Entscheidungen im Fußball — von der Individualtaktik zur Mannschaftstaktik

Das Bes­sere ist der Feind des Guten. Diese Fest­stel­lung gilt ins­be­son­dere für den sport­li­chen Wett­kampf, folg­lich auch für den Fuß­ball. Es geht in jeder Stua­tion des Spiels darum, die bes­se­ren Ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Die Grund­la­gen für diese Ent­schei­dun­gen wer­den zwar im Trai­ning gelegt, aber jeder Trai­ner muss schließ­lich Adi Preiß­ler zustim­men: »Ent­schei­dend is auf’m Platz.«

Het moei­li­jkste voor een coach is de spe­lers de keuze te laten. Maar dat is wel wat het is; voet­bal is een keuzesport.

Louis van Gaal

Diese Erkennt­nis ist einer der Grund­pfei­ler von Louis van Gaals Vision. Der kau­zige Nie­der­län­der wird ob sei­nes her­ab­las­sen­den Umgangs mit der Presse von die­ser gerne ver­kannt. Auch wenn er in sei­nem Habi­tus an andere Ver­tre­ter sei­ner Zunft erin­nert, die gerne mit dem Prä­di­kat »alte Schule« ver­se­hen wer­den, ist er in sei­nem Selbst­ver­ständ­nis als Trai­ner pro­gres­siv bis zur Grenze der Eso­te­rik. Er ver­tritt in sei­ner Bio­gra­phie vehe­ment das »totale mens-​​principe« und sieht sich als Ver­mitt­ler, statt als Schulmeister.

Die Auf­gabe eines Trai­ners ist es, die Spie­ler auf Situa­tio­nen vor­zu­be­rei­ten, die ihnen im Spiel begeg­nen wer­den. Grund­lage sind die kör­per­li­chen und geis­ti­gen Anla­gen eines jeden Spie­lers, die es in den Berei­chen Kon­di­tion, Tech­nik und Tak­tik zu ent­wi­ckeln gilt. Neben­bei muss der Trai­ner auch noch die grup­pen­dy­na­mi­schen Pro­zesse von Mann­schafts­geist und Hier­ar­chien im Sinne einer ziel­ge­rich­te­ten Har­mo­nie beein­flus­sen. Trai­nings­er­folg ent­steht aus der rich­ti­gen Balance die­ser Kom­po­nen­ten und macht jeden Spie­ler, aber auch das Zusam­men­spiel der Mann­schaft,  jeden Tag ein wenig besser.

Die Situa­tio­nen, denen Fuß­bal­ler im Spiel oder in den Trai­nings­for­men begeg­nen, erfor­dern immer drei Ebe­nen der Entscheidung:

Indi­vi­dual­tak­tik

Indi­vi­dual­tak­tik bezeich­net die Menge der indi­vi­du­el­len Ent­schei­dun­gen, in der ein Spie­ler eine Option wählt, ob und wie er einen Zwei­kampf bestrei­tet, wohin er läuft, woran er sich ori­en­tiert, ob er einen Pass spielt oder schießt und wie die moto­ri­sche Aus­füh­rung sei­ner Wahl von­stat­ten gehen soll. Neben den kör­per­li­chen und tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen, die einem groß gewach­se­nen Spie­ler zum Bei­spiel das Kopf­ball­spiel erleich­tern, ist es auch das Natu­rell eines Spie­lers, sein Selbst­bild, das des­sen indi­vi­dual­t­ak­ti­sches Ver­hal­ten beein­flusst. Ein Spie­ler, der sich selbst als Flü­gel­spe­zia­list emp­fin­det, wird häu­fi­ger nach Außen aus­wei­chen als ein Kol­lege, der sich als zen­tra­len Abräu­mer begreift. Diese Iden­ti­tät eines Spie­lers mit der Funk­tion, die er im Team ein­neh­men soll, zu koor­di­nie­ren, ist eine der schwie­ri­ge­ren Übungen.

Spe­zi­ell, wenn seine Anla­gen ihn für eine andere Funk­tion oder Posi­tion prä­des­ti­nie­ren, als es die Iden­ti­tät des Spie­lers vor­sieht, pral­len wider­strei­tende Inter­es­sen auf­ein­an­der. In die­ser Hin­sicht ist van Gaal kom­pro­miss­los: »Du willst auf der 10 spie­len? In der zwei­ten Mann­schaft. Der und der Spie­ler sind für mich auf die­ser Posi­tion wert­vol­ler, an denen musst du erst vor­bei.« Die indi­vi­dual­t­ak­ti­schen Anla­gen eines Spie­lers bestim­men des­sen Rolle in den über­ge­ord­ne­ten Ebe­nen. Des­we­gen ist es nicht unbe­dingt Ver­zweif­lung, son­dern häu­fig logi­sche Kon­se­quenz, wenn ein Spie­ler mit beson­de­ren Qua­li­tä­ten an ande­rer Posi­tion als sei­ner gewohn­ten ein­ge­wech­selt wird. Für man­che Spiel­si­tua­tio­nen ist es die beste Lösung, einen Koloss wie Daniel van Buy­ten als Sturm­spitze aufzubieten.

Grup­pen­tak­tik

Sobald Ent­schei­dun­gen meh­re­rer Spie­ler unter einen Hut gebracht wer­den sol­len, fin­den diese auf der Ebene der Grup­pen­tak­tik statt.  Das Ver­schie­ben im Ver­bund bei­spiels­weise muss immer als Block gesche­hen, damit in den Abstän­den zwi­schen den Spie­lern keine Lücken  ent­ste­hen, die dem Geg­ner Räume zur Spiel­ent­fal­tung bie­ten. Lauf­wege und Pass­ge­schwin­dig­keit müs­sen abge­stimmt sein, damit das Bewe­gen des Bal­les nicht zu Ball­ver­lust son­dern größt­mög­li­chem Zeit­ge­winn führt. Grund­sätz­lich gilt auch für van Gaal, was längst sprich­wört­lich gewor­den ist: Der Spie­ler ohne Ball bestimmt, wo der Ball hin soll.

Gezielte Trai­nings­for­men zur schnel­len Ball­ver­la­ge­rung und der für den Raum­ge­winn opti­ma­len Anspiel­sta­tion schaf­fen die not­wen­di­gen Auto­ma­tis­men eines Angriffs­ver­bun­des, aus denen Hand­lungs­schnel­lig­keit ent­steht. So wird die Ball­zir­ku­la­tion ziel­ge­rich­tet und bie­tet  wir­kungs­volle Optio­nen für das Flü­gel­spiel oder auch Kurz­pässe durch die Mitte.

Mann­schafts­tak­tik

Die Mann­schafts­tak­tik ist die Vor­gabe für die Ver­bünde, sich gemein­sam als Orga­nis­mus auf Spiel­si­tua­tio­nen ein­zu­stel­len. Die Grund­ord­nung zählt dazu, die Anwei­sun­gen zur Neu­ord­nung in den Umschalt­si­tua­tio­nen und die daran anschlie­ßende Defen­siv­tak­tik oder Offen­siv­tak­tik. Hier grei­fen alle indi­vi­du­el­len Ent­schei­dun­gen inein­an­der. So kön­nen in Abstim­mung auf die Tak­tik des Geg­ners gewisse Spiel­si­tua­tio­nen ver­mie­den oder her­auf­be­schwo­ren werden.

Opti­mal ist es natür­lich, wenn die indi­vi­dual­t­ak­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen der Spie­ler ver­schie­dene Mann­schafts­tak­ti­ken erlau­ben. Es geht nicht unbe­dingt darum, dog­ma­tisch an einem 1−4−3−3 (der Tor­wart zählt für van Gaal zu den Feld­spie­lern) fest­zu­hal­ten, son­dern auch auf die­ser Ebene Lösun­gen für wech­selnde tak­ti­sche Fra­ge­stel­lun­gen zu finden.

Was sind gute Lösun­gen? Sind Hand­lungs­an­wei­sun­gen wie die für den Ver­tei­di­ger im Video ein­leuch­tend und sinn­voll? Viel­leicht ken­nen ja der geneigte Leser oder die Lese­rin Patent­re­zepte, mit denen spe­zi­elle Situa­tio­nen auf dem Feld gelöst wer­den kön­nen. Die Tak­tik­ta­fel kann sicher­lich vom Crowd­sour­cing pro­fi­tie­ren. Zumin­dest wird sie mit die­sem Ziel zur Serie.

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  • heinzkamke sagt:

    Alei­ni­kov — großartig!

    Ist van Gaal beim Wider­spruch zwi­schen sei­ner Wahr­neh­mung der indi­vi­dual­t­ak­ti­schen Anla­gen und dem Selbst­bild des Spie­lers tat­säch­lich so kom­pro­miss­los? Hatte er nicht Ribéry als rela­tiv beste Option auf der 10 gese­hen und sich dann des­sen Stre­ben zur lin­ken Außen­bahn gebeugt? (In Stutt­gart übri­gens war es anders herum: Hleb glaubt noch immer, wie schon nach dem Rück­tritt von Bala­kov, er könne auf der 10 spie­len, und lei­der hat ihm Bab­bel zwi­schen­zeit­lich geglaubt.)

    Bzgl. der Aleinikov-​​Situation würde ich (bzw. ver­mut­lich vor allem er selbst) bei van Gaal vor­aus­set­zen, dass er bereits vor dem Spiel bes­ser abschät­zen kann, ob die für des­sen Spiel­weise geeig­ne­ten Situa­tio­nen entstehen.

    _​_​_​_​_​_​
    0:48: erwo­gen statt erwägt, oder?

  • erz sagt:

    Van Gaal erzählt zumin­dest in sei­ner Bio­gra­phie von eini­gen Här­te­fäl­len, die den Ver­ein ver­las­sen haben, weil ihre Selbst­wahr­neh­mung nicht mit sei­nem Anspruch an sie kom­pa­ti­bel war. Höhe­punkt zum Bei­spiel die Anek­dote, wo Rivaldo (also kein ganz Unbe­kann­ter) nach gewon­ne­ner Meis­ter­schaft eine Rede in der Kabine hal­ten wollte. Als van Gaal nichts­ah­nend zustimmte, ver­kün­dete Rivaldo statt fro­her Worte, dass er beschlos­sen habe, in Zukunft nicht mehr auf der Außen­po­si­tion zu spielen.

    Ande­rer­seits hat van Gaal einige Spie­ler sehr erfolg­reich umfunk­tio­niert: Davids und Puyol waren beide mal Flü­gel­stür­mer. Auch Ronald de Boer hat unter van Gaal in Bar­ce­lona Außen­ver­tei­di­ger gespielt. Van Gaal hat ihm das auch ein­dring­lich erklärt: »Unser Geg­ner spielt mit einem lin­ken Mit­tel­feld­spie­ler gegen dich, da brau­che ich kei­nen Bei­ßer, son­dern einen krea­ti­ven Jun­gen als Rechts­ver­tei­di­ger, der über rechts atta­ckie­ren kann«.

    Allei­ni­kov würde bei van Gaal ver­mut­lich kaum Spiel­zeit bekom­men, aber auch van Gaal hat schon Kor­rek­tu­ren an sei­nem Spiel­plan vor­ge­nom­men. Es geht ja nicht ums Recht­ha­ben, son­dern um tak­tisch klu­ges Rea­gie­ren. Des­we­gen wird er auch selbst schnell erkannt haben, dass Ribery kein Spie­ler für die Mitte ist und hat statt des­sen andere Spie­ler auf ihr Pro­fil hin für die Stelle gecas­tet. Dar­un­ter sogar Klose. Ganz prag­ma­tisch, unge­ach­tet auch des öffent­li­chen Verständnisses.

    (Erwägt geht schon, nach mei­nem Sprachempfinden)

  • heinzkamke sagt:

    Inter­es­sante Idee von Rivaldo, so eine Rede nach gewon­ne­ner Meis­ter­schaft. Prust.

  • Guten Tag,

    finde deine Filme ein­fach Klasse. Als DFB Stütz­punkt Trai­ner und mitt­ler­weile frei­wil­lig erwähl­ter Betrei­ber für unse­ren Stütz­punkt bin ich bestrebt, immer wie­der etwas Neues für meine Web­seite zu suchen. Kann man deine Videos auch auf mei­ner Web­seite http://​www​.boden​see​-talente​.de ein­fü­gen?
    Vie­len Dank für eine Antwort.

    Daniel Schmid
    DFB Stütz­punkt Trai­ner in Wangen

    • erz sagt:

      Hab dir eine Mail geschrie­ben. Ansons­ten gilt ohne­hin für alle Bei­träge hier eine CC-​​by-​​nc-​​nd-​​Lizenz, wie im Impres­sum angegeben.




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