Musik als Folterinstument. Interview mit Christian Grüny

Mensch­li­che Grau­sam­keit hat viele Gesich­ter. Eine beson­ders per­fide Methode der Fol­ter ist es, Musik als Werk­zeug ein­zu­set­zen. Etwas all­täg­li­ches und all­ge­gen­wär­ti­ges wird zur Zer­stö­rung der mensch­li­chen Würde und Ver­stüm­me­lung der Psy­che ein­ge­setzt. Musik ist ein Teil des Lebens, der aus unse­rer Kul­tur nicht weg­zu­den­ken ist. Als Fol­ter­in­stru­ment miss­braucht, wirkt sie mög­li­cher­weise bis ans Lebens­ende nach.

Portrait Christian GrünyDie Opfer begeg­nen dem Werk­zeug ihrer Fol­ter auch in Frei­heit stets aufs neue. Wie wirkt sich Fol­ter mit Musik auf die mensch­li­che Psy­che aus? Eine Frage, die in der Wis­sen­schaft zuneh­mend dis­ku­tiert wird und aus­ge­hend von den Ereig­nis­sen in Guan­tá­namo und Berich­ten aus dem Irak­krieg auch die Öffent­lich­keit inter­es­siert. Chris­tian Grüny, Juni­or­pro­fes­sor für Kul­tur­re­fle­xion an der Uni­ver­si­tät Witten/​Herdecke, forscht seit meh­re­ren Jah­ren zum Thema Schmerz und beschäf­tigt sich in der letz­ten Zeit ver­mehrt mit Musik als Fol­ter­in­stru­ment. Kontextschmiede-​​Autor Mak­sim Hart­wig ver­sucht im Inter­view, die Mecha­nis­men der Fol­te­rung durch Melo­dien näher zu ergrün­den.

Herr Grüny, am 26.06.2009 haben Sie einen Vor­trag über das Thema „Musik als Fol­ter­in­stru­ment“ an der Heinrich-​​Heine-​​Universität in Düs­sel­dorf gehal­ten. Wie sind Sie zu die­sem Thema gekommen?

Als Phi­lo­soph, der sich vor­ran­gig mit Musik beschäf­tigt, fühlt man sich von einem sol­chen Thema natür­lich unmit­tel­bar ange­spro­chen – wie ist es mög­lich, dass die Kunst auf diese Weise ein­ge­setzt wer­den kann? Da gibt es offen­bar etwas zu ver­ste­hen. Dar­über hin­aus habe ich mich lange mit Schmerz und Fol­ter beschäf­tigt und war inso­fern ohne­hin mit dem Thema befasst.

Der öffent­li­che Dis­kurs über die Fol­ter hat sich in den The­men über den Krieg in Afgha­nis­tan und in Irak zuge­spitzt. Wie weit ist die Ver­wen­dung von Musik als Fol­ter­in­stru­ment fortgeschritten?

Das ist kaum wirk­lich zu beant­wor­ten. Man kann sich nur auf ver­ein­zelte Berichte von Betrof­fe­nen, Opfern wie Aus­füh­ren­den, beru­fen. Eine sys­te­ma­ti­sche Unter­su­chung dazu gibt es bis­lang noch nicht.

Wel­che Art von Musik kann als Fol­ter­in­stru­ment ver­wen­det werden?

In ers­ter Linie wurde offen aggres­sive Musik wie Metal oder har­ter Rap ein­ge­setzt. Beun­ru­hi­gend finde ich aber, dass auch schein­bar voll­kom­men harm­lose Musik ver­wen­det wurde, so etwa das Stück „Baby­lon“ von David Gray. Die Wir­kung scheint die glei­che zu sein.

Wel­che Rolle spielt der wie­der­ho­lende Cha­rak­ter der Musik wäh­rend der Folterung?

Der­ar­tige Fra­gen las­sen sich nicht ein­fach so beant­wor­ten. Ich habe eine These dazu, die ich Ihnen gern sagen kann: Der repe­ti­tive Cha­rak­ter der meis­ten Pop­mu­sik zwingt den­je­ni­gen, der ihr dau­er­haft aus­ge­setzt ist, in eine unauf­hör­li­che Nach­voll­zugs­be­we­gung, bei der sich Affek­ti­ves, Sinn­li­ches und Geis­ti­ges nicht wirk­lich tren­nen las­sen. Es bleibt in der Psy­che sozu­sa­gen kein Raum mehr für ande­res neben der sich immer tie­fer ein­bren­nen­den Schleife des immer Gleichen.

Wel­che wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen sind not­wen­dig um Musik als Fol­te­rung wahrzunehmen?

Man darf wohl vor­aus­set­zen, dass die min­des­tens unan­ge­nehme, schlimms­ten­falls uner­träg­li­che Umge­bung, in der die Gefan­ge­nen der Musik aus­ge­setzt waren, ihren Teil bei­trägt. Die Angst des Aus­ge­lie­fert­seins und die extreme Laut­stärke tun ihr Übriges.

Was pas­siert mit dem Men­schen, der auf die Dauer die­sem Wahr­neh­mungs­zwang aus­ge­setzt wird?

Es scheint so, als trü­gen sie eine Trau­ma­ti­sie­rung davon, die mit der­je­ni­gen ver­gleich­bar ist, die andere Fol­ter­me­tho­den, phy­si­sche wie psy­chi­sche, her­vor­ru­fen. Per­fide daran ist, dass die Aus­lö­ser für trau­ma­ti­sche Flash­backs so omni­prä­sent sind – wie soll man in die­ser Welt ver­mei­den, Pop­mu­sik aus­ge­setzt zu sein?

Herr Grüny, mit wel­chen ande­ren kul­tu­rel­len Gütern kön­nen Mani­pu­la­tio­nen sol­cher Art auch durch­ge­führt werden?

Schwer zu sagen. Man kann sich ähnli­ches für Bil­der, Filme, Tanz etc. wohl kaum vor­stel­len. Musik bleibt auch wegen ihrer uni­ver­sa­len Ver­füg­bar­keit beson­ders geeignet.

Die Fol­gen sol­cher Art von Fol­ter sind gra­vie­rend und mit einer nach­hal­ti­gen trau­ma­ti­schen Wir­kung ver­se­hen. Wie mög­lich ist die ver­gleich­bare Wir­kung durch den all­täg­li­chen Kon­sum von Mas­sen­me­dien, die durch­aus einen sich perio­disch wie­der­ho­len­den Cha­rak­ter aufweisen?

Man muss auf­pas­sen, hier nicht eine läs­tige Nor­ma­li­tät zu dra­ma­ti­sie­ren und damit unaus­weich­lich den Ernst­fall zu tri­via­li­sie­ren. Was die Dau­er­be­schal­lung mit ste­reo­ty­pi­sier­ter Popu­lär­mu­sik für Fol­gen hat, ist sicher eine inter­es­sante Frage. Aber dass sie nicht trau­ma­ti­sie­rend ist, sollte wohl klar sein.

Herr Grüny, noch eine letzte Frage. Wel­che Art von Musik hören Sie gern?

Gute. Egal ob sie eher das Den­ken, eher den Kör­per oder bei­des anspricht. Anton Webern und Sonic Youth.

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