Mutters Pfannkuchen

Es hat schon eine gewisse Tra­di­tion, dass ich immer, wenn ich Pfann­ku­chen backe, meine Mut­ter anrufe, um sie noch ein­mal nach dem Rezept für den Teig zu fra­gen. Das war bis vor Kur­zem noch nicht ein­mal gespielt: Ich habe mir die Men­gen­an­ga­ben wirk­lich nie gemerkt — viel­leicht weil mein Unter­be­wusst­sein eine kleine Lösch­rou­tine instal­liert hat, die mich zwin­gen sollte, mich öfter bei Mama zu mel­den. Spä­tes­tens, wenn ich oder eine zu Spei­se­plan­wün­schen berech­tigte Per­son in mei­nem Umfeld wie­der Lust auf Pfann­ku­chen hatte, musste ich also telefonieren.

Irgend­wann im letz­ten Jahr hat sich wohl mein Gedächt­nis gegen mein Unter­be­wusst­sein durch­ge­setzt, zumin­dest kann ich nun die Men­gen­an­ga­ben ohne Anruf abru­fen. Weil aber jeder Tag, an dem man an seine Liebs­ten denkt, ein schon ein biss­chen weni­ger schlech­ter Tag ist, werde ich als Appe­tit­häpp­chen für alle wei­te­ren Arti­kel über das Kochen die­ses Rezept hier ver­ewi­gen.Jeden Tag die Ner­ven und die Lei­den­schaft auf­zu­brin­gen, sich ohne Ruhm um das Wohl­er­ge­hen ande­rer zu sor­gen, das ist hohe Schule

Im letz­ten Jahr ebbte die gera­dezu rausch­hafte Begeis­te­rung in Deutsch­land für das Kochen, anschau­lich doku­men­tiert in der Infla­tion der Koch­dar­stel­ler, den Fern­seh­kö­chen, merk­lich ab. Zumin­dest die gefühlte Pene­tranz der löf­fel­schwin­gen­den Selbst­dar­stel­ler scheint zuguns­ten von Käfi­grei­ni­gung und Gehe­ge­sa­nie­rung einer neuen Form des Reno­vie­rungs­fern­se­hens gewi­chen. Die größte Wohl­tat in die­sem Zusam­men­hang ist ver­mut­lich die gera­dezu medi­ta­tive Abkehr von der Selbst­dar­stel­lung. Kein Pfau ist so eitel wie ein Fern­seh­koch. Und aus der Nabel­schau ums Kochen erwuchs gera­dezu ein Leis­tungs­druck, in der hei­mi­schen Küche den neuen Ansprü­chen an ein per­fek­tes Abend­es­sen gewach­sen zu sein.

Wenn man denn natio­nale Tugen­den im euro­päi­schen Ver­gleich über­haupt als exis­tent annimmt, so mag man sich in sei­nen Vor­ur­tei­len vom Michel bestä­tigt sehen, dass er sogar aus einer Tätig­keit, deren Pro­dukt Men­schen zusam­men­führt, einen Wett­be­werb macht. In Eng­land bat man schlicht Come Dine With Me. Diese Inter­pre­ta­tion des Koch­wahns ist natür­lich will­kür­lich und gemein, man könnte den Kampf ums per­fekt durch­ge­bra­tene Kalb auch gut als Aus­druck eines patri­ar­cha­li­schen Besitz­er­grei­fungs­an­spruchs auf vor­mals weib­li­ches Ter­ri­to­rium begrei­fen. Wie immer man den in Deutsch­land neu ent­fach­ten Dis­kurs des Kochens auch betrach­tet — er war auf frap­pie­rende Weise dem Fuß­ball­dis­kurs gleich. Die inhalt­li­che Qua­li­tät ent­puppte sich als heiße Luft, wenn gestan­dene Restau­ran­teure und Köche sich vor den Kame­ras nur noch darin gefie­len, Phra­sen­schweine zu mäs­ten und den Show­kas­per zu spielen.

Das Wett­rüs­ten in der Küche nahm bud­get­schä­di­gende Aus­maße an. Bis ich irgend­wann wie­der Pfann­ku­chen machen wollte und meine Mut­ter anrief. Selbst wenn ich nach einer har­ten Schule von Schnei­de­tech­nik und Lebens­mit­tel­che­mie womög­lich die aus­ge­fal­le­ne­ren Arran­ge­ments für den Gruß aus der Küche zusam­men­stel­len konnte: Nest­wärme kann kein Herd erset­zen. Jeden Tag die Ner­ven und die Lei­den­schaft auf­zu­brin­gen, sich ohne Ruhm um das Wohl­er­ge­hen ande­rer zu sor­gen (auch der eige­nen Gesund­heit übri­gens — tut euch was gutes und kocht auch mal für euch alleine), das ist hohe Schule. Viel­leicht wollte mein Unter­be­wusst­sein mir auch nur eine Lek­tion in Demut ertei­len. Ich koche jetzt viel mehr als frü­her und weni­ger prä­ten­tiös. Prä­ten­tiös zu kochen bedeu­tet übri­gens in etwa, so zu kochen, wie Texte zu schrei­ben, in denen das Wort prä­ten­tiös vorkommt.

Bevor ich’s ver­gesse: Einen vier­tel Liter Milch, ein vier­tel Liter Spru­del­was­ser, ein vier­tel Kilo Mehl, 4 kleine (oder 3 nor­male) Eier, eine Prise Salz und eine Prise Zucker ordent­lich ver­rüh­ren. Das ist die per­fekte Basis, um in einer hei­ßen Pfanne in ein wenig schäu­men­der But­ter sowohl herz­hafte, als auch süße, dünne Pfann­ku­chen zu backen, je nach Belag.

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