Dreiecksbeziehungen und Diagramme
Leser lieben Diagramme. Ich zumindest bin stets aufs neue angetan, wenn große Zusammenhänge auf eine kleine Grafik reduziert werden. Völlig von der Hand zu weisen ist der Zauber der Diagramme nicht. Wenn man wechselseitige Beziehungen und Interdependenzen detailliert erklären will, kann man drei Absätze schreiben und so manchen Leser dabei verlieren. Man kann auch einfach ein Dreieck zeichnen.
Nehmen wir als Beispiel das Grunddilemma der Informationsbeschaffung. Die Beschaffenheit von Information, die man suchen und aufbereiten kann, ist in einer Drei-Wege-Beziehung zu definieren.
- schnell
- gut
- günstig
Eine neutrale Mischung aus teuer, gut und zügig recherchierter Information.
Spottbillige Information, wenig Zeitaufwand, da bleibt nicht viel Qualität.
Keine Kosten und Mühen gescheut, das wird ein Knaller.Ich könnte jetzt plakativ formulieren, dass man sich aus diesen drei Kriterien zwei aussuchen darf, denen die gesuchte Information genügt. Sie kann gut und schnell sein — wenn ich bis morgen früh heiße Insiderinformation aus der Bayernumkleide verkünden möchte, könnte ich zum Beispiel versuchen, die Spieler zu bestechen. Sie kann gut und günstig sein — ich könnte ein Jahr lang mit einer Partymaus unter den Spielern um die Häuser ziehen, bis er mir irgendwann sturztrunken die wildesten Geschichten erzählt. Sie kann schnell und günstig sein — ich frage den Neffen des Hausmeisters nach den neusten Gerüchten. Aber damit werde ich dem Grad der wechselseitigen Abhängigkeit von »schnell«, »gut« und »günstig« nicht gerecht.
Mit der Nutzung von Diagrammen unterliege ich einem Tradeoff: Ich wähle Anschaulichkeit auf Kosten der Tiefgründigkeit.
Was das Diagramm hervorragend leistet: Es zeigt dem Leser auf einen Blick, dass eine Beziehung zwischen verschiedenen Phänomenen besteht. Was es nicht leisten kann, ist über den Grad der Wechselwirkung hinaus die Art der Wechselwirkung begreifbar zu machen. Dazu muss ich mir dann doch die Mühe machen und erklären, dass ein Tradeoff eine Situation beschreibt, in der man sich einen Zugewinn oder die Verbesserung eines Kriteriums mit dem Verlust oder der Verschlechterung eines anderen Kriteriums erkauft. Die Wirtschaftswissenschaftler füllen ganze Buchregale mit Überlegungen, welches Verhältnis von Qualität und Kosten eines Produktes in diversen Fällen optimal ist. Je hochwertiger, desto teurer. Da allerdings der Erfolg eines Produktes nicht allein von Qualität und Preis abhängt, wird ein vereinfachendes Schema eine tiefer gehende Analyse nicht leisten können. Es beschreibt aber hinreichend und vor allem anschaulich das zugrunde liegende Dilemma.
Die Anschaulichkeit von Grafiken führt dazu, dass man mit Diagrammen in all ihren Spielarten den lustigsten Schindluder treiben kann. Es besteht allerdings die Gefahr, der verführerischen Macht von Diagrammen anheim zu fallen. Man beginnt, auch da Zusammenhänge zu illustrieren, wo gar keine existieren — oder die Zusammenhänge zumindest zu verfälschen. Das könnte allerdings ein Grund sein, warum Powerpointpräsentationen in Beraterkreisen so beliebt sind. Sie können so auch inhaltsleerem Buzzword-Bingo einen Grad von suggestiver Kraft verleihen, der so groß ist, dass angeblich die Wissenschaftler der Nasa den Unfug nicht erkannt haben, der zum Absturz eines Space-Shuttles führte.
Hier wird gleich mehrfach getäuscht. Wer findet alle Ungereimtheiten?
Es sei also zur Vorsicht gemahnt, wenn einem manche Phrasen nicht ganz einleuchten, diese aber mit plakativen Grafiken verdeutlicht werden sollen. Es gilt nicht nur Churchills Satz „vertraue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Auch bei Grafiken, die Zusammenhänge erklären, sollte man immer unterstellen, dass dieser Zusammenhang womöglich gar nicht besteht.
Für die Bewertung von Information darf der Leser der Kontextschmiede ruhig darauf vertrauen, dass unsere Inhalte, obwohl gratis, meist von hoher Qualität sind. Das nebenstehende Diagramm verdeutlicht das ganz schön…
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