bewertet bei CARTA den Koalitionsvertrag" href="http://carta.info/16863/koalitionsvertrag-internet-schwarz-gelb-medienpolitik/" target="_blank">Einfluss bis in den Koalitionsvertrag</a> reicht. Die gewachsenen Regeln und Strukturen der Gesellschaft werden auf die Probe gestellt.</p>
<p>Der »rechtsfreie Raum« ist nicht nur ein Schlagwort der Besitzstandswahrung. Im »rechtsfreien Raum« offenbart sich die gesellschaftliche Umwälzung. Wo Rechtsfreiheit verortet wird, prallen in Wirklichkeit traditionelle und avantgardistische Lebenswirklichkeiten aufeinander. Der Wandel wird sichtbar in den Grabenkämpfen, die um die Richtung der Veränderung und die Verteidigung alter Strukturen geführt werden. In diesen Geburtswehen einer möglichen neuen Ordnung positionieren sich die Mitspieler und grenzen sich auf der Suche nach ihrer neuen Rolle voneinander ab. »Wir gegen die« in ständig wechselnden Bündnissen. Relevanz kann man diesem »rechtsfreien Raum« und den Debatten, die er anstößt, kaum absprechen. Er schafft uns den Diskursraum, in dem wir über unsere Gesellschaft streiten.</p>
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