Die Netzgemeinde schimpft darüber, nicht repräsentiert zu sein. Die etablierten Parteien arbeiteten mit ihrer Politik gegen die Lebenswirklichkeit der Netizens an, lautet ihr Eindruck. Dabei stehen die Teilnehmer der Netzdiskurse erst am Anfang ihres Weges zur gesellschaftlichen Bewegung. Sie stehen vor der Aufgabe, dem Teufelskreis der Selbstreferenz zu entkommen und zu begreifen, dass sie Teil der Gesellschaft sind und ihre Lebensperspektive den anderen Teilen vermitteln müssen. Genau so, wie sie akzeptieren müssen, dass es andere Lebensperspektiven außer der ihren gibt, und die etablierten Parteien diese womöglich recht zutreffend widerspiegeln. Dies soll ein Plädoyer für mehr Gelassenheit sein. Der Wahlspruch »no taxation without representation« hat immerhin zum Entstehen der einflussreichsten Nation der Welt geführt.Das vereinigende Merkmal, das politische Wirkmacht hat, ist der Wille zur Freiheit
Wenn man sich auf der Ebene von Volkswillen und dessen Umsetzung einmal von der Perspektive der Parteienlandschaft löst, ergibt sich doch häufig eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen der Politik der Volksvertreter und den Vorgaben des Zeitgeistes. Es ist nun einmal so, dass Zeitgeistphänomene häufig irrational sind, genau wie Menschen, und dass sie außerdem den Vorstellungen mancher Interessengemeinschaften grundsätzlich entgegenstehen. Als drastisches Beispiel sei in diesem Zusammenhang an den Nationalsozialismus erinnert. Aus dem dumpfen Grundgefühl der Angst nach der Großen Depression wurde ein Zeitgeistphänomen des Nationalismus, der weltweit erstarkt aufflammte und zur politischen Strömung der Stunde avancierte: Eine Rückbesinnung auf das Zusammenrücken innerhalb identitätsstiftender Grenzen — den Nationalstaat.
In Deutschland wurde der Rückzug auf die Nation noch mit der Überhöhung einer völkischen Kernidentität unterfüttert. Diejenigen, die sich nicht durch eine Geisteshaltung der Ausgrenzung repräsentiert fühlten, konnten sich bei aller moralischen Überzeugung und rationalen Argumenten nicht gegen den Zeitgeist durchsetzen und mussten in der Folge Unmenschliches ertragen. Diese Eskalation kann man nur irrational nennen und doch kann man sich dadurch nicht der Verantwortung entziehen: Das ganze Volk war Täter. Der dumpfe Volkszorn wurde auf grausamste Weise kanalisiert.
Mittlerweile genießen wir in Deutschland eine der größten, wenn nicht die größte Errungenschaft der modernen Demokratie, nämlich die Tatsache, dass Minderheiten nicht mehr schutzlos dem Willen der Mehrheit ausgeliefert sind. Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz gehen Hand in Hand. Damit aber ein demokratisches Prinzip daraus wird, bedarf es der Teilhabe an Prozessen der Entscheidungsfindung, die jedem gleichermaßen zugänglich sein müssen. Wenn nun Parteien gewisse Strömungen von politischem Willen repräsentieren und dadurch den diffusen Volkswillen kanalisieren, gibt es eine kritische Grenze der Übereinstimmung ihrer Weltanschauung mit der der Lebenswirklichkeit potentieller Wählerschichten. Bei zu großer Abweichung fühlt mancher sich womöglich von keiner Partei mehr vertreten.
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