Japantag in Düsseldorf 2009 — Cosplay und Altbier

Japantag in Düsseldorf 2009 — Cosplay und Altbier

Mit einem Knall ver­ab­schie­dete die japa­ni­sche Gemeinde Düs­sel­dorfs ihre Besu­cher vom Nihon-​​Day 2009. Jedes Jahr lädt die nach Lon­don und Paris offi­zi­ell dritt­größte Ansied­lung japa­ni­scher und japa­nisch­stäm­mie­ger Bür­ger in Europa zu einem Fest der Kul­tur­be­geg­nung in der Lan­des­haupt­stadt ein.

Mitt­ler­weile ist die Gemeinde in Düs­sel­dorf die wahr­schein­lich best­or­ga­nis­erte außer­ja­pa­ni­sche Sied­lung und nach inof­fi­zi­el­ler Zäh­lung der für kurz­fris­tige Ein­sätze ein­ge­flo­ge­nen, nicht gemel­de­ten Fir­men­an­ge­stell­ten womög­lich noch ein­mal deut­lich grö­ßer, als es die offi­zi­el­len Zah­len bele­gen. Es hat sich um die Han­dels­ver­tre­tung eine Infra­struk­tur mit beson­ders gast­li­chem Flair in Düs­sel­dorf ent­wi­ckelt, die eine immense Sog­wir­kung aus­übt — nicht nur auf Japaner.

Rheintreppe Düsseldorf, MenschenmengeVerkleidete MenschenAuf der Rhein­pro­me­nade sam­meln sich Besu­cher zum Son­nen, Stau­nen und Posie­ren So haben sich in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt Anhän­ger der Cosplay-​​Subkultur Düs­sel­dorf als zen­trale Anlauf­stelle aus­er­ko­ren. Am Japan­tag zele­brie­ren Fans aus ganz Deutsch­land ihre Liebe zur japa­ni­schen Comic-​​Kultur in einer beson­de­ren Form des Rol­len­spiels mit detail­ge­treuer Kos­tü­mie­rung nach Vor­bild der Anime– und Man­ga­hel­den. Dabei ist es mit blo­ßer Kos­tü­mie­rung nicht getan, was zu amü­san­ten Sze­nen in der Begeg­nung der Cosplayer mit ihrem Publi­kum führt. Gerne posie­ren sie für die Foto­gra­fen — nach ihren eige­nen Regeln.

»Wir stel­len uns am Bes­ten hier vor die Mauer. Aber ich kann nicht in die Kamera gucken,« erklärt eine grau gewan­dete Vam­pi­rin, die ihren männ­li­chen Beglei­ter an einer Schaum­stoff­kette durch die Menge führt, ihrem ver­blüff­ten Foto­gra­fen. »Weil mein Cha­rak­ter das nicht macht!« Die Iden­ti­fi­ka­tion mit der Kunst­fi­gur, die als Vor­bild dient, ist Vor­aus­set­zung für einen Cosplayer. Des­we­gen ver­kün­den die meis­ten auf Nach­frage stolz: »Das habe ich alles sel­ber geschnei­dert«. Es ist eine Form von Eska­pis­mus, eine Flucht aus der Rea­li­tät, die die Bewe­gung ursprüng­lich aus­zeich­net. Die japa­ni­schen Vor­bil­der, die die Kul­tur ins Leben rie­fen, sind längst nicht alle so selbst­be­wusst, wie die jun­gen Men­schen, die sich in Düs­sel­dorf versammeln.

Eini­gen dient die Rolle des Hel­den oder der Hel­din (und eini­gen mehr noch die Rolle des Schur­ken oder auch eines gepei­nig­ten Opfers) als Halt, wenn sie auf der Jingū­ba­shi, der Brü­cke vor dem Meiji-​​Schrein in Tokio, ver­klei­det ihrer Rolle des Außen­sei­ters im Schul­all­tag ent­sa­gen. Vor­bild für deas Ent­ste­hen des neuen Trends waren die Fans ame­ri­ka­ni­scher Science-​​Fiction Serien, wie zum Bei­spiel Star-​​Trek, die auf Fan­tref­fen in das Uni­ver­sum ihrer Vor­bil­der ein­tauch­ten. Das Ver­klei­den als Cha­rak­ter einer Science-​​Fiction Serie wurde beim Trans­fer in die japa­ni­sche Sub­kul­tur mit einer tie­fe­ren Bedeu­tungs­ebene der per­sön­li­chen Iden­ti­fi­ka­tion mit einer fik­ti­ven Per­son auf­ge­la­den. Gleich­zei­tig mit dem Schlüp­fen in eine neue Iden­ti­tät, wird die eigene, nor­male Per­sön­lich­keit abge­legt, die oft als ent­täu­schend emp­fun­den wird. Bei der Inter­pre­ta­tion des Phä­no­mens in Deutsch­land ist von die­ser tra­gi­schen Kom­po­nente eini­ges ver­lo­ren gegan­gen: Die Dar­stel­ler hier pro­fi­tie­ren von der Aus­ein­an­der­set­zung nicht nur mit der Cosplay-​​Subkultur, son­dern mit dem Phä­no­men Japan ins­ge­samt. Viele beschäf­ti­gen sich mit der japa­ni­schen Spra­che und vie­len wei­te­ren Aspek­ten der japa­ni­schen Kul­tur über das Aus­le­ben ihres exo­ti­schen Hob­bys hinaus.

Bühne JapantagDen gan­zen Tag über wird auf der Haupt­bühne Pro­gramm für die Besu­cher des Stadt­fes­tes gebo­tenAls Begeg­nungs­stätte bie­tet Düs­sel­dorf dazu beste Vor­aus­set­zun­gen. Auf der Immer­mann­straße, dem Zen­trum der japa­ni­schen Unter­neh­men in Düs­sel­dorf, rei­hen sich Buch und Man­ga­lä­den anein­an­der, selbst ein Able­ger der Kauf­haus­kette Mit­su­ko­shi fin­det sich hier. Das EKŌ-​​Haus in Nie­der­kas­sel dient dem Kul­tur­aus­tausch und beher­bergt auf sei­nem Areal den ein­zi­gen, von Japa­nern erbau­ten, bud­dhis­ti­schen Tem­pel Euro­pas. Vor allem aber ist es die her­vor­ra­gende Ver­net­zung der japa­ni­schen Gemeinde mit der Stadt, die sich nicht zuletzt in der Orga­ni­sa­tion eines solch beein­dru­cken­den Spek­ta­kels wie des Japan­ta­ges mani­fes­tiert, die einen struk­tu­rel­len Vor­teil des Stand­or­tes bie­tet. Um die Bedürf­nisse der japa­ni­schen Expats zu bedie­nen, hat sich den Kon­zer­nen und Han­dels­ver­tre­tern Infra­struk­tur in Form von Ein­kaufs­mög­lich­kei­ten und Gas­tro­no­mie und sogar einer japa­ni­schen Schule ange­glie­dert, die sich, von den Bür­gern Düs­sel­dorfs ange­nom­men, schnell zu einer neuen, mul­ti­kul­tu­rel­len Düs­sel­dor­fer Iden­ti­tät ent­wi­ckelt hat.

So trifft am Japan­tag Sushi auf Alt­bier (was, neben­bei bemerkt, eine vor­züg­li­che Kom­bi­na­tion ist) und die Stände, die neben kuli­na­ri­schen Ent­de­ckun­gen auch ein brei­tes Kul­tur­an­ge­bot mit Ein­füh­run­gen in Schreib­kunst, das Go-​​Spiel, Ike­bana, Kendō, Iaidō und vie­les mehr bie­ten, kön­nen den Besu­cher­an­sturm kaum bewältigen.Ein japanischer GastronomiestandJapanische Köche in einem Gastronomiestand

Und zum Abschluss bestau­nen kos­tü­mierte und nicht­kos­tü­mierte Japan­lieb­ha­ber gemein­sam das Feu­er­werk, für des­sen Aus­rich­tung jedes Jahr Spe­zia­lis­ten aus Nip­pon einfliegen.

Update 14.06. 18:44

Cosplayer mit Mundschutz
Die japa­ni­sche Schule macht in die­sen Tagen lei­der auf unan­ge­nehme Weise Schlag­zei­len: Zwei Schü­ler hat­ten sich unab­hän­gig von­ein­an­der mit der Schwei­ne­grippe infi­ziert und ihre Mit­schü­ler ange­steckt. Einige der Cosplayer vor Ort the­ma­ti­sier­ten das Tages­ge­sche­hen, in dem sie eine gespielte Hys­te­rie in ihrer Cha­rak­ter­rolle anleg­ten und mit Mund­schutz her­um­lie­fen. Japa­ner, die man zumin­dest auf Fotos aus Japan auch mal mit einem Mund­schutz sieht, tra­gen die­sen übri­gens nicht aus Angst vor Anste­ckung, son­dern viel­mehr aus Höf­lich­keit, wenn sie selbst erkäl­tet sind und andere vor ihrer Erkäl­tung schüt­zen wol­len.

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  • NarutoAce sagt:

    Super der Arti­kel ^^ dau­men Hoch!!!
    Ich war auch da es war super soviele cosplayer und ein super wet­ter mach­ten den Japan­tag zu einem Schö­nen erlebniss.

    Und ich grüße alle leute aus dem Ani­me­pa­lace die ich lei­der nicht getrof­fen habe ges­tern hier­mit nocheinmal ^^

  • Heinrich Selassie sagt:

    ja nee, feu­er­werk war echt toll — auch wenn ich mich jedes­mal frage, ob es gerecht­fer­tigt ist, den jah­res­etat eines klei­nen afri­ka­ni­schen lan­des in 20 minu­ten in eine solch ver­gägn­g­li­che schön­heit zu inves­tie­ren…
    auf­grund mei­nes geburts­ta­ges an dem tag werde ich aber noch­mal in mei­ner unend­li­chen güte dar­über hinwegschauen!




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