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	<title>Kontextschmiede &#187; Wissenschaft</title>
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		<title>Emmet Brown und Bullshit-Science-Journalismus</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Mar 2010 13:48:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[kurzweilig]]></category>

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		<description><![CDATA[Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich ungeachtet der Zeitverschiebung diese Woche aus dem Bett klingelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zugestoßen. In gewisser Weise war es das auch, weil der Boulevard nämlich seine geliebte Wissenschaft vereinnahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schulter nehmen, er [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich ungeachtet der Zeitverschiebung diese Woche aus dem Bett klingelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zugestoßen. In gewisser Weise war es das auch, weil der Boulevard nämlich seine geliebte Wissenschaft vereinnahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schulter nehmen, er ist schließlich Wissenschaftler aus Leidenschaft. Wenn er auf den Titelseiten am Kiosk liest, dass Liberale und Atheisten einen höheren IQ haben als Konservative und dass Fremdgeher einen niedrigeren IQ haben als treue Partner, dann fühlt er, der er eher agnostisch und vielleicht auch liberal ist und trotzdem konservativ in seinem partnerschaftlichen Verhalten, sich nicht geschmeichelt. Dann schrillen bei ihm alle Alarmglocken und er möchte wissen, ob so eine marktschreierische Aussage auch stimmt.</p>
<p>Spätestens nach dem Satz »Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…« setzt nämlich in den Redaktionsstuben die oftmals eigengelobte Faktenrecherche komplett aus und jeder Unsinn wird wiedergekäut. Dass ein Journalist sich auf fremde Expertise verlässt, bei einem Thema wo er ausnahmsweise nicht das Gefühl hat, selbst ausreichend Experte zu sein, um Meinung zu machen, finde ich eigentlich nur menschlich und nicht verdammungswürdig. Aber Emmet schreit mich durch den Hörer an, dass diese Schlagzeilen ein Paradebeispiel dafür liefern, was so grundsätzlich falsch läuft in der Beziehung von Wissenschaft, Gesellschaft und den vermittelnden Medien. Der wissenschaftliche Artikel, der hinter der boulevardesken Zuspitzung steht, ist noch vor Abdruck in einem wissenschaftlichen Magazin in den Medien lanciert worden.<span id="more-2540"></span></p>
<p>Ist doch toll, denke ich, da macht die Wissenschaft Werbung für ihre Sache und obendrein besetzt sie Themen, die für Nichtwissenschaftler interessant sind. Das sieht Emmet anders. Wofür gibt es eigentlich Wissenschaftsredaktionen, wenn die sich die Qualität der Arbeit nicht mal flüchtig ansehen, das Vorwort alleine wimmelt doch von unbelegten Tatsachenbehauptungen, diffusen Hypothesen und Grundannahmen. Außerdem ist es Evolutionspsychologie. »Evolutionspsychologie«. Allein das Wort schon. Das wurde nur erfunden, weil die Soziobiologie als Disziplin im Streit um <em>nature vs nurture</em> in den Siebzigern so verbrannt wurde, dass die wissenschaftsfremdelnden Apologeten des Vorurteils sich lieber unter anderem Namen wieder versammelten. Emmet ist kein Freund der Evolutionspsychologie. Da wimmelt es von Scharlatanen, da sieht man, was alles falsch läuft im Wissenschaftsbetrieb, meint er.</p>
<p>Als ich ihn darauf hinweise, dass der Artikel »Why Liberals and Atheists Are More Intelligent« in einer renommierten Fachpublikation erscheinen wird, rastet Emmet schier aus. Das <em>peer review</em>–Verfahren taugt ganz offensichtlich nichts, wenn Autoren wie Satoshi Kanazawa ihr dubioses Verständnis von Theoriebildung und statistischer Signifikanz, sowie einen sehr kreativen Umgang mit Daten weiterhin in wissenschaftlichen Magazinen verbreiten dürfen. Dabei wurde Kanagawa bereits mehrfach und nachdrücklich auf offensichtliche Fehler in seiner Methodik hingewiesen.</p>
<blockquote><p>Dr. Kanazawa has looked for some interesting patterns, and it is certainly possible that the effects he is finding are real (in the sense of generalizing to the larger population). But the results could also be reasonably explained by chance and by selection effects. I think a proper reporting of Kanazawa’s findings would be that they are interesting, and compatible with his biological theories, but not statistically confirmed. <cite title="Department of Statistics, Columbia University, New York, NY 10027, USA">Andrew Gelman</cite></p>
</blockquote>
<p>Das ist ein in Wissenschaftssprache formulierter Hinweis auf »Bullshit!« der in einem Brief an die Herausgeber des <em>Journal of Theoretical Biology</em> ging. Emmet hat noch weitere Perlen solcher Zen-Koans der Zurückhaltung ausgegraben. Kevin Denny, beispielsweise, widmete Herrn Kanazawas Theorie im letzten Jahr gleich ein eigenes Paper im <em>Journal of Evolutionary Psychology,</em> das ähnlich höflich im Ton und noch vernichtender in der Bewertung der wissenschaftlichen Qualität von Kanazawas Arbeit ist. Passenderweise heißt es »On a Dubious Theory of Cross-Country Differences in Intelligence«.</p>
<p>Überhaupt, dieser Kanazawa. Angesichts der Äußerungen, mit denen er sonst noch in der Öffentlichkeit von sich reden macht, fällt es schwer, sich nicht in ad hominem Argumenten zu verlieren, statt seine Arbeit zu kritisieren. Kanazawa sprach sich unter anderem in einem Gedankenexperiment dafür aus, den nahen Osten mit Atombomben zu planieren, Ende der Terroranschläge, da wären auch keine Frauen übrig, neue Terroristen in die Welt zu setzen. Mir wäre fast der Hörer aus der Hand gefallen, bei dem Mangel an Zurückhaltung, den Emmet am Telefon an den Tag legte. Ich glaube, man kann es zusammenfassen mit: »Ein Paradebeispiel dafür, was alles falsch läuft in der Welt«.</p>
<p>Wem Schamesröte gut zu Gesicht steht, der möge sich unbedingt noch die Abrechnungen mit Kanazawa durchlesen, die eine kurze Recherche in der Blogosphäre zutage gefördert hat. »<a  title="Köstlich: Matt Katz fragt sich, wie jemand trotz eines solch offensichtlichen Defizits an der London School of Economics angestellt wird" href="http://www.morelightmorelight.com/2009/09/30/satoshi-kanazawa-cannot-think/" target="_blank">Satoshi Kanazawa can not think</a>« oder auch »<a  title="Rust Belt Philosophy nimmt die Argumente Kanazawas auseinander" href="http://rustbeltphilosophy.blogspot.com/2009/08/satoshi-kanazawa-has-better-things-to.html" target="_blank">Satoshi Kanazawa has better things to do than use logic</a>«. Interessanterweise hat er auch einen eigenen <a  title="Wikilink: Satoshi Kanazawa (auf Englisch)" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Satoshi_Kanazawa" target="_blank">Wikipediaeintrag,</a> der bei allem Streben der Onlineenzyklopädie nach Neutralität trotzdem kein besonders vorteilhaftes Bild des Evolutionspsychologen, der eigentlich Sozialwissenschaftler ist, zeichnet.</p>
<p>Was ist eigentlich los mit diesen Sozialwissenschaftlern, regt Emmet sich auf. Warum melden sich von denen immer wieder diejenigen, die damals die Einführung in die Statistik geschwänzt haben, die doch alle besucht haben müssten, und präsentieren ihre Unkenntnis in völlig merkbefreiten Beiträgen zu Debatten jenseits ihrer Expertise. Wenn sie die denn für irgendeine Disziplin haben sollten. Zur Klimadebatte möchten sie sich aber immer wieder unbedingt lächerlich machen. Nicht, dass die Zeitungen, die ihnen als willfährige Plattform zur Verfügung stehen, weniger merkbefreit ob der fehlenden Expertise der Wissenschaftler wären. Immer raus mit den klimaskeptischen Kommentaren. Sind ja Wissenschaftler.</p>
<p>Dabei könnte die Wissenschaft, in der nicht immer alles so wissenschaftlich von Statten geht, wie der Laie sich das gern vorstellt, auch ganz gut ein externes Korrektiv vertragen. Jemanden, der dem Betrieb auf die Finger schaut, jemanden, der erklärt, dass Forschung oft auch Politik ist, mit internen Machtkämpfen und Einflüssen von Lobbygruppen. Jemanden, der öffentlich macht, was alles falsch läuft in der Welt der Wissenschaft.<br class="spacer_" /></p>
<p>Leider ist Emmet von einer gewissen Naivität, wie sie manchen Wissenschaftlern in Filmen gerne angedichtet wird, nicht frei. Deswegen musste ich seine Frage, ob es denn nicht die Aufgabe von Journalisten sei, öffentlich zu machen, was alles falsch läuft in der Welt, mit einem bitteren Lächeln quittieren. Bei SpOn findet sich im Wissenschaftsressort eine <a  title="Psychologen glauben, dass sie die Vorurteile erklären können, die wir hier als Tatsachen präsentieren" href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,680956,00.html" target="_blank">wenig kritische Aufarbeitung </a>der »Erkenntnisse« Kanazawas. Was die Bild daraus macht, das konnte man am Kiosk zur Genüge sehen.</p>
<p>Die Debatte um Journalismus ist im Moment ein so leidiges Thema, da ist der Wissenschaftsbetrieb nicht der einzige Bereich, der sich mit Qualität manchmal schwer tut. Die gibt es übrigens auch im Journalismus immer noch. Vielleicht müssten Journalisten einfach nur mehr Zeitung lesen: »<a  title="Sehr putzig, wie der Artikel eingebettet ist. Da sieht man mal, was in Onlineredaktionen alles falsch läuft. Titten wohin das Auge blickt." href="http://www.tz-online.de/lust-leidenschaft/aktuell/deppen-studie-maenner-frauen-betruegen-sinddumm-653958.html" target="_blank">Deppen-Studie: Männer, die Frauen betrügen, sind dumm</a>« oder »<a  title="Spektrum der Wissenschaft - im aktuellen Heft greifen sie Kanazawa als Beispiel für unwissenschaftlichen Umgang mit Satistik auf - aber das liest wohl wieder kein Schwein." href="http://www.spektrum.de/artikel/1017406" target="_blank">Haben schöne Eltern mehr Töchter?</a>« zum Beispiel.</p>
<p><small>© Dies ist ein RSS-Feed der <a  href="http://kontextschmiede.de">Kontextschmiede</a></small></p><p><strong>Den Artikel <a  href="http://kontextschmiede.de/emmet-brown-und-bullshit-science-journalismus//#respond">kommentieren</a></strong></p>

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		<title>Emmet Brown und das Arbeitsamt</title>
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		<pubDate>Wed, 13 Jan 2010 10:59:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Gestern habe ich wieder mit meinem Freund Emmet Brown telefoniert. Emmet gehört zu dem, was manche heute Prekariat nennen, einer sozialen Gruppierung von Menschen, die in unsicheren Einkommensverhältnissen leben. Weil Emmet seiner Passion folgt, von der die gleichen Leute, die das Wachstum des Prekariats mit herablassender Sorge betrachten, sagen, dass diese Passion ein wichtiges und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gestern habe ich wieder mit meinem Freund Emmet Brown telefoniert. Emmet gehört zu dem, was manche heute Prekariat nennen, einer sozialen Gruppierung von Menschen, die in unsicheren Einkommensverhältnissen leben. Weil Emmet seiner Passion folgt, von der die gleichen Leute, die das Wachstum des Prekariats mit herablassender Sorge betrachten, sagen, dass diese Passion ein wichtiges und schützenswertes Gut sei, wird er so schnell das Prekariat auch nicht verlassen. Emmet ist nämlich Wissenschaftler.</p>
<p>Für den sozialen Aufstieg ist seine Berufswahl wenig vielversprechend. Leider ist er keiner dieser Forschung-ist-die-beste-Medizin-ham-se-mal-ne-Milliarde-Euro-für-Schweinegrippe-Wissenschaftler, geschweige, dass er »was Ordentliches« mit Technik und so macht, sondern ein Grundlagenforscher, dem es um den  finanziell irrelevanten Gewinn von Erkenntnis geht. Mit der <a  title="Wird selbst von der Luxusklasse des schweizer Offiziersmessers geschmäht - der Fluxkompensator" href="http://www.netzpolitik.org/2010/nicht-zum-telefonieren-geeignet/" target="_blank">Arbeit an Fluxkompensatoren</a> ist für »die Wirtschaft« nun mal kein Staat zu machen. Emmet verzweifelt aber nicht an der Ungerechtigkeit der Welt, sondern kniet sich weiter in ein Leben ohne Wochenenden, pendelt für Forschungsprojekte regelmäßig 600 Kilometer zwischen verschiedenen Labors hin und her und ist froh, dass er überhaupt einen Arbeitsvertrag hat, der ihm seine Forschung und die Ausbildung der nächsten Generation von Arbeitssuchenden ermöglicht. Dummerweise läuft sein aktueller Vertrag bald aus und weil Emmet weiter seine Miete(n) zahlen muss, während er auf neue Forschungsprojekte oder Lehraufträge wartet, wendet er sich ans Arbeitsamt.<span id="more-2190"></span></p>
<p>Die Agentur für Arbeit, wie das Arbeitsamt heute genannt werden will, soll fördern und fordern und dafür sorgen, dass Arbeitgeber und Arbeitssuchende zügig zueinander finden. Es kann aber seinen Charakter nicht mit seinem Namen wechseln, die Beamtenseele bleibt dem Laden treu. Das mag Vorteile haben, zumindest ist es politisch kaum anders zu lösen. Nur für Emmet ist das etwas unglücklich, weil er einen Arbeitgeber hat, der von einer mindestens eben so großen Sturheit geprägt ist, wie sie dem Arbeitsamt als Staatsorgan zu eigen ist. Die deutschen Universitäten haben ihre ganz eigenen politischen Vorgaben, von denen nicht jede darauf abzielt, ihren Arbeitnehmern finanzielle Sicherheit zu bieten.</p>
<p>Das wäre alles nicht so schlimm, Emmet ist flexibel, er schaut sich im Ausland nach Arbeit um und geht auch ohne Arbeitsvertrag weiter seiner Tätigkeit als Forscher nach, während er darauf wartet, dass Gelder für auf seine Arbeit zugeschnittene Projekte bewilligt werden, aus denen neue, befristete Stellen entstehen. Emmet ist ja noch jung und muss sich erst als Forscher einen Namen machen, mit dem er selbst Gelder beantragen kann oder gar einen jener legendären Lehrstühle ergattern, die für das Fortbestehen des universitären Ausbildungsbetriebes nicht ganz unwichtig sind. Wobei Emmet mir auch ganz schaurige Geschichten über die Juniorprofessur erzählt hat, aber davon will ich lieber ein anderes Mal berichten. Jedenfalls war er ganz aufgeregt am Telefon, weil die Agentur für Arbeit so viel Flexibilität anscheinend nicht gewohnt ist, vielleicht ist sie auch nicht gewollt, in jedem Fall ist für Emmet womöglich Sense mit einen Namen machen und gezielt weiter am Forschungsprofil arbeiten.</p>
<p>Das Arbeitsamt ist nämlich gar nicht begeistert, dass Emmet seine (recht beachtlichen) Forschungsergebnisse auf namhaften Tagungen in Amerika vorstellen will, noch sind Fortbildungsmaßnahmen an hochspezialisierten Einrichtungen im Ausland Teil der Programme, die das Amt als relevant für berufliches Fortkommen ansieht. Dabei ist es für Forscher an Fluxkompensatoren geradezu unabdingbar, auch mal mit einem Zeitparadoxon zu arbeiten. Dafür gibt es in Deutschland einfach keine Labors. Jetzt wartet Emmet, während darüber befunden wird, ob er entgegen den Bestimmungen für Arbeitssuchende ins Ausland reisen darf. Es könnte ja sein, dass während seiner Abwesenheit auf einer Tagung plötzlich ein Arbeitgeber die passende Stelle für sein Profil aus dem Hut zaubert. Also ein Labor für Fluxkompensatoren quasi aus dem Nichts in der deutschen Universitätenlandschaft auftaucht.</p>
<p>Nun ja, wenn es einen Forschungsbereich gibt, bei dem man mit diesem Phänomen rechnen muss, dann wohl den von Doc Brown.</p>
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		<title>Wissenschaft und Gesellschaft: Der Elfenbeinturm ist ein Hemmschuh für Bildungsreformen</title>
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		<pubDate>Wed, 17 Jun 2009 21:52:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>erz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[analytisch]]></category>

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		<description><![CDATA[Investitionen in Bildung sind die Basis einer Wissensgesellschaft. Obwohl dieses Mantra von Politikern, Wirtschaftsvertretern und Akademikern gleichermaßen gepredigt wird, stehen die tatsächlichen Investitionen in Bildung und die Präsenz des Themas im gesellschaftlichen Diskurs in keinem Verhältnis zu dessen propagierter Wichtigkeit. Warum wird in Deutschland so häufig über die Wichtigkeit von Bildung und so selten über [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="cap"><span>I</span></span><em class="update">nvestitionen in Bildung sind die Basis einer Wissensgesellschaft. Obwohl dieses Mantra von Politikern, Wirtschaftsvertretern und Akademikern gleichermaßen gepredigt wird, stehen die tatsächlichen Investitionen in Bildung und die Präsenz des Themas im gesellschaftlichen Diskurs in keinem Verhältnis zu dessen propagierter Wichtigkeit. Warum wird in Deutschland so häufig über die Wichtigkeit von Bildung und so selten über Bildung gesprochen?</em><br />
<q class="pullquote">Die Akademiker schaffen es nicht, ein zutreffenderes Bild wissenschaftlichen Arbeitens zu verbreiten.</q><br />
Ein Teil dieses Widerspruchs kann womöglich mit einem grundlegenden Defizit der akademischen Kreise erklärt werden: Die Wissenschaft ist in Deutschland kaum an die Gesellschaft angebunden. Sie ist im sprichwörtlichen Elfenbeinturm eingeschlossen. Auch wenn eine Studie über die Zusammenarbeit von Biomedizinern mit Journalisten zum Fazit kommt, <a  href="http://idw-online.de/pages/de/news269579" title="Link zum Forschungszentrum Jülich, wo der Artikel als PDF verfügbar ist">der Elfenbeinturm sei ein Mythos</a>, ändert das noch nichts an der Wahrnehmung in der Bevölkerung. Ausgerechnet die Berichterstattung zu dieser Studie kann als negatives Beispiel dienen, wie die Jagd nach dem Sensationsgehalt einer Nachricht deren Wahrheitsgehalt schmälert. Dabei beklagen sich Wissenschaftler häufig über genau diese Unsitte, ihre um Präzision bemühten Aussagen bis zur Verfälschung zuzuspitzen.<br />
<span id="more-847"></span><br />
Selbst im <a  href="http://www.sueddeutsche.de/wissen/378/448112/text/" title="Interview in der Süddeutschen Zeitung">Interview mit dem Leiter der Untersuchung, Hans Peter Peters,</a> wird nicht klargestellt, dass die Studie keineswegs Aussagen über alle Wissenschaftler treffen kann, sondern sich nur die Selbsteinschätzung von Stammzellenforschern und Epidemiologen zur Grundlage macht. Trotzdem wird aus diesem durchweg positiven Selbstbild der beteiligten Mediziner die plakative Behauptung aufgestellt, Wissenschaftler in Deutschland seien völlig verkannt. „Den Elfenbeinturm gibt es nicht.“</p>
<p>Einige Indizien deuten leider in die gegenteilige Richtung. Informationsangebote der Universitäten richten sich in erster Linie an potentielle Sponsoren oder künftige Studenten und setzen auf die Sogwirkung solcher Veranstaltungen, statt stärker auf die Bürger ihrer Stadt zuzugehen. Gerade unter Geisteswissenschaftlern ist es in manchen Kreisen dermaßen verpönt, sich einer „unwissenschaftlichen“ Diskussion zu stellen, dass Kollegen, die sich der Öffentlichkeit in Fernsehinterviews anbieten, mit Verachtung gestraft werden. Infolge des Vorwurfs von „Unwissenschaftlichkeit“ kann sogar die wissenschaftliche Karriere nachhaltig beschädigt werden. Man ist unter Wissenschaftlern sehr vom guten Willen seiner Kollegen abhängig, damit die eigenen Arbeiten häufig zitiert werden. So ist der Anreiz, sich außerhalb akademischer Kreise an Debatten zu beteiligen, natürlich sehr gering. </p>
<p>Ein besonders krasses Indiz dafür, dass Wissenschaftler eine abgeschottete Rolle in der Gesellschaft spielen, ist das Verhalten der etablierten Politiker, wenn Wissenschaftler Zutritt zur Politik suchen. Paul Kirchhof klingeln wahrscheinlich heute noch die Ohren von der Gehässigkeit, mit der seine akademische Qualifikation, <a  href="http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,374825,00.html" title="Der Deutsche Hochschulverband ist nicht erfreut">„der Professor aus Heidelberg“</a> zu sein, in Volksferne umgedeutet wurde. Offensichtlich sind Wissenschaftler in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig „Volk“ um Volksvertreter zu sein. Wie sonst könnte aus der Qualifikation eine Diffamierung werden?</p>
<p>Wissenschaftler sind selbst in solchen gesellschaftlichen Debatten unterrepräsentiert, die ihre ureigene Kompetenz berühren. Dies gilt nicht nur beim Thema Bildung, sondern auch in Diskussionen, wie man mit <a  href="http://achdulieberdarwin.blogspot.com/2009/04/wissenschaft-zwischen-elfenbeinturm-und.html" title="Reinhold Leinfelder vomMuseum für Naturkunde Berlin bietet einen Überblick über wissenschaftsfeindliche Strömungen">wissenschaftsfeindlichen Weltanschauungen</a> umzugehen habe. Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte um die Bedeutung der Evolutionslehre, die auch in Deutschland von kreationistischen Weltanschauungen angegriffen wird. Vorabendsendungen, die ihr „Infotainment“ mit einem völlig ungerechtfertigten Anstrich von Wissenschaftlichkeit versehen, verfälschen auf perfide Weise die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft. Sie werden jedoch von nichtakademischen Zuschauern mangels Gegenstimme häufig als repräsentativ wahrgenommen. Populärwissenschaftliche Beiträge, die der Repräsentation von wissenschaftlicher Arbeit im Selbstverständnis der Forscher gerecht werden, verdienen mangels ihrer Verbreitung leider in den seltensten Fällen das Prädikat „populär“. Die Akademiker schaffen es nicht, ein zutreffenderes Bild wissenschaftlichen Arbeitens zu verbreiten. Fraglich ist allerdings, ob sie sich in ausreichendem Maße darum bemühen.</p>
<p>Wissenschaftliche Diskurse sind zunächst einmal im wahrsten Sinne des Wortes exklusiv — sie schließen nichtakademische Teilnehmer grundsätzlich aus. Um so wichtiger ist eine aktive Auseinandersetzung mit dem Rest der Gesellschaft, die dieser die wissenschaftlichen Positionen erläutert und zugänglich macht. Nicht zuletzt gibt es eine gewisse moralische Verantwortung, sich um die Legitimation von Wissenschaft zu bemühen. Wer von der Gesellschaft alimentiert wird, um an staatlich finanzierten Einrichtungen seinen Interessen nachzugehen, darf sich auch in der Pflicht sehen, diesen Vorschuss zurückzuzahlen. Nicht nur, in dem er seine Arbeit tut, sondern auch, indem er seinen Gönnern Zuwendung schenkt und versucht, ihnen die Ergebnisse seines Tuns nahezubringen. Die Science-Blogs könnten ein Indikator dafür sein, dass es ein wachsendes Bemühen um aktives Zugehen auf den Rest der Gesellschaft gibt. Dort wird die <a  href="http://blog.juergen-luebeck.de/archives/1352-Der-Muff-unter-den-Talaren-kommt-wieder-hervor.html" title="Jürgen Lübeck verlinkt in seiner kurzen Abrechnung mit der Arroganz mancher Professoren auch auf weitere Positionen">Selbstgenügsamkeit mancher Akademiker jedenfalls sehr kritisch beäugt</a>. </p>
<p>Es bleibt zu hoffen, dass von Wissenschaftlern in Zukunft tatsächlich vermehrt die Öffentlichkeit gesucht wird. Sie haben neben Schülern, Lehrern und Studenten am meisten zu gewinnen. Dafür müssen sie sich im Kampf um die öffentliche Meinung mit Werbung für die eigenen Interessen hervortun und zeigen, dass sie Teil der Gesellschaft sind. Sonst reden in den Talkshows weiter die immer gleichen Arbeitgebervertreter, Gewerkschafter und Politiker darüber, wie wichtig Bildung doch sei. Dass man jetzt aber zunächst das Augenmerk auf Investitionen für die Wirtschaft legen müsse.</p>
<p><small>© Dies ist ein RSS-Feed der <a  href="http://kontextschmiede.de">Kontextschmiede</a></small></p><p><strong>Den Artikel <a  href="http://kontextschmiede.de/wissenschaft-und-gesellschaft-der-elfenbeinturm-ist-ein-hemmschuh-fur-bildungsreformen//#respond">kommentieren</a></strong></p>

<small>Weitere Artikel zu diesem Thema:</small><ol><li><a href='http://kontextschmiede.de/emmet-brown-und-bullshit-science-journalismus/' rel='bookmark' title='Permanent Link: Emmet Brown und Bullshit-Science-Journalismus'>Emmet Brown und Bullshit-Science-Journalismus</a></li>
<li><a href='http://kontextschmiede.de/netizens-ein-teil-der-gesellschaft/' rel='bookmark' title='Permanent Link: Netizens, ein Teil der Gesellschaft'>Netizens, ein Teil der Gesellschaft</a></li>
<li><a href='http://kontextschmiede.de/jedes-jahr-das-gleiche-spiel-scheindebatten-zur-bildungspolitik/' rel='bookmark' title='Permanent Link: Jedes Jahr das gleiche Spiel — Scheindebatten zur Bildungspolitik'>Jedes Jahr das gleiche Spiel — Scheindebatten zur Bildungspolitik</a></li>
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