Nobelpreis Schmobelpreis

Besserwisser allerorten. Was haben sich die Spinner aus Norwegen gedacht, diesen Barack Obama, von dem man nun langsam wirklich genug gehört hat, auch noch zum Preisträger zu ernennen? „Der Preis kommt zu früh.“ Dieser Satz ist selbst preisverdächtig, entlarvt er doch das Politikverständnis und die Arroganz der vielen Kommentatoren, die  schon Meinungen zum Nobelpreisträger in die Welt posaunten, bevor der Preisträger selbst überhaupt eine Erklärung abgegeben hatte. Vom Blätterwald bis zur Blogosphäre wird an der Entscheidung herumgekrittelt.

Bevor ich mich dem allgemeinen Rumgemeine anschließe, mal etwas Grundsätzliches vorweg: Das Nobelpreiskomitee schuldet mir, dem Heer der übrigen politischen Kommentatoren und im Grunde auch dem Rest der Welt ganz genau: Nichts. Schon gar keine Rechenschaft. Prestigeträchtig wird ein Preis erst in den Augen des Publikums – daraus lässt sich aber noch lange kein Anspruch ableiten, dass die eigenen Vorlieben die der Juroren seien. Ganz im Gegenteil gewinnt neben dem Preisträger der Preis selbst an Aufmerksamkeit, wenn er kontrovers diskutiert wird.  Da macht das Bisschen Geld den Kohl nicht fett. Herzlichen Glückwunsch nach Oslo, man redet wieder über euch und setzt sich sogar mit den Motiven eures Stiftungsgründers auseinander. So viel Wirkmacht war ihm lange nicht vergönnt, dem guten Alfred Nobel.

Sprengstoff für den Frieden, das ist eine feine Pointe, an der sich das Komitee jedes Jahr aufs neue versuchen darf. Die etwas reflektierteren Kommentare, die es dankenswerterweise auch noch gibt, bemühen sich, die Beweggründe der Norweger nachzuvollziehen. Sie finden historische Vorbilder in früheren Entscheidungen, nach denen der Preis an Personen ging, die im Begriff waren, friedensstiftende Entscheidungen zu treffen. Personen, deren politische Karriere noch nicht den Zenit überschritten hatte. Einige Kommentare interpretieren den Preis als Aufforderung an den Preisträger, eine bestimmte Politik weiterzuverfolgen. Der Preis wird zur Bürde.

Der Preis kommt (zu) früh?

Meine verehrten Damen und Herren Mitmeiner, ich muss mich doch sehr wundern: Was zum Geier erwarten Sie denn vom Nobelpreis? Sollte Alfred Nobel ihn als Altenteil für verdiente elder statesmen entworfen haben, als ganz besonders exklusive Rente? Dem Testament des alten Herren zufolge soll der Preis doch stets an denjenigen gehen, der am meisten  positiven Einfluss auf die Verbrüderung der Völker, die Verringerung von stehenden Heeren und Etablierung von Friedenskongressen genommen hat. Von Zurücklehnen nach getaner Arbeit steht da nichts.

Nicht genug, dass keiner der Artikel, die mir in Blätterwald und Blogosphäre begegneten, einen würdigeren Kandidaten als Alternative anbot. Es hat sich im vergangenen Jahr in Ihren Artikeln verblüffend oft auch ausgerechnet die Person wiedergefunden, der Sie allesamt die Würde absprechen, bereits der Anforderung Alfred Nobels zu genügen. In den vergangenen zehn Jahren fällt mir keine Person ein, die es geschafft hätte, in vergleichbarem Maße Menschen mit einer Botschaft der Versöhnung zu berühren. In Deutschland kam kaum ein Leitartikel zur deutschen Politik ohne Verweis auf den neuen amerikanischen Präsidenten aus. Auf der ganzen Welt, soweit sie in unseren Nachrichten auftaucht, wurde auf die messianische Qualität des Kenianers aus dem Pazifik reagiert. Ohne auch nur einen Vertrag unterschrieben zu haben, hatte der Mythos Barack Obama bereits Wirkung gezeigt. Natürlich ist der Präsident nur ein Mensch und wird nicht von allen geliebt, noch mottet er den größten Militärapparat der Welt ein oder kann übers Wasser gehen. Aber von einem anderen Messias habe ich im letzten Jahr nichts gelesen.

Bezeichnend ist, wie die kurze präsidiale Amtszeit Obamas als Maßstab für politischen Erfolg herangezogen wird – von beiden Lagern, den Ablehnern und Befürwortern. Als wäre es nicht insbesondere seine Leistung, Politik wieder zum Wähler zu bringen, die in Deutschland noch bis über die Bundestagswahl hinaus ungläubig bestaunt wurde. Als würde die Mobilisierung und Aktivierung von gesellschaftlichen Prozessen keine Rolle spielen. Als würde Politik tatsächlich über die Köpfe des Volkes hinweg entschieden. Als wäre die Gesellschaft und in deren Vielfalt die Weltgemeinschaft völlig unbeteiligt daran, in welche Richtung sich die Welt bewegt. Im Land des gepflegten Nazivergleichs bin ich versucht zu fragen: Genügt Ihnen ein von Ihrer Zunft höchstselbst erkorener Weltpräsident nicht, muss es erst ein Führer sein?

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • Hanh sagt:

    Der Nobelpreis wird doch in Stockholm verliehen und ist eine schwedische Einrichtung, oder nicht?

  • Andreas sagt:

    @HAHN: das ist nicht ganz richtig: der friedensnbelpreis wird von den norwegern vergeben, welche zu lebzeiten von nobel ja noch zu schweden zählten. deshalb auch die kriterien ala konfliktlösung, kein militär usw…
    @ERZ: ich bin mir sicher, dass wenn man lange genug die viten der 204 anderen kandidaten durchsucht, man auch einen besseren finden wird und ich bin nicht der meinung, dass der preis zu früh kommt, ich frage mich eher WOFÜR?

  • erz sagt:

    @Andreas – wenn man lang genug die Viten durchsucht? Das Kriterium für die Norweger ist doch, dass viel für den Weltfrieden geleistet wurde. Symbolkraft leistet dabei oft mehr, als unerkanntes Wirken mit immensem Arbeitseinsatz. Es wird nicht derjenige gewürdigt, der die meisten Arbeitsstunden unter schwierigsten Bedingungen geleistet hat. Sondern der mit der höchsten Wirkmacht weltweit.

    Schwarzer mit multiethnischem Hintergrund und diplomatischen Ambitionen zu sein ist keine selbst erbrachte Leistung. Aber ihre Symbolkraft durch die Würde des Amtes hilft dem Weltfrieden noch mehr, als es so tolle Projekte, wie die Infrastruktur für micro-loans oder die richterliche Verteidigung von Menschenrechten im Iran leisten können. Um mal meine weiteren Favoriten der letzten zehn Jahre zu nennen.

    (Übrigens empfinde ich deinen Gravatar als ein wenig ablenkend von der Ernsthaftigkeit deiner Kommentare)

  • Andreas sagt:

    @ERZ: wie sehr hat denn die äußerung „ist doch egal wer da regiert, einen unterschied macht das doch eh nicht“ im hinblick auf die wahlen im iran dem weltfrieden geholfen?
    für seine abstammung/hintergrund ist er nicht verantwortlich und diese sollte deshalb schon mal garkeine rolle spielen. das er als erster schwarzer/afro-amerikaner präsident geworden ist hat für mich zwar auch symbolkraft, aber sind wir ehrlich: sicherlich hätte jeder demokratische kandidat die wahl (nach bush!) gewonnen und einen ersthaften gegner in den eigenen reihe hatte er auch nicht (hillary, die nur mit tränen und ohne inhalt die wähler gewinnen wollte? – ich bitte dich)!
    er hat die wahl gewonnen indem er tausende versprechen abgab (von denen bisher nix erreicht wurde) und meiner meinung nach die leute geblendet hat. jedem menschen mit gesunden menschenverstand und etwas realismus hätte klar sein müssen, dass er garnicht alles verwirklichen kann, was er da vor hat.
    ich bin zwar auch kein fan der republikaner, aber einen präsidenten, der sich vormerklich um sein eigenes land kümmern würde und nicht überall auf der welt mitreden will hätte den usa und der welt besser getan, da leg ich mich fest!

    deine erwähnte „wirkmacht weltweit“ würde ich ja gerne mal am beispiel afghanistan kontrollieren. ein land, in dem ein von der us-regierung eingesetzter präsident offensichtlich wahlbetrug betreibt, fast ausschließlich amerikanische konzerne milliardenaufträge zur entwicklungshilfe erhalten und diese dann miserabel umsetzen. ein land, welches der größte opium-importeur für die usa ist und in dem täglich bombenanschläge verübt werden weil man die befreier inzwischen als lästige besetzer ansieht.

    wenn ich dann heute noch schlagzeilen lesen muss, wie teuer das öl ist, welches für die truppen bis nach afghanistan transportiert werden muss und mit dem hintergrundwissen, dass die usa sehr stark an der preisschraube für eben jenes öl mitwirken und den daruas entstehenden folgen… naja kannst es dir sicherlich selbst ausmalen

    (mein gravatar soll nicht ablenken, sondern aufmerksamkeit erregen)

  • JUICEDaniel sagt:

    Schöne Gedankengänge, gut durchdacht. Ist zwar nicht ganz meine Meinung, aber gut begründet und in sich schlüssig. Danke!



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