Sport und Geschichte: Jesse Owens in Berlin

Sport ist ein beson­de­res Kul­tur­pro­dukt des Men­schen. In ihm fügen sich die Lust am Spiel, die Sehn­sucht nach schlich­ten Regeln und die gezähmte Aggres­sion unse­rer Gat­tung zu einem mythisch auf­ge­la­de­nen Modell der Welt zusam­men. Sport bie­tet die per­fekte Pro­jek­ti­ons­flä­che für Geschich­ten, die Geschichte erleb­bar machen. In der Ver­dich­tung von his­to­ri­schen Strö­mun­gen auf mensch­li­che Ein­zel­schick­sale wer­den große Zusam­men­hänge nach­voll­zieh­bar. Darin liegt ein Ver­dienst des Sports, das tat­säch­lich grö­ßer ist als die Mit­wir­kung sei­ner Ath­le­ten. Der Tri­umph der Mensch­lich­keit lachte die Welt in dunk­ler Stunde an, als Carl Lud­wig Long und Jesse Owens sich im Ber­li­ner Olym­pia­sta­dion in einem sport­li­chen Wett­kampf begegneten.

Men­schen reden gerne über Sport. Im Moment spre­chen viele von Fabel­welt­re­kor­den und Doping­ver­dacht, von tri­um­pha­ler Selbst­über­win­dung und Kom­mer­zia­li­sie­rung, von spek­ta­ku­lä­ren Events und von schlich­ter Bana­li­tät der Lan­ge­weile. In Ber­lin fin­det die Leicht­ath­le­tik­welt­meis­ter­schaft 2009 statt. Der Ort und der Anlass soll­ten den Besu­cher ermun­tern, über Mensch­lich­keit und über die eigene Ver­gan­gen­heit nach­zu­den­ken: Wer genau hin­sieht, der kann den grö­ßen­wahn­sin­ni­gen Glanz Ger­ma­nias noch immer im Olym­pia­sta­dion ent­de­cken. Die Ästhe­tik des Monu­men­ta­len wird aller­dings vom Schat­ten der Füh­rer­loge getrübt, der bis heute auf dem Sta­dion liegt.

An glei­cher Stelle wurde 1936 Geschichte gemacht. Hier konn­ten die Zuschauer erle­ben, dass die Welt nicht schwarz und weiß gemalt ist, selbst wenn sie eigent­lich nur kamen, um einem sport­li­chen Wett­kampf bei­zu­woh­nen. Damals redete man von der Über­le­gen­heit der ari­schen Rasse und des faschis­ti­schen Sys­tems. Für die Dauer der olym­pi­schen Spiele schwie­gen die Hetz­blät­ter des Regimes und die Schil­der »Juden uner­wünscht« wur­den in der Haupt­stadt abge­hängt. Sport wurde das Medium des ers­ten gene­ral­stabs­mä­ßi­gen white washings der Geschichte. Doch wäh­rend die Deut­schen wei­ter Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger bau­ten, jubel­ten sie gleich­zei­tig dem Star der Spiele zu, dem „Mann dem Hit­ler nicht die Hand gab“.

Die Ereig­nisse um den schwar­zen Sprin­ter Jesse Owens bewe­gen die Betei­lig­ten der WM auch heute. Tyson Gay, der zweit­plat­zierte Sprint­star von 2009, sagte, es sei ihm eine Ehre, im glei­chen Sta­dion anzu­tre­ten, wie der Welt­re­kord­ler von 1936. Die ame­ri­ka­ni­sche Dele­ga­tion trägt eine Geden­ke­di­tion ihres Tri­kot­spon­sors in Anleh­nung an die Klei­dung der Ath­le­ten vor 73 Jah­ren. Dabei ist das span­nendste an der Geschichte des Sport­lers Jesse Owens nicht die Tat­sa­che, dass er als ers­ter Ath­let vier Gold­me­dail­len bei den olym­pi­schen Spie­len gewin­nen konnte. Fas­zi­nie­rend ist vor allem das Schick­sal des Men­schen, und derer, mit denen er Kon­takt hatte.

Zwei Men­schen unter Tau­sen­den: Schick­sale, die berühren

Obwohl die Nazis sich über die Ame­ri­ka­ner lus­tig mach­ten, dass diese ihre Rei­hen mit „Men­schen min­de­rer Qua­li­tät“ füll­ten, wurde ihre Ras­sen­ideo­lo­gie prompt lächer­lich gemacht von einem Ath­le­ten, den Adi Dass­ler vor Beginn der Spiele zum ers­ten schwar­zen Sport­ler mit Spon­so­ren­ver­trag machte. Obwohl die deut­schen Zuschauer die Ath­le­ten eupho­risch mit dem Hit­ler­gruß emp­fin­gen, beju­bel­ten sie doch den schwar­zen Sprin­ter. Obwohl Hit­ler Jesse Owens nicht die Hand gab, weil er nur deut­sche Teil­neh­mer so begrüßte — und nach Ermah­nung durch das olym­pi­sche Komi­tee über­haupt nie­man­den mehr — war der Ame­ri­ka­ner viel mehr davon ent­täuscht, dass sein eige­ner Prä­si­dent ihm nicht ein mal ein Tele­gramm schickte und er in der Hei­mat noch lange der segre­ga­tion aus­ge­setzt war. Und obwohl der Füh­rer per­sön­lich zusah, bewies ein deut­scher Ath­let Mensch­lich­keit in schier über­mensch­li­chem Maße und ver­half sei­nem Kon­kur­ren­ten zum Sieg.

Jesse Owens stand in der Qua­li­fi­ka­tion für die Final­runde im Weit­sprung kurz vor dem Aus. Zu sei­nem Unglau­ben hat­ten die Wett­kampf­rich­ter einen Test­lauf, mit dem der Ame­ri­ka­ner sei­nen Anlauf aus­mes­sen wollte, als ungül­ti­gen Ver­such gewer­tet. Bei zwei wei­te­ren Ver­su­chen war er über­ge­tre­ten. Einen wei­te­ren ungül­ti­gen Ver­such konnte er sich nicht erlau­ben. Carl Lud­wig Long hin­ge­gen hatte sich bereits qua­li­fi­ziert und dabei sogar einen neuen olym­pi­schen Rekord auf­ge­stellt. Er ging zum ner­vö­sen Ame­ri­ka­ner und riet ihm, ent­spre­chend den damals gül­ti­gen Regeln eine Absprung­stelle deut­lich vor der Sprung­mar­kie­rung zu wäh­len, um die Gefahr des Über­tre­tens aus­zu­schlie­ßen. Die gefor­derte Weite von 7,15m sollte für Owens auch mit eini­gen ver­schenk­ten Zen­ti­me­tern kein Pro­blem dar­stel­len. Die­ser Rat erwies sich als Gold wert: Im Finale stellte Owens einen neuen Welt­re­kord auf. „Luz“ Long war der erste Gra­tu­lant, umarmte den Ame­ri­ka­ner und beglei­tete ihn in die Umkleidekabine.

Owens wollte nach den Spie­len seine Popu­la­ri­tät gewinn­brin­gend nut­zen und mit sei­ner Bekannt­heit Geld ver­die­nen. Er fuhr nach Ame­rika zurück, statt an wei­te­ren Wett­kämp­fen in Europa teil­zu­neh­men. Dafür wurde er vom ame­ri­ka­ni­schen Ver­band aus­ge­schlos­sen: Ihm wurde sein Ama­teur­sta­tus aber­kannt. Der Olym­pia­sie­ger musste sich mit Show­wett­kämp­fen durch­schla­gen. Long kämpfte als Sol­dat im zwei­ten Welt­krieg. Er wurde ange­schos­sen und erlag sei­nen Ver­let­zun­gen. Ent­ge­gen Hit­lers Wün­schen wur­den Men­schen afri­ka­ni­scher Her­kunft nicht von zukünf­ti­gen Wett­kämp­fen ausgeschlossen.

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