Dem Tag mehr Leben geben

Ramona Bur­ger arbei­tet im Düs­sel­dor­fer Kin­der­hos­piz »Regen­bo­gen­land«. Im ver­gan­ge­nen Jahr sind hier drei Kin­der gestorben.

Düs­sel­dorf, im Dezem­ber. Manch­mal, sagt Ramona Bur­ger, sei ihr danach, rich­tig auf die Rolle zu gehen. Alles raus­zu­las­sen, zu tan­zen, den Kopf frei­zu­be­kom­men. »Man muss einen guten Frei­zeit­aus­gleich haben, sonst geht es nicht«, sagt sie und rückt ihr milch­gel­bes Polo­hemd zurecht. Ramona Bur­ger arbei­tet im Düs­sel­dor­fer Kin­der­hos­piz »Regen­bo­gen­land«. In die­sem Jahr sind hier drei Kin­der gestor­ben. Doch vom Tod ist wenig zu spü­ren an die­sem Mon­tag nach den Weihnachtsfeiertagen.


In den hel­len Räu­men mit dem Par­kett­bo­den sieht es aus wie im Lager des Christ­kinds. Warm ist es hier und bunt, von der Decke bau­meln Geschenke, auf den Tischen ste­hen Tel­ler mit Scho­ko­lade. Wer mag, kann mit rie­si­gen Stoff­tie­ren spie­len, dem Panda aus »Kung Fu Panda«, dem Hasen aus »Keinohr­ha­sen«, Tiger­en­ten und Ted­dy­bä­ren. Neben der Hän­ge­matte steht ein glu­ckern­des Was­ser­bett, ein fern­ge­steu­er­tes Auto liegt bereit, und der CD-​​Player spielt Musik von Rolf Zuckowski.

Als Moritz vor eini­gen Wochen hier war, war die Musik aus. Ramona hielt damals den sechs Wochen alten Säug­ling auf dem Arm. Er war blau im Gesicht, und sie pumpte mit einem Beu­tel Luft durch einen Schlitz in der Kehle. Eine Stunde lang. In sei­nem Mund steckte ein Schlauch, mit dem eine Maschine Schleim aus der Lunge saugte. Der Puls­schlag auf dem Moni­tor wurde immer schwä­cher. »Bleib noch Moritz, du musst doch auf deine Mut­ter war­ten«, hat Ramona gesagt. Moritz hat sich ange­strengt und gequält, sein win­zi­ges Herz, gerade ein­mal so groß wie eine Wal­nuss, hat gepocht. Die Mut­ter kam, nahm das Bün­del Leben in den Arm und setzte sich auf die Couch in den Abschieds­raum. Dann ist Moritz ist gestor­ben. Und Ramona Bur­ger hat geweint.

»Es ist für die Kin­der ein­fa­cher, wenn ihre Eltern sie gehen las­sen wol­len«, sagt die 29-​​Jährige mit der sport­li­chen Figur. Das spü­ren auch die Kleins­ten, davon ist sie über­zeugt. Ohne­hin sei der Tod für die Ange­hö­ri­gen viel schwie­ri­ger, »für die Kin­der ist er meist eine Erlö­sung«. So ist das Hos­piz vor allem dar­auf aus­ge­rich­tet, Angst vor dem Tod zu neh­men. »Nicht dem Leben mehr Tage, son­dern dem Tag mehr Leben geben«, steht in einem Buch, das am Ein­gang aus­liegt und das »Regen­bo­gen­land« vorstellt.

Man­che Krank­hei­ten könnte sich der Autor eines Hor­ror­films aus­ge­dacht haben

Wenn ein Kind unmit­tel­bar vor dem Tod steht, »final wird«, wie die Pfle­ger es nen­nen, hat es fast immer eine lange Lei­dens­ge­schichte hin­ter sich. Da gibt es Krank­hei­ten, die so per­fide sind, dass der Autor eines Hor­ror­films sie erdacht haben könnte. Etwa Mus­kel­dys­tro­phie: Bei kla­rem Ver­stand bil­den sich all­mäh­lich alle Mus­keln des Kör­pers zurück, bis schließ­lich die Atem­mus­ku­la­tur schwin­det. Ist ein Kind an Neu­ro­na­ler Ceroid-​​Lipofuszinose erkrankt, ent­wi­ckelt es sich über Jahre wie seine Alters­ge­nos­sen. Dann, anfangs kaum bemerk­bar, löst sich lang­sam das Gehirn auf. Und mit ihm die Per­sön­lich­keit. »Demenz der Jugend« wird die Krank­heit auch genannt. Es sind Krank­heits­bil­der, von denen die Wis­sen­schaft wenig ver­steht, weil sie so sel­ten vorkommen.

Auch Ramona muss nach­schla­gen, wenn sie etwas dar­über erfah­ren will. In ihrer Aus­bil­dung zur Kin­der­kran­ken­schwes­ter hat sie nichts dar­über gelernt, genauso wenig wie über den Umgang mit geis­tig oder kör­per­lich Behin­der­ten. Nach eini­gen Jah­ren im Kran­ken­haus las die Duis­bur­ge­rin eine Stel­len­an­zeige für das Hos­piz im nahen Düs­sel­dorf. Ohne viel nach­zu­den­ken, bewarb sie sich und wurde prompt genom­men. Was folgte, war eine Umstel­lung. In meh­re­rer Hinsicht.

Die Arbeit im Hos­piz ver­laufe ruhi­ger, fin­det sie. »Man hat mehr Zeit und kann auf Fra­gen der Eltern bes­ser ein­ge­hen, der Stress ist nicht so hoch.« An die Nähe des Todes hat sie sich gewöhnt, seit sie im Som­mer 2007 ange­fan­gen hat. Der All­tag lasse sich auch davon nicht auf­hal­ten. Wenn ein Kind stirbt, ruft sie den Kin­der­arzt an, um den Tod fest­stel­len zu las­sen, füllt For­mu­lare aus und wäscht den Leich­nam. »Da musst du auf­pas­sen, dass die Putz­frau nicht über den Eimer fällt«, sagt sie und lächelt.

»Den Tod nimmt man mit nach Hause«

Wenn sie nach der Schicht ihr Hemd gegen Jeans und Pull­over tauscht, die brau­nen Leder­stie­fel über­streift und mit dem schwar­zen BMW nach Hause fährt, hat Ramona den Arbeits­tag manch­mal schon ver­ges­sen. Als Moritz starb, war das anders. »Den Tod nimmt man mit nach Hause.« Um die Trauer zu bewäl­ti­gen, geht sie ins Fit­ness­stu­dio oder spricht mit Freun­den. Aber das hat Gren­zen. »Wenn ich mei­nen Zuhö­rer trau­ri­ger machen würde, als ich Trost bekäme, behalte ich es lie­ber für mich.« Ihrer Mut­ter hat sie die Geschichte von Moritz nicht erzählt. Fei­ern ist ja auch eine gute Strategie.

Das soll nach Ramo­nas Wunsch auch für den eige­nen Tod gel­ten. »Ich hoffe, dass die Leute Party machen.« Sie möchte unter einem Baum lie­gen, mit Blick aufs Spar­gel­feld. »Typisch deutsch, in Reih und Glied auf dem Fried­hof, das ist nichts für mich.«

Ob dann Schluss ist?

»Danach ist noch irgend­was. Sonst wär’ es ja sehr, sehr traurig.«

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  • jasmin sagt:

    Gut geschrie­ben. Danke für den ein­drucks­vol­len Artikel.

    Schöne Grüße, j.

  • Huge sagt:

    Die Über­schrift bewegt mich immer wie­der, wenn ich sie am Weges­rand auf den Wer­be­ta­feln sehe.

  • Falk Hörnke sagt:

    Ich möchte Sie auf ein beson­de­res Buch auf­merk­sam machen: »Den Tagen mehr Leben geben«. Es han­delt von einem außer­ge­wöhn­li­chen Koch und sei­nen ster­bens­kran­ken Gästen.

    […]
    Pres­se­text

    Dörte Schip­per
    DEN TAGEN MEHR LEBEN GEBEN
    Über Ruprecht Schmidt, den Koch, und seine Gäste
    Vor­wort von Udo Lindenberg

    253 Sei­ten, gebun­den mit Schutz­um­schlag
    € (D) 19,99 /​€ (A) 20,60 /​SFr. 34,50*
    ISBN 978−3−7857−2385−2
    […]

    Lebens­be­ja­hend, wie die Atmo­sphäre im Hos­piz, ist auch das Buch. Es erzählt über einen außer­ge­wöhn­li­chen Koch und die Lebens­ge­schich­ten sei­ner Gäste.

    _​_​_​
    Edit: Da in die­sem Kom­men­tar nur ein Pres­se­text im Full­quote stand, habe ich mir zum Selbst­schutz erlaubt, auf eine Quelle dafür zu ver­lin­ken und den Kom­men­tar zu kür­zen. Ich bitte um Ver­ständ­nis und bedanke mich für die erwie­sene Auf­merk­sam­keit. (erz)

  • Falk Hörnke sagt:

    Bes­ten Dank!




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