»Niemand ist objektiv« — Interview mit Sabine Schiffer

Portrait Dr. Sabine SchifferFoto: Susanne Gab­ler. Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Sabine Schiffer

Dr. Sabine Schif­fer ist Grün­de­rin und Vor­sit­zende des Insti­tu­tes für Medi­en­ver­ant­wor­tung. Sie pro­mo­vierte über die Islam­dar­stel­lung in den Medien und for­mu­liert zu die­sem The­men­kom­plex Posi­tio­nen, die durch­aus das Prä­di­kat kon­tro­vers ver­die­nen. Zumin­dest die­nen ihre The­sen immer wie­der als Pro­jek­ti­ons­fo­lie für wüten­den Wider­spruch, zum Bei­spiel den des Kolum­nis­ten Hen­ryk M. Bro­ders. Wegen einer Aus­sage in einem Inter­view zum Mord an Marwa El-​​Sherbini, in dem Sie einen »sicher­lich ras­sis­ti­schen« Hin­ter­grund des Poli­zis­ten­fehl­schus­ses in dem tra­gi­schen Ereig­nis ver­mu­tete, wurde ihr ein Straf­be­fehl des Amts­ge­rich­tes Erlan­gen zuge­stellt. Ein in den Gerichts­saal stür­men­der Poli­zist schoss damals auf den Ehe­mann El-​​Sherbinis, wäh­rend die­ser mit dem Angrei­fer rang.

Frau Schif­fer erklärte sich bereit, trotz des lau­fen­den Ver­fah­rens einige Fra­gen per Mail zu beant­wor­ten, nach­dem Sie bereits einen ande­ren Arti­kel der Kon­text­schmiede kom­men­tiert hatte. Wir haben uns dar­auf geei­nigt, das Inter­view unge­kürzt im Wort­laut zu veröffentlichen.

Mit Ihren Äuße­run­gen zum Ras­sis­mus bewe­gen Sie sich stets auf heik­lem Ter­rain zwi­schen Mei­nungs­äu­ße­rung und Belei­di­gung, weil der Begriff in der All­tags­wahr­neh­mung weit­hin mit einer dif­fa­mie­ren­den Kon­no­ta­tion belegt ist. Zumin­dest die Staats­an­walt­schaft Nürnberg-​​Fürth sieht das anschei­nend so. Muss­ten Sie eigent­lich Ihrem Anwalt erst Ihre Ver­wen­dung des Ras­sis­mus­be­griffs erläutern?

Nein, mein Anwalt hatte sofort begrif­fen, dass es hier unter ande­rem um die Dis­kre­panz zwi­schen der Ver­wen­dung des Begriffs in der Wis­sen­schaft und der des All­tags geht. Er hat sich nur gewun­dert, warum die Staats­an­walt­schaft weder meine Dok­tor­ar­beit, in der alles akri­bisch defi­niert wurde, noch unsere Stel­lung­nah­men in Form von Pres­se­mit­tei­lun­gen zur Kennt­nis genom­men zu haben scheint.

Was ist das Anlie­gen, das Ihnen per­sön­lich am Meis­ten am Her­zen liegt, wenn Sie an Ihren All­tag den­ken? Kön­nen Sie die­ses Anlie­gen in nur einem Satz ganz umgangs­sprach­lich formulieren?

In einem Satz und umgangs­sprach­lich – sicher nicht, sorry! Das Zusam­men­le­ben von Men­schen wird durch Kom­mu­ni­ka­tion getra­gen und gestört – wie man auch hier sehen kann – und eines mei­ner Haupt­an­lie­gen ist die Ver­bes­se­rung die­ser Kom­mu­ni­ka­tion, sprich dabei zu hel­fen, dass eigene Wahr­neh­mungs– und Hand­lungs­mus­ter als Pro­dukt der eige­nen Umwelt bewuss­ter wer­den und man eine kri­ti­sche Dis­tanz zu Vor­ur­tei­len jed­we­der Art ent­wi­ckeln kann, um offen für wei­tere Ein­drü­cke zu sein.

Sie selbst wur­den wegen Ihrer Äuße­run­gen in der Ver­gan­gen­heit hef­tig ange­gan­gen. Von Ihren Geg­nern wer­den Sie teil­weise als ver­blen­dete Ideo­lo­gin bezeich­net, und das ist noch die Spra­che derer, die sich zivi­li­siert aus­drü­cken. Wie wir­ken sich sol­che media­len und auch jen­seits der Öffent­lich­keit voll­zo­ge­nen Schlamm­schlach­ten auf ihr Pri­vat­le­ben aus?

Ich habe den Ein­druck, dass meine Kin­der sehr viel dabei ler­nen, denn sie ken­nen mich ja und kön­nen genau das immer wie­der nach­voll­zie­hen, worum es mir mit der Arbeit geht: Sie sehen die Dis­kre­panz zwi­schen dem, was mich bewegt und wofür ich mich mit wel­chem Ziel ein­setze, und dem, was man­che ver­su­chen als Rea­li­tät zu for­mu­lie­ren und was ihnen in ihren Krei­sen auch gelin­gen mag, weil mich die Leser die­ser Anwürfe nicht ken­nen, bezie­hungs­weise ver­ken­nen. Damit muss man leben, wenn man sich öffent­lich äußert – das tan­giert mich per­sön­lich nicht. Und ich ver­traue dar­auf, dass die meis­ten Men­schen doch die Schul­lek­tion gelernt haben, dass Atta­cken auf Per­so­nen dar­auf hin­wei­sen, dass die Argu­mente feh­len. Über eine inhalt­li­che und fun­dierte Aus­ein­an­der­set­zung freue ich mich stets, die bringt auch für mich den Erkennt­nis­ge­winn voran und derer gibt es zum Glück genug und daran ori­en­tiere ich mich im Arbeits­all­tag als Wis­sen­schaft­ler. Was man natür­lich nicht igno­rie­ren kann, sind die offe­nen Dro­hun­gen, die deut­lich zuneh­men. Da warte ich noch auf die Staats­an­walt­schaft, dass sie die­ses Geba­ren ebenso ernst nimmt.

Warum glau­ben Sie, dass gerade das Thema Islam zu einer so unver­söhn­li­chen Pola­ri­sie­rung in den dis­ku­tier­ten Posi­tio­nen führt?

Ich kann ver­ste­hen, dass das so gekom­men ist. In mei­ner Dok­tor­ar­beit beschäf­tige ich mich ja aus­führ­lich mit dem Zustan­de­kom­men des sub­jek­ti­ven Islam­bil­des durch übli­che Medi­en­me­cha­nis­men: Aus­wahl– und Kom­bi­na­ti­ons­ver­fah­ren und meta­pho­ri­sche Struk­tu­ren, was andere The­men ähnlich betrifft, vor allem in den 1990er Jah­ren und dann dem Schub nach dem 11. Sep­tem­ber 2001. Die Erklä­run­gen seit­her, dass der Islam für Anschläge ver­ant­wort­lich sei, wenn Mus­lime die Täter sind, ist nicht nur extrem ver­all­ge­mei­nernd und anti-​​aufklärerisch, son­dern sicher­lich die­sen frü­hen »Lek­tio­nen« geschul­det. Beson­de­res Gewicht erhält ja die Tat­sa­che, dass einige Täter ver­su­chen, ihre Taten beson­ders isla­misch zu begrün­den. Der­lei Begrün­dun­gen gibt es viele: Neo-​​Nazis, die glau­ben das Deutsch­tum not­falls mit Gewalt »ver­tei­di­gen« zu müs­sen, christ­li­che Fun­da­men­ta­lis­ten, die die Welt auch nicht ganz gewalt­frei chris­tia­ni­sie­ren wol­len, oder auch demo­kra­tisch gewählte Regie­run­gen, die behaup­ten mit­tels »Krieg gegen den Ter­ror« die Frei­heit und die Demo­kra­tie zu ver­tei­di­gen und zu ver­brei­ten. Diese Behaup­tun­gen sind zu ana­ly­sie­ren und nicht nur dann für bare Münze zu neh­men, wenn sie ins eigene Welt­bild pas­sen. Dabei reicht es nicht aus, eine fun­da­men­ta­lis­ti­sche Textin­ter­pre­ta­tion des Korans vor­zu­neh­men und auf Grund des Vor­han­den­seins bestimm­ter Text­stel­len allen Mus­li­men von Grund auf eine krie­ge­ri­sche Hal­tung zu unter­stel­len – das ist eben Neo-​​Rassismus im Sinne Mem­mis und Balibars. Genauso könnte man Chris­ten das Ein­ver­ständ­nis mit Men­schen­fres­ser­tum unter­stel­len und Juden eine Welt­ver­schwö­rung, was im 19. Jahr­hun­dert ja mit dem Ver­weis auf jüdi­sche Quel­len ver­sucht wurde. Im Buch »Anti­se­mi­tis­mus und Isla­mo­pho­bie – ein Ver­gleich« gehen Con­stan­tin Wag­ner und ich dar­auf ein.

Wel­chen Satz aus der Feder Hen­ryk M. Bro­ders wür­den Sie gerne irgend­wann ein­mal über sich lesen?

Och, der darf ruhig wei­ter seine selbst­ent­lar­ven­den Text­ver­su­che pro­du­zie­ren. Einem argu­men­ta­ti­ven Dis­kurs scheint er ja nicht gewach­sen zu sein. Da habe ich keine Erwar­tun­gen, keine Hoffung und auch kein Interesse.

Sie selbst wir­ken mit Ihren öffent­li­chen Äuße­run­gen ja auch immer an einer Medi­en­in­sze­nie­rung von gesell­schaft­li­chem Dis­kurs mit. Poin­tierte Sei­ten­hiebe auf den Geg­ner und kna­ckige Paro­len gene­rie­ren Auf­merk­sam­keit. Da ist es doch stets ver­lo­ckend, sol­che Zuspit­zun­gen im Sinne der eige­nen Prä­senz auch mal etwas wei­ter zu trei­ben, als zur Ver­stän­di­gung bei­trägt. Hin­ter­fra­gen Sie manch­mal die Rolle, die Sie in die­sem Medi­en­zir­kus spielen?

Echt, Zuspit­zun­gen? Ich hoffe doch nicht! Bitte lie­fern Sie mir mal ein Bei­spiel! Es macht natür­lich einen Unter­schied, ob ich etwas schrift­lich ver­öf­fent­li­che oder münd­lich aus­spre­che – bei letz­te­rem ist man natür­lich poin­tier­ter und es emp­fiehlt sich zum Nach­le­sen, mit samt der Beleg­stel­len. Dabei muss ich mir ja auch stän­dig des Risi­kos bewusst sein, dass nicht ich die Defi­ni­ti­ons­macht über mich habe. Für die Arbeit, die wir im IMV leis­ten, haben wir ja ver­gleichs­weise wenig Reso­nanz in den Mainstream-​​Medien – und diese haben die Mög­lich­keit, uns zu »framen« oder zu »rah­men«, das heißt, uns einen Touch der Glaub­wür­dig­keit oder Unglaub­wür­dig­keit zu geben, allein schon durch die Wort­wahl. Zwar grei­fen viele gerne auf unser Know-​​How zurück — man erwähnt uns dann aber oft nicht in den ver­öf­fent­lich­ten State­ments. Auf der per­sön­li­chen Ebene mache ich da übri­gens sehr gute Erfah­run­gen, aber es kommt ja auch dar­auf an, wel­ches Stan­ding der Ein­zelne inner­halb der eige­nen Orga­ni­sa­tion hat. Und ich kann mir gut vor­stel­len, dass gerade die kri­ti­sier­ten Medien in der Öffent­lich­keit auch mal ver­führt wer­den, eine Gele­gen­heit zu nut­zen, um uns in die Schran­ken zu wei­sen, weil wir ja nicht ganz bequem sind. Wie kürz­lich im Köl­ner Stadt­an­zei­ger gesche­hen. Es gibt zwar dann auch etli­che Leser, die sich durch so eine Anein­an­der­rei­hung von Andeu­tun­gen und Behaup­tun­gen ange­regt sehen, sich unsere Arbeit übers Inter­net erst ein­mal anzu­gu­cken – aber die Abhän­gig­keit von denen, die hier eine Gatekeeper-​​Funktion aus­üben kön­nen, ist gege­ben und bekom­men wir deut­lich zu spü­ren.

Der Straf­be­fehl wegen Belei­di­gung ist nun eine beson­dere Form der Eska­la­tion. Wenn Sie auf die Ereig­nisse der letz­ten Wochen zurück­bli­cken, haben Sie bei aller Ent­täu­schung das Gefühl, für sich wenigs­tens neue Erkennt­nis gewon­nen zu haben? Wür­den Sie in Zukunft anders handeln?

Ehr­lich gesagt, nein – die ange­mahn­ten Klä­run­gen und offe­nen Fra­gen ste­hen ja noch immer an und ich habe die Inter­views in der ers­ten Juli-​​Hälfte 2009 gege­ben, wo noch nicht klar war, dass auch der Poli­zis­ten­fehl­schuss sowie die ande­ren Ver­säum­nisse um den tra­gi­schen Tod von Marwa El-​​Sherbini auf die Tages­ord­nung kom­men. Außer­dem macht sich die Klage an einer lin­gu­is­ti­schen Spitz­fin­dig­keit und eben dem genann­ten Ras­sis­mus­be­griff fest. Beob­ach­ten Sie doch mal an sich die Ver­wen­dung des Wört­chens »sicher­lich« im münd­li­chen Dis­kurs! Und dann schla­gen Sie mal im Wör­ter­buch nach. Das scheint mir eher Aus­druck von etwas ande­rem zu sein und ich bin sehr gespannt, was im Laufe des Pro­zes­ses ans Tages­licht kommt, denn die angeb­li­che Belei­di­gung eines Poli­zei­be­am­ten, des­sen Namen bis heute nie­mand kennt, kann ja nicht acht Mal so teuer sein, wie die Belei­di­gung Marwa El-​​Sherbinis, die wäh­rend die­ses Lappalien-​​Prozesses starb.

Wür­den Sie von sich selbst sagen, objek­tiv zu sein, oder begrei­fen Sie sich als Par­tei in einem Konflikt?

Nie­mand ist objek­tiv. Das ist wich­tig zu erken­nen. Ich muss mei­nen Stand­punkt ken­nen, um das was ich sehe oder nicht, ein­ord­nen und im Rah­men des Vor­ge­wuss­ten erken­nen zu kön­nen. Darum werbe ich ja auch immer für Selbst­re­fle­xion. Wenn ich Angst habe vor Spin­nen, habe ich einen bestimm­ten Blick auf die Tiere und werde ihnen sicher nicht gerecht, wenn ich sie beob­achte. Das lässt sich viel­leicht nicht behe­ben, aber ich muss ein Bewusst­sein für diese Ver­zer­rung ent­wi­ckeln, mich ken­nen, um mein eige­nes Urteil ein­schät­zen und ein­ord­nen zu kön­nen. Darum war und ist es mein Auf und Um, für diese Selbst­re­fle­xion zu wer­ben: Wel­che Ste­reo­type haben wir vom Bil­der­buch bis zum heute jour­nal ver­mit­telt bekom­men und wie wir­ken die sich auf wei­tere Wahr­neh­mun­gen und deren Inter­pre­ta­tio­nen aus? Das führt oft zu über­ra­schen­den Ergeb­nis­sen, die man dann prü­fen kann und immer wie­der prü­fen muss. Das ist das Gegen­teil von einem geschlos­se­nen Welt­bild, wie es man­che Pro­pa­gan­dis­ten in End­los­schlei­fen herbeten.

Die Gen­der­for­schung und die Ras­sis­mus­for­schung sind geprägt von ihren Ursprün­gen, sie kön­nen ihre Ver­wandt­schaft mit eman­zi­pa­to­ri­schen Bewe­gun­gen nicht ver­heh­len. Viele For­scher und For­sche­rin­nen arbei­ten mit dem Anspruch, einen gesell­schaft­li­chen Wan­del mit zu gestal­ten und defi­nie­ren klare Feind­bil­der, die es zu bekämp­fen gilt. Wie kann das Lager­den­ken, das mit so einer Selbst­wahr­neh­mung ein­her­geht und die resul­tie­rende Gefahr der Selbst­re­fe­ren­zia­li­tät im Sinne des wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­ge­winns über­wun­den werden?

Das ist eine sehr gute Frage! Ich glaube, zum Teil habe ich die Pro­ble­ma­tik vor­her auch schon ange­tippt; Stich­wort Selbst­re­fle­xion. Ich möchte mei­nen selbst­re­fle­xi­ven Pro­zess mal an einem Bei­spiel fest­ma­chen: Es war und ist unge­recht und ärgert mich auch, dass Frauen sich immer noch irgend­wie zwi­schen Fami­lie und Beruf ent­schei­den müs­sen. Män­ner nicht. Und egal, wie sich Frau ent­schei­det – sie wird ent­we­der Kar­rie­re­weib, Haus­müt­ter­chen oder Raben­mut­ter. Im Gegen­satz zum Mann gibt es keine posi­tiv kon­no­tierte Rolle und bei ihm ist es auch nur der beruf­li­che Erfolg, der gesell­schaft­lich zählt. Auch der Femi­nis­mus à la Alice Schwar­zer hat hier ver­sagt, weil nur die Berufs­tä­tig­keit als Eman­zi­pa­ti­ons­merk­mal zu zäh­len scheint und damit den Mann zur Norm erklärt. Das ent­wer­tet Haus– und vor allem Erzie­hungs­ar­beit, wie auch die aktu­elle poli­ti­sche Ent­wick­lung in Bezug auf Unter­halts­re­ge­lun­gen zeigt.

Ein ras­sis­mus­kri­ti­scher Ansatz in die­sem Bereich wäre also, nicht nur von den ein­zel­nen glei­che Leis­tun­gen und auch nur in äußer­lich sicht­ba­ren Domä­nen zu ver­lan­gen, son­dern auch da Struk­tu­ren anzu­bie­ten, wo die Men­schen eben nicht gleich sind, um ihre unter­schied­li­chen Fähig­kei­ten opti­mal zur Ent­fal­tung zu brin­gen und sie wirk­lich für alle sinn­voll zu nut­zen. So habe ich mal eben 9 Jahre für meine Dok­tor­ar­beit gebraucht, weil ich mich unbe­dingt um meine Kin­der küm­mern wollte und das war gut so, weil ich durch diese direk­ten Bezie­hun­gen viel mehr mit der Selbst­re­fle­xion kon­fron­tiert war als nur im beruf­li­chen Kon­text. Das bedeu­tet aber die ganz bewusste Inkauf­nahme des Ver­pas­sens etwa einer gere­gel­ten Lauf­bahn mit Ein­stiegs­al­ter­gren­zen, die es im aka­de­mi­schen Bereich nun mal gibt, und einer Absi­che­rung im Alter. Ich habe mir die Frei­heit genom­men, mich für die­sen Lebens­weg zu ent­schei­den und würde es genauso wie­der tun – wohl wis­send, dass ich einem unge­rech­ten Sys­tem damit eigent­lich zuar­beite, es nicht radi­kal bekämpfe. Wenn ich mir heute die chau­vi­nis­ti­schen und hämi­schen Kom­men­tare und auch die teil­weise unflä­tige Post, die ich erhalte, anschaue, dann habe ich große Zwei­fel, dass die Ansprü­che die­ser For­schungs­rich­tun­gen weit über den Anspruch­scha­rak­ter hin­aus gekom­men sind. Also, mit Unge­rech­tig­keit, struk­tu­rel­ler Gewalt und Dis­kri­mi­nie­rung muss und kann man leben und den­noch inner­halb der Struk­tu­ren seine Mög­lich­kei­ten aus­schöp­fen und seine mög­lichst unab­hän­gi­gen Ansprü­che stel­len und Wege gehen – das nennt man gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung und die soll­ten wir ja nicht auf­ge­ben, auch ohne in Ver­bis­sen­heit zu gera­ten und sich das eigene Leben zu vermiesen.

Wenn es mir dann noch gelingt, die per­sön­li­chen Erfah­run­gen und Erkennt­nisse zu abstra­hie­ren – also auch das Dilemma der emo­tio­nal ein­ge­schränk­ten Lebens­ent­würfe für Män­ner zu erken­nen, die zwar immer noch vom Sys­tem mehr pro­fi­tie­ren, aber darum nicht glück­li­cher wer­den – dann ist ein Stück kon­struk­ti­ver, wis­sen­schaft­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung gelun­gen, die die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Fort­ent­wick­lung im Blick hat. Und das führt dann unter ande­rem direkt zu der For­de­rung, nicht nur Mäd­chen (ver­meint­lich) alles anzu­bie­ten, son­dern auch Jungs nach ihren Gedan­ken zur Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf zu fra­gen und der­glei­chen. Die sprach­li­chen Rück­ord­nun­gen des Erreich­ten sind dann ein wei­te­res Thema, das meine Auf­merk­sam­keit ver­langt, auch wenn es mich per­sön­lich nicht betrifft: Frauen in Män­ner­be­ru­fen und sol­che Wendungen.

Ich ori­en­tiere mich ins­ge­samt immer gerne an der For­mu­lie­rung der Men­schen­rechte und des Völ­ker­rechts als ein posi­ti­ves Bei­spiel des­sen, was lang­fris­tig geht. Das ist doch eine Erfolgs­ge­schichte. Über Gene­ra­tio­nen hin­weg und mit vie­len Opfern ist ein Wer­te­ka­non ent­stan­den und schließ­lich for­mu­liert wor­den, für den es sich lohnt, sich ein­zu­set­zen – damit er auch in der Rea­li­tät ankommt, auch und gerade bei denen, die ihn gerne instru­men­ta­li­sie­ren. Das hat nichts Dog­ma­ti­sches, son­dern etwas Men­schen­wür­di­ges, sich wei­ter zu ent­wi­ckeln – und da haben wir noch eini­ges zu tun, wenn wir auch die Früchte unse­rer Arbeit nicht mehr selbst erle­ben wer­den. Inso­fern betrachte ich mich als einen Teil der Mensch­heit, der das bei­trägt, was sowieso selbst­ver­ständ­lich ist und an der Stelle, wo er kann.

Der Ori­en­ta­lis­mus, so lau­tet eine viel dis­ku­tierte Theo­rie, ist ein eth­no­zen­tri­sches Kon­strukt einer west­eu­ro­päi­schen Iden­ti­tät, die sich einen Wider­part schuf. Ist es womög­lich das ulti­ma­tive Ziel der Isla­mis­mus­for­schung ihren Gegen­stand abzu­schaf­fen und sich selbst ad absur­dum zu führen?

Mei­nen Sie Islam– oder Isla­mis­mus­for­schung? Ich sehe hier eher selbst­be­stä­ti­gende Reflexe. Man hält sich ja gerne für objek­tiv und weder chau­vi­nis­tisch noch euro­zen­tris­tisch. Es ist aber nun mal Fakt, dass etwa tür­ki­sche, afri­ka­ni­sche oder asia­ti­sche Stu­den­ten die Schrif­ten der euro­päi­schen Kul­tur im Laufe eines Stu­di­ums ken­nen ler­nen, wir umge­kehrt nicht. Frei­lich kann ich durch den Ver­weis auf Miss­stände anderswo von den eige­nen Unzu­läng­lich­kei­ten ablen­ken und das ist sogar eine beliebte Übung und die nennt man in der Psy­cho­lo­gie Pro­jek­tion. Diese geschieht aber zumeist unbe­wusst, womit der soge­nannte Ori­en­ta­lis­mus ja keine Aus­nah­me­er­schei­nung ist. Aber eine Feind­bild­be­stä­ti­gung, egal ob frü­her rus­sisch, heute mus­li­misch und mor­gen asia­tisch, bedient doch zu aller erst eine Selbsti­dea­li­sie­rung, die nicht unbe­dingt die Gleich­wer­tig­keit und das Mit­ein­an­der beför­dert – sol­che Pro­zesse sind zumeist wech­sel­wir­kend. Wobei ich uns hier eher als Opfer von Mani­pu­la­tio­nen und Miss­ver­ständ­nis­sen sehen würde, denn es ist ja nicht von der Hand zu wei­sen, dass es wirt­schaft­li­che und geo-​​strategische Inter­es­sen im soge­nann­ten Mitt­le­ren Osten gibt, und es kein Zufall sein dürfte, warum wir nun so viel über Islam und Mus­lime dis­ku­tie­ren und daher die soge­nann­ten Ter­ro­ris­ten kom­men. Siehe Brze­zinski, Peak-​​Oil, Gan­ser, Toden­hö­fer, von Sponeck und viel mehr.

Zum Abschluss: Mit wel­cher Frage wür­den Sie einen gegen ihre Arbeit völ­lig vor­ein­ge­nom­me­nen Kri­ti­ker am liebs­ten zum Nach­den­ken bringen?

Ich habe frü­her mal geglaubt, dass alle Men­schen an der Klä­rung sol­cher Fra­gen inter­es­siert sind, weil es um das geht, was das Mensch­sein aus­macht — aber das musste ich inzwi­schen kor­ri­gie­ren. Die „völ­lig vor­ein­ge­nom­me­nen“ Kri­ti­ker, wie Sie sie nen­nen, wird man nicht errei­chen. Dafür wur­den schon genü­gend Ana­ly­sen und Fra­gen von mir for­mu­liert, mit denen man sich hätte aus­ein­an­der set­zen kön­nen. Aber es gibt ja viele andere Men­schen, die das inter­es­siert und für die sich die Fra­ge­stel­lung lohnt — darum hier also eine für mich ganz zen­trale und bis heute unbe­ant­wor­tete: »Wie kann man Miss­stände benen­nen und bear­bei­ten, ohne in eine Ver­all­ge­mei­ne­rungs­falle zu tap­pen?« Denn mit jed­we­der Ver­all­ge­mei­ne­rung wer­den wir uns und ande­ren ja nicht gerecht.

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  • maks sagt:

    Wenn es uns gelingt die Theo­rie der Ver­all­ge­mei­ne­rung von der Theo­rie der Kate­go­rien zu tren­nen, ist Iden­ti­tät als Zuge­hö­rig­keits­prin­zip nicht zwin­gend. Und wozu eigen­lich die Identitäts-​​Theorie? Wer hat für die bezahlt? Wer hat sie in Auf­trag gege­ben? Oder bes­ser, wel­che Mecha­nis­men wer­den mit dem Iden­ti­täts­zwang in Gang gesetzt und wem nützt das?

    Mich per­sön­lich hin­dert das Ste­rio­ty­pen­den­ken, mich und meine Meit­men­schen so zu neh­men wie sie gerade sind. Es ver­hin­dert die Ent­wick­lung mei­ner sozia­len Kom­pe­tenz, die auf einer tief­ge­hen­den Einsicht/​Verständnis beruht. Dafür aber bin ich leicht lenk­bar und kon­trol­lier­bar. Wenn die Kul­tu­po­li­tik (und auch die Wis­sen­schaft) die Men­schen auf den Mecha­nis­mus des ste­rio­ty­pen Den­ken eicht, bekommt man eine Welt, wo die eigene Erfah­rung wenig Wert ist, bzw. von mir nicht mehr wahr­ge­nom­men wird. So rea­giere ich nur auf die Meche­nis­men mei­ner steriotypen/​kategoriellen Erzie­hung. Abwei­chun­gen, die nicht in das auf­er­legte Ras­ter pas­sen, wer­den aus­ge­blen­det und stau­ben als »Aus­nah­men« in den dunk­len Ecken mei­nes Bewusst­seins vor sich hin.

  • A.Bundy sagt:

    Scheint sich doch nicht zu ren­tie­ren, das bezahlte Aus­stel­len von Per­sil­schei­nen für obskure isla­mi­sche Ver­eine durch ihr sog. »Insti­tut für Medi­en­ver­ant­wor­tung«, wel­ches in Wirk­lich­keit nur eine Brief­kas­ten­adresse in Schif­fers Wohn­haus ist. Des­halb ver­sucht sie sich gerade die Anwalts­kos­ten für den zu Recht ver­dien­ten Belei­di­gungs­pro­zess zusam­men zu schnor­ren, unter ande­rem auch auf dem berüch­tig­ten XXX-​​Portal des XXX Arendt.
    http://​www​.arendt​-art​.de/​d​e​u​t​s​c​h​/​p​a​l​e​s​t​i​na/

  • erz sagt:

    Da zu frü­hes­ter Mor­gen­stunde bereits der erste Kom­men­tar von zwei­fel­haf­ter Dis­kus­si­ons­kul­tur auf­schlägt, habe ich kurz­fris­tig die Aus­sa­gen edi­tiert, für die ich sicher­lich keine Lust habe, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und oben­drein die Kom­men­tare auf Mode­ra­tion umge­stellt, weil ich keine Zeit habe, hier stän­dig auf­zu­räu­men. Ich bitte um Ver­ständ­nis. Nicht, dass die Iro­nie der Geschichte so weit geht, dass ich für fremde Aus­sa­gen ana­log zu der, für die Frau Schif­fer Ärger hat, auch noch unan­ge­nehme Post bekomme.

  • Iris sagt:

    Ich bin für klare, ver­ständ­li­che Spra­che. In die­sem Sinne:
    Nie­man­dem ist damit gehol­fen, wenn man den all­täg­li­chen Ras­sis­mus in Deutsch­land nicht mehr als sol­chen benen­nen darf, denn dadurch ver­schwin­det er ja nicht. Diese Tat­sa­che hätte ich mei­nen Kin­dern schon im Klein­kind­al­ter begreif­lich machen kön­nen. Wieso einige deut­sche Juris­ten offen­bar immer noch nicht in der Lage sind, das sofort und ohne wis­sen­schaft­li­che Nach­hilfe zu durch­schauen, ist mir unbe­greif­lich.
    Und wer sich gekränkt fühlt, wenn jemand den eige­nen unter­schwel­li­gen Ras­sis­mus sieht und benennt, sollte im eige­nen Inter­esse nicht danach trach­ten, den Boten zu bestrafen.

    Frau Schif­fer wün­sche ich, dass sie sich weder durch pein­li­che juris­ti­sche Ankla­gen, noch islam­feind­li­che Droh­ge­bär­den ein­schüch­tern las­sen, son­dern wei­ter­hin offen und mutig das ver­tre­ten, was ihnen ihr gesun­der Men­schen­ver­stand und ihre Bil­dung rich­tig erschei­nen lassen.




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