Geschäftsmodelle, neue Medien und Rechtssicherheit. Ein Zustandsbericht.

Dies ist eine Geschichte über Deutsch­land, auch wenn sie in Israel beginnt. Dort setz­ten sich vor eini­gen Jah­ren zwei tap­fere Kamel­rei­ter selbst­iro­nisch mit ihrer Vita aus­ein­an­der, über­leg­ten, was sie mit ihrem Know-​​how anfan­gen könn­ten und schu­fen einen neuen Dienst für das Inter­net. Die Idee dürfte »hätte man ja auch frü­her drauf kom­men können«-Format haben. Hoch­wer­ti­ges Bild­ma­te­rial aus den Foto­agen­tu­ren wird über eine embedding-​​Applikation mit Wer­be­ein­blen­dun­gen ver­knüpft und so dem Nut­zer zur Ver­fü­gung gestellt. Ähn­lich wie Youtube­vi­deos kann jeder Inter­netu­ser auf diese Weise Inhalte, die der Dienst bereit­hält, auf sei­ner Seite ein­bin­den. Die Bild­agen­tu­ren erschlie­ßen sich ein neues Ein­kom­mens­mo­dell und Otto-​​Normalnutzer kann sich aus einem rei­chen Archiv von pro­fes­sio­nel­lem Foto­ma­te­rial bedie­nen, um seine Texte im Inter­net zu illus­trie­ren: PicApp.

Damit wurde eine legale Alter­na­tive zur oft­mals unbe­darft ange­wand­ten Pra­xis des Bil­der­klaus geschaf­fen. PicApp fand auch Part­ner mit gro­ßem Namen, die ihre Fotos zur Ver­fü­gung stell­ten. Der Corbis-​​CEO Gary Shenk pries das neue Geschäfts­mo­dell an, mit dem Cor­bis seine Fotos nun auch Blog­gern zugäng­lich machen könne. Getty Images, News­com, Jupi­te­ri­mages und wei­tere nam­hafte Part­ner wur­den für das Modell gewon­nen. PicApps Part­ner lizen­sie­ren aus­ge­wählte Fotos aus ihren Archi­ven für PicApp, die ihren Usern die Ein­bet­tung die­ser Fotos ermög­li­chen. Risi­ko­ka­pi­tal­ge­ber begeis­ter­ten sich für das Modell und ein wei­te­res Bei­spiel, wie ein Bedürf­nis, das man­gels lega­ler Alter­na­tive sich aus ille­ga­len Quel­len stillt, zum lega­len Geschäfts­mo­dell wer­den kann, war gebo­ren. In den USA wur­den die lizenz­recht­li­chen Fra­gen aus­ge­han­delt und Klä­rungs­in­stan­zen zu urhe­ber­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten eta­bliert. Auf Grund­lage ame­ri­ka­ni­schen Rechtsverständnisses.

Mit Lizen­zen ist das so eine Sache. Viele »Content-​​Diebe« sind keine vor­sätz­li­chen Urhe­ber­rechts­ver­let­zer. Häu­fig sind  den Pri­vat­per­so­nen, die sich dank nied­ri­ger tech­ni­scher Ein­stiegs­hür­den als Publi­zis­ten im Inter­net betä­ti­gen, schlicht die Gepflo­gen­hei­ten und Rechts­grund­la­gen von publi­zis­ti­scher Tätig­keit fremd. Wenn etwas im Inter­net frei zugäng­lich ist, bedeu­tet das nicht auto­ma­tisch, dass es zur freien Ver­fü­gung steht. Das Rechts­emp­fin­den unbe­darf­ter Neu­mit­glie­der des öffent­li­chen Schrei­bens, der Blog­ger und Nut­zer sozia­ler Netz­werke, ist sel­ten der rich­tige Maß­stab für lega­len Umgang mit den Inhal­ten, die im Inter­net zu fin­den sind. Das liegt aber nicht allein an der Nai­vi­tät vie­ler Nutzer.

Rechts(un)sicherheit — die ver­steckte Einstiegshürde

Rechts­fra­gen sind spe­zi­ell in Deutsch­land eine ver­steckte Ein­stiegs­hürde für die Teil­nahme an der Netz­öf­fent­lich­keit. Wer sich mit den Inhal­ten der Pro­fis aus­ein­an­der­set­zen möchte, also Teil der Medi­en­land­schaft wer­den will, muss nach den dort gül­ti­gen Regeln spie­len. Allein, das Regel­werk ist der­ma­ßen kom­pli­ziert, dass bei Lizenz­fra­gen oder Abwä­gun­gen zwi­schen Per­sön­lich­keits­recht und freier Mei­nungs­äu­ße­rung die Pro­fis längst mit dem kal­ku­lier­ten Risiko des Rechts­streits leben. Dafür gibt es Rechts­ab­tei­lun­gen in Medi­en­häu­sern. Die Gren­zen der Lega­li­tät sind den Pro­fis natür­lich weit­aus bes­ser bewusst, als den Quer­ein­stei­gern aus den neuen Medien. Aber auch die Pro­fis wan­deln häu­fig auf schma­lem Grat und bewe­gen sich ab und zu jen­seits der Grenze des­sen, was ein ande­rer Teil­neh­mer des Medi­en­zir­kus akzep­tie­ren möchte. Abmah­nung, Klage, Gegen­klage, wei­ter im Tages­ge­schäft. Auch dafür gibt es Rechtsabteilungen.

Der Medi­en­teil­neh­mer ohne Rechts­ab­tei­lung steht den Kos­ten sol­chen Geschäfts­ge­ba­rens meist hilf­los gegen­über. Pri­vat­per­so­nen kni­cken gegen­über einer Abmah­nung lie­ber sofort ein, als sich vor Gericht über die Recht­mä­ßig­keit der Abmah­nung zu strei­ten. Die­ser Umstand scheint mitt­ler­weile gar Geschäfts­grund­lage eines viel dis­ku­tier­ten Berei­che­rungs­mo­dells zu sein. Um so wert­vol­ler sind Werk­zeuge, die Rechts­si­cher­heit ver­spre­chen. Wie zum Bei­spiel ein Dienst, mit dem die Lizenz­fra­gen zu Bild­rech­ten nicht län­ger Pro­blem des Anwen­ders sind.

Aber mit Lizen­zen ist das nun ein­mal so eine Sache. Spe­zi­ell in Deutsch­land, wo der Blog­ger am Ende der­je­nige ist, der für die Inhalte ein­ste­hen muss, die er oder sie ver­wen­det. Wenn also ein Geschäfts­mo­dell aus Israel in den USA zur Appli­ka­tion ent­wi­ckelt wird und inter­na­tio­nal agie­rende Part­ner fin­det, tut der deut­sche Blog­ger gut daran, sich abzu­si­chern. Lizen­zen sind näm­lich häu­fig extrem kom­pli­ziert und unter­lie­gen man­nig­fal­ti­gen Beschrän­kun­gen, von denen im welt­wei­ten Inter­net ins­be­son­dere eine inter­es­sant ist: Die Beschrän­kung nach Region. Ein Rech­te­ver­wer­ter mag die Rechte für die USA haben, aber des­we­gen muss er noch keine Rechte für Deutsch­land haben, die ein Kon­kur­rent geson­dert erwer­ben kann. Selbst dann nicht, wenn seine Lizenz für das Medium Inter­net gilt. Wenn der unbe­darfte deut­sche Anwen­der sich nun gut­gläu­big bei die­sem ame­ri­ka­ni­schen Rech­te­ver­wer­ter bedient, wer­den die Lizenz­fra­gen sehr schnell wie­der zu sei­nem Problem.

Einem indi­rek­ten Geschäfts­part­ner Rechts­si­cher­heit gewäh­ren? Fra­gen Sie jemand anderen.

Das legt zumin­dest eine Anfrage bei den in Deutsch­land ansäs­si­gen Able­gern der inter­na­tio­na­len Rech­te­ver­wer­ter nahe. Auf die Frage, ob sich die offi­zi­el­len Part­ner von PicApp an die auf Eng­lisch abge­fass­ten Nut­zungs­be­din­gun­gen für PicApp auch in Deutsch­land gebun­den fühl­ten, waren die Ant­wor­ten ernüch­ternd. Getty konnte oder wollte nach Rück­spra­che mit der Rechts­ab­tei­lung kein State­ment abge­ben, ob Blog­ger in Deutsch­land PicApp nut­zen dürf­ten und ver­wies an den Part­ner PicApp. Cor­bis wollte nicht ein­mal eine Bestä­ti­gung abge­ben, dass eine offi­zi­elle Part­ner­schaft bestehe. Immer­hin konnte man sich daran erin­nern, dass es in der Ver­gan­gen­heit Über­le­gun­gen gege­ben habe, Foto­ma­te­rial für Blog­ger ver­füg­bar zu machen und ver­wies auf den ein­gangs ver­link­ten Arti­kel von Stock​pho​to​talk​.com.

Pro­bek und dog­food, zwei Sport­blog­gern, fiel außer­dem auf, dass auch Bild­ma­te­rial einer deut­schen Agen­tur, der Imago Sport­fo­to­dienst GmbH, im Archiv von PicApp auf­taucht. Dort wur­den die Fotos aller­dings News­com zuge­schrie­ben, die anschei­nend Lizen­zen zu die­sen Bil­dern von Imago erwar­ben. Ob die erwor­be­nen Lizen­zen wie­derum die Sub­li­zen­sie­rung an deut­sche Blog­ger via PicApp umfas­sen, bleibt unklar. Auf Anfrage schrieb Imago zurück, man prüfe die Situa­tion. Bis zur Klä­rung des Sach­ver­halte bitte man darum, keine »imago Bil­der« zu ver­wen­den. Trotz des Ver­spre­chens, sich zurück­zu­mel­den und trotz wei­te­rer Anfra­gen über meh­rere Wochen gab es keine wei­te­ren Stellungnahmen.

PicApp selbst rea­gierte nach wie­der­hol­ten Kon­taktan­bah­nun­gen schließ­lich über­rascht auf die Kon­fron­ta­tion mit der deut­schen Situa­tion: »We cur­rently don’t have any ter­ritory restric­tion for our con­tent.« Deut­sche Blog­ger dürf­ten sich frei aus dem Fun­dus der von PicApp lizen­sier­ten Bil­der bedie­nen, einige der flei­ßigs­ten Nut­zer ihrer Appli­ka­tion kämen aus Deutsch­land.  Alle Part­ner seien sich über die Reich­weite der Lizen­zen im kla­ren. Trotz­dem hatte sich kein Part­ner eine Zusage abrin­gen kön­nen, dass deut­sche Blog­ger PicApp nut­zen dürf­ten. Es wollte nicht ein­mal jeder die Part­ner­schaft selbst offi­zi­ell ein­ge­ste­hen. Auf die kon­krete Nach­frage, wie denn zu ver­ste­hen sei, dass ein deut­scher Rech­te­in­ha­ber sich die Nut­zung von  sei­nen Bil­dern ver­bitte, die bei PicApp zu fin­den sind, gab es keine Antwort.

Vom Kamel­rü­cken in Israel schafft es eine Geschäfts­idee also nicht so ein­fach nach Deutsch­land. Wenn nicht ein­mal die Rechts­ab­tei­lun­gen der offi­zi­el­len Part­ner ein OK geben wol­len, blei­ben Agen­tur­fo­tos für die pri­va­ten Publi­zis­ten im deut­schen Netz wei­ter ein Traum. Oder ein Risiko, das man auch ohne Rechts­ab­tei­lung ein­geht. Einen Anreiz, neue, wer­be­ba­sierte Geschäfts­mo­delle für den deut­schen Markt zu eta­blie­ren, scheint es nicht zu geben. Zumin­dest haben die betei­lig­ten Rech­te­ver­wer­ter offen­sicht­lich kein vor­ran­gi­ges Inter­esse, sich einen neuen Kun­den­stamm zu erschlie­ßen und ihm dafür ein wenig Rechts­si­cher­heit zu gewäh­ren. Ob die der­zei­tige Situa­tion aber auch nur für eine Seite befrie­di­gend ist, scheint frag­lich. Zumin­dest neh­men ganz aktu­ell die Debat­ten um Leis­tungs­schutz­rechte oder neue Urhe­ber­rechte in Deutsch­land an Fahrt auf. Der Sta­tus Quo scheint nie­man­dem mehr zu genü­gen. Diese Geschichte mag ein Bei­spiel sein, warum.

Kommentar-icon Kommentieren

  • Grendel sagt:

    Der Arti­kel war mal inter­es­sant. Es sind tat­säch­lich erst­klas­sige Fotos zu haben, aber der Ser­vice hat zwei Nach­teile… zum einen han­delt es sich um embed­ding, d.h. die Bil­der wer­den nur so lange ange­zeigt, wie picapp es erlaubt. Der Kon­troll­ver­lust würde mir nicht gefal­len, Zemanta hat da einen ähn­li­chen Haken. Zum ande­ren han­delt es sich nicht ledig­lich um das ein­bet­ten von Bil­dern, es gibt ein zusätz­li­ches Over­lay zu Bil­dern, die man nicht beab­sich­tigt, der schwarze Bal­ken macht auch nicht grad viel her. Ich habe nach kur­zer Suche keine Mög­lich­keit gese­hen, diese Option zu deaktivieren.




Kommentare können in der Kommentarschleife auf die Moderation warten. Bitte etwas Geduld beweisen und nicht neu absenden. Wir behalten uns vor, Kommentare zu löschen, die uns nicht passen. Spam wird grundsätzlich gelöscht. Weitere Erläuterungen zu Kommentarregeln und Datenschutz finden sich in unseren Nutzungsbestimmungen.



  • Über uns

    Die Kon­text­schmiede ist eine Platt­form für junge Auto­ren, auf der ein brei­tes Spek­trum von gesell­schaft­lich rele­van­ten The­men abge­deckt wird. Die Bei­träge sol­len Zusam­men­hänge, Hin­ter­gründe und Ana­ly­sen bie­ten und Inhalte stets in einen Kon­text ein­bet­ten, der neue Per­spek­ti­ven eröffnet.

↑ Springe zum Seitenanfang

An der Technik der Kontextschmiede wird beständig gefeilt. Für Fehler bitten wir um Nachsicht. © Kontextschmiede