Das Rubikonproblem im Fußball

Im letzten Teil der Taktiktafel haben wir erläutert, wie Entscheidungen das Spiel prägen. Darauf aufbauend wollen wir uns heute konkreten Beispielen widmen, wie gute Spieler ihre Entscheidungen treffen. Mein persönlicher Favorit ist der Schrecken deutscher Fans und internationaler Abwehrreihen. Womöglich werden wir sein Genie beim nächsten Championsleaguespiel der Rossoneri das letzte mal international bewundern dürfen. Filippo "Superpippo" Inzaghi.

Inzaghi ist das positive Beispiel für eine Mischung aus Abschlußstärke (keine drei S in meinen Artikeln!) und Abgezocktheit. Wenn Pippo in der Nachspielzeit Elfmeter schindet, muss er ja erst mal einen Dummen finden, der ihn zu Fall bringt. Ein Freund von mir nannte Inzaghi den letzten Assassinen. Er erkennt die Schwäche seines Opfers, wie kein anderer Spieler, und beutet sie konsequent aus. So einen Spezialisten können Fans wohl nur lieben, wenn er für das eigene Team spielt. Alle anderen fürchten ihn. Anders als der grinsende Ohrschrauber macht Inzaghi aus seinen Absichten keinen Hehl und trägt die Aura des ruchlosen Killers mit Stolz.

Ein anderer Italiener legte vor etwas mehr als 2000 Jahren eine Volte hin, nach der ein Phänomen der Entscheidungspsychologie benannt wurde, das im Fußball besondere Bedeutung hat. Mitsamt seinem Heer überquerte Gaius Iulius Caesar den Rubikon und machte damit seine Entscheidung, gegen den Senat Roms in den Krieg zu ziehen, unumkehrbar. Der point of no return der Entscheidungsfindung wurde obendrein in seinem oft falsch übersetzten Ausspruch pointiert beschrieben:

Alea iacta est.

Caesar

Der Würfel ist geworfen. Auch im Fußball gibt es immer wieder den Punkt, an dem die Entscheidung für eine Handlung unumkehrbar wird. Am deutlichsten wird das in Situationen, in denen Spieler den Abschluss suchen. Wenn Arjen Robben wieder einmal seine besser postierten Nebenspieler ignoriert und sein Dribbling mit einem Torschuss beendet, kann man manchmal sogar vorher schon den Punkt sehen, ab dem er nicht mehr in der Lage ist, die Situation neu zu bewerten. Dann geht der Kopf runter, der Tunnelblick fokussiert sich auf Ball und Gegenspieler. Halbwegs selbstkritisch bemerkte er im Interview nach dem Spiel gegen Mailand sogar, dass er eine schlechte Entscheidung getroffen habe, als er blind aufs Tor schoss, statt überlegt in die Ecke zu schieben. Er muss sich allerdings nicht zu sehr grämen. Das commitment, die völlige Verpflichtung zur Erfüllung der Entscheidung ist es, die seine Stärken erst zum Tragen kommen lässt.

Andere Spieler haben die besondere Gabe, die endgültige Entscheidung für Pass, Dribbling oder Torschuss immer weiter aufzuschieben. Sie haben die Vision, das Geschehen um sich herum stets neu bewerten zu können. Deswegen können sie gegnerische Abwehrreihen überraschen. Iniesta hat vielleicht die beste Vision der Welt, Zidane konnte sich scheinbar zu jedem Zeitpunkt neu orientieren und Mesut Özil hatte in der Hinrunde manchmal eine Sekunde mehr Zeit als alle anderen Spieler auf dem Platz. Miroslav Klose kann in Hochform seinen Nebenmann einsetzen, wie kaum ein zweiter Stürmer, weil er den Moment der Entscheidung so weit hinauszögert, wie kein anderer Stürmer von Weltformat. An ihm sieht man aber auch, warum Stürmer in der Regel eher durch ihre Abschlußstärke glänzen. Denn Klose ohne Topform fehlt der Fokus auf den Torerfolg, mit dem Stürmer das Glück erzwingen. Ruud van Nistelrooy ist da von anderem Kaliber.

Anders herum ist der Tunnelblick nicht jedem Spieler dienlich. Ohne belastbare Statistiken zu bemühen, ist Trochowski wohl der Spieler der Liga, der die meisten Fahrkarten schießt. Immer wieder legt er sich den Ball zwei Schritte vor, nimmt den Kopf runter und die Balljungen gehen schon mal in Position, weil Trochowski nicht mehr auf den Verteidiger reagiert, der den Schuss blockieren wird. Vielleicht hört er von zu vielen Kommentatoren, dass er so eine tolle Schusstechnik habe, jedenfalls lassen seine Entscheidungen oft die Vision für das Spielgeschehen vermissen.

Pippo hingegen hat eine geradezu teuflische Gabe, das commitment, mit dem man Situationen für sich entscheidet, mit einem Gespür für Gelegenheiten jenseits des Abschlusses zu verbinden. Fast wünsche ich mir, er möge in seinem nächsten Spiel gegen United noch einmal zeigen, wie ein Assassine Fußball spielt.

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  • Stif sagt:

    Finde es im Fuß­ball immer schade, wenn jemand »Bes­ter der Welt« schreibt, obwohl er »Bes­ter Euro­pas« meint.

    Will sagen: Es ist natür­lich mög­lich, Copa Liberta­do­res oder süd­ame­ri­ka­ni­sche Ligen zu ver­fol­gen, aber das der­art zu tun, die bes­ten Spie­ler von dort ein­zu­schät­zen macht der Autor hier wohl nicht (behaupte ich ein­fach mal).

    Jetzt kann man behaup­ten, alles aus­ser den Top-​​Ligen Euro­pas ist nicht kon­kur­renz­fä­hig, in dem Fall wäre »Bes­ter Euro­pas« aber auch iden­tisch mit »Bes­ter der Welt« und von der Per­spek­tive aus nicht steigerungsbedürftig.

    Bis auf eine WM (und die letzte ist schon etwas her) gibt es so gut wie kei­nen inter­kon­ti­nen­ta­len Ver­gleich (wobei wohl nur der mit Süd­ame­rika inter­es­sant wäre), des­halb sind so Aus­sa­gen wie »wie kein ande­rer in der Welt« etwas unse­riös und das finde ich vor dem Hin­ter­grund des wirk­lich inter­es­san­ten Texts etwas schade.

    • erz sagt:

      Du Fuchs hast ja schon vor­weg­ge­nom­men, dass »bes­ter Euro­pas« deckungs­gleich mit »bes­ter der Welt« sein könnte. Die­sem Argu­men­ta­ti­ons­strang wollte ich ursprüng­lich folgen.

      Ich würde sogar noch schär­fer als du argu­men­tie­ren, dass es viele unent­deckte Talente gibt, die in bestimm­ten Gebie­ten noch talen­tier­ter sind: Womög­lich schlum­mert in der zwei­ten chi­ne­si­schen Liga der beste Kopf­ball­spie­ler der Welt, mit unnach­ahm­li­chem Timing und unglaub­li­cher Sprungkraft.

      Aber so ist das Leben, der Euro­zen­tris­mus gilt auch für den Fuß­ball. Und auch wenn du recht hast, dass eine All­aus­sage nicht guten Gewis­sens getrof­fen wer­den kann, so gilt doch für den eta­blier­ten (Fußball)diskurs: Nur wer in Europa zur Spitze gehört oder bei der WM auf­trumpft, der ist Welt­spitze. Der Rest zählt nicht.

      Der argu­men­ta­ti­ven Trenn­schärfe sei gezie­hen, dass Iniesta womög­lich nicht die beste Vision der Welt hat (des­glei­chen bei Klose). Ich kenne nur kei­nen Bes­se­ren und kann mich oben­drein in der Ein­schät­zung täu­schen. Es sei denn, Özil kommt end­lich in die Pötte. Dann ist er min­des­tens so welt­best, wie Pippo. Der näm­lich kana­li­siert die dunk­len Kräfte des Uni­ver­sums. Mindestens.

      Was wären denn dei­ner Mei­nung nach her­aus­ra­gende Bei­spiele für Spie­ler, die beson­dere Ent­schei­dun­gen tref­fen können?

  • Stif sagt:

    Ich musste bei »spä­ter Ent­schei­dung« spon­tan an Hristo Stoitch­kov den­ken. Ich war mir zu sei­ner akti­ven Zeit sicher, dass er beim Elf­me­ter mit sei­ner ent­gül­ti­gen Ent­schei­dung so lange war­tet bis der Tor­wart sich bewegt und dann die andere Ecke nimmt.

    Klose ist kein so gutes Bei­spiel. Es ist wahr, er setzt oft im letz­ten Moment sei­nen Mit­spie­ler ein und macht daas her­vor­ra­gend. Aller­dings ist das kein Ver­zö­gern der Ent­schei­dung, es ist nur unty­pisch für einen Stür­mer. Die Ent­schei­dung, dass er passt ist lange vor dem Pass gefallen.

    Habe ein Fuß­ball­spiel noch nicht unter die­sem Blick­win­kel betrach­tet, des­halb fällt mir das schwer, jeman­den zu nen­nen. Ich würde aber Bas­ler nen­nen, und auch Makaay (auf seine Weise).

  • Andre sagt:

    Ist Klose nicht sogar das per­fekte Gegen­be­si­piel? Der fokus­siert sich so früh aufs Abspiel wie andere auf den Tor­schuss. Wie oft man sich beim Zuschauen schon dachte, dass er den mal lie­ber sel­ber gemacht hätte.
    Und deine Ver­göt­te­rung von Özil in allen Ehren, aber meist nimmt er sich ein­fach nur (zu)viel Zeit. In mei­nen Augen fehlt ihm noch die Hand­lungs­schnel­lig­keit um zu Recht in der oben eröff­ne­ten Reihe zu ste­hen. Das ›Auge‹ oder wie auch immer man das nen­nen will, für eine sel­ten breite Palette an Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven hat er aber sicher.

    • erz sagt:

      Ja mit den Bei­spie­len ist das so eine Sache. Gerade in der abso­lu­ten Leis­tungs­spitze gibt es so man­chen Kan­di­da­ten, der nicht bestän­dig an sein Limit gehen kann. Ronald­inho in top-​​Form konnte als ein­zel­ner Spie­ler sogar Spiele ent­schei­den, hat Louis van Gaal über ihn gesagt, aber er konnte es nur ein Jahr lang. Erin­ner dich mal, wie Ronaldo und Rivaldo zwi­schen­zeit­lich drauf waren. Aber eben nicht ständig.

      Klose hat schon Pha­sen gehabt, in denen man erst in der Zeit­lupe erken­nen konnte, wie er noch eine Kör­per­täu­schung vor dem Tor­schuss ein­baut und bis zum letz­ten Moment seine Optio­nen abwägt. Erst, als der Tor­wart zu Boden geht, lupft Klose in die freie Ecke. Ohne Form ist er aller­dings tat­säch­lich ein kras­ses Gegenbeispiel.

      Özil regt mich im Moment nur auf. Vor allem, weil er in der Hin­runde kurz ange­deu­tet hat, was für Mög­lich­kei­ten er hat. Aber da muss ich als Fan­boy wohl durch (eigent­lich fing das als run­ning gag beim Indi­rek­ten Frei­stoss an), schließ­lich spielt Zidane nicht mehr…

  • Andre sagt:

    Den run­ning gag hab ich nich mit­be­kom­men, inso­fern kann ich grad nich ein­schät­zen, ob du dich zum Fan­boy hast pro­vo­zie­ren las­sen… Hat ja manch­mal schon was sehr reso­lu­tes, deine Anhim­me­lung ;)
    Wo wir grad bei ihm sind: was denkst du denn wie es mit ihm wei­ter­geht? Für mich hat er das Zeug zum nächs­ten Ail­ton muss ich geste­hen. Hin­aus in die weite Welt und zum gro­ßen Geld und aus wars. Er macht den Ein­druck, als ob er nur bei gerin­gen Ansprü­chen und gene­rel­lem Lieb­ge­habe sehr gut spielt. Ande­rer­seits waren seine N11-​​Auftritte ja durch­aus okay und er ist ja auch noch jung (aber schlecht bera­ten, so scheints).
    Klose: Kann mich eigent­lich nur an die Zeit mit Ivan Klas­nic erin­nern, da hatte man (ich) in der Tat den Ein­druck, dass Klose ein Welt­klas­se­mann ist (Klas­nic völ­lig unter­schätzt btw). Seit­her nicht viel gese­hen von ihm, zu lethar­gisch, er scheint zu sehr zu ›möch­ten‹. Hach ja, wär er mal in Bre­men geblie­ben. Die Umstände haben sich auch nie geklärt (Owo­mo­yela und so), aber ich schweife ab…

    • erz sagt:

      Ich mag grad nicht dran den­ken, was aus Özil wird. Wenn er sein Poten­tial nicht annä­hernd aus­schöp­fen sollte, wäre ich aller­dings wirk­lich betrübt.

  • Christopher sagt:

    Das ist doch was für mei­nen Bru­der, der seit 30 Jah­ren (sei­nes 38 jäh­ri­ges Lebens) Fuß­ball spielt. Lei­der hat es nur bis zur Regio­nal­liga regeicht.
    Ich dachte immer, dass seine Fußball-​​Erzählungen wären kom­plex, aber das hier ist echt eine detail­lierte Aus­ar­bei­tung. Respekt.

  • Nicht Tro­chow­ski. Hugo Almeida. Bei dem ist nicht nur die Ent­schei­dung zum Schuß, son­dern fast schon der Bewe­gungs­ab­lauf zu sehen, bevor er über­haupt den Ball bekom­men hat. Daher miss­lingt die Ball­an­nahme, weil er im Kopf schon ganz wo anders ist, und der Win­kel wird unnö­tig spitz.

    In einem von hun­dert Fäl­len liegt der Ball dann so, dass er in den Knick geht, wie im Pokal gegen Hoffenheim.

  • erz sagt:

    Schön, dass hier so gute Bei­spiele auf­schla­gen. An Elf­me­ter hatte ich dabei noch gar nicht gedacht, dabei wäre das ja das ideale Sze­na­rio. Auch Almeida scheint mir sehr gut zu pas­sen, auch wenn ich ihn wenig habe spie­len sehen.

  • heinzkamke sagt:

    Bei Elf­me­tern muss ich natür­lich sogleich an Heini Kam­kes dop­pelte Täu­schung in letz­ter Sekunde im ent­schei­den­den Spiel gegen die von der ers­ten Klasse den­ken.
    Aller­dings war seine Ent­schei­dung den­noch lange vor dem Schuss gefallen.

    Anders war es mei­nes Wis­sens bei Breit­ner (frü­here Bei­spiele kenne ich nicht), der immer sehr lange war­tete und dabei auf eine ziem­lich gute Quote kam (27÷33 in der Bundesliga).

  • heinzkamke sagt:

    Oh, da wurde meine Schräg­strich in ein Divi­si­ons­zei­chen umgewandelt.




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