Stilberatung — Etikette und Benimm

Etikette (oder auch Pro­to­koll) ist nichts, wovon man sich ver­un­si­chern las­sen sollte. Bei­des sind nichts wei­ter als will­kür­lich fest­ge­schrie­bene Kon­ven­tio­nen über zwi­schen­mensch­li­ches Ver­hal­ten. Die Regeln, die im his­to­ri­schen Gebrauch fest­ge­legt wur­den, neh­men aller­dings eine gefühlte Wich­tig­keit und Starr­heit an, die über die eigent­li­che Ursa­che der Grün­dung sol­cher Regeln hin­weg­täuscht. Weil gutes Beneh­men eine Umdeu­tung in rich­ti­ges Beneh­men erfuhr, erhal­ten Benimm­re­geln eine Aura von Wich­tig­keit, die für man­chen gera­dezu ein­schüch­ternd wirkt. Die­ser Arti­kel bil­det den Auf­takt zu einer Reihe über gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen und ihre Ursprünge, die sich gegen den erho­be­nen Zei­ge­fin­ger und Anspruch auf Rich­tig­keit rich­tet und einen neuen Zugang zu »gutem Stil« bie­ten möchte. Wer sich auf­rich­tig bemüht, zuvor­kom­mend und respekt­voll zu sein, zeigt immer gutes Benehmen

Mit der Über­hö­hung der Bewer­tung von rich­tig und falsch wird Benimm zu einem Instru­ment der Abschot­tung sozia­ler Schich­ten. Die »fei­nere Gesell­schaft« erhöht ihren Sta­tus über die zumeist ohne­hin schon beste­hen­den finan­zi­el­len Unter­schiede und dem Unter­schied des Bil­dungs­gra­des zu ande­ren gesell­schaft­li­chen Schich­ten hin­aus. Ihre Kon­ven­tio­nen wer­den zum Vor­bild und Maß­stab für alle Mit­glie­der der Gesell­schaft gemacht, obwohl die Kennt­nis der teils völ­lig will­kür­li­chen Regeln nicht in allen Schich­ten glei­cher­ma­ßen ver­brei­tet ist. Nicht ohne Grund sind es sol­che Benimm­kon­ven­tio­nen, die in Zei­ten gesell­schaft­li­chen Wan­dels mit Eifer von den auf­stre­ben­den Bevöl­ke­rungs­schich­ten abge­lehnt oder gar bekämpft wer­den, wie es zum Bei­spiel die 68er Gene­ra­tion im Moment ihres Auf­be­geh­rens tat. Von den Wer­ten ande­rer Gene­ra­tio­nen und Schich­ten sind es beson­ders die Benimm­re­geln, an denen sich als Sym­bol für das Über­kom­mene die Geis­ter ent­zün­den.

Selbst wenn die in Ame­rika beliebte Erklä­rung, warum die Ame­ri­ka­ner die Gabel mit der rech­ten Hand hal­ten, wenn sie nicht gerade mit dem Mes­ser schnei­den, sich als Mythos her­aus­stellt: Die Tat­sa­che, dass die Ame­ri­ka­ner stolz dar­auf sind, ihre his­to­ri­sche Unab­hän­gig­keit von Eng­land mit einer Ände­rung der Tisch­sit­ten zu demons­trie­ren, mag als Beleg die­nen für die Wich­tig­keit, die dem Benimm als Sym­bol von kul­tu­rel­ler Errun­gen­schaft zukommt.

Dabei sind Benimm­re­geln im Grunde nichts ande­res, als ihrer Sinn­haf­tig­keit beraubte, erstarrte For­mu­lie­run­gen der wich­tigs­ten Regel mensch­li­chen Zusammenlebens:

Handle so, dass die Maxime dei­nes Wil­lens jeder­zeit zugleich als Prin­zip einer all­ge­mei­nen Gesetz­ge­bung gel­ten könne.Imma­nuel Kant

Wenn wir diese in vie­len Ver­sio­nen for­mu­lierte Richt­li­nie für mora­li­sches Ver­hal­ten auf zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen anwen­den wol­len, bedeu­tet das für jeden Ein­zel­nen, dass er sein Han­deln zumin­dest grund­sätz­lich anhand gewis­ser Kri­te­rien ein­schrän­ken muss, damit ein gemein­schaft­li­ches Zusam­men­le­ben funk­tio­niert. Aus dem Bedürf­nis Vie­ler, sich Regeln zu geben, die das Leben in einer Gemein­schaft ange­nehm machen, erwach­sen Richt­li­nien für Ver­hal­ten, das die Frei­heit des Mit­men­schen wür­digt, indem es die eige­nen Frei­hei­ten beschränkt. So lässt sich für jede Form der Eti­kette sagen, dass sie ursprüng­lich nur die Ach­tung vor dem Gegen­über demons­trie­ren sollte, indem sie sym­bol­haf­tig das eigene Ver­hal­ten ein­schrän­kend reglementiert.

Mit ande­ren Wor­ten: Wer sich auf­rich­tig bemüht, zuvor­kom­mend und respekt­voll zu sein, zeigt immer gutes und rich­ti­ges Beneh­men im ursprüng­li­chen Sinne der Eti­kette. Es gibt schließ­lich rich­ti­ges Beneh­men gar nicht in einem fest defi­nier­ten Sinne. Die in Rat­ge­bern und Hand­bü­chern fest­ge­schrie­be­nen, codi­fi­zier­ten Regeln der Eti­kette haben nur einen fälsch­li­cher­weise zuge­wie­se­nen Sta­tus von abso­lu­ter Wahr­heit und Rich­tig­keit bekom­men. Dabei zeugt es gerade nicht von gutem Beneh­men, wenn bei­spiels­weise ein Ham­bur­ger Kauf­manns­sohn bei den Kum­pels aus dem Berg­bau zu Gast ist und sie mit sei­nem Fest­hal­ten an Ritua­len, die nicht die ihren sind, brüskiert.

Im wei­te­ren Ver­lauf der Reihe über Stil und Beneh­men wer­den wir uns der kon­ven­tio­nel­len Regeln anneh­men, aber auch eini­gen weni­ger wert­ge­schätz­ten Ver­hal­tens­wei­sen. Außer­dem wer­den wir über kul­tu­relle Dif­fe­ren­zen berich­ten, die Sinn­haf­tig­keit man­cher Regeln hin­ter­fra­gen und ganz pro­fane Tips zu Stil­fra­gen abge­ben. Gerade, wenn man die his­to­ri­schen und sozia­len Zusam­men­hänge ver­steht, kann man viel­leicht sogar ein gewis­ses Ver­gnü­gen am Spiel mit den Kon­ven­tio­nen ent­wi­ckeln. Es kann schließ­lich Spaß machen, das »Rich­tige« zu tun oder zu tra­gen. Vor allem kann das Wis­sen um Kon­ven­tio­nen Halt bie­ten, um Selbst­ver­trauen in vie­len Lebens­la­gen zu schöp­fen. Und in die­sem Licht betrach­tet erscheint die ein oder andere allzu gestrenge Tante aus der Kind­heits­er­in­ne­rung womög­lich gleich viel menschlicher.

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