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	<title>Kontextschmiede &#187; Wissenschaft</title>
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		<title>Transformationen, Demokratie und der nahe Osten: Was wird aus Ägypten?</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Jan 2011 15:35:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[analytisch]]></category>
		<category><![CDATA[meinungsstark]]></category>

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		<description><![CDATA[Nachdem in Tunesien sich eine Transformation des politischen Systems deutlich abzeichnet, ist nun auch in Ägypten eine Transformation in greifbare Nähe gerückt. An dieser Stelle ist bewusst nicht die Rede von »demokratischen Revolutionen,« weil dieses Transformationsparadigma in seiner Beschreibung eine fragwürdige Perspektive darstellt. Die durch Samuel Huntington populär gewordene Metapher von den Wellen der Demokratisierung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nachdem in Tunesien sich eine Transformation des politischen Systems deutlich abzeichnet, ist nun auch in Ägypten eine Transformation in greifbare Nähe gerückt. An dieser Stelle ist bewusst nicht die Rede von »demokratischen Revolutionen,« weil dieses Transformationsparadigma in seiner Beschreibung eine fragwürdige Perspektive darstellt. Die durch Samuel Huntington populär gewordene Metapher von den Wellen der Demokratisierung entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als wenig hilfreich. Ihre Definition von Demokratie ist beschränkt auf die prozessfixierte Dimension des Wahlvorgangs.</p>
<blockquote><p>The ›democratic method,‹ he said, ›is that institutional arramgement for arriving at political decisions in which individuals acquire the power to decide by means of a competitive struggle for the people’s vote.‹</p>
<p><cite title="Huntington in The Third Wave">Schumpeter, zitiert durch Huntington</cite></p>
</blockquote>
<p>Die durch diese Linse wahrgenommenen Wellen der Demokratisierung führten dazu, dass eine große Anzahl autokratisch geführter Staaten kurzerhand die Bedingungen prozessuraler Demokratie einführten, um als »Demokratien« in den Genuss von Entwicklungshilfe oder auch nur  öffentlicher Anerkennung zu kommen. Wahlen sind das beste Feigenblatt für Despoten. Huntingtons Metapher der demokratischen Wellen ist aber so griffig, dass sie im öffentlichen Diskurs als »Standard« der Transformationsforschung wahrgenommen wird. <a  title="Joseph Joffe - Tunesien: Sonderfall" href="http://www.zeit.de/2011/04/P-Zeitgeist-Tunesien" target="_blank">Joseph Joffe</a> hat das kürzlich wieder einmal demonstriert. Dabei hat die Politikwissenschaft längst andere Kriterien für die Demokratieforschung oder den Systemwandel aufgegriffen.<span id="more-2777"></span></p>
<p>Die Unruhen im nahen Osten, die sich nicht mehr auf Tunesien beschränken, sind nun der Anlass, einige Kriterien der Systemtransformation genauer zu betrachten. Die Transformationsforschung sucht nach Gesetzmäßigkeiten in den Systemwechseln, die als historisches Anschauungsmaterial dienen. Beobachtete Muster, die in verschiedenen Transformationen wiederkehren deuten darauf hin, dass es zugrunde liegende Wirkmechanismen gibt. Aus der wissenschaftlichen Literatur ergibt sich ein Bündel von Kriterien, das einen maßgeblichen Einfluss auf Transformation hat. Neben Huntington sind hier für die interessierten Leserinnen und Leser Katz, Niemeyer und Thompson als Urheber der Kriterien zu nennen.</p>
<h4>Ist ein Systemwechsel im nahen Osten wahrscheinlich?</h4>
<p>Die Wahrscheinlichkeit, dass es in Ägypten zu einem gelungenen Systemwandel kommt, ganz gleich welches System konkret die aktuell herrschenden Eliten ablöst, lässt sich anhand dieser Faktoren vorhersagen. Eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bedeutet allerdings nicht, dass es automatisch zu einer gelungenen Transformation kommt. Damit eine Transformationshypothese überprüfbar wird, müssen wir die Faktoren negativ gewichten. Je wichtiger ein Faktor historisch für <strong>misslungene </strong>Transformationen war, desto wichtiger ist, dass er eine mögliche zukünftige Transformation nicht aktiv verhindert.</p>
<ol>
<li>Das Militär unterstützt aktiv das alte Regime</li>
<li>Die Effektivität der politischen Handlungsfähigkeit des Regimes legitimiert den Ausschluss alternativer Regierungsformen</li>
<li>Externe Akteure stützen das aktuelle Regime</li>
<li>Ein niedriges allgemeines Wohlstands– und Bildungsniveau verhindert die Rekrutierung alternativer Eliten</li>
<li>Der Vorbildeffekt kulturell und geografisch naheliegender Staaten unterstützt den Standard eines autokratischen Regimes</li>
</ol>
<p>Seit diesem Wochenende gibt es <a  title="New York Times: Egypt Protests Continue as Military Stands by" href="http://www.nytimes.com/2011/01/30/world/middleeast/30-egypt.html?_r=1" target="_blank">Zeitungsberichte</a>, nach denen das Militär in Ägypten sich weigert, gegen die Demonstranten vorzugehen. Sollten diese Berichte sich als wahr heraus stellen stünde der wichtigste Faktor, der eine Transformation verhindert, dem Umbruch nicht länger entgegen. Die Legitimität des Regimes ist zumindest fragwürdig, andere Regierungsformen, die Demokratie eingeschlossen, könnten womöglich effektiver den politischen Bedürfnissen Ägyptens Rechnung tragen. Die Alternativen, die mögliche neue Eliten als Nachfolger des aktuellen Regimes anböten, sind allerdings nicht klar formuliert. Das aktuelle Wohlstandsniveau in Ägypten bietet eine Mittelschicht, aus der sich alternatve Eliten zu denen des Regimes rekrutieren könnten. Mit dem gerade statt findenden Umbruch in Tunesien wird der Status Quo der Regierungsformen in der Region zumindest in Frage gestellt, auch wenn es noch kein »Vorbild« einer gelungenen Transformation gibt, die den Dominoeffekt (<em>snowball effect</em> nach Huntington) auslösen könnte.</p>
<p>Bleibt noch die wichtige Frage nach den externen Akteuren. Auf dem internationalen Parkett ist es nicht länger der Kampf der Ideologieen zwischen Kommunismus und Kapitalismus (oder Demokratie nach westlichem Vorbild) an dem sich diese Akteure ausrichten. Im nahen Osten ist der ungefährdete Zugang zu den Energieressourcen die entscheidende politische Dimension. Wenn sich die USA als dominanter Akteur gegen das Regime aussprächen und eine oppositionelle Elite stützten, könnte das zum entscheidenden Zünglein an der Waage werden. Zumindest darf gemäß den Erfahrungen der Vergangenheit die internationale Staatengemeinde Mubarak nicht stützen, wenn es zu einem Umsturz kommen soll.</p>
<p>Die Unruhen im nahen Osten sind für die Transformationsforschung eine hervorragende Gelegenheit, ihre Hypothesen zu überprüfen und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Für die betroffene Bevölkerung sind es allerdings existentielle Fragen, die gerade geklärt werden. Nach den Entwicklungen der letzten Tage dürfen jene, die den Demonstranten die Daumen drücken, immerhin vorsichtig optimistisch sein. Zumindest, falls sie den Zahlenspielen der Forschung vertrauen. Entscheidend bleibt weiter der Mut und die Mobilisierung des Volkes. Der Demos selbst politisiert sich und beteiligt sich am Wettstreit politischer Ideen. Falls es den Demonstranten in Ägypten gelingt, das Regime abzulösen, ist die Frage nach der folgenden Regierungsform zweitrangig. Demokratischer können Revolutionen nicht sein. In den Worten Mark Thompsons:</p>
<blockquote><p>Power was literally in the streets when millions of peaceful demonstrators brought down dictators from Leipzig to Prague and Manila to Kathmandu.</p>
<p><cite title="Whatever happened to democratic revolutions">Mark R. Thompson</cite></p>
</blockquote>
<p><small>© Dies ist ein RSS-Feed der <a  href="http://kontextschmiede.de">Kontextschmiede</a></small></p><p><strong>Den Artikel <a  href="http://kontextschmiede.de/transformationen-demokratie-und-der-nahe-osten-was-wird-aus-egypten//#respond">kommentieren</a></strong></p><small>Weitere Artikel zu diesem Thema:</small><ol>
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		<title>Denn sie tun nicht, was sie wissen: Klimawandel in der Diskussion</title>
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		<comments>http://kontextschmiede.de/denn-sie-tun-nicht-was-sie-wissen-klimawandel-in-der-diskussion/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 09 Dec 2010 18:28:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>tma</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[analytisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir erleben zum zweiten Mal hintereinander einen für uns ungewöhnlich kalten Winter. Prompt wird auf das Wetter geschimpft: »Schnee im November, das gab es ja noch nie!« oder auch »ich musste noch nie so früh die Heizung wieder anstellen.« Zeit für Medien und Gesellschaft, sich mit dem Klima auseinander zu setzen. Dies geschieht in zuletzt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir erleben zum zweiten Mal hintereinander einen für uns ungewöhnlich kalten Winter. Prompt wird auf das Wetter geschimpft: »Schnee im November, das gab es ja noch nie!« oder auch »ich musste noch nie so früh die Heizung wieder anstellen.« Zeit für Medien und Gesellschaft, sich mit dem Klima auseinander zu setzen. Dies geschieht in zuletzt ungewohnter Richtung — statt über Hitzerekorde wird über Kälterekorde gesprochen. Aber der Mensch ist ja flexibel, der Klimawandel ist schnell abgesagt.</p>
<p>Folgt man der internationalen Presse, so rumort es bereits seit Anfang des Jahres. Ausgelöst durch den sogenannten »Climategate«-Skandal gerieten Klimaforscher in Misskredit. In internen E-Mails diskutierten führende WissenschaftlerInnen, wie sie die größtmögliche Wirkung für ihre Forschungsergebnisse erreichen könnten. Außerdem wurde gleich eine ganze Fülle von Fehlern in den Berichten des zwischenstaatlichen Ausschusses zum Klimawandel (<a  title="IPCC" href="http://www.ipcc.ch/index.htm" target="_blank">IPCC</a>) gefunden. Die öffentlich gewordenen Emails waren ein gefundenes Fressen für Klimaskeptiker, das Befeuern von Kontroverse ist wiederum ein Garant für Auflage und weil jeder eine Meinung zum Wetter hat, findet das Thema Erderwärmung großen Anklang. Die Emails wurden zur Schlagzeile.<span id="more-2768"></span></p>
<p>Mittlerweile sind fast alle der damals vorgebrachten Anschuldigungen entkräftet. In der Öffentlichkeit ist dies jedoch nicht angekommen. Die Presse hat schließlich ein größeres Interesse an Auflage als an Aufklärung. Andere Aufreger dominieren die Themenauswahl, denn Gegendarstellungen taugen nicht zur Schlagzeile. Dabei ist der Umfang der Berichtigungen beträchtlich. Entgegen den damals geäußerten Vorwürfen an die Wissenschaftler konnten auf den fast 2.500 Seiten des Gesamtberichts des IPCC nur 2 wirkliche Fehler gefunden werden:</p>
<blockquote>
<ul>
<li>Die Niederlande liegen nicht zu 55% unter dem Meeresspiegel (wie die niederländische Umweltbehörde fälschlicherweise angegeben hat), sondern nur zu 30% unter dem Meeresspiegel bzw. zu 60% bei Sturmflutereignissen.</li>
<li>Es werden voraussichtlich nicht 80% der Gletscher im Himalaya bis 2035 verschwunden sein, wie es in zwei Sätzen im Band zwei, Seite 493 steht. Entsprechend richtige Angaben finden sich allerdings auf über 45 Seiten im Band 1 des Berichts.<cite title="realclimate.org"> </cite><a  title="realclimate.org" href="http://www.realclimate.org/index.php/archives/2010/02/ipcc-errors-facts-and-spin/" target="_blank"><cite title="realclimate.org">realclimate.org</cite></a><cite title="realclimate.org"></cite></li>
</ul>
</blockquote>
<p>Klimaskeptiker spotten, die aktuelle Weltklimakonferenz sei nach Cancún verlegt worden, damit die Verhandlungen nicht in der Kälte statt fänden, die Europa zur Zeit heimsucht. Dabei sind die kalten Winter in Europa genau so wenig ein Argument gegen die Modelle zum Klimawandel, wie es die falschen Anschuldigungen waren. Denn die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur bedeutet nicht, dass an jedem Ort der Welt das Temperaturmittel steigen muss. Der Klimawandel, ob nun vom Menschen gemacht oder natürlich entstanden, umfasst die Veränderung der Klimaelemente, Temperatur, Niederschlag, Wind und mehr, in ganz unterschiedlichem Ausmaß über verschiedene Zeitperioden und für verschiedene Regionen.</p>
<p>Für Europa werden beispielsweise zukünftig mehr Niederschläge erwartet. Dies gilt allerdings nur für die Gesamtbilanz eines Jahres, denn die Sommer sollen deutlich trockener und die Winter dafür um so nasser werden. Auch <a  title="Pressemitteilung des PIK" href="http://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/erderwaermung-koennte-winter-kaelter-werden-lassen">kältere Winter</a> sind in Folge der Veränderungen der Luftströmungen in Europa durchaus möglich, kehren aber den stetigen Anstieg der globalen Temperatur nicht um, wenn dafür auch die anderen Regionen hinzugerechnet werden.</p>
<h4>Klimawissenschaftler sind sich aus gutem Grund in manchen Fragen einig</h4>
<p>Es gibt in der ernsthaften Debatte um Klimamodelle mittlerweile kaum noch Platz für wahre Klimaskeptiker, auch wenn diese in der Presse ein beeindruckendes Forum finden. Wiederholt konnte nachgewiesen werden, dass hinter den wissenschaftsfeindlichsten Meldungen einflussreiche <a  title="UCS-Report, wie Exxon Mobile wider besseren Wissens Klimaskeptiker finanziert" href="http://www.ucsusa.org/global_warming/science_and_impacts/global_warming_contrarians/exxonmobil-report-smoke.html" target="_blank">Akteure aus der Energiewirtschaft</a> stehen, die die öffentliche Debatte um den Klimawandel in ihrem Sinne beeinflussen möchten und dafür gerne die Debatte selbst beschädigen. In der wissenschaftlichen Diskussion zu den Auswirkungen des Klimawandels überwiegen derweil die Fragestellungen zu dem »wie« und nicht zum »ob«.</p>
<p>Denn der Klimawandel hat bereits messbar eingesetzt und kann obendrein ziemlich eindeutig auf den Einfluss des Menschen zurück geführt werden. Es gibt andere Faktoren, wie die Veränderungen der solaren Oberfläche oder der Ausrichtung der Erdachse, die ebenfalls das Klima beeinflussen, aber der menschliche Einfluss überwiegt diese Veränderungen an Intensität und Kurzfristigkeit. Trotz der Erkenntnisse um langfristige Veränderungen bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich des Ausmaßes und der Eintrittswahrscheinlichkeit spezifischer klimatischer Ereignisse. Je kleiner die Raumeinheit ist und je kürzer der Zeithorizont, für den Prognosen abgegeben werden sollen, desto ungenauer werden die Modelle und desto schwieriger werden die Vorhersagen.</p>
<h4>Klimawandel wird zum wirtschaftlichen und sozialen Problem</h4>
<p>Unabhängig von den wissenschaftlichen Details in der Ausarbeitung plausibler Klimamodelle können bereits heute immense Wirkungen festgestellt werden. Und es können Prognosen für die Zukunft bestimmt werden, die je nach Entwicklung der menschlichen Einflussnahme auf das Klima die wahrscheinlichsten Klimaveränderungen erörtern. Diese Szenarien sollen veranschaulichen, was wir unter der Bedingung bestimmter menschlicher Handlungen, wie der Reduktion oder auch der Steigerung der Produktion von Treibhausgasen, erwarten können. Zu beachten ist bei allen Entwicklungen die Trägheit des Klimasystems: Selbst in einem extrem unwahrscheinlichen Szenario, bei dem alle menschliche Einflussnahme sofort gestoppt wird, werden die Auswirkungen vergangenen menschlichen Handelns noch in den kommenden Dekaden spürbar ansteigen, da die Reaktionen innerhalb des Systems mit einer gewissen Verzögerung eintreten. Im Gegensatz zu diesem überaus optimistischen Szenario übersteigt zur Zeit das negative Ausmaß menschlicher Handlungen sogar die pessimistischsten <a  title="Prognose des IPCC" href="http://www.copenhagendiagnosis.org/" target="_blank">Zukunftserwartungen</a>, die durch den IPCC im Jahr 2001 gemacht wurden.</p>
<p>Die daraus erwachsenden Veränderungen haben Auswirkungen auf unsere Gesellschaft: Hierzulande werden die Folgen des Klimawandels insgesamt beherrschbar bleiben. Heißere Sommer werden das Leben allgemein vielleicht etwas unangenehmer und für besonders sensible Gruppen wie Säuglinge und alte Menschen auch etwas kürzer machen. Starkregen wird uns den einen oder anderen Tag vermiesen und die Preise für Versicherungen ansteigen lassen. Aber insgesamt stehen in Zentraleuropa Mittel und Wege zur Verfügung, dem Klimawandel zu begegnen. Die Folgen für ärmere und stärker betroffene Regionen der Welt sind allerdings existenziell und haben dank der global vernetzten Weltgemeinschaft auch wieder Bedeutung für uns. Die Auswirkungen des Klimawandels auf Produktionsketten und den Migrationsdruck in Richtung der entwickelten Staaten sind kaum abzuschätzen, werden aber für die europäischen Industrieländer sicher zu spüren sein. Prinzipien wie gerechte Verteilung und Demokratie werden unter dem Stress der vom Klima beeinträchtigten Wirtschaftsordnung eine harte Prüfung durchmachen.</p>
<p>Ein passendes Thema für Veranstaltungen zum Umgang mit dem Klimawandel ist der Titel: »Denn sie tun nicht, was sie wissen.« Trotz der bereits jetzt gesicherten Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Klimawandels gibt es nur geringe Fortschritte in der Reduzierung des menschlichen Einflusses. Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen nimmt weiter stetig zu. Die derzeit in Cancún stattfindenden Klimaverhandlungen sind bereits im Vorfeld mit pessimistischen Erwartungen belastet, vor allem da die größten Verursacher von Treibhausgasemissionen sich gegen eine verbindliche Regelung wehren.</p>
<p>Eigentlich müsste vor dem Hintergrund einer globalen Verantwortung den Entwicklungsländern sogar ein weiterer Anstieg an Emissionen zugestanden werden. Denn das Wirtschaftswachstum ist dort in hohem Maße an die Verbrennung fossiler Rohstoffe gekoppelt und es ist schwer vermittelbar, dass für die Entwicklungsländer Wohlstand und Mobilität eingeschränkt werden sollen, während in den Industrieländern der Ausstoß pro Kopf bereits um ein <a  title="UN-Statiskik zu Emissionen" href="http://unstats.un.org/unsd/ENVIRONMENT/qindicators.htm" target="_blank">zehnfaches höher</a> liegt. Die Weigerung der Industrieländer, im Interesse der globalen Klimaentwicklung für einen Ausgleich zu sorgen, wiegt also doppelt schwer.</p>
<h4>Für die Zukunft können wir uns zwei grobe Entwicklungsmuster vorstellen</h4>
<p>In der antizipativen Variante wird eine globale Übereinkunft auf Basis der bestehenden Forschungsgrundlage dazu führen, dass der menschliche Einfluss reduziert wird. Einen solchen Prozess streben die beteiligten Staaten etwa im Kyoto-Protokoll an. Dieses Szenario wird in Form des 2°C-Ziels diskutiert. Dazu notwendig wäre eine rasche Stabilisierung der Weltbevölkerung auf 7 Milliarden Menschen, der schnelle Übergang zu einer Service– und Dienstleistungsökonomie mit einer rapide verminderten Rohstoffabhängigkeit und eine Abnahme der weltweiten Treibhausgasemissionen. Dabei muss bedacht werden, dass selbst eine Erhöhung um “nur” 2°C bereits eine massive Veränderung unserer Lebensumstände herbeiführen wird. Das Abschmelzen von Gletschern und Eismassen wird fortschreiten und der Meeresspiegel ansteigen, so dass ganze Länder in ihrer Existenz bedroht werden.</p>
<p>Die reaktive Variante, die wesentlich wahrscheinlicher erscheint, bedeutet eine kurzfristig eintretende Klimakatstrophe, welche die Gesellschaft zu raschen Maßnahmen bewegt. Ein Beispiel für eine solch gesteigerte Wahrnehmung ist in Europa der Sommer 2003 gewesen, in dem die Zeitungen mit immer neuen  sechsstelligen Zahlen die Hitzetoten zählten. Unter der Annahme, dass eine fossil-intensive Wirtschaft weiter wächst und das Bevölkerungswachstum nicht gebremst werden kann, ist eine Erwärmung um 4°C wahrscheinlich und über 6°C möglich. Die Folgen wären ein schnell ansteigender Meeresspiegel, langanhaltende Dürren und eine weitere Zunahme der Wetterextreme wie Starkregen und Stürme. Ein Sommer wie im Jahr 2003 wäre dann ein statistisch gesehen eher kühles Ereignis. In einer solchen Welt müssten wir unsere Lebensräume schützen: Deiche an unseren Küsten, Klimaanlagen in unseren Gebäuden und eine klimaangepasste Wirtschaft und Lebensweise. Diejenigen Regionen, die eine solche Anpassung nicht leisten können, werden mit katastrophalen Auswirkungen konfrontiert sein.</p>
<p>Die Zukunftsangst des Klimawandels ist vergleichbar mit der Bedrohung des kalten Krieges. Die Angst vor der Endgültigkeit eines Nuklearschlages und seiner globalen Zerstörungskraft hat letztendlich dazu geführt, dass die Bombe nicht eingesetzt wurde. Anders als im atomaren Konflikt reicht es heute leider nicht aus, den Knopf nicht zu drücken. Es müssen aktive, zielgerichtete Handlungen unternommen werden, um den menschlichen Einfluss auf das Klima zu minimieren. Sollte dies fehlschlagen, gilt: Rette sich wer kann!</p>
<p><small>© Dies ist ein RSS-Feed der <a  href="http://kontextschmiede.de">Kontextschmiede</a></small></p><p><strong>Den Artikel <a  href="http://kontextschmiede.de/denn-sie-tun-nicht-was-sie-wissen-klimawandel-in-der-diskussion//#respond">kommentieren</a></strong></p><small>Weitere Artikel zu diesem Thema:</small><ol>
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		<title>Emmet Brown und Bullshit-Science-Journalismus</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 13:48:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[kurzweilig]]></category>

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		<description><![CDATA[Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich ungeachtet der Zeitverschiebung diese Woche aus dem Bett klingelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zugestoßen. In gewisser Weise war es das auch, weil der Boulevard nämlich seine geliebte Wissenschaft vereinnahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schulter nehmen, er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich ungeachtet der Zeitverschiebung diese Woche aus dem Bett klingelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zugestoßen. In gewisser Weise war es das auch, weil der Boulevard nämlich seine geliebte Wissenschaft vereinnahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schulter nehmen, er ist schließlich Wissenschaftler aus Leidenschaft. Wenn er auf den Titelseiten am Kiosk liest, dass Liberale und Atheisten einen höheren IQ haben als Konservative und dass Fremdgeher einen niedrigeren IQ haben als treue Partner, dann fühlt er, der er eher agnostisch und vielleicht auch liberal ist und trotzdem konservativ in seinem partnerschaftlichen Verhalten, sich nicht geschmeichelt. Dann schrillen bei ihm alle Alarmglocken und er möchte wissen, ob so eine marktschreierische Aussage auch stimmt.</p>
<p>Spätestens nach dem Satz »Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…« setzt nämlich in den Redaktionsstuben die oftmals eigengelobte Faktenrecherche komplett aus und jeder Unsinn wird wiedergekäut. Dass ein Journalist sich auf fremde Expertise verlässt, bei einem Thema wo er ausnahmsweise nicht das Gefühl hat, selbst ausreichend Experte zu sein, um Meinung zu machen, finde ich eigentlich nur menschlich und nicht verdammungswürdig. Aber Emmet schreit mich durch den Hörer an, dass diese Schlagzeilen ein Paradebeispiel dafür liefern, was so grundsätzlich falsch läuft in der Beziehung von Wissenschaft, Gesellschaft und den vermittelnden Medien. Der wissenschaftliche Artikel, der hinter der boulevardesken Zuspitzung steht, ist noch vor Abdruck in einem wissenschaftlichen Magazin in den Medien lanciert worden.<span id="more-2540"></span></p>
<p>Ist doch toll, denke ich, da macht die Wissenschaft Werbung für ihre Sache und obendrein besetzt sie Themen, die für Nichtwissenschaftler interessant sind. Das sieht Emmet anders. Wofür gibt es eigentlich Wissenschaftsredaktionen, wenn die sich die Qualität der Arbeit nicht mal flüchtig ansehen, das Vorwort alleine wimmelt doch von unbelegten Tatsachenbehauptungen, diffusen Hypothesen und Grundannahmen. Außerdem ist es Evolutionspsychologie. »Evolutionspsychologie«. Allein das Wort schon. Das wurde nur erfunden, weil die Soziobiologie als Disziplin im Streit um <em>nature vs nurture</em> in den Siebzigern so verbrannt wurde, dass die wissenschaftsfremdelnden Apologeten des Vorurteils sich lieber unter anderem Namen wieder versammelten. Emmet ist kein Freund der Evolutionspsychologie. Da wimmelt es von Scharlatanen, da sieht man, was alles falsch läuft im Wissenschaftsbetrieb, meint er.</p>
<p>Als ich ihn darauf hinweise, dass der Artikel »Why Liberals and Atheists Are More Intelligent« in einer renommierten Fachpublikation erscheinen wird, rastet Emmet schier aus. Das <em>peer review</em>–Verfahren taugt ganz offensichtlich nichts, wenn Autoren wie Satoshi Kanazawa ihr dubioses Verständnis von Theoriebildung und statistischer Signifikanz, sowie einen sehr kreativen Umgang mit Daten weiterhin in wissenschaftlichen Magazinen verbreiten dürfen. Dabei wurde Kanagawa bereits mehrfach und nachdrücklich auf offensichtliche Fehler in seiner Methodik hingewiesen.</p>
<blockquote><p>Dr. Kanazawa has looked for some interesting patterns, and it is certainly possible that the effects he is finding are real (in the sense of generalizing to the larger population). But the results could also be reasonably explained by chance and by selection effects. I think a proper reporting of Kanazawa’s findings would be that they are interesting, and compatible with his biological theories, but not statistically confirmed. <cite title="Department of Statistics, Columbia University, New York, NY 10027, USA">Andrew Gelman</cite></p>
</blockquote>
<p>Das ist ein in Wissenschaftssprache formulierter Hinweis auf »Bullshit!« der in einem Brief an die Herausgeber des <em>Journal of Theoretical Biology</em> ging. Emmet hat noch weitere Perlen solcher Zen-Koans der Zurückhaltung ausgegraben. Kevin Denny, beispielsweise, widmete Herrn Kanazawas Theorie im letzten Jahr gleich ein eigenes Paper im <em>Journal of Evolutionary Psychology,</em> das ähnlich höflich im Ton und noch vernichtender in der Bewertung der wissenschaftlichen Qualität von Kanazawas Arbeit ist. Passenderweise heißt es »On a Dubious Theory of Cross-Country Differences in Intelligence«.</p>
<p>Überhaupt, dieser Kanazawa. Angesichts der Äußerungen, mit denen er sonst noch in der Öffentlichkeit von sich reden macht, fällt es schwer, sich nicht in ad hominem Argumenten zu verlieren, statt seine Arbeit zu kritisieren. Kanazawa sprach sich unter anderem in einem Gedankenexperiment dafür aus, den nahen Osten mit Atombomben zu planieren, Ende der Terroranschläge, da wären auch keine Frauen übrig, neue Terroristen in die Welt zu setzen. Mir wäre fast der Hörer aus der Hand gefallen, bei dem Mangel an Zurückhaltung, den Emmet am Telefon an den Tag legte. Ich glaube, man kann es zusammenfassen mit: »Ein Paradebeispiel dafür, was alles falsch läuft in der Welt«.</p>
<p>Wem Schamesröte gut zu Gesicht steht, der möge sich unbedingt noch die Abrechnungen mit Kanazawa durchlesen, die eine kurze Recherche in der Blogosphäre zutage gefördert hat. »<a  title="Köstlich: Matt Katz fragt sich, wie jemand trotz eines solch offensichtlichen Defizits an der London School of Economics angestellt wird" href="http://www.morelightmorelight.com/2009/09/30/satoshi-kanazawa-cannot-think/" target="_blank">Satoshi Kanazawa can not think</a>« oder auch »<a  title="Rust Belt Philosophy nimmt die Argumente Kanazawas auseinander" href="http://rustbeltphilosophy.blogspot.com/2009/08/satoshi-kanazawa-has-better-things-to.html" target="_blank">Satoshi Kanazawa has better things to do than use logic</a>«. Interessanterweise hat er auch einen eigenen <a  title="Wikilink: Satoshi Kanazawa (auf Englisch)" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Satoshi_Kanazawa" target="_blank">Wikipediaeintrag,</a> der bei allem Streben der Onlineenzyklopädie nach Neutralität trotzdem kein besonders vorteilhaftes Bild des Evolutionspsychologen, der eigentlich Sozialwissenschaftler ist, zeichnet.</p>
<p>Was ist eigentlich los mit diesen Sozialwissenschaftlern, regt Emmet sich auf. Warum melden sich von denen immer wieder diejenigen, die damals die Einführung in die Statistik geschwänzt haben, die doch alle besucht haben müssten, und präsentieren ihre Unkenntnis in völlig merkbefreiten Beiträgen zu Debatten jenseits ihrer Expertise. Wenn sie die denn für irgendeine Disziplin haben sollten. Zur Klimadebatte möchten sie sich aber immer wieder unbedingt lächerlich machen. Nicht, dass die Zeitungen, die ihnen als willfährige Plattform zur Verfügung stehen, weniger merkbefreit ob der fehlenden Expertise der Wissenschaftler wären. Immer raus mit den klimaskeptischen Kommentaren. Sind ja Wissenschaftler.</p>
<p>Dabei könnte die Wissenschaft, in der nicht immer alles so wissenschaftlich von Statten geht, wie der Laie sich das gern vorstellt, auch ganz gut ein externes Korrektiv vertragen. Jemanden, der dem Betrieb auf die Finger schaut, jemanden, der erklärt, dass Forschung oft auch Politik ist, mit internen Machtkämpfen und Einflüssen von Lobbygruppen. Jemanden, der öffentlich macht, was alles falsch läuft in der Welt der Wissenschaft.<br class="spacer_" /></p>
<p>Leider ist Emmet von einer gewissen Naivität, wie sie manchen Wissenschaftlern in Filmen gerne angedichtet wird, nicht frei. Deswegen musste ich seine Frage, ob es denn nicht die Aufgabe von Journalisten sei, öffentlich zu machen, was alles falsch läuft in der Welt, mit einem bitteren Lächeln quittieren. Bei SpOn findet sich im Wissenschaftsressort eine <a  title="Psychologen glauben, dass sie die Vorurteile erklären können, die wir hier als Tatsachen präsentieren" href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,680956,00.html" target="_blank">wenig kritische Aufarbeitung </a>der »Erkenntnisse« Kanazawas. Was die Bild daraus macht, das konnte man am Kiosk zur Genüge sehen.</p>
<p>Die Debatte um Journalismus ist im Moment ein so leidiges Thema, da ist der Wissenschaftsbetrieb nicht der einzige Bereich, der sich mit Qualität manchmal schwer tut. Die gibt es übrigens auch im Journalismus immer noch. Vielleicht müssten Journalisten einfach nur mehr Zeitung lesen: »<a  title="Sehr putzig, wie der Artikel eingebettet ist. Da sieht man mal, was in Onlineredaktionen alles falsch läuft. Titten wohin das Auge blickt." href="http://www.tz-online.de/lust-leidenschaft/aktuell/deppen-studie-maenner-frauen-betruegen-sinddumm-653958.html" target="_blank">Deppen-Studie: Männer, die Frauen betrügen, sind dumm</a>« oder »<a  title="Spektrum der Wissenschaft - im aktuellen Heft greifen sie Kanazawa als Beispiel für unwissenschaftlichen Umgang mit Satistik auf - aber das liest wohl wieder kein Schwein." href="http://www.spektrum.de/artikel/1017406" target="_blank">Haben schöne Eltern mehr Töchter?</a>« zum Beispiel.</p>
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		<title>Emmet Brown und das Arbeitsamt</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Jan 2010 10:59:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern habe ich wieder mit meinem Freund Emmet Brown telefoniert. Emmet gehört zu dem, was manche heute Prekariat nennen, einer sozialen Gruppierung von Menschen, die in unsicheren Einkommensverhältnissen leben. Weil Emmet seiner Passion folgt, von der die gleichen Leute, die das Wachstum des Prekariats mit herablassender Sorge betrachten, sagen, dass diese Passion ein wichtiges und schützenswertes Gut sei, wird er so schnell das Prekariat auch nicht verlassen. Emmet ist nämlich Wissenschaftler.</p>
<p>Für den sozialen Aufstieg ist seine Berufswahl wenig vielversprechend. Leider ist er keiner dieser Forschung-ist-die-beste-Medizin-ham-se-mal-ne-Milliarde-Euro-für-Schweinegrippe-Wissenschaftler, geschweige, dass er »was Ordentliches« mit Technik und so macht, sondern ein Grundlagenforscher, dem es um den  finanziell irrelevanten Gewinn von Erkenntnis geht. Mit der <a  title="Wird selbst von der Luxusklasse des schweizer Offiziersmessers geschmäht - der Fluxkompensator" href="http://www.netzpolitik.org/2010/nicht-zum-telefonieren-geeignet/" target="_blank">Arbeit an Fluxkompensatoren</a> ist für »die Wirtschaft« nun mal kein Staat zu machen. Emmet verzweifelt aber nicht an der Ungerechtigkeit der Welt, sondern kniet sich weiter in ein Leben ohne Wochenenden, pendelt für Forschungsprojekte regelmäßig 600 Kilometer zwischen verschiedenen Labors hin und her und ist froh, dass er überhaupt einen Arbeitsvertrag hat, der ihm seine Forschung und die Ausbildung der nächsten Generation von Arbeitssuchenden ermöglicht. Dummerweise läuft sein aktueller Vertrag bald aus und weil Emmet weiter seine Miete(n) zahlen muss, während er auf neue Forschungsprojekte oder Lehraufträge wartet, wendet er sich ans Arbeitsamt.<span id="more-2190"></span></p>
<p>Die Agentur für Arbeit, wie das Arbeitsamt heute genannt werden will, soll fördern und fordern und dafür sorgen, dass Arbeitgeber und Arbeitssuchende zügig zueinander finden. Es kann aber seinen Charakter nicht mit seinem Namen wechseln, die Beamtenseele bleibt dem Laden treu. Das mag Vorteile haben, zumindest ist es politisch kaum anders zu lösen. Nur für Emmet ist das etwas unglücklich, weil er einen Arbeitgeber hat, der von einer mindestens eben so großen Sturheit geprägt ist, wie sie dem Arbeitsamt als Staatsorgan zu eigen ist. Die deutschen Universitäten haben ihre ganz eigenen politischen Vorgaben, von denen nicht jede darauf abzielt, ihren Arbeitnehmern finanzielle Sicherheit zu bieten.</p>
<p>Das wäre alles nicht so schlimm, Emmet ist flexibel, er schaut sich im Ausland nach Arbeit um und geht auch ohne Arbeitsvertrag weiter seiner Tätigkeit als Forscher nach, während er darauf wartet, dass Gelder für auf seine Arbeit zugeschnittene Projekte bewilligt werden, aus denen neue, befristete Stellen entstehen. Emmet ist ja noch jung und muss sich erst als Forscher einen Namen machen, mit dem er selbst Gelder beantragen kann oder gar einen jener legendären Lehrstühle ergattern, die für das Fortbestehen des universitären Ausbildungsbetriebes nicht ganz unwichtig sind. Wobei Emmet mir auch ganz schaurige Geschichten über die Juniorprofessur erzählt hat, aber davon will ich lieber ein anderes Mal berichten. Jedenfalls war er ganz aufgeregt am Telefon, weil die Agentur für Arbeit so viel Flexibilität anscheinend nicht gewohnt ist, vielleicht ist sie auch nicht gewollt, in jedem Fall ist für Emmet womöglich Sense mit einen Namen machen und gezielt weiter am Forschungsprofil arbeiten.</p>
<p>Das Arbeitsamt ist nämlich gar nicht begeistert, dass Emmet seine (recht beachtlichen) Forschungsergebnisse auf namhaften Tagungen in Amerika vorstellen will, noch sind Fortbildungsmaßnahmen an hochspezialisierten Einrichtungen im Ausland Teil der Programme, die das Amt als relevant für berufliches Fortkommen ansieht. Dabei ist es für Forscher an Fluxkompensatoren geradezu unabdingbar, auch mal mit einem Zeitparadoxon zu arbeiten. Dafür gibt es in Deutschland einfach keine Labors. Jetzt wartet Emmet, während darüber befunden wird, ob er entgegen den Bestimmungen für Arbeitssuchende ins Ausland reisen darf. Es könnte ja sein, dass während seiner Abwesenheit auf einer Tagung plötzlich ein Arbeitgeber die passende Stelle für sein Profil aus dem Hut zaubert. Also ein Labor für Fluxkompensatoren quasi aus dem Nichts in der deutschen Universitätenlandschaft auftaucht.</p>
<p>Nun ja, wenn es einen Forschungsbereich gibt, bei dem man mit diesem Phänomen rechnen muss, dann wohl den von Doc Brown.</p>
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		<title>Wissenschaft und Gesellschaft: Der Elfenbeinturm ist ein Hemmschuh für Bildungsreformen</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Jun 2009 21:52:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[analytisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Investitionen in Bildung sind die Basis einer Wissensgesellschaft. Obwohl dieses Mantra von Politikern, Wirtschaftsvertretern und Akademikern gleichermaßen gepredigt wird, stehen die tatsächlichen Investitionen in Bildung und die Präsenz des Themas im gesellschaftlichen Diskurs in keinem Verhältnis zu dessen propagierter Wichtigkeit. Warum wird in Deutschland so häufig über die Wichtigkeit von Bildung und so selten über [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="cap"><span>I</span></span><em class="update">nvestitionen in Bildung sind die Basis einer Wissensgesellschaft. Obwohl dieses Mantra von Politikern, Wirtschaftsvertretern und Akademikern gleichermaßen gepredigt wird, stehen die tatsächlichen Investitionen in Bildung und die Präsenz des Themas im gesellschaftlichen Diskurs in keinem Verhältnis zu dessen propagierter Wichtigkeit. Warum wird in Deutschland so häufig über die Wichtigkeit von Bildung und so selten über Bildung gesprochen?</em><br />
<q class="pullquote">Die Akademiker schaffen es nicht, ein zutreffenderes Bild wissenschaftlichen Arbeitens zu verbreiten.</q><br />
Ein Teil dieses Widerspruchs kann womöglich mit einem grundlegenden Defizit der akademischen Kreise erklärt werden: Die Wissenschaft ist in Deutschland kaum an die Gesellschaft angebunden. Sie ist im sprichwörtlichen Elfenbeinturm eingeschlossen. Auch wenn eine Studie über die Zusammenarbeit von Biomedizinern mit Journalisten zum Fazit kommt, <a  href="http://idw-online.de/pages/de/news269579" title="Link zum Forschungszentrum Jülich, wo der Artikel als PDF verfügbar ist">der Elfenbeinturm sei ein Mythos</a>, ändert das noch nichts an der Wahrnehmung in der Bevölkerung. Ausgerechnet die Berichterstattung zu dieser Studie kann als negatives Beispiel dienen, wie die Jagd nach dem Sensationsgehalt einer Nachricht deren Wahrheitsgehalt schmälert. Dabei beklagen sich Wissenschaftler häufig über genau diese Unsitte, ihre um Präzision bemühten Aussagen bis zur Verfälschung zuzuspitzen.<br />
<span id="more-847"></span><br />
Selbst im <a  href="http://www.sueddeutsche.de/wissen/378/448112/text/" title="Interview in der Süddeutschen Zeitung">Interview mit dem Leiter der Untersuchung, Hans Peter Peters,</a> wird nicht klargestellt, dass die Studie keineswegs Aussagen über alle Wissenschaftler treffen kann, sondern sich nur die Selbsteinschätzung von Stammzellenforschern und Epidemiologen zur Grundlage macht. Trotzdem wird aus diesem durchweg positiven Selbstbild der beteiligten Mediziner die plakative Behauptung aufgestellt, Wissenschaftler in Deutschland seien völlig verkannt. „Den Elfenbeinturm gibt es nicht.“</p>
<p>Einige Indizien deuten leider in die gegenteilige Richtung. Informationsangebote der Universitäten richten sich in erster Linie an potentielle Sponsoren oder künftige Studenten und setzen auf die Sogwirkung solcher Veranstaltungen, statt stärker auf die Bürger ihrer Stadt zuzugehen. Gerade unter Geisteswissenschaftlern ist es in manchen Kreisen dermaßen verpönt, sich einer „unwissenschaftlichen“ Diskussion zu stellen, dass Kollegen, die sich der Öffentlichkeit in Fernsehinterviews anbieten, mit Verachtung gestraft werden. Infolge des Vorwurfs von „Unwissenschaftlichkeit“ kann sogar die wissenschaftliche Karriere nachhaltig beschädigt werden. Man ist unter Wissenschaftlern sehr vom guten Willen seiner Kollegen abhängig, damit die eigenen Arbeiten häufig zitiert werden. So ist der Anreiz, sich außerhalb akademischer Kreise an Debatten zu beteiligen, natürlich sehr gering. </p>
<p>Ein besonders krasses Indiz dafür, dass Wissenschaftler eine abgeschottete Rolle in der Gesellschaft spielen, ist das Verhalten der etablierten Politiker, wenn Wissenschaftler Zutritt zur Politik suchen. Paul Kirchhof klingeln wahrscheinlich heute noch die Ohren von der Gehässigkeit, mit der seine akademische Qualifikation, <a  href="http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,374825,00.html" title="Der Deutsche Hochschulverband ist nicht erfreut">„der Professor aus Heidelberg“</a> zu sein, in Volksferne umgedeutet wurde. Offensichtlich sind Wissenschaftler in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig „Volk“ um Volksvertreter zu sein. Wie sonst könnte aus der Qualifikation eine Diffamierung werden?</p>
<p>Wissenschaftler sind selbst in solchen gesellschaftlichen Debatten unterrepräsentiert, die ihre ureigene Kompetenz berühren. Dies gilt nicht nur beim Thema Bildung, sondern auch in Diskussionen, wie man mit <a  href="http://achdulieberdarwin.blogspot.com/2009/04/wissenschaft-zwischen-elfenbeinturm-und.html" title="Reinhold Leinfelder vomMuseum für Naturkunde Berlin bietet einen Überblick über wissenschaftsfeindliche Strömungen">wissenschaftsfeindlichen Weltanschauungen</a> umzugehen habe. Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte um die Bedeutung der Evolutionslehre, die auch in Deutschland von kreationistischen Weltanschauungen angegriffen wird. Vorabendsendungen, die ihr „Infotainment“ mit einem völlig ungerechtfertigten Anstrich von Wissenschaftlichkeit versehen, verfälschen auf perfide Weise die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft. Sie werden jedoch von nichtakademischen Zuschauern mangels Gegenstimme häufig als repräsentativ wahrgenommen. Populärwissenschaftliche Beiträge, die der Repräsentation von wissenschaftlicher Arbeit im Selbstverständnis der Forscher gerecht werden, verdienen mangels ihrer Verbreitung leider in den seltensten Fällen das Prädikat „populär“. Die Akademiker schaffen es nicht, ein zutreffenderes Bild wissenschaftlichen Arbeitens zu verbreiten. Fraglich ist allerdings, ob sie sich in ausreichendem Maße darum bemühen.</p>
<p>Wissenschaftliche Diskurse sind zunächst einmal im wahrsten Sinne des Wortes exklusiv — sie schließen nichtakademische Teilnehmer grundsätzlich aus. Um so wichtiger ist eine aktive Auseinandersetzung mit dem Rest der Gesellschaft, die dieser die wissenschaftlichen Positionen erläutert und zugänglich macht. Nicht zuletzt gibt es eine gewisse moralische Verantwortung, sich um die Legitimation von Wissenschaft zu bemühen. Wer von der Gesellschaft alimentiert wird, um an staatlich finanzierten Einrichtungen seinen Interessen nachzugehen, darf sich auch in der Pflicht sehen, diesen Vorschuss zurückzuzahlen. Nicht nur, in dem er seine Arbeit tut, sondern auch, indem er seinen Gönnern Zuwendung schenkt und versucht, ihnen die Ergebnisse seines Tuns nahezubringen. Die Science-Blogs könnten ein Indikator dafür sein, dass es ein wachsendes Bemühen um aktives Zugehen auf den Rest der Gesellschaft gibt. Dort wird die <a  href="http://blog.juergen-luebeck.de/archives/1352-Der-Muff-unter-den-Talaren-kommt-wieder-hervor.html" title="Jürgen Lübeck verlinkt in seiner kurzen Abrechnung mit der Arroganz mancher Professoren auch auf weitere Positionen">Selbstgenügsamkeit mancher Akademiker jedenfalls sehr kritisch beäugt</a>. </p>
<p>Es bleibt zu hoffen, dass von Wissenschaftlern in Zukunft tatsächlich vermehrt die Öffentlichkeit gesucht wird. Sie haben neben Schülern, Lehrern und Studenten am meisten zu gewinnen. Dafür müssen sie sich im Kampf um die öffentliche Meinung mit Werbung für die eigenen Interessen hervortun und zeigen, dass sie Teil der Gesellschaft sind. Sonst reden in den Talkshows weiter die immer gleichen Arbeitgebervertreter, Gewerkschafter und Politiker darüber, wie wichtig Bildung doch sei. Dass man jetzt aber zunächst das Augenmerk auf Investitionen für die Wirtschaft legen müsse.</p>
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<li><a href='http://kontextschmiede.de/emmet-brown-und-das-arbeitsamt/' rel='bookmark' title='Emmet Brown und das Arbeitsamt'>Emmet Brown und das Arbeitsamt</a></li>
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