Poetryslam als Teamwettbewerb rockt!
Lyrik, Epik und Drama in popkultureller Interpretation vereint, das ist Poetryslam. Wenn Wortakrobaten sich zusammentun, um in koordinierter Form ihre Texte auf der Bühne abzufeiern, dann ist das Teamslam, die selten zelebrierte Teamversion des Poetryslam. Im Zakk durfte das Düsseldorfer Publikum am vergangenen Sonntag zum ersten Mal diesem speziellen Genre beiwohnen und bekam einen Vorgeschmack darauf, wie der Mannschaftswettbewerb auf den im Herbst stattfindenden Deutschen Meisterschaften wohl aussehen könnte.
Noch ist alles entspannt in der Halle.»Nur du, das Mikrofon und dein Text!« Das Düsseldorfer Urgestein Sushi speit seinen Freestyle außer Konkurrenz ins Mikrofon, weil sein Partner ihm zur teambildenden Mehrzahl fehlt. »Und ihr natürlich, diese Bühne und dieses Publikum und ich und mein Mikrofon.« Alles geht auf der Bühne. Schweiß und Speichel begleiten die stimmgewaltigen Vorträge, wenn der ganze Körper zum Vehikel der Poesie wird. Langweilige Lesungen waren vorgestern, beim Poetryslam konkurrieren die Dichter mit allen Mitteln um die Gunst des Publikums. Nur die überzeugende Performance wird von den Zufallsjuroren belohnt und kommt in die nächste Runde. Poesieschlacht Punktacht ist eine feste Größe im Zakk, die von der Nischenveranstaltung zum Publikumsmagneten avancierte und vom kleinen Club in die große Halle umziehen musste. Von kurz nach halb neun an erwartete die Gäste dort eine besondere Form des Dichterwettstreits, der Teamslam. Teamperformances bekommt man sonst nur auf den deutschsprachigen Meisterschaften zu hören, auf die sich auch die Teilnehmer dieses Abends vorbereiten. Choreographien wollen geprobt werden, Reaktionen des Publikums getestet.
Markim Pause und Pamela Granderath haben schon alles gesehen.Sieben Minuten Zeit, zu beeindrucken. Sieben Minuten, die mit Leben gefüllt werden wollen. Sieben Minuten, in denen man taktieren, flirten, sich verausgaben, ironisieren und natürlich scheitern kann. Fünf Juroren aus dem Publikum, die über Wohl und Wehe der Dichter entscheiden. Zehn Punkte, die jeder Juror maximal vergeben kann. Zwei Moderatoren, die das drohende Chaos in geordnete Bahnen lenken sollen. Ein Team, das auf der Bühne steht. Gefühlte zigtausend Zuschauer, die den Saal füllen und auf Worte warten. Poetry Slam.
K.u.K. (Wehwalt Koslovsky & Frank Klötgen) werden von der unbestechlichen Lostrommel für den ersten Auftritt auserkoren und produzieren prompt versgemäße Wortgewalt in Reimkultur. Dabei schöpfen sie aus dem reichen Fundus deutscher Gedichtklassiker, deren Überhöhung mit Beobachtungen aus der Schattenwelt der Berliner Gosse kontrastiert. Ihr gut getimetes Gedicht, im Duett wie ein Wechselgesang vorgetragen, wird vom Publikum honoriert, lässt aber noch Luft nach oben.
Team Paul (Poesie aus Leidenschaft — Philipp Scharrenberg, Bumillo, Heiner Lange) bedient sich für seine Mischung aus Gedicht und Prosatext aus dem Popkulturzitatenschatz der Filmindustrie. Das tarantinoeske Potpourri über den Angriff des Teams auf die Slamkultur ist gut durchchoreografiert und erntet erste, spontane Beifallsbekundungen noch während des Vortrags. Die drei Jungs aus Süddeutschland verstehen es, ihre Performance durch theatralische Showeinlagen aufzuwerten.
Team Düsseldorf (Jonas Jahn, Marco Kreye, Michael Wefers) befindet sich wohl noch in der Findungsphase für die Meisterschaften. Als einziges Team lesen die Vertreter ihre Texte ab. Ihre prosaischen Auslassungen über die Banalität des Alltags, die sie als Medienkritik analog zur hyperaktiven Berichterstattung einschlägiger Boulevardmagazine des Fernsehens anlegen, wird von der Jury mit der schwächsten Bewertung des Abends aufgenommen.
Die Sieger vom Team Paul verneigen sich vor dem Applausometer.Leider ist der Wettbewerbscharakter der Veranstaltung nach dieser ersten Bewertung bis zum Finale de facto außer Kraft gesetzt. Die Jury ist dermaßen gleichgeschaltet, dass sie ihre erste Einschätzung ihrer Favoriten unabhängig von der Qualität der Texte bis zum Finale beibehält. Wenigstens entschädigen die Performances für diesen Mangel an Spannung — alle Teams bringen in der folgenden Runde eine Steigerung der vorangegangenen Leistung zuwege. Die beatboxenden Backstreetbarden aus dem Süden der Republik bedienen mit ihrer Choreografie und der zugehörigen Lautuntermalung den deutschen Hang zum Viervierteltaktklatschen. Sie ernten johlende Zustimmung und die Höchstwertung für ihr Konglomerat aus noch mehr Popkulturzitaten, die den Mehrwert des Teamslams gegenüber dem Alleinsein thematisieren sollen. K. u. K. schreiben Fausts Erlebnisse als Fister fort und bleiben ihrem Stil treu, genau so wie das Team Düsseldorf, das den lästigen Alltag in der himmlischen Bürokratie nachstellt und Luzifers Meinung dazu präsentiert.
Gegen dieses Feuerwerk fallen die Einzelbeiträge, zu dem jedes Team einen Vertreter auf die Bühne schickt, etwas ab. Um so unverständlicher ist es, dass hier der schwankenden Qualität der Texte nicht Rechnung getragen wird. Eigentlich sollen die Wertungen bei einem Poetry Slam ja auch Anhaltspunkte für die Autoren bieten, welche ihrer Darbietungen stärker und welche schwächer sind — die stets gleichbleibenden Wertungen der Jury verhindern dies jedoch. Immerhin treten im Finale nach den Einzeldarbietungen und dem Gastbeitrag Sushis zu Recht K. und K. und die »Poeten aus Leidenschaft« gegeneinander an. Hier stimmt das ganze Publikum mittels Applaus ab, den Moderatorin Pamela Granderath anhand eines unbestechlichen, von NASA-Wissenschaftlern entwickelten Algorithmus auswertet.
Die Teilnehmer nutzen die Bühne, um nach der Action wieder runterzukommen.Beide Teams liefern ihre beste Vorstellung, und nach minutenlangem Applaus kürt Pamela die »Poeten aus Leidenschaft« zum Sieger, die erschöpft aber glücklich noch eine Zugabe für das Publikum bringen. Im Anschluss entspannen die Teilnehmer gemeinsam auf der Bühne und lassen mit gemütlicher Plauderei den Abend ausklingen. Dieser Slam hat auf jeden Fall Vorfreude auf die anstehenden Meisterschaften geweckt. 31 Teams sind bislang gemeldet.
Youtube hat übrigens einen der Finaltexte auf Lager. Und der Lange vom Team »Paul« hat einen kurzen Blogeintrag geschrieben, auf dem auch weitere, tolle Fotos des Abends verlinkt sind.
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Auf geht's. Das Feuer schüren.


Ein Mitschnitt der Zugabe-Performance »Disco« von PauL findet sich hier: http://www.youtube.com/watch?v=AXGByIQfVVg
Cool, deutlich bessere Aufnahme und sogar vom Slam am Sonntag. Danke!
Bleibt abzuwarten, ob es ein kluger Schachzug war, dass Team Düsseldorf alte Texte zum Besten gab und ihre neuen Texte vor der »Konkurrenz« und dem Publikum unter Verschluss hielt. Der erste Eindruck war dadurch leider nicht der Beste. Immerhin laufen sie nicht Gefahr, stets das ewig Gleiche zu präsentieren wie Team k.u.k. So großartig die Texte »Der Täucher« und »Der Fister« auch sind, man wünschte, es gäbe noch andere tolle Texte. Dass Wehwalt Koslowsky und Frank Klötgen auch außerhalb der Vorbereitungszeit für die Deutschen Meisterschaften gemeinsam auftreten, zeigt die Perfektion des Auftrittes: die beiden Slammer sind (zu?) perfekt aufeinander eingespielt. Team P.A.U.L zeigte gleich zu Beginn, dass es sinnvoll sein kann, den Text nicht auf Biegen und Brechen möglichst lang zu gestalten, war doch die letzte Sequenz — der Sprung des Protagonisten in die Fiktion — zu viel des Guten. Ohne diese letzte Passage wäre der Text und der Auftritt eine rundhum runde Sache gewesen. Ansonsten bin ich gespannt, wieviel eine einstudierte Choreographie im großen Wettbewerb letztendlich wirklich reißen kann.
Die Auslosung für die Vorrunde sind übrigens jetzt online unter http://slam2009.de/starter.php