Kinotipp: »Die Schimmelreiter«

In Lars Jes­sens Low-​​Budget-​​Film »Die Schim­mel­rei­ter« fährt Peter Jor­dan als Lebens­mit­tel­kon­trol­leur durchs hol­stei­ni­sche Flach­land. Neben ihm gibt ein glän­zen­der Axel Prahl den zyni­schen Menschenfeind.

Bevor es erst­mals in die neue Woh­nung geht, noch mal eben vor der Haus­tür eine Kippe anste­cken – sol­che Mit­be­woh­ner sind die liebs­ten. Als Fuchs (Peter Jor­dan) dem quar­zen­den Til­mann (Axel Prahl) die Türe öff­net, ahnt er, dass es viel­leicht doch keine gute Idee war, sich auf einen Deal mit sei­nem Chef ein­zu­las­sen. Dabei will der Elvis-​​Fan „Foxy“ Fuchs doch nur sein Revier ver­bes­sern. Der End­drei­ßi­ger arbei­tet als LMK, Lebens­mit­tel­kon­trol­leur, und er tut es gerne. Anstatt durch die Dith­mar­scher Pro­vinz zu eiern, würde er aller­dings lie­ber den Ham­bur­ger Kiez durch­leuch­ten. Nach hart­nä­cki­ger Über­zeu­gungs­ar­beit gibt sich sein Chef (Bjarne Mädel) geschla­gen. Bedin­gung: Fuchs muss des­sen Bru­der, den Men­schen­feind Til­mann, für eine Weile bei sich auf­neh­men.

Damit star­tet ein Road­mo­vie, das zwar nicht sehr hoch­tou­rig daher kommt, den Zuschauer aber ohne große Umwege mit tro­cke­nem Humor ein­nimmt. Motor ist das Auf­ein­an­der­tref­fen des unprä­ten­tiö­sen Nor­ma­los Fuchs mit dem zynisch-​​depressiven Wel­ten­bumm­ler Til­mann. Beim Anblick von Fuchs’ Dienst­wa­gen, einem VW Polo, stellt er als ers­tes klar: „Das geht gar nicht, mit so einer Nazikarre fahr’ ich nicht.“ Mit einem 57er Buick steu­ern die Prot­ago­nis­ten fortan durchs hol­stei­ni­sche Flach­land und prä­sen­tie­ren dem Zuschauer dabei eine kleine Enzy­klo­pä­die der Imbisse: Vom Antalya-​​Grill über das China-​​Restaurant bis hin zur Strand-​​Kate, das Laserpistolen-​​Thermometer des LMKs macht vor kei­ner Bude halt.

Axel Prahl gibt den kul­tur­be­flis­se­nen Mis­an­tro­pen Til­mann mit einer sol­chen Lei­den­schaft, dass es schmerzt, als er sich zu Recht einen Satz Prü­gel ein­fängt. Ohne fal­sche Beschei­den­heit steckt er sich Bares in die Taschen, regelt Fuchs’ Frauen-​​Angelegenheiten und gibt über­all unge­fragt seine Mei­nung ab. Nur wenn es um sein eige­nes Leben geht, macht er den Mund nicht auf. Hier lie­gen auch die Schwach­stel­len des Films. Sobald der Fokus auf Til­manns Innen­le­ben liegt, schal­tet die Story den Melancholie-​​Gang mit­un­ter zu hoch.

Fuchs sieht sich im Spiegel. (c) Michael TötterFuchs ist baff. © Michael Töt­ter

Echte Dialog-​​Perlen wie der Köfte-​​Check (siehe Video oben) und die lebens­nahe Ein­bet­tung machen jedoch man­ches Betrof­fen­heits­ge­plän­kel wett. Trotz Low-​​Budget-​​Produktion zeigt „Die Schim­mel­rei­ter“, des­sen Titel übri­gens durch­aus wört­lich zu neh­men ist, beacht­lich hohe Qua­li­tät. Regis­seur Lars Jes­sen („Dorf­punks“, „Am Tag als Bobby Ewing starb“) hat seine Mit­strei­ter offen­kun­dig mit ande­ren Argu­men­ten über­zeu­gen kön­nen. Da der Film nur mit einer gerin­gen Anzahl von Kopien gestar­tet ist, lässt er sich nur in weni­gen Kinos sehen.

www​.die​-schim​mel​rei​ter​.com

Kommentar-icon Kommentieren




Kommentare können in der Kommentarschleife auf die Moderation warten. Bitte etwas Geduld beweisen und nicht neu absenden. Wir behalten uns vor, Kommentare zu löschen, die uns nicht passen. Spam wird grundsätzlich gelöscht. Weitere Erläuterungen zu Kommentarregeln und Datenschutz finden sich in unseren Nutzungsbestimmungen.



  • Über uns

    Die Kon­text­schmiede ist eine Platt­form für junge Auto­ren, auf der ein brei­tes Spek­trum von gesell­schaft­lich rele­van­ten The­men abge­deckt wird. Die Bei­träge sol­len Zusam­men­hänge, Hin­ter­gründe und Ana­ly­sen bie­ten und Inhalte stets in einen Kon­text ein­bet­ten, der neue Per­spek­ti­ven eröffnet.

↑ Springe zum Seitenanfang

An der Technik der Kontextschmiede wird beständig gefeilt. Für Fehler bitten wir um Nachsicht. © Kontextschmiede