Seid gegrüßt, Euer Diskurshoheit

Der päpst­li­che Bann­strahl trifft den deut­schen Dis­kurs an emp­find­li­cher Stelle. Der des Sprach­paps­tes, wohl­ge­merkt. »Geschwätz«, hat er gesagt, und qua sei­nes Amtes wird damit einem Groß­teil der­je­ni­gen, die sich der deut­schen Spra­che für ihre Teil­nahme an öffent­li­chen Gesprä­chen bedie­nen, die Daseins­be­rech­ti­gung in die­sen Dis­kur­sen abgesprochen.

Wolf Schnei­der hat in sei­nem Leben sicher­lich viel Rich­ti­ges gesagt. Wo er jedem Auto­ren, jeder Auto­rin emp­fiehlt, sich selbst der größte Kri­ti­ker zu sein, da fällt es schwer, ihm nicht bei­zu­pflich­ten, der er gleich­zei­tig ein gro­ßer Fan sei­nes eige­nen Schaf­fens ist. Wolf Schnei­der tut aller­dings trotz all sei­ner Bemü­hun­gen um klare Spra­che und Ver­ständ­lich­keit dem Dis­kurs nicht nur unrecht, er beschä­digt ihn durch seine bloße Anwe­sen­heit. Dafür kann er nichts, zumin­dest wird er es kaum gewollt haben. Und doch ist es seine Funk­tion in die­sem Dis­kurs, die Rolle als Sprach­papst, als letzt­in­stanz­li­che Auto­ri­tät, die ihn zum trau­ri­gen Fanal des Schei­terns von Ver­stän­di­gung macht. […] → zu Ende lesen

Von alten Medien lernen

Im ers­ten Teil die­ser Reihe um Kom­pe­tenz in alten und neuen Medien haben wir die Grund­an­nahme vor­ge­stellt, dass Medien von ihren Nut­zern geformt wer­den. Außer­dem haben wir uns mit eini­gen Beson­der­hei­ten des Medi­ums Dis­tri­bu­ti­ons­ka­nals Inter­net beschäf­tigt. Heute wol­len wir uns zum Aus­gleich mit alten Medien beschäf­ti­gen und mit den Leh­ren, die wir für den Umgang mit neuen Medien dar­aus zie­hen kön­nen. Denn auch wenn es kon­zep­tio­nelle Unter­schiede zwi­schen ver­schie­de­nen Medi­en­ty­pen gibt, darf man dar­über deren Gemein­sam­kei­ten nicht ver­ges­sen: Es geht weni­ger darum, was ein Medium oder eine Tech­no­lo­gie kon­zep­tio­nell erlau­ben, als viel­mehr darum, wel­che Kon­ven­tio­nen sich für die Nut­zung ergeben.

Alte Medien haben einen Rei­fungs­pro­zess hin­ter sich, den wir als Erfah­rungs­schatz nicht ver­nach­läs­si­gen kön­nen. Viele der Kon­ven­tio­nen über­neh­men wir schließ­lich, ohne sie zu hin­ter­fra­gen. Wir lesen auch im Inter­net von links nach rechts, wir benut­zen Über­schrif­ten und Absätze, um The­men ein­zu­füh­ren und zu grup­pie­ren. Wir kli­cken auf Pixel, die wie die Pik­to­gramme auf unse­ren Kas­set­ten­re­kor­dern aus­se­hen, wenn wir ein Video star­ten wol­len. All die Gewohn­hei­ten, die wir im Umgang mit ande­ren Medien erwor­ben haben, begeg­nen uns in neuen Medien wie­der. […] → zu Ende lesen

Para Tango

Düs­sel­dorf, März 2010. Im Tanzhaus-​​NRW fand am Wochen­ende vom 12 auf den 14 März ein Tang­o­fes­ti­val statt. In den hel­len Hal­len des ehe­ma­li­gen Stras­sen­bahn­de­pots tanz­ten Tangueras und Tangue­ros aus Argen­ti­nien, Schweiz und Deutsch­land. In der Lan­des­haupt­stadt gibt es ohne­hin viele Mög­lich­kei­ten, bei­nah jeden Tag zu einer Milonga, einem Tango – Tanz­abend, zu gehen. Tango Argen­tino ist die häu­figste Form des Tan­zes, die bei den Milon­gas prak­ti­ziert wird. Es gibt keine fest­ge­legte Schritt­ab­folge. Der füh­rende Tän­zer bewegt den fol­gen­den Part­ner durch den Raum und um seine Kör­pe­r­achse — Gan­chos, Saca­das, Boleos, Ochos… die Beine spie­len um und am Tanz­part­ner herum, die Kör­per sind in einer fes­ten Umarmung.

Füh­ren kön­nen und füh­ren las­sen – das ist eine der wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen für die­sen anspruchs­vol­len aber zugleich sehr inten­si­ven Paar­tanz. Tango wurde von UNESCO als »kul­tu­relle Iden­ti­tät« bezeich­net und zum Welt­kul­tur­erbe ernannt — Iden­ti­tät, die weit über die Gren­zen von Argen­ti­nien ihre Gel­tung fand, ob in Japan, Finn­land oder Deutsch­land – ein Lebens­ge­fühl, das einen nicht mehr los läßt, sobald es Mann oder Frau in sei­nen Bann gezo­gen hat.

Medienkompetenz und das Internet

Stand der Dinge: Alles ändert sich. Also alles wie immer in die­sem Inter­net. Man­cher­orts führt das die elder sta­tes­men der deut­schen Netz­pu­bli­zis­tik und Blog­szene zu melan­cho­li­schen Betrach­tun­gen, das Zwi­schen­fa­zit für Blogs fällt ent­spre­chend nüch­tern aus. Aber es wird ja bald Früh­ling, da erwacht auch der cabrio­fahrt­wind­ge­föhnte Eulen­spie­gel mit der Hass­kappe wie­der aus dem Win­ter­schlaf und schießt gegen den Wild­wuchs der selbst­er­klär­ten Netz­ex­per­ten und social-​​media-​​Berater. Wor­auf eine kluge Replik dem lesen­den Betrach­ter offen­bart, dass es tat­säch­lich Exper­ten mit Sach­ver­stand und Wil­len zum Dis­kurs auch in Deutsch­land gibt. Wie schon regel­mä­ßig zuvor stellt sich trotz­dem die Speer­spitze der Net­zevan­ge­lis­ten die Frage, wohin die Reise eigent­lich geht und gibt einige Ant­wor­ten gleich mit.

Der Wan­del scheint stets von Außen zu kom­men: Der ver­meint­lich hei­lige Gral der Online­jour­na­lis­mus­fi­nan­zie­rung wird in Gestalt einer pro­prie­tä­ren Platt­form aus Cuper­tino vor­ge­stellt und die Hys­te­rie der Ver­lags­me­dien implo­diert zur größ­ten pro bono Wer­be­kam­pa­gne aller Zei­ten. Es gibt auch Medi­en­men­schen, die kluge Fra­gen stel­len: Wo sol­len denn eigent­lich die Inhalte her­kom­men, same old, same old wird auch auf der eier­le­gen­den Woll­milch­sau iPad nicht funk­tio­nie­ren. Ein Maga­zin aus Ame­rika legt vor und die Mess­latte auf: Die Stu­die von Wired ist ange­sichts der dort ver­mut­lich gebün­del­ten Medi­en­kom­pe­tenz (das Blatt wird regel­mä­ßig in ein­schlä­gi­gen Schrif­ten aus der CMC-​​Forschung zitiert) aller­dings eher unter­wäl­ti­gend. […] → zu Ende lesen

Der Rundgang – Sehen und gesehen werden

Die Span­nung steigt. Schon Wochen zuvor krei­sen die Gedan­ken der Stu­die­ren­den der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf um die all­jähr­li­che Aus­stel­lung, mit der jedes Win­ter­se­mes­ter seit 1932 abschließt: An fünf offi­zi­el­len Besuchs­ta­gen strö­men die unter­schied­lichs­ten Men­schen zu einem ein­tritts­freien Kul­tur­er­eig­nis, das sich nicht allein durch die Werke und ihre Aus­ein­an­der­set­zung mit der Lebens­welt der Kunst­schaf­fen­den erschöpft. Die Aka­de­mie wird Schau­platz der Kri­tik, der Inspi­ra­tion und der diver­gie­ren­den Auf­fas­sun­gen über Kunst und das sowohl für den Besu­cher als auch für die Stu­die­ren­den selbst.

Letz­tere erle­ben diese Woche eine Art Aus­nah­me­zu­stand, gehen nur noch zum Schla­fen nach hause, sit­zen in oder vor den Räu­men ihrer Klas­sen und erfah­ren neben dem Gefühl, eine Leis­tung voll­bracht zu haben, gleich­zei­tig die Ohn­macht gegen­über ihren Wer­ken. Die hän­gen jetzt da, müs­sen für sich selbst spre­chen, denn nach zu fra­gen kos­tet gerade den Beob­ach­ter Über­win­dung, dem der inhalt­li­che Zugang ver­sperrt bleibt.

In die­sem Jahr wan­dere ich nicht ziel­los durch die Räume, denn meine per­sön­li­che Insi­de­r­adresse stellt gleich im ers­ten Stock aus. Erst­mal akkli­ma­ti­sie­ren, den Over­kill ver­hin­dern. Was gleich fol­gen soll, ist eine Flut von Ein­drü­cken, für die ich mich wapp­nen will. […] → zu Ende lesen

»Niemand ist objektiv« — Interview mit Sabine Schiffer

Portrait Dr. Sabine SchifferFoto: Susanne Gab­ler. Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Sabine Schiffer

Dr. Sabine Schif­fer ist Grün­de­rin und Vor­sit­zende des Insti­tu­tes für Medi­en­ver­ant­wor­tung. Sie pro­mo­vierte über die Islam­dar­stel­lung in den Medien und for­mu­liert zu die­sem The­men­kom­plex Posi­tio­nen, die durch­aus das Prä­di­kat kon­tro­vers ver­die­nen. Zumin­dest die­nen ihre The­sen immer wie­der als Pro­jek­ti­ons­fo­lie für wüten­den Wider­spruch, zum Bei­spiel den des Kolum­nis­ten Hen­ryk M. Bro­ders. Wegen einer Aus­sage in einem Inter­view zum Mord an Marwa El-​​Sherbini, in dem Sie einen »sicher­lich ras­sis­ti­schen« Hin­ter­grund des Poli­zis­ten­fehl­schus­ses in dem tra­gi­schen Ereig­nis ver­mu­tete, wurde ihr ein Straf­be­fehl des Amts­ge­rich­tes Erlan­gen zuge­stellt. Ein in den Gerichts­saal stür­men­der Poli­zist schoss damals auf den Ehe­mann El-​​Sherbinis, wäh­rend die­ser mit dem Angrei­fer rang.

Frau Schif­fer erklärte sich bereit, trotz des lau­fen­den Ver­fah­rens einige Fra­gen per Mail zu beant­wor­ten, nach­dem Sie bereits einen ande­ren Arti­kel der Kon­text­schmiede kom­men­tiert hatte. Wir haben uns dar­auf geei­nigt, das Inter­view unge­kürzt im Wort­laut zu ver­öf­fent­li­chen. […] → zu Ende lesen



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