Der Rundgang – Sehen und gesehen werden

Die Span­nung steigt. Schon Wochen zuvor krei­sen die Gedan­ken der Stu­die­ren­den der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf um die all­jähr­li­che Aus­stel­lung, mit der jedes Win­ter­se­mes­ter seit 1932 abschließt: An fünf offi­zi­el­len Besuchs­ta­gen strö­men die unter­schied­lichs­ten Men­schen zu einem ein­tritts­freien Kul­tur­er­eig­nis, das sich nicht allein durch die Werke und ihre Aus­ein­an­der­set­zung mit der Lebens­welt der Kunst­schaf­fen­den erschöpft. Die Aka­de­mie wird Schau­platz der Kri­tik, der Inspi­ra­tion und der diver­gie­ren­den Auf­fas­sun­gen über Kunst und das sowohl für den Besu­cher als auch für die Stu­die­ren­den selbst.

Letz­tere erle­ben diese Woche eine Art Aus­nah­me­zu­stand, gehen nur noch zum Schla­fen nach hause, sit­zen in oder vor den Räu­men ihrer Klas­sen und erfah­ren neben dem Gefühl, eine Leis­tung voll­bracht zu haben, gleich­zei­tig die Ohn­macht gegen­über ihren Wer­ken. Die hän­gen jetzt da, müs­sen für sich selbst spre­chen, denn nach zu fra­gen kos­tet gerade den Beob­ach­ter Über­win­dung, dem der inhalt­li­che Zugang ver­sperrt bleibt.

In die­sem Jahr wan­dere ich nicht ziel­los durch die Räume, denn meine per­sön­li­che Insi­de­r­adresse stellt gleich im ers­ten Stock aus. Erst­mal akkli­ma­ti­sie­ren, den Over­kill ver­hin­dern. Was gleich fol­gen soll, ist eine Flut von Ein­drü­cken, für die ich mich wapp­nen will.

Mit Schreib­brett bewaff­net – damit ich wenigs­tens einige mei­ner Favo­ri­ten erneut auf­su­chen und in Ruhe betrach­ten kann – falle ich deut­li­cher auf, als mir lieb ist. Ein älte­rer Herr fragt mich anläss­lich eines Expo­na­tes prompt nach der Bedeu­tung des Wor­tes »cunt«. Ich über­setze mit: Es ist ein unschö­nes Wort für Vagina. Nach­dem ich die Frage, ob ich auch aus­stelle, ver­neint habe, ent­fernt sich der freund­li­che Mann.

Schnell sehe ich ein, dass sich hier auch die Zuschauer selbst prä­sen­tie­ren. Ich erwi­sche mich dabei, wie ich mich hin­ter einer Skulp­tur ver­ste­cke, um mein Unver­ständ­nis dem Künst­ler nicht zu zei­gen. Andere Besu­cher sind weit weni­ger scheu: Der Satz »Das hätte ich auch gekonnt!« kommt mir noch häu­fi­ger zu Ohren.

Was kann Kunst?

Abge­se­hen von der Fer­tig­keit der Dar­stel­lung – in natu­ra­lis­ti­scher bis völ­lig abs­trak­ter Manier – leben die Kunst­werke von den Ideen, die sie ins Leben geru­fen haben. Schön ist, was gefällt. Aber was ist Kunst? Das Spek­trum des Krea­ti­ven reicht von sub­jek­ti­ver Gefäl­lig­keit über die irri­tie­rende oder gar absto­ßende Wir­kung des Dar­ge­stell­ten bis hin zur Illus­tra­tion poli­ti­scher Positionen.

Sich zu einer wer­ten­den Defi­ni­tion von Kunst ver­lei­ten zu las­sen, würde gerade ihren freien Cha­rak­ter ver­ken­nen, der sie inner­halb einer auf Funk­tion und mess­bare Leis­tung fixier­ten Gesell­schaft so wert­voll macht. Weni­ger ange­bracht als eine sehr enge Mei­nung über Kunst erscheint mir nur noch eine Hal­tung, die ihr gegen­über völ­lig gleich­gül­tig bleibt.

Am Ange­bot des Rund­gangs las­sen sich zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten auf­zei­gen, was Kunst (sein) kann: Da wäre zunächst die Kri­tik an beste­hen­den Nor­men und Idea­len, die bei­spiels­weise in den gru­se­li­gen Dar­stel­lun­gen über­trie­be­nen Kör­per­kults zu Tage tritt. Noch deut­li­cher stel­len Künst­ler einen Zusam­men­hang zwi­schen Popi­ko­nen oder poli­ti­schen Per­so­nen und ihrer fast reli­giö­sen Ver­eh­rung dar. Von lei­der zeit­lo­sen Phä­no­me­nen ver­gan­ge­ner und gegen­wär­ti­ger Ver­hält­nisse, wie Stig­ma­ti­sie­rung, Ver­fol­gung und Abschie­bung und deren töd­li­chen Fol­gen spre­chen zum Bei­spiel die »Skulp­tur des Jun­gen mit Toten­kopf unter der Mütze« und das »Bild der ver­ängs­tig­ten Afri­ka­ner im Flüchtlingsboot«.

Bekann­tes nicht nur abzu­bil­den, son­dern durch Über­zeich­nen der Rea­li­tät frag­lich zu machen, scheint mir eine Stärke der Kunst auch in weni­ger offen­sicht­li­chen Berei­chen zu sein. Der »Über­di­men­sio­nale Mode­schmuck mit Ste­cker« — jedoch ohne Strom — erzählt mir per­sön­lich von der Sub­stanz­lo­sig­keit beste­hen­der Wert­vor­stel­lun­gen. Indem gän­gige Zusam­men­hänge und Erwar­tun­gen zer­stört wer­den, kön­nen sowohl die »Tomate unterm Bügel­brett,« als auch das inter­ak­tive »Klapp­bild Baum-​​Vogel fres­sende Katze,« dar­auf ver­wei­sen wie selbst­ver­ständ­lich wir unse­rer Wahr­neh­mung ver­trauen. In der glei­chen Rich­tung lässt sich auch das »illu­sio­näre Metall­git­ter« interpretieren.

Las­sen wir uns eigent­lich gerne täuschen?

Das Spiel mit den Wesen­hei­ten des Betrach­ters trei­ben einige Arbei­ten deut­li­cher als andere. Ein Kokon weckt die Neu­gier; nur durch einen Spalt ist sein Innen­le­ben zu erbli­cken. Haben die ande­ren Besu­cher das wohl auch gese­hen? Eine wei­tere mensch­li­che Eigen­schaft: Ande­ren etwas vor­aus haben wol­len. Einen direk­ten Ver­weis auf den Voy­eu­ris­mus kann das »Video der Tan­zen­den« dar­stel­len, da ich schon hin­ter den schwar­zen Vor­hang schauen muss, um sie beob­ach­ten zu kön­nen. Will ich mich selbst beob­ach­ten, lockt mich der »Blick in den Spie­gel«. Deckt sich mein Abbild mit der Kon­tur des ein­ge­ritz­ten Jesus? Schließ­lich ist da noch das »Glä­ser Tablett (mit Saft?)«. Dar­über das Bild einer Natur­sekt­du­sche. Die Asso­zia­tion, es sei Urin im Glas, lässt mich vom Beschnup­pern der Glä­ser Abstand neh­men. So neu­gie­rig bin ich jetzt doch nicht.

So kri­tisch oder gar iro­nisch die Kunst auf den Men­schen und sich selbst zeigt – macht der Affe im Video etwa eine abs­trakte Plas­tik? – sie zeugt dar­über hin­aus von einer erfri­schen­den und inspi­rie­ren­den Erfin­dungs­gabe. Im Bereich der Bau­kunst sind For­men umge­setzt, die spie­le­risch anmu­ten und doch durch klare Linien beste­chen. Unter­schät­zen wir die Gestal­tung unse­res Lebens­rau­mes bloß nicht, denn

das Bauen wirkt auf das Woh­nen wirkt auf das Den­ken und wie­der von vorn.
frei nach Heidegger

Wer denkt noch an die Gesetz­mä­ßig­keit der Schwer­kraft, scheint die kleine Seil­sprin­ger­fi­gur doch schwe­bend sel­bige außer Kraft zu set­zen. Eine Moment­auf­nahme. Nur in mei­ner Vor­stel­lung tip­pen ihre klei­nen Füße gleich wie­der auf den Boden. Phan­ta­sie­voll erdacht weckt das Zeppelin-​​Wannen-​​Mobil meine Aben­teu­er­lust. Dank sei­ner lie­be­voll detail­lier­ten Aus­stat­tung scheint die Reise ja gleich los­ge­hen zu kön­nen. Also los, Anker einholen.

Ein grund­le­gen­des Ele­ment künst­le­ri­scher Dar­stel­lung bleibt neben dem Motiv die Krea­tion von Stim­mung durch Farb– und Form­ge­bung, durch den Wech­sel von Hell und Dun­kel. Hier ist Wir­kung gewiss, denn ein mög­li­cher Zugang eröff­net sich jedem, der hin­sieht. Liegt das Gewicht stär­ker auf dem Pro­zess der Kunst, muss ich nach­fra­gen. Nur heim­lich zeu­gen einige End­pro­dukte von ihrem außer­ge­wöhn­li­chen Ent­ste­hungs­weg. So kom­men bei­spiels­weise unüb­li­che Mate­ria­lien zum Ein­satz, wer­den statt her­kömm­li­chem Künst­ler­be­darf Teer und Säure ver­wen­det. Eine Künst­le­rin folgt dem Weg eines Fla­schen­samm­lers und redu­ziert das sicht­bare Ergeb­nis ihrer Kon­zept­kunst auf die abs­trakte Dar­stel­lung des Weges selbst in einem kon­tras­tie­ren­den edlen Material.

Für das Ver­ste­hen die­ser Kunst­form ist eine Erläu­te­rung unver­zicht­bar. Wenn ich eine Ein­sicht – wenn schon kein Kunst­werk – auf mei­nem Rund­gang mit­ge­nom­men habe, dann jedoch die, dass auch das zunächst ein­gän­gige, vor­schnell als ver­stan­den abge­hakte Werk im Dia­log mit dem Künst­ler noch hinzu gewinnt.

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