Dem Tag mehr Leben geben

Ramona Bur­ger arbei­tet im Düs­sel­dor­fer Kin­der­hos­piz »Regen­bo­gen­land«. Im ver­gan­ge­nen Jahr sind hier drei Kin­der gestorben.

Düs­sel­dorf, im Dezem­ber. Manch­mal, sagt Ramona Bur­ger, sei ihr danach, rich­tig auf die Rolle zu gehen. Alles raus­zu­las­sen, zu tan­zen, den Kopf frei­zu­be­kom­men. »Man muss einen guten Frei­zeit­aus­gleich haben, sonst geht es nicht«, sagt sie und rückt ihr milch­gel­bes Polo­hemd zurecht. Ramona Bur­ger arbei­tet im Düs­sel­dor­fer Kin­der­hos­piz »Regen­bo­gen­land«. In die­sem Jahr sind hier drei Kin­der gestor­ben. Doch vom Tod ist wenig zu spü­ren an die­sem Mon­tag nach den Weihnachtsfeiertagen.

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Wir und die Anderen

An Dis­kri­mi­nie­rung und einer ihrer Spiel­ar­ten, dem Ras­sis­mus, ist wenig Frem­des. Im Gegen­teil: Das Per­fide am Ras­sis­mus ist seine Mensch­lich­keit. Jeder Mensch ist Ras­sist. Denn jeder Mensch kann nicht anders, als seine Umwelt zu dis­kri­mi­nie­ren. Gefähr­lich wird es dann, wenn die Natur des Ras­sis­mus ver­kannt oder gar geleug­net wird. Das aller­dings geschieht ständig.

Deutsch zu sein bedarf es wenig, schon gar kei­ner Selbst­re­fle­xion oder Leit­kul­tur. Es reicht, zu wis­sen, wer die Ande­ren sind.

Wie anders ist es zu erklä­ren, dass Roland Koch vol­ler Empö­rung den Vor­wurf des Ras­sis­mus von sich weist, wäh­rend er gleich­zei­tig im Wahl­kampf dafür wirbt, Jugend­kri­mi­na­li­tät anhand von eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit zu bewer­ten? Wie sonst kann Kris­tina Köh­ler eine »deut­schen­feind­li­che Gewalt von Aus­län­dern gegen­über Deut­schen« her­bei­re­den, die ent­ge­gen ihrer Welt­sicht von kei­ner Kri­mi­nal­sta­tis­tik bestä­tigt wird, und trotz­dem über­zeugt sein, dass eben diese Welt­sicht not­wen­di­ger Bestand­teil des demo­kra­ti­schen Spek­trums und kei­nes­falls ras­sis­tisch sei? Warum sonst sollte eine Schwei­zer Pro­fes­so­rin, mit­hin eine gebil­dete Frau, in einem pri­va­ten Gespräch über Poli­tik die mina­rett­freien Eid­ge­nos­sen vor dem Ver­dacht des Ras­sis­mus in Schutz neh­men und anschlie­ßend unge­niert fortfahren:

Aber als wir die Reli­gi­ons­frei­heit ein­ge­führt haben, da ging es um die Chris­ten und die Juden, da war von Islam nicht die Rede. […] → zu Ende lesen

Geschlechterverwirrung

Als ich mit den Recher­chen zum fol­gen­den Arti­kel begann, hatte ich eine auf­klä­re­ri­sche Story über die Geschlech­ter­de­batte und den kata­ly­ti­schen Effekt von Sport­er­eig­nis­sen für gesell­schaft­li­che Dis­kurse im Sinn. Cas­ter Semanya hatte gerade den 800-​​Meter-​​Lauf der Frauen gewon­nen, da stürzte sich die Welt­öf­fent­lich­keit auf ihr Pri­vat­le­ben. Sie sei womög­lich keine Frau, der Sieg somit erschli­chen. Über ihr Geschlecht wurde öffent­lich spe­ku­liert, Vor­ur­teile will­fäh­rig bedient, auch die betei­lig­ten Funk­tio­näre der Leicht­ath­le­tik erschie­nen in kei­nem guten Licht. Ich wollte das Schick­sal von Cas­ter Semanya als Auf­hän­ger neh­men, um über Dis­kri­mi­nie­rung und Rück­stän­dig­keit zu schrei­ben. Einige Email­an­fra­gen, Doku­men­ten­sich­tun­gen und Tele­fo­nate spä­ter beschloss ich, statt des­sen über Men­schen zu schrei­ben. Und dar­über, wie Men­schen dem Unbe­kann­ten begegnen.

Ein Inge­nieur, ein Mathe­ma­ti­ker und ein Phi­lo­soph ent­de­cken auf einer Wan­der­tour durch Schott­land ein ein­zel­nes, schwar­zes Schaf. »Na so was, in Schott­land sind die Schafe schwarz« meint der Inge­nieur. »Das kannst du gar nicht wis­sen,« ver­bes­sert ihn der Mathe­ma­ti­ker, »wir wis­sen nur, dass es min­des­tens ein schwar­zes Schaf in Schott­land gibt.« »Eigent­lich,« wirft der Phi­lo­soph ein, »sehen wir nur, dass es auf der uns zuge­wand­ten Seite schwarz ist.«

Weil uns in der Welt immer wie­der Män­ner und Frauen begeg­nen, neh­men die meis­ten Men­schen an, es gebe genau diese zwei Geschlech­ter. Diese Unter­tei­lung der Mensch­heit ist in unse­rer Gesell­schaft so fest ver­an­kert, dass sie nie hin­ter­fragt wird. Wir sind keine Mathe­ma­ti­ker und keine Phi­lo­so­phen, zumin­dest sind wir das nicht stän­dig und sel­ten bei bana­len All­tags­weis­hei­ten. Alle Men­schen sind ent­we­der männ­lich oder weib­lich. […] → zu Ende lesen

Sport und Geschichte: Jesse Owens in Berlin

Sport ist ein beson­de­res Kul­tur­pro­dukt des Men­schen. In ihm fügen sich die Lust am Spiel, die Sehn­sucht nach schlich­ten Regeln und die gezähmte Aggres­sion unse­rer Gat­tung zu einem mythisch auf­ge­la­de­nen Modell der Welt zusam­men. Sport bie­tet die per­fekte Pro­jek­ti­ons­flä­che für Geschich­ten, die Geschichte erleb­bar machen. In der Ver­dich­tung von his­to­ri­schen Strö­mun­gen auf mensch­li­che Ein­zel­schick­sale wer­den große Zusam­men­hänge nach­voll­zieh­bar. Darin liegt ein Ver­dienst des Sports, das tat­säch­lich grö­ßer ist als die Mit­wir­kung sei­ner Ath­le­ten. Der Tri­umph der Mensch­lich­keit lachte die Welt in dunk­ler Stunde an, als Carl Lud­wig Long und Jesse Owens sich im Ber­li­ner Olym­pia­sta­dion in einem sport­li­chen Wett­kampf begegneten.

Men­schen reden gerne über Sport. Im Moment spre­chen viele von Fabel­welt­re­kor­den und Doping­ver­dacht, von tri­um­pha­ler Selbst­über­win­dung und Kom­mer­zia­li­sie­rung, von spek­ta­ku­lä­ren Events und von schlich­ter Bana­li­tät der Lan­ge­weile. In Ber­lin fin­det die Leicht­ath­le­tik­welt­meis­ter­schaft 2009 statt. Der Ort und der Anlass soll­ten den Besu­cher ermun­tern, über Mensch­lich­keit und über die eigene Ver­gan­gen­heit nach­zu­den­ken: Wer genau hin­sieht, der kann den grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Glanz Ger­ma­nias noch immer im Olym­pia­sta­dion ent­de­cken. Die Ästhe­tik des Monu­men­ta­len wird aller­dings vom Schat­ten der Füh­rer­loge getrübt, der bis heute auf dem Sta­dion liegt.
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6 degrees of separation — von den G8 zu Außerirdischen

Heute, am 8. Juli vor genau 60 51 Jah­ren, wurde der Schau­spie­ler Kevin Bacon gebo­ren. Seine Leis­tung für die Pop­kul­tur besteht nicht allein in sei­nem Mit­wir­ken in zahl­rei­chen Hollywood-​​Produktionen. Viel wich­ti­ger für künf­tige Gene­ra­tio­nen könnte sein Bei­trag als fleisch­ge­wor­de­nes Pop­kul­tur­phä­no­men sein. Der 8. Juli soll in die­sem Bei­trag als exem­pla­ri­scher Aus­gangs­punkt für eine »six degrees«-Betrachtung der his­to­risch wach­sen­den Bedeu­tung von Ver­net­zung herhalten.

Kevin Bacon dient als augen­zwin­kern­des proof of con­cept für ein sta­tis­ti­sches Modell der Netz­werk­theo­rie. Durch die vor­an­schrei­tende Glo­ba­li­sie­rung schrumpfe die Welt zusam­men, besagt eine Idee der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler. Dies lasse sich in Zah­len­spie­len anhand von sozia­len Netz­wer­ken nach­rech­nen. Über Bekannte von Bekann­ten von Bekann­ten las­sen sich in nur sechs Schrit­ten zwei belie­bige Men­schen auf der Welt mit­ein­an­der ver­knüp­fen. Selbst wenn iso­la­tio­nis­ti­sche Sied­lun­gen der small world theory ein Bein stel­len und es ent­ge­gen der mathe­ma­ti­schen Annahme nicht mög­lich ist, wirk­lich jeden Men­schen mit einem belie­bi­gen ande­ren in nur sechs Schrit­ten direk­ter Kon­takte zu ver­knüp­fen, ist die Idee der six degrees of sepa­ra­tion ein belieb­ter Zeit­ver­treib der ver­netz­ten Gene­ra­tion. Kevin Bacon ist mit jedem leben­den Schau­spie­ler in nur sechs Schrit­ten der Form »haben am glei­chen Film mit­ge­wirkt« zu ver­knüp­fen. Die kurio­ses­ten Ver­bin­dun­gen in kür­zes­ter Zeit zu fin­den, ist zu einem Par­ty­spiel gewor­den.
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Japantag in Düsseldorf 2009 — Cosplay und Altbier

Japantag in Düsseldorf 2009 — Cosplay und Altbier

Mit einem Knall ver­ab­schie­dete die japa­ni­sche Gemeinde Düs­sel­dorfs ihre Besu­cher vom Nihon-​​Day 2009. Jedes Jahr lädt die nach Lon­don und Paris offi­zi­ell dritt­größte Ansied­lung japa­ni­scher und japa­nisch­stäm­mie­ger Bür­ger in Europa zu einem Fest der Kul­tur­be­geg­nung in der Lan­des­haupt­stadt ein.

Mitt­ler­weile ist die Gemeinde in Düs­sel­dorf die wahr­schein­lich best­or­ga­nis­erte außer­ja­pa­ni­sche Sied­lung und nach inof­fi­zi­el­ler Zäh­lung der für kurz­fris­tige Ein­sätze ein­ge­flo­ge­nen, nicht gemel­de­ten Fir­men­an­ge­stell­ten womög­lich noch ein­mal deut­lich grö­ßer, als es die offi­zi­el­len Zah­len bele­gen. Es hat sich um die Han­dels­ver­tre­tung eine Infra­struk­tur mit beson­ders gast­li­chem Flair in Düs­sel­dorf ent­wi­ckelt, die eine immense Sog­wir­kung aus­übt — nicht nur auf Japaner.

Rheintreppe Düsseldorf, MenschenmengeVerkleidete MenschenAuf der Rhein­pro­me­nade sam­meln sich Besu­cher zum Son­nen, Stau­nen und Posie­ren So haben sich in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt Anhän­ger der Cosplay-​​Subkultur Düs­sel­dorf als zen­trale Anlauf­stelle aus­er­ko­ren. Am Japan­tag zele­brie­ren Fans aus ganz Deutsch­land ihre Liebe zur japa­ni­schen Comic-​​Kultur in einer beson­de­ren Form des Rol­len­spiels mit detail­ge­treuer Kos­tü­mie­rung nach Vor­bild der Anime– und Man­ga­hel­den. Dabei ist es mit blo­ßer Kos­tü­mie­rung nicht getan, was zu amü­san­ten Sze­nen in der Begeg­nung der Cosplayer mit ihrem Publi­kum führt. Gerne posie­ren sie für die Foto­gra­fen — nach ihren eige­nen Regeln.
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