Klassik in Industrieruinen

Der Landschaftspark Nord in Meiderich, gut sichtbar von der A42 am Kreuz Duisburg-Nord, ist bereits für sich genommen ein eindrucksvoller Leuchtturm des Potts. Am Samstag fand dort im Rahmen der ruhrgebietsweiten „Extraschicht“ erstmals ein Konzert der Duisburger Philharmoniker statt. In einer ehemaligen Industrieumgebung von der Größe einer Kleinstadt wirkte selbst das personell gut ausgestattete Orchester wie eine Schaufel Erz im Hochofen.

Duisburger Philharmoniker im Landschaftspark NordDie Duisburger Philharmoniker spielten vor eindrucksvoller Kulisse. © csp

Die Musiker unter der Leitung von Anthony Weeden hatten sich bei der Auswahl der Stücke vom genius loci inspirieren lassen. Zufall war es daher nicht, dass sie in ihrem recht willkürlich zusammengestellten Repertoire jene Sequenz aus Wagners Tristan & Isolde spielten, die als musikalische Begleitung des surrealistischen Meisterwerks „Un chien andalou“ von Buñuel und Dalí zur Unsterblichkeit gelangte. Es müssen ja nicht immer Nähmaschine und Regenschirm sein, die sich auf dem Seziertisch begegnen. Unbestreitbar erzeugte auch das Konglomerat Industrieruinen und Klassikorchester eine Wirkung, die über die Wirklichkeit hinaus reichte. Dies umso mehr, als sich der Klang mit dem Scheinwerferlicht vermengte, das ambivalente Schattenspiele an die Röhren und Trichter der provisorischen Bühnenplattform warf. Als zwischenzeitliche Ouvertüre der aus mehreren Teilen bestehenden, dunstig-lauen Konzertnacht hatte zuvor die Filmmusik der 20th Century Fox sowie die Star Wars-Eröffnung dienen müssen.

Ein Lob gilt der unheimlich guten Idee, klassische Musik in der Zwischenwelt von Natur und Industrie zu platzieren und somit nicht allein die typische Konzerthaus-Klientel anzusprechen. Musik unter freiem Himmel bedeutet aber auch, dass der Liebhaber sich auf Kompromisse einlassen muss. Das Rauschen der Bäume mischte sich am Samstag ebenso in den feinen Musikstrom wie Geschwätz und das gelegentliche gellende Pfeifen der Dampflok, die als einzig lebendes Anschauungsobjekt der Gattung „Industrieungetüme“ einige hundert Meter weiter in rotem Licht erstrahlte. Ein Konzertsaal in der Natur, der Himmel ist die Grenze. Leider verwehrte ein wolkenverhangenes Firmament den Blick auf Sterne oder Halbmond.

Volles Pinnchen neben DoseDampf kommt im Landschaftspark Nord nur noch aus der Eisenbahn. © csp

Auf der anderen Seite machten gerade die Umgebungsgeräusche manches Stück erst zum Erlebnis. Deutlich war dies etwa beim John Adams-Titel „Short ride in a fast machine“ zu erleben, in dem durchgängige Perkussionselemente auf den Takt der Arbeitswelt referierten. Beinahe so, als ob in der Kraftzentrale nebenan noch immer die Generatoren liefen.

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