Das Wohlfühlprogramm der klassischen Nassrasur

Ein guter Vor­satz passt immer: Sich auch mal etwas Gutes tun. Manch­mal ist dafür die Rück­be­sin­nung auf alte Bräu­che das Mit­tel der Wahl. Frü­her war ja nicht alles schlechter.

Ganz im Gegen­teil sind man­che Ent­wick­lun­gen des Kon­sum­ver­hal­tens gera­dezu skur­ril. Wir kau­fen stän­dig Krem­pel, den wir nicht brau­chen. Pro­dukt­ent­wick­lung wird von der Mar­ke­ting­ab­tei­lung gesteu­ert, damit bunte Gim­micks in der Wer­bung Unter­scheid­bar­keit der sonst belie­bi­gen Mar­ken gewähr­leis­ten können.

Sys­tem­ra­sie­rer mit atom­ge­trie­be­ner Laser­vi­bra­tion und 12 beweg­li­chen, kryp­to­nit­be­schich­te­ten Klin­gen zum Bei­spiel bie­ten kaum Fort­schritt an Kom­fort. Dafür sind sie ein evo­lu­tio­nä­rer Höhe­punkt der wer­be­in­du­zier­ten Geld­ver­nich­tung. Im Bade­zim­mer­schrank ste­hen sie meist unweit eines Pro­duk­tes, das direkt aus der Hölle in die Super­markt­re­gale auf­steigt: Dosen­schaum. […] → zu Ende lesen

Der Knigge als Sprungbrett ins Fettnäpfchen: Andere Länder, andere Sitten

Wenn man in Deutsch­land jeman­dem eine Frage stellt, ist es ein Gebot der Höf­lich­keit, des­sen Ant­wort abzu­war­ten. Selbst wenn sich nicht alle an diese Kon­ven­tion hal­ten, ist sie doch gemein­hin als Regel akzep­tiert. In der Begeg­nung mit ande­ren Kul­tu­ren fällt einem des­we­gen manch­mal erst spät auf, dass die Regeln, mit denen wir auf­ge­wach­sen sind, alles andere als selbst­ver­ständ­lich sind. Im kon­kre­ten Fall kann es ein sehr lang­wie­ri­ges und unan­ge­neh­mes Unter­fan­gen sein, in Japan nach dem Weg zu fragen.

Gesetzt den Fall, man fin­det über­haupt einen Ansprech­part­ner, dem man sich ver­ständ­lich machen kann, muss man hof­fen, dass der Gesprächs­part­ner die Ant­wort auch wirk­lich weiß. Zumin­dest, wenn man kein Experte in japa­ni­scher Eti­kette ist. Man kann natür­lich gemäß der deut­schen Kon­ven­tion höf­lich abwar­ten, bis der Pas­sant, den man nach dem Weg zum laut Rei­se­füh­rer stadt­be­kann­ten Restau­rant gefragt hat, seine Aus­füh­run­gen been­det. Aller­dings kann man dann unter Umstän­den zuhö­ren, bis die Sonne unter­geht.
Höf­lich­keit ist eine uni­ver­selle Tugend. Die Regeln der Höf­lich­keit aber sind alles andere als uni­ver­sell.
Im Land der auf­ge­hen­den Sonne sind die Rol­len in der Gesprächs­füh­rung näm­lich anders ange­legt als in Deutsch­land. Hier ist es der Fra­gende, der höchste Sorg­falt wah­ren muss, sein Gegen­über nicht bloß­zu­stel­len. Er sollte zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt das Ein­drin­gen in die Sphäre sei­nes Gesprächs­part­ners been­den, um die­sen mög­lichst wenig zu beläs­ti­gen.
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Die Krawatte als Ausdruck der Bescheidenheit

In unse­rer Ein­füh­rung zur Serie über Stil haben wir bereits dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein Groß­teil der heute gül­ti­gen Benimm­kon­ven­tio­nen will­kür­lich aus­ge­wählte Sym­bole sind, die eine Wert­schät­zung der Mit­men­schen demons­trie­ren sol­len. Bes­tes Bei­spiel für solch ein Sym­bol ist die oft unge­liebte Kra­watte. Sie erfüllt kei­nen funk­tio­na­len Zweck, son­dern schränkt im Gegen­teil nur die eigene Frei­heit ein. Dahin­ter steckt System.

Warum beste­hen Per­so­nal­chefs auf Kra­wat­ten­z­wang für Mit­ar­bei­ter mit Kun­den­kon­takt? Wieso muss es immer so förm­lich sein, wenn ein Vor­stel­lungs­ge­spräch ansteht? Es gibt eine bes­sere Begrün­dung als „weil sich das so gehört“. […] → zu Ende lesen

Stilberatung — Etikette und Benimm

Etikette (oder auch Pro­to­koll) ist nichts, wovon man sich ver­un­si­chern las­sen sollte. Bei­des sind nichts wei­ter als will­kür­lich fest­ge­schrie­bene Kon­ven­tio­nen über zwi­schen­mensch­li­ches Ver­hal­ten. Die Regeln, die im his­to­ri­schen Gebrauch fest­ge­legt wur­den, neh­men aller­dings eine gefühlte Wich­tig­keit und Starr­heit an, die über die eigent­li­che Ursa­che der Grün­dung sol­cher Regeln hin­weg­täuscht. Weil gutes Beneh­men eine Umdeu­tung in rich­ti­ges Beneh­men erfuhr, erhal­ten Benimm­re­geln eine Aura von Wich­tig­keit, die für man­chen gera­dezu ein­schüch­ternd wirkt. Die­ser Arti­kel bil­det den Auf­takt zu einer Reihe über gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen und ihre Ursprünge, die sich gegen den erho­be­nen Zei­ge­fin­ger und Anspruch auf Rich­tig­keit rich­tet und einen neuen Zugang zu »gutem Stil« bie­ten möchte. Wer sich auf­rich­tig bemüht, zuvor­kom­mend und respekt­voll zu sein, zeigt immer gutes Benehmen

Mit der Über­hö­hung der Bewer­tung von rich­tig und falsch wird Benimm zu einem Instru­ment der Abschot­tung sozia­ler Schich­ten. Die »fei­nere Gesell­schaft« erhöht ihren Sta­tus über die zumeist ohne­hin schon beste­hen­den finan­zi­el­len Unter­schiede und dem Unter­schied des Bil­dungs­gra­des zu ande­ren gesell­schaft­li­chen Schich­ten hin­aus. Ihre Kon­ven­tio­nen wer­den zum Vor­bild und Maß­stab für alle Mit­glie­der der Gesell­schaft gemacht, obwohl die Kennt­nis der teils völ­lig will­kür­li­chen Regeln nicht in allen Schich­ten glei­cher­ma­ßen ver­brei­tet ist. Nicht ohne Grund sind es sol­che Benimm­kon­ven­tio­nen, die in Zei­ten gesell­schaft­li­chen Wan­dels mit Eifer von den auf­stre­ben­den Bevöl­ke­rungs­schich­ten abge­lehnt oder gar bekämpft wer­den, wie es zum Bei­spiel die 68er Gene­ra­tion im Moment ihres Auf­be­geh­rens tat. Von den Wer­ten ande­rer Gene­ra­tio­nen und Schich­ten sind es beson­ders die Benimm­re­geln, an denen sich als Sym­bol für das Über­kom­mene die Geis­ter ent­zün­den.
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