Falsche Freunde im Fußball

Als falschen Freund bezeichnet man in Lehrerkreisen jene Vokabeln einer Fremdsprache, die sich so sehr anhören wie ein Wort aus der Muttersprache, dass der Schüler gerne annimmt, das Wort schon zu kennen. Zwar finden sich ab und an tatsächlich Wörter in einer Fremdsprache, die der eigenen Sprache entlehnt sind. Leider ist die Bedeutung von gleichlautenden Wörtern jedoch häufig grundverschieden. Ein englisches genie zum Beispiel ist ein deutscher Flaschengeist. Dieses Problem, dass sich scheinbar bekannte Inhalte in vertrauten Aussagen verbergen, macht auch vor dem Fußball nicht halt.

Der Gefoulte schießt nie selbst: Ziemlich egal und ausländischen Stürmern ein ungläubiges Kopfschütteln wert.Wenn über Fußball gesprochen wird besteht immer der Bedarf, die Komplexität des Fußballs auf einfache Aussagen zu reduzieren. Dabei scheint es den Protagonisten der Berichterstattung allerdings mehr um Knackigkeit als um Richtigkeit der Aussage zu gehen. Ein Phrasenschwein adelt Allgemeinplätze noch zusätzlich – anstatt hohle Phrasen als sinnfrei zu entlarven, bekommen sie den Anstrich der trivialen Sinnhaftigkeit. Dadurch wird die Tendenz, dass im Fußball alte Weisheiten nie überprüft werden, noch gefördert: Die alten Sinnsprüche werden durch bloße Wiederholung zur unangreifbaren Wahrheit und es kommen stets neue hinzu. Roland Loy verrichtet im wahrsten Sinne Sisyphusarbeit, wenn er versucht, mit falschen „Wahrheiten“ aufzuräumen.

Treffer zum psychologisch günstigen Zeitpunkt: Tore sind immer gut.

Ganz schlimm wird es allerdings, wenn Sportweisheiten aus dem Ausland importiert werden, die wie selbstverständlich Teil dieses Schatzes an Bonmots und Zitaten werden, mit dem in der Diskussion Fußball erklärt werden soll. Eine Recherche, wann und wie genau die unsägliche Sinnlosigkeit „offense wins games, defense wins championships“ nach Deutschland gekommen ist, war leider wenig erfolgreich: Bild hat den Spruch zumindest seit 2008 im Repertoire. Die Googlesuche ergab für „offense wins games“ im Archiv des Guardian, meiner persönlichen Referenz für englische Sportberichterstattung, genau einen Treffer. In einem Artikel über American Football. Selbst in Amerika ist nicht zweifelsfrei geklärt, woher der Ausspruch kommt; zugesprochen wird der Spruch „offense sells tickets, defense wins championships“ dem Footballcoach Paul „Bear“ Bryant. Die besondere Wertschätzung von Defensivleistungen ist nicht einmal im statistisch weit besser erforschten American Football unumstritten und gilt manchem als klinsmaneskes Motivationsgerede für an Fanliebesentzug leidende Abwehrarbeiter. Im deutschen Fußball ist der Spruch allerdings angesichts der letztjährigen Meisterschaft von Wolfsburg und dem regelmäßigen Abschneiden des Schalker Bollwerks wohl totaler Kokolores.

Never change a winning team: Mehr Aberglaube als Erfolgsgarant.

Tatsächlich sehen taktische Analytiker die Schwierigkeit im Fußball aktuell in erster Linie darin, Tore zu erzielen. Das Verhindern von Toren ist weit weniger an fußballerische Qualität im Sinne von Ballbehandlung und Spielwitz gebunden. Erprobte Taktiken und Lösungsanstze zur Torverhinderung der letzten Jahre ermöglichen es auch Teams mit kleinerem Budget, aus einer soliden Abwehr heraus zu agieren. Nicht wenige Trainer bauen deswegen ihr Team „von hinten“ auf und entwickeln erst im zweiten Schritt offensive Lösungsansätze. Aber selbst im Tabellenkeller der Bundesliga sind in den letzten Jahren nicht unbedingt die defensivschwächsten Teams abgestiegen. In den letzten drei Saisons waren es vielmehr jeweils die drei Teams, die die wenigsten Tore geschossen hatten, obwohl es defensiv schwächere Teams gab.  Nur Aachen ist vor drei Saisons trotz guter Torausbeute wegen einer viel zu schwachen Abwehr abgestiegen.

Abwehr können alle: Kurz, knackig, aber wahr?

Die sogenannten Fußballweisheiten sind also, ganz wie die falschen Freunde des Vokabelpaukens, dem Verständnis eher hinderlich. Wer sich auf die Aussagen solch falscher Freunde verlässt, für den bleibt ein Fußballgenie ein magischer Flaschengeist. Ein football genius allerdings wird sich beizeiten daran erinnern, dass die Sinnsprüche aus dem Fußballweisheitenkalender häufig nur darin stehen, weil sie sich so bekannt anhören. Nicht, weil sie wirklich etwas wichtiges über Fußball zu sagen hätten. Wer erhellende Debatten über Fußball führen möchte, muss sich dafür von mancher Floskel und liebgewonnenem falschen Freund verabschieden.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • nedfuller sagt:

    Aber warum höre ich denn überall von den sog. Experten immer genau dies?

    Traurig, traurig.

  • Thor sagt:

    Vielleicht passen die Begriffe „Fußball“ und „Weisheiten“ einfach nicht zusammen? Vielleicht ist dieses Spiel einfach so komplex und von so vielen Faktoren abhängig (ca. 30 Menschen pro Spiel alleine auf dem Platz!), dass es keine allgemeingültigen Weisheiten gibt? Und dieser Umstand fördert natürlich erstens die Existenz von Binsenweisheiten und zweitens die Sehnsucht endlich allgemeingültige Erklärungen zu finden.

    Aber apropos Floskeln und falsche Freunde:
    Verrichtet Loy wirklich Sisyphusarbeit im „wahrsten Sinne“? Oder ist es nicht eher so, dass Loy den Stein im „sprichwörtlichen“, also im „übertragenen“, Sinne den Hügel immer wieder hinaufrollt?

    • erz sagt:

      Ich als Freund der gepflegten Datenbasis bin sehr wohl der Meinung, dass es einige Faktoren gibt, deren Wirkung auf das Spiel man isolieren kann. In der Wechselwirkung von Faktoren kann man womöglich sogar Erklärungsansätze finden, die statistischer Überprüfung standhalten. Komplexität macht zwar einfache Lösungen unwahrscheinlich und monokausale Erklärungen schier unmöglich, aber Fußball folgt wie jedes Spiel gewissen Gesetzmäßigkeiten. Die herauszuarbeiten finde ich extrem spannend, schließlich fasziniert mich das Spiel gerade wegen der Fülle der kreativen Lösungen, die es anbietet. Dum spiro spero.

      Bezogen auf deine zweite Frage: Im wahrsten Sinne verrichtet Loy Sisyphusarbeit insofern, als der Wahrheitsgehalt der in der Metapher transferierten Werte der Proposition „X verrichtet Arbeit, deren Erfolg stets aufs neue annuliert wird“ unberührt bleibt. Die Aussage ist für Sisyphos wie für Loy wahr. Sie ist außerdem sprichwörtlich und auch übertragen, wie du ganz richtig anmerkst, wenn du die Dekomposition der Sisyphoslegende als Teil der kompositorischen Metaphernbildung interpretierst.

      Junge, junge, dass ich in einer Fußballdiskussion so schnell so schnöselig rumstrunze. Das soll uns beim Fernsehstammtisch mal einer nachmachen.

  • Thor sagt:

    Du gestattest, dass ich weiter klugscheiße, ich habe leider gerade keinen Stammtisch zur Hand, bei dem ich fröhliche Worte gegen magenfüllende Getränke eintauschen kann.
    »X ver­rich­tet Arbeit, deren Erfolg stets aufs neue annu­liert wird«, das ist nicht mehr und nicht weniger als die genaue, aber etwas komplizierte Erklärung der Metapher „Sisyphusarbeit“. Ein im „wahrsten Sinne des Wortes“ hebt die Metapher nun allerdings wieder auf und erklärt den Begriff für „im wörtlichen Sinne anwendbar“ – und eben nicht mehr als Metapher. Da Loy aber ja nun eben keine Steine rollt, sondern eine andere sehr mühsame und vor allem unendliche Arbeit leistet, hielte ich die einfache Metapher für angebracht.

    Und zur Sache selbst: Man kann natürlich auch ins Chaos Theorien bringen, kein Problem. Ein Problem wird es aber dann, wenn aus der Theorie Praxis werden soll. Denn hier kommen nicht oder nur schwer kontrollierbare Faktoren ins Spiel: Wetter, Rasenqualität, persönliches Leistungsvolumen des Tages, Psyche, Ballbeschaffenheit (Gruß an die Keeper). Aber ich will gar nicht behaupten, dass es keine Gesetzmäßigkeiten etc. gibt. Im Gegenteil, es gibt sie. Sie sind nur so komplex, dass der Wunsch nach einfachen Wahrheiten bei vielen größer ist, als der Wunsch sich in die Materie einzuarbeiten. Ich bezog mich dabei im übrigen nicht auf Deinen Text, sondern die Frage von Nedfuller. Und in ein paar Minuten werden wir ja sehen, wie sich die Theorie der bayerischen Dreiecke im Praxistest schlägt.

    • erz sagt:

      Klugscheißen wird hier immer gerne gesehen. Ich hatte mir ein wenig lexikalischer Dekomposition zur Analyse der Metapher gegönnt, ohne explizit die Wahrheitswerte mittels Lambdakonversion herauszuarbeiten. Jedenfalls, wenn du schon auf Bedeutungen herumreitest, ist „wahr“ ungleich „wörtlich“. Nichtsdestotrotz kann ich deiner Interpretation auch etwas abgewinnen.

      Aus nur einem Spiel absolute Aussagen treffen zu wollen ist allerdings mit einem probabilistischen Erkenntnissystem unvereinbar. Da verlange ich verbesserte Transferleistung in zukünftigen Kommentaren, werte Leser! Sonst muss ich unangekündigte Tests einführen…



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