Emmet Brown und Bullshit-​​Science-​​Journalismus

Aus der Reihe »Emmet Brown«

Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich unge­ach­tet der Zeit­ver­schie­bung diese Woche aus dem Bett klin­gelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zuge­sto­ßen. In gewis­ser Weise war es das auch, weil der Bou­le­vard näm­lich seine geliebte Wis­sen­schaft ver­ein­nahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schul­ter neh­men, er ist schließ­lich Wis­sen­schaft­ler aus Lei­den­schaft. Wenn er auf den Titel­sei­ten am Kiosk liest, dass Libe­rale und Athe­is­ten einen höhe­ren IQ haben als Kon­ser­va­tive und dass Fremd­ge­her einen nied­ri­ge­ren IQ haben als treue Part­ner, dann fühlt er, der er eher agnos­tisch und viel­leicht auch libe­ral ist und trotz­dem kon­ser­va­tiv in sei­nem part­ner­schaft­li­chen Ver­hal­ten, sich nicht geschmei­chelt. Dann schril­len bei ihm alle Alarm­glo­cken und er möchte wis­sen, ob so eine markt­schreie­ri­sche Aus­sage auch stimmt.

Spä­tes­tens nach dem Satz »Wis­sen­schaft­ler haben her­aus­ge­fun­den, dass…« setzt näm­lich in den Redak­ti­ons­stu­ben die oft­mals eigen­ge­lobte Fak­ten­re­cher­che kom­plett aus und jeder Unsinn wird wie­der­ge­käut. Dass ein Jour­na­list sich auf fremde Exper­tise ver­lässt, bei einem Thema wo er aus­nahms­weise nicht das Gefühl hat, selbst aus­rei­chend Experte zu sein, um Mei­nung zu machen, finde ich eigent­lich nur mensch­lich und nicht ver­dam­mungs­wür­dig. Aber Emmet schreit mich durch den Hörer an, dass diese Schlag­zei­len ein Para­de­bei­spiel dafür lie­fern, was so grund­sätz­lich falsch läuft in der Bezie­hung von Wis­sen­schaft, Gesell­schaft und den ver­mit­teln­den Medien. Der wis­sen­schaft­li­che Arti­kel, der hin­ter der bou­le­var­des­ken Zuspit­zung steht, ist noch vor Abdruck in einem wis­sen­schaft­li­chen Maga­zin in den Medien lan­ciert worden.

Ist doch toll, denke ich, da macht die Wis­sen­schaft Wer­bung für ihre Sache und oben­drein besetzt sie The­men, die für Nicht­wis­sen­schaft­ler inter­es­sant sind. Das sieht Emmet anders. Wofür gibt es eigent­lich Wis­sen­schafts­re­dak­tio­nen, wenn die sich die Qua­li­tät der Arbeit nicht mal flüch­tig anse­hen, das Vor­wort alleine wim­melt doch von unbe­leg­ten Tat­sa­chen­be­haup­tun­gen, dif­fu­sen Hypo­the­sen und Grund­an­nah­men. Außer­dem ist es Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie. »Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie«. Allein das Wort schon. Das wurde nur erfun­den, weil die Sozio­bio­lo­gie als Dis­zi­plin im Streit um nature vs nur­ture in den Sieb­zi­gern so ver­brannt wurde, dass die wis­sen­schafts­frem­deln­den Apo­lo­ge­ten des Vor­ur­teils sich lie­ber unter ande­rem Namen wie­der ver­sam­mel­ten. Emmet ist kein Freund der Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gie. Da wim­melt es von Schar­la­ta­nen, da sieht man, was alles falsch läuft im Wis­sen­schafts­be­trieb, meint er.

Als ich ihn dar­auf hin­weise, dass der Arti­kel »Why Libe­rals and Athe­ists Are More Intel­li­gent« in einer renom­mier­ten Fach­pu­bli­ka­tion erschei­nen wird, ras­tet Emmet schier aus. Das peer review–Ver­fah­ren taugt ganz offen­sicht­lich nichts, wenn Auto­ren wie Sato­shi Kana­zawa ihr dubio­ses Ver­ständ­nis von Theo­rie­bil­dung und sta­tis­ti­scher Signi­fi­kanz, sowie einen sehr krea­ti­ven Umgang mit Daten wei­ter­hin in wis­sen­schaft­li­chen Maga­zi­nen ver­brei­ten dür­fen. Dabei wurde Kana­gawa bereits mehr­fach und nach­drück­lich auf offen­sicht­li­che Feh­ler in sei­ner Metho­dik hingewiesen.

Dr. Kana­zawa has looked for some inte­res­ting pat­terns, and it is cer­tainly pos­si­ble that the effects he is fin­ding are real (in the sense of gene­ra­li­zing to the lar­ger popu­la­tion). But the results could also be rea­son­ably explai­ned by chance and by selec­tion effects. I think a pro­per reporting of Kanazawa’s fin­dings would be that they are inte­res­ting, and com­pa­ti­ble with his bio­lo­gi­cal theo­ries, but not sta­tisti­cally con­fir­med. And­rew Gelman

Das ist ein in Wis­sen­schafts­spra­che for­mu­lier­ter Hin­weis auf »Bull­s­hit!« der in einem Brief an die Her­aus­ge­ber des Jour­nal of Theo­re­ti­cal Bio­logy ging. Emmet hat noch wei­tere Per­len sol­cher Zen-​​Koans der Zurück­hal­tung aus­ge­gra­ben. Kevin Denny, bei­spiels­weise, wid­mete Herrn Kana­za­was Theo­rie im letz­ten Jahr gleich ein eige­nes Paper im Jour­nal of Evo­lu­tio­nary Psy­cho­logy, das ähnlich höf­lich im Ton und noch ver­nich­ten­der in der Bewer­tung der wis­sen­schaft­li­chen Qua­li­tät von Kana­za­was Arbeit ist. Pas­sen­der­weise heißt es »On a Dubious Theory of Cross-​​Country Dif­fe­ren­ces in Intelligence«.

Über­haupt, die­ser Kana­zawa. Ange­sichts der Äuße­run­gen, mit denen er sonst noch in der Öffent­lich­keit von sich reden macht, fällt es schwer, sich nicht in ad homi­nem Argu­men­ten zu ver­lie­ren, statt seine Arbeit zu kri­ti­sie­ren. Kana­zawa sprach sich unter ande­rem in einem Gedan­ken­ex­pe­ri­ment dafür aus, den nahen Osten mit Atom­bom­ben zu pla­nie­ren, Ende der Ter­ror­an­schläge, da wären auch keine Frauen übrig, neue Ter­ro­ris­ten in die Welt zu set­zen. Mir wäre fast der Hörer aus der Hand gefal­len, bei dem Man­gel an Zurück­hal­tung, den Emmet am Tele­fon an den Tag legte. Ich glaube, man kann es zusam­men­fas­sen mit: »Ein Para­de­bei­spiel dafür, was alles falsch läuft in der Welt«.

Wem Scha­mes­röte gut zu Gesicht steht, der möge sich unbe­dingt noch die Abrech­nun­gen mit Kana­zawa durch­le­sen, die eine kurze Recher­che in der Blo­go­sphäre zutage geför­dert hat. »Sato­shi Kana­zawa can not think« oder auch »Sato­shi Kana­zawa has bet­ter things to do than use logic«. Inter­es­san­ter­weise hat er auch einen eige­nen Wiki­pe­dia­ein­trag, der bei allem Stre­ben der Online­en­zy­klo­pä­die nach Neu­tra­li­tät trotz­dem kein beson­ders vor­teil­haf­tes Bild des Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gen, der eigent­lich Sozi­al­wis­sen­schaft­ler ist, zeichnet.

Was ist eigent­lich los mit die­sen Sozi­al­wis­sen­schaft­lern, regt Emmet sich auf. Warum mel­den sich von denen immer wie­der die­je­ni­gen, die damals die Ein­füh­rung in die Sta­tis­tik geschwänzt haben, die doch alle besucht haben müss­ten, und prä­sen­tie­ren ihre Unkennt­nis in völ­lig merk­be­frei­ten Bei­trä­gen zu Debat­ten jen­seits ihrer Exper­tise. Wenn sie die denn für irgend­eine Dis­zi­plin haben soll­ten. Zur Kli­ma­de­batte möch­ten sie sich aber immer wie­der unbe­dingt lächer­lich machen. Nicht, dass die Zei­tun­gen, die ihnen als will­fäh­rige Platt­form zur Ver­fü­gung ste­hen, weni­ger merk­be­freit ob der feh­len­den Exper­tise der Wis­sen­schaft­ler wären. Immer raus mit den kli­maskep­ti­schen Kom­men­ta­ren. Sind ja Wissenschaftler.

Dabei könnte die Wis­sen­schaft, in der nicht immer alles so wis­sen­schaft­lich von Stat­ten geht, wie der Laie sich das gern vor­stellt, auch ganz gut ein exter­nes Kor­rek­tiv ver­tra­gen. Jeman­den, der dem Betrieb auf die Fin­ger schaut, jeman­den, der erklärt, dass For­schung oft auch Poli­tik ist, mit inter­nen Macht­kämp­fen und Ein­flüs­sen von Lob­by­grup­pen. Jeman­den, der öffent­lich macht, was alles falsch läuft in der Welt der Wissenschaft.

Lei­der ist Emmet von einer gewis­sen Nai­vi­tät, wie sie man­chen Wis­sen­schaft­lern in Fil­men gerne ange­dich­tet wird, nicht frei. Des­we­gen musste ich seine Frage, ob es denn nicht die Auf­gabe von Jour­na­lis­ten sei, öffent­lich zu machen, was alles falsch läuft in der Welt, mit einem bit­te­ren Lächeln quit­tie­ren. Bei SpOn fin­det sich im Wis­sen­schafts­res­sort eine wenig kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung der »Erkennt­nisse« Kana­za­was. Was die Bild dar­aus macht, das konnte man am Kiosk zur Genüge sehen.

Die Debatte um Jour­na­lis­mus ist im Moment ein so lei­di­ges Thema, da ist der Wis­sen­schafts­be­trieb nicht der ein­zige Bereich, der sich mit Qua­li­tät manch­mal schwer tut. Die gibt es übri­gens auch im Jour­na­lis­mus immer noch. Viel­leicht müss­ten Jour­na­lis­ten ein­fach nur mehr Zei­tung lesen: »Deppen-​​Studie: Män­ner, die Frauen betrü­gen, sind dumm« oder »Haben schöne Eltern mehr Töch­ter?« zum Beispiel.

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