Taktiktafel – Klinsis Defensive

Die Debattierkultur, die sich rund um den Fußball entspinnt, wird in Deutschland immer noch von unhinterfragten Autoritäten bestimmt. Deren fachliche Qualität ist leider nicht notwendigerweise so hoch wie ihre Popularität. Der Stammtisch dominiert den Diskurs. Es ist zum Beispiel immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Löw als Taktikguru und Klinsmann als Motivator eingeordnet werden. Solche Bewertungen werden in der Stammtischdebatte aber nicht als Einschätzungen geäußert, sondern vielmehr mit dem Anspruch, Fakten zu verkünden.

Nur mal so als Denkanstoss – was die taktische Ausrichtung auf einen Gegner angeht wird sicherlich Urs Siegenthaler Zeit seines Amtes in der Nationalmannschaft ein gewichtiges Wort mitreden. Das ist nicht alles nur am Löw festzumachen, das war immer schon ein Team von Sachverständigen, die sich beraten. Da hatte als Bundestrainer Jürgen Klinsmann sicherlich das letzte Wort, wenn er als Hauptverantwortlicher den Kopf hinhalten musste.

Update 11.6. 00:00

Dieser Text ist ursprünglich ein Kommentar bei Allesaussersport gewesen und wurde von mir kaum modifiziert sondern nur mit einer Einleitung versehen. Trotzdem ist der Artikel für das Umfeld der Kontextschmiede recht kontextfrei – er steht in dieser Form in erster Linie aus nostalgischen Gründen auf der Seite. Ich verspreche, die weiteren Fußballartikel mit deutlich originellerem und hoffentlich auch sorgfältiger formuliertem Inhalt zu füllen. Weitere Abrechnungen mit dem Stammtisch werden in naher Zukunft folgen.


Ich kann, das gebe ich gerne zu, kein fundiertes Urteil über die Trainingssteuerung von Klinsmann fällen, ich kann nur Vermutungen anstellen und Rückschlüsse aus den gezeigten Leistungen der Mannschaft in diversen Spielen ziehen. Dafür, dass doch angeblich das ganze Training nur aus Fitnesseinheiten bestand, waren die Bayern recht häufig gar nicht so spritzig. Statt dessen konnte man ein ganz klares Konzept in der Spielanlage registrieren – und wie es vom Personal konterkariert wurde:

Die Abwehrreihe stand mindestens 10 Meter weiter vom Tor weg als noch in der letzten Saison. Dummerweise stand dahinter ein Torwart, der von seinen Innenverteidigern nicht für voll genommen wurde. Prompt rennt Lucio rum wie ein aufgescheuchtes Huhn und hebt permament das Abseits auf, weil er dem Typen hinter sich nicht zutraut, als Libero zu retten. Damit ist das Aufrücken natürlich komplett zur Farce geworden, weil Ribery links außen rumtrabt, während die Mittelfeldspieler rausrücken, um die so entstandenen Löcher zuzustellen, woraufhin einer der Innenverteidiger sich noch weiter nach vorne orientiert, um den so frei gewordenen Raum zu besetzen. Und gnade Gott diesem Abwehrverbund, wenn jetzt der Gegner das Spiel verlagert und auf den individuell schwächsten Spieler der Bayern im direkten Duell trifft.

Die Grundidee des Aufrückens ist jedoch notwendig für das offensive Spiel, das Bayern in der vergangenen Saison phasenweise zeigen konnte. Gegen Gegner, die nicht spielstark genug sind, um die Schwäche des Abwehrverbundes auszunutzen, zeigte sich das Problem ja auch kaum. Man hat gesehen, wie die Offensivmaschine ins rollen kommt, wenn das Mittelfeld wie eine Flummiwand besetzt ist, um die Offensive einzusetzen. Gerade deswegen ist es der Kardinalfehler Klinsmanns gewesen, die Instabilität des Defensivverbundes, von dem schließlich die Souveränität der Spielanlage abhängt, so hinzunehmen. Dafür braucht man individuelle Klasse und das muss man auch gegen das Dreigestirn der Vereinsoberen durchsetzen, wenn man von seinem offensiven Plan überzeugt ist.

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