Stilberatung — Etikette und Benimm
Etikette (oder auch Protokoll) ist nichts, wovon man sich verunsichern lassen sollte. Beides sind nichts weiter als willkürlich festgeschriebene Konventionen über zwischenmenschliches Verhalten. Die Regeln, die im historischen Gebrauch festgelegt wurden, nehmen allerdings eine gefühlte Wichtigkeit und Starrheit an, die über die eigentliche Ursache der Gründung solcher Regeln hinwegtäuscht. Weil gutes Benehmen eine Umdeutung in richtiges Benehmen erfuhr, erhalten Benimmregeln eine Aura von Wichtigkeit, die für manchen geradezu einschüchternd wirkt. Dieser Artikel bildet den Auftakt zu einer Reihe über gesellschaftliche Konventionen und ihre Ursprünge, die sich gegen den erhobenen Zeigefinger und Anspruch auf Richtigkeit richtet und einen neuen Zugang zu »gutem Stil« bieten möchte. Wer sich aufrichtig bemüht, zuvorkommend und respektvoll zu sein, zeigt immer gutes Benehmen
Mit der Überhöhung der Bewertung von richtig und falsch wird Benimm zu einem Instrument der Abschottung sozialer Schichten. Die »feinere Gesellschaft« erhöht ihren Status über die zumeist ohnehin schon bestehenden finanziellen Unterschiede und dem Unterschied des Bildungsgrades zu anderen gesellschaftlichen Schichten hinaus. Ihre Konventionen werden zum Vorbild und Maßstab für alle Mitglieder der Gesellschaft gemacht, obwohl die Kenntnis der teils völlig willkürlichen Regeln nicht in allen Schichten gleichermaßen verbreitet ist. Nicht ohne Grund sind es solche Benimmkonventionen, die in Zeiten gesellschaftlichen Wandels mit Eifer von den aufstrebenden Bevölkerungsschichten abgelehnt oder gar bekämpft werden, wie es zum Beispiel die 68er Generation im Moment ihres Aufbegehrens tat. Von den Werten anderer Generationen und Schichten sind es besonders die Benimmregeln, an denen sich als Symbol für das Überkommene die Geister entzünden.
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