Über Diskussionskultur, Wahrheitlichkeit und Berufsdemagogen

Was kön­nen wir von Thilo S. ler­nen? Wir leben in einem Zeit­al­ter der nor­ma­ti­ven Kraft der Öffent­lich­keit. Hin­ter der Wirk­macht von Öffent­lich­keit steht das Fak­ti­sche längst zurück. Schon vor Jah­ren prägte der ame­ri­ka­ni­sche Sati­ri­ker Ste­phen Col­bert das Wort der Trut­hi­ness. Trut­hi­ness (Wahr­heit­lich­keit) bezeich­net »Wahr­hei­ten«, die aus dem Bauch her­aus gefühlt wer­den und kei­ner ratio­na­len, logi­schen oder fak­ti­schen Über­prü­fung stand­hal­ten müs­sen. Wenn sol­che »Wahr­hei­ten« nur oft und laut genug wie­der­holt wer­den, wer­den sie in den Köp­fen der Men­schen zur Rea­li­tät. Dank Trut­hi­ness sind es nicht nur Mei­nun­gen, die jedem Men­schen frei zuste­hen. Mitt­ler­weile scheint auch jeder frei über Fak­ten ver­fü­gen zu dür­fen. […] → zu Ende lesen

Wozu noch Feminismus in Blogs? Eine Frage der Perspektive

Die Frauen im deut­schen Netz­dis­kurs ver­schaf­fen sich gerade mäch­tig Gehör — gemes­sen an der Laut­stärke, die sie bis­lang an den Tag leg­ten. Als Anne Roth im Frei­tag die Frage stellte, warum es keine Frauen unter den mei­nungs­füh­ren­den deut­schen Blog­gern gäbe, bekam die­ses oft­mals unbe­merkt vor sich hin köchelnde Thema Öffent­lich­keit. Dar­auf­hin wurde sie von Phi­lip Banse für seine dctp.tv-Interviewreihe mit Blog­gern befragt. Zeit­nah gab es eine Wahl zur Blog­ge­rin des Jah­res und damit ein­her ging ein wei­te­rer Zuwachs an Öffent­lich­keit femi­ni­ner und femi­nis­ti­scher Dis­kurse. Denn viele der betei­lig­ten Blog­ge­rin­nen beken­nen sich zu Femi­nis­mus, Frau­en­rech­ten und Geschlechterdebatten.

Prompt wer­den sie dafür ange­fein­det. Selbst wenn wir die Trolle und Idio­ten ver­nach­läs­si­gen, die um des Rad­aus wil­len oder aus über­zeug­ter Igno­ranz gegen sol­che Eman­zi­pa­ti­ons­be­mü­hun­gen anstän­kern, müs­sen wir fest­stel­len: Der Teil des Net­zes, in dem Mei­nung gemacht wird, ist ein von Män­nern domi­nier­ter Dis­kurs­raum und damit ein Para­de­bei­spiel für patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren. Die Stim­men von Frauen wer­den mar­gi­na­li­siert, auch auf­ge­klärte, moderne Män­ner betrei­ben unwil­lent­lich bestän­dig othe­ring und gemäß dem Wesen von struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung arbei­ten auch Frauen an der Bestä­ti­gung fremd­be­stimm­ter Selbst­bil­der mit.

Wie sehr die eigene Per­spek­tive von einem patri­ar­cha­li­schen Sys­tem und den darin begrün­de­ten Erwar­tun­gen geprägt ist? Der geneigte Leser und auch die geneigte Lese­rin möge sich fra­gen: Was sind vier erfolg­ver­spre­chende Ver­hal­tens­re­geln, die Frauen Schutz vor Ver­ge­wal­ti­gung bie­ten? […] → zu Ende lesen

Wie Elisabeth Wienbeck ihr Herz an Afghanistan verlor

Die Würde der Men­schen in Afgha­nis­tan wird auch in Deutsch­land von Men­schen wie Eli­sa­beth Wien­beck gestützt und getra­gen. Recht auf Bil­dung, Recht auf Gesund­heit, letzt­end­lich Recht auf Leben wird für die afgha­ni­sche Bevöl­ke­rung nicht mit der Waffe in der Hand und nicht von Angst hin­ter Pan­zer­glas gewähr­leis­tet, son­dern mit Hilfe jener Men­schen ver­wirk­licht, die sich von ihrem Gewis­sen und ihrer Neu­gier lei­ten las­sen. Von die­sen stil­len Hel­den berich­tet Mak­sim Hartwig.

Düs­sel­dorf im Win­ter 2010. Hin­ter dem Bota­ni­schen Gar­ten der Heinrich-​​Heine-​​Universität steht ein Rei­hen­haus. Am Haus­ein­gang ist ein Namens­schild ange­bracht: »Wien­beck«. Alles, was ich hin­ter die­ser Tür erfah­ren werde, liegt fern von die­sem Ort. Afgha­nis­tan ist weit weg, und den­noch fand das Land einen Platz im Her­zen des Men­schen, der mir mit einem ruhi­gen und freund­li­chen Lächeln die Tür öffnet. Das Leben von Eli­sa­beth Wien­beck ist unzer­trenn­lich mit Afgha­nis­tan und sei­nen Men­schen ver­bun­den. »Das Afghanistan-​​Virus hat mich erwischt«, erklärt sie und im glei­chen Atem­zug: »Man wird unwei­ger­lich davon befal­len, wenn man ein­mal in das Land gereist ist und dort Men­schen ken­nen gelernt hat.« Ich will ver­su­chen, die­ses »Virus« zu ver­ste­hen… […] → zu Ende lesen

Dem Tag mehr Leben geben

Ramona Bur­ger arbei­tet im Düs­sel­dor­fer Kin­der­hos­piz »Regen­bo­gen­land«. Im ver­gan­ge­nen Jahr sind hier drei Kin­der gestorben.

Düs­sel­dorf, im Dezem­ber. Manch­mal, sagt Ramona Bur­ger, sei ihr danach, rich­tig auf die Rolle zu gehen. Alles raus­zu­las­sen, zu tan­zen, den Kopf frei­zu­be­kom­men. »Man muss einen guten Frei­zeit­aus­gleich haben, sonst geht es nicht«, sagt sie und rückt ihr milch­gel­bes Polo­hemd zurecht. Ramona Bur­ger arbei­tet im Düs­sel­dor­fer Kin­der­hos­piz »Regen­bo­gen­land«. In die­sem Jahr sind hier drei Kin­der gestor­ben. Doch vom Tod ist wenig zu spü­ren an die­sem Mon­tag nach den Weihnachtsfeiertagen.

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Wir und die Anderen

An Dis­kri­mi­nie­rung und einer ihrer Spiel­ar­ten, dem Ras­sis­mus, ist wenig Frem­des. Im Gegen­teil: Das Per­fide am Ras­sis­mus ist seine Mensch­lich­keit. Jeder Mensch ist Ras­sist. Denn jeder Mensch kann nicht anders, als seine Umwelt zu dis­kri­mi­nie­ren. Gefähr­lich wird es dann, wenn die Natur des Ras­sis­mus ver­kannt oder gar geleug­net wird. Das aller­dings geschieht ständig.

Deutsch zu sein bedarf es wenig, schon gar kei­ner Selbst­re­fle­xion oder Leit­kul­tur. Es reicht, zu wis­sen, wer die Ande­ren sind.

Wie anders ist es zu erklä­ren, dass Roland Koch vol­ler Empö­rung den Vor­wurf des Ras­sis­mus von sich weist, wäh­rend er gleich­zei­tig im Wahl­kampf dafür wirbt, Jugend­kri­mi­na­li­tät anhand von eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit zu bewer­ten? Wie sonst kann Kris­tina Köh­ler eine »deut­schen­feind­li­che Gewalt von Aus­län­dern gegen­über Deut­schen« her­bei­re­den, die ent­ge­gen ihrer Welt­sicht von kei­ner Kri­mi­nal­sta­tis­tik bestä­tigt wird, und trotz­dem über­zeugt sein, dass eben diese Welt­sicht not­wen­di­ger Bestand­teil des demo­kra­ti­schen Spek­trums und kei­nes­falls ras­sis­tisch sei? Warum sonst sollte eine Schwei­zer Pro­fes­so­rin, mit­hin eine gebil­dete Frau, in einem pri­va­ten Gespräch über Poli­tik die mina­rett­freien Eid­ge­nos­sen vor dem Ver­dacht des Ras­sis­mus in Schutz neh­men und anschlie­ßend unge­niert fortfahren:

Aber als wir die Reli­gi­ons­frei­heit ein­ge­führt haben, da ging es um die Chris­ten und die Juden, da war von Islam nicht die Rede. […] → zu Ende lesen

Geschlechterverwirrung

Als ich mit den Recher­chen zum fol­gen­den Arti­kel begann, hatte ich eine auf­klä­re­ri­sche Story über die Geschlech­ter­de­batte und den kata­ly­ti­schen Effekt von Sport­er­eig­nis­sen für gesell­schaft­li­che Dis­kurse im Sinn. Cas­ter Semanya hatte gerade den 800-​​Meter-​​Lauf der Frauen gewon­nen, da stürzte sich die Welt­öf­fent­lich­keit auf ihr Pri­vat­le­ben. Sie sei womög­lich keine Frau, der Sieg somit erschli­chen. Über ihr Geschlecht wurde öffent­lich spe­ku­liert, Vor­ur­teile will­fäh­rig bedient, auch die betei­lig­ten Funk­tio­näre der Leicht­ath­le­tik erschie­nen in kei­nem guten Licht. Ich wollte das Schick­sal von Cas­ter Semanya als Auf­hän­ger neh­men, um über Dis­kri­mi­nie­rung und Rück­stän­dig­keit zu schrei­ben. Einige Email­an­fra­gen, Doku­men­ten­sich­tun­gen und Tele­fo­nate spä­ter beschloss ich, statt des­sen über Men­schen zu schrei­ben. Und dar­über, wie Men­schen dem Unbe­kann­ten begegnen.

Ein Inge­nieur, ein Mathe­ma­ti­ker und ein Phi­lo­soph ent­de­cken auf einer Wan­der­tour durch Schott­land ein ein­zel­nes, schwar­zes Schaf. »Na so was, in Schott­land sind die Schafe schwarz« meint der Inge­nieur. »Das kannst du gar nicht wis­sen,« ver­bes­sert ihn der Mathe­ma­ti­ker, »wir wis­sen nur, dass es min­des­tens ein schwar­zes Schaf in Schott­land gibt.« »Eigent­lich,« wirft der Phi­lo­soph ein, »sehen wir nur, dass es auf der uns zuge­wand­ten Seite schwarz ist.«

Weil uns in der Welt immer wie­der Män­ner und Frauen begeg­nen, neh­men die meis­ten Men­schen an, es gebe genau diese zwei Geschlech­ter. Diese Unter­tei­lung der Mensch­heit ist in unse­rer Gesell­schaft so fest ver­an­kert, dass sie nie hin­ter­fragt wird. Wir sind keine Mathe­ma­ti­ker und keine Phi­lo­so­phen, zumin­dest sind wir das nicht stän­dig und sel­ten bei bana­len All­tags­weis­hei­ten. Alle Men­schen sind ent­we­der männ­lich oder weib­lich. […] → zu Ende lesen



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