Die Krawatte als Ausdruck der Bescheidenheit

In unse­rer Ein­füh­rung zur Serie über Stil haben wir bereits dar­auf hin­ge­wie­sen, dass ein Groß­teil der heute gül­ti­gen Benimm­kon­ven­tio­nen will­kür­lich aus­ge­wählte Sym­bole sind, die eine Wert­schät­zung der Mit­men­schen demons­trie­ren sol­len. Bes­tes Bei­spiel für solch ein Sym­bol ist die oft unge­liebte Kra­watte. Sie erfüllt kei­nen funk­tio­na­len Zweck, son­dern schränkt im Gegen­teil nur die eigene Frei­heit ein. Dahin­ter steckt System.

Warum beste­hen Per­so­nal­chefs auf Kra­wat­ten­z­wang für Mit­ar­bei­ter mit Kun­den­kon­takt? Wieso muss es immer so förm­lich sein, wenn ein Vor­stel­lungs­ge­spräch ansteht? Es gibt eine bes­sere Begrün­dung als „weil sich das so gehört“.
Eine Kra­watte macht immer einen schlan­ken Fuß.
Indem ich mich frei­wil­lig einem gewis­sen Maß an Unbe­quem­lich­keit aus­setze, zeige ich deut­lich, dass ich meine Frei­heit ein­schrän­ken will. Damit werte ich gleich­zei­tig die Frei­heit mei­ner Mit­men­schen auf, denn wie uns die Phi­lo­so­phen erklä­ren, endet per­sön­li­che Frei­heit da, wo die Frei­heit des Nächs­ten beginnt. Mit mei­ner Bereit­schaft, ein gewis­ses Maß an eigent­lich über­flüs­si­ger Arbeit zu inves­tie­ren, zeige ich: Du bist mir wich­tig genug, dass ich mir die­ses unnütze Stück Stoff um den Hals schlinge. In die­sem Bewusst­sein getra­gen, ist der Bin­der Aus­weis von Beschei­den­heit statt Geckentum.

Die Kra­watte erfor­dert indes­sen nur ein sehr huma­nes Maß an Selbst­be­schrän­kung, wenn wir die im wört­li­chen Sinne atem­be­rau­ben­den Kor­sa­gen ver­gan­ge­ner Epo­chen als Ver­gleich bemü­hen. Da ist der Strick aber das weit­aus klei­nere Übel, meine Her­ren! Über­haupt kann man fest­stel­len, dass es doch ein gro­ßes Ungleich­ge­wicht an Beschrän­kun­gen für Her­ren und Damen gibt. Da wir uns aber an die­ser Stelle nicht mit einer femi­nis­ti­schen Betrach­tung beschäf­ti­gen, soll fol­gen­der Ver­weis genü­gen: Wenn Kon­ven­tio­nen ein­mal fest­ge­legt sind, erschaf­fen sie durch gesell­schaft­li­chen Druck natür­lich auch ein hohes Maß an fremd­be­stimm­ten Beschränkungen.

Auf­klä­rung schafft Selbst­be­stim­mung. Durch eine Beschäf­ti­gung mit den his­to­ri­schen Ursprün­gen der Kra­watte, mit ihrer gesell­schaft­li­chen Bedeu­tung und mit ihrer Kurio­si­tät, eine echte Wis­sen­schaft zu sein, eman­zi­piert sich der Kra­wat­ten­trä­ger vom Joch des „Müs­sens“. Viel­leicht trägt er dann häu­fi­ger auch in pri­va­tem Umfeld Schlips.

Eine Kra­watte macht näm­lich immer einen schlan­ken Fuß und erwei­tert das modi­sche Reper­toire des Her­ren (aber auch der Damen, die sich genau so bewusst von Kon­ven­tio­nen eman­zi­pie­ren soll­ten, wie männ­li­che Kra­wat­ten­knechte) unge­mein. Mit einer über­legt gewähl­ten äuße­ren Erschei­nung demons­triert man kei­nes­falls Ober­fläch­lich­keit. Wenn man seine Hand­lun­gen begrün­den kann, statt sich skla­visch an Knigge-​​Regeln zu hal­ten, erwächst womög­lich Selbst­be­wusst­sein und Beschei­den­heit aus Stil. Dann bekommt die Ent­schei­dung gegen die Kra­watte oder für einen ganz beson­de­ren Kno­ten gleich ein ganz ande­res Gewicht. Zumin­dest für den Träger.

Viel­leicht ent­wi­ckelt er oder sie dann auch das Fin­ger­spit­zen­ge­fühl, zu wis­sen, wann ein Behar­ren auf den Zwän­gen der Klei­der­ord­nung fehl am Platz ist. Barack Obama hat sich jeden­falls sehr bewusst gegen den Zwang zum Sakko im wei­ßen Haus ent­schie­den — und demons­triert so Hemdsärmeligkeit.

Aus­ge­fal­le­nere Kno­ten als die aus dem Video (zum Bei­spiel den Mons­ter­kno­ten des „Mero­win­gers“ aus den Matrix-​​Filmen) fin­det man übri­gens bei Wiki­pe­dia. Da waren womög­lich Kra­wat­ten­nerds am Werk.

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  • Heinrich Selassie sagt:

    ist die ein­fuhr von kra­wat­ten in den iran eigent­lich bereits ver­bo­ten? denn die­ses böse stück stoff ver­stößt ja bekannt­lich gegen die ira­ni­sche kul­tur und sym­bo­li­siert ja auch irgend­wie das christ­li­che kreuz!

  • erz sagt:

    Was den Iran angeht, bin ich lei­der über­fragt. Aller­dings ist es rich­tig beob­ach­tet, dass die Sym­bole, die anhand gesell­schaft­li­cher Kon­ven­tio­nen Aus­sa­gen trans­por­tie­ren sol­len, höchst kul­tur­spe­zi­fisch sind. Im Zwei­fel sollte man bes­ser nach­fra­gen, bevor man in irgend­wel­che Fett­näpf­chen springt.




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