Der Knigge als Sprungbrett ins Fettnäpfchen: Andere Länder, andere Sitten

Wenn man in Deutsch­land jeman­dem eine Frage stellt, ist es ein Gebot der Höf­lich­keit, des­sen Ant­wort abzu­war­ten. Selbst wenn sich nicht alle an diese Kon­ven­tion hal­ten, ist sie doch gemein­hin als Regel akzep­tiert. In der Begeg­nung mit ande­ren Kul­tu­ren fällt einem des­we­gen manch­mal erst spät auf, dass die Regeln, mit denen wir auf­ge­wach­sen sind, alles andere als selbst­ver­ständ­lich sind. Im kon­kre­ten Fall kann es ein sehr lang­wie­ri­ges und unan­ge­neh­mes Unter­fan­gen sein, in Japan nach dem Weg zu fragen.

Gesetzt den Fall, man fin­det über­haupt einen Ansprech­part­ner, dem man sich ver­ständ­lich machen kann, muss man hof­fen, dass der Gesprächs­part­ner die Ant­wort auch wirk­lich weiß. Zumin­dest, wenn man kein Experte in japa­ni­scher Eti­kette ist. Man kann natür­lich gemäß der deut­schen Kon­ven­tion höf­lich abwar­ten, bis der Pas­sant, den man nach dem Weg zum laut Rei­se­füh­rer stadt­be­kann­ten Restau­rant gefragt hat, seine Aus­füh­run­gen been­det. Aller­dings kann man dann unter Umstän­den zuhö­ren, bis die Sonne unter­geht.
Höf­lich­keit ist eine uni­ver­selle Tugend. Die Regeln der Höf­lich­keit aber sind alles andere als uni­ver­sell.
Im Land der auf­ge­hen­den Sonne sind die Rol­len in der Gesprächs­füh­rung näm­lich anders ange­legt als in Deutsch­land. Hier ist es der Fra­gende, der höchste Sorg­falt wah­ren muss, sein Gegen­über nicht bloß­zu­stel­len. Er sollte zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt das Ein­drin­gen in die Sphäre sei­nes Gesprächs­part­ners been­den, um die­sen mög­lichst wenig zu beläs­ti­gen.

Da man in Japan dar­auf bedacht ist, sei­nen Mit­men­schen mit einem gro­ßen Maß an Ent­ge­gen­kom­men zu begeg­nen, wird ein Ange­spro­che­ner alles Erdenk­li­che tun, um sei­nen Fra­ge­stel­ler zu befrie­di­gen. Selbst wenn er die Ant­wort nicht weiß. In der Not wird er die wil­des­ten Anek­do­ten spin­nen und diese mit Hin­wei­sen wür­zen, doch bitte nicht wei­ter auf eine Ant­wort zu war­ten. Aller­dings wird er nicht direkt zuge­ben, die Ant­wort nicht zu wis­sen. Er erwar­tet vom Fra­ge­stel­ler viel­mehr, ihm die­sen Gesichts­ver­lust zu ersparen.

Wenn man also in Tokio auf die Frage nach dem Weg zum berühm­ten Nudel­sup­pen­tem­pel Jiro Ramen nicht direkt eine kon­krete Ant­wort bekommt und etwa eine Geschichte wie diese hört, muss man umdenken:

Jiro Ramen, ja das ist doch die­ses bekannte Restau­rant. Wo war das noch gleich? Jetzt ist es mir gerade ent­fal­len. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, meine Toch­ter hat mal etwas davon erzählt. Das liegt doch hier in die­sem Vier­tel, nicht wahr? Die machen bestimmt tolle Nudeln. Jiro Ramen mein­ten Sie doch? Das Nudel­haus? Es fällt mir bestimmt wie­der ein. Das ist mir ein biss­chen unan­ge­nehm, Ent­schul­di­gung. Es gibt ja viele Restau­rants hier in die­ser Gegend. Sehr viele Nudel­re­stau­rants, da fällt es schwer, sich alle zu mer­ken. Es ist ja auch für jeden Geschmack etwas dabei. Ich muss mich mal kurz ori­en­tie­ren. Wir sind hier vor dem Mita-​​Bahnhof. Dann ist die Mitsui-​​Sumitomo gleich um die Ecke. Wis­sen Sie, wenn Sie an der gro­ßen Kreu­zung rechts gehen, lau­fen Sie bald auf das Uni­ver­si­täts­ge­bäude zu. Da kom­men Sie auch an vie­len Restau­rants vor­bei. Aber wo war jetzt noch mal Jiro Ramen? Da woll­ten Sie doch hin, nicht wahr? Man hört ja immer wie­der etwas Neues über Nudel­re­stau­rants…Japa­ni­scher Passant

Ange­sichts eines solch ver­zwei­fel­ten Rin­gens um Hilfe ist es höchste Zeit, den Pas­san­ten aus sei­nem Elend zu erlö­sen und ihn mit einer Ent­schul­di­gung zu unter­bre­chen. „Ach, ver­zei­hen Sie die Stö­rung, gerade fällt es mir selbst wie­der ein. Vie­len Dank für Ihre Mühe.“ Damit erlaubt man ihm, sein Gesicht zu wah­ren und ver­hält sich gemäß der japa­ni­schen Sitte. Eine Ant­wort wird man ohne­hin nicht erhal­ten. Sich in die­ser Situa­tion gemäß der deut­schen Höf­lich­keit zu ver­hal­ten, wäre äußerst unangemessen.

Anhand die­ser Epi­sode kann man sich viel­leicht vor Augen füh­ren, wie schnell Miss­ver­ständ­nisse in der Begeg­nung von Kul­tu­ren ent­ste­hen. Die eige­nen Regeln der Höf­lich­keit zu befol­gen kann einen schnell ins Fett­näpf­chen tre­ten las­sen, wenn man ver­gisst, wie will­kür­lich diese sind. Höf­lich­keit ist eine uni­ver­selle Tugend. Die Regeln der Höf­lich­keit aber sind alles andere als universell.

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