„The brutality was immense“

Am 25. 06. 2009 findet an der Heinrich-Heine-Universtität Düsseldorf eine Tagung zum Thema „Folter und Zukunft“ statt. Denis Goldberg, langjähriger Weggefährte Nelson Mandelas, berichtet von seinen Erfahrungen mit der Unmenschlichkeit.

Als ich den Hörsaal vor Beginn der Veranstaltung betrete, ist kaum jemand da. Zwei Männer in Anzügen diskutieren vor dem Podium. Ein Kommilitone sitzt verloren in der mittleren Reihe des Auditoriums. Ich grüße ihn, setze mich daneben und frage verwundert, wo denn all die Leute bleiben. Der heutige Gast hat schließlich einiges zum Thema „Folter und Zukunft“ zu sagen. 22 Jahre verbrachte Denis Goldberg als politischer Häftling im Zentralgefängnis von Pretoria. Das Apartheidsregime Südafrikas trennte den weißen Bürgerrechtler von Nelson Mandela und anderen schwarzen Weggefährten, die auf der Gefängnisinsel Robben inhaftiert waren.

Apartheid ist die politisch verordnete Trennung und systematische Diskriminierung von Staatsbürgern nach „rassischen“ Kriterien. Beinahe fünf Jahrzehnte bestimmte sie das Leben und das Leid der Mehrheit der Bevölkerung, die nicht zur herrschenden „Rasse der Weißen“ zählte oder sich gegen die Unterdrücker auflehnte. Denis Goldberg erfuhr in dieser Zeit am eigenen Leib, was es heißt, sich gegen ein Unrechtsregime zur Wehr zu setzen.
Die Menschenrechte zu respektieren bedeutet auch, Folter zu verhindern.
Langsam füllt sich der Saal. Als auch der Gast aus Südafrika den Raum betritt, wirkt er humorvoll und aufgeschlossen. Er stellt sich in lockerer Pose seinen Zuhörern vor. Im Laufe seines Berichts allerdings weicht die Lockerheit aus Goldbergs Zügen. Er sah den Lauf eines Revolvers auf sich gerichtet und Finger mit dem Abzug spielen. Es hieß, er könne reden, was er wolle. Am Ende werde er sowieso sterben.

„The brutality was immense.“ Eine Frau, so erinnert sich Goldberg, wurde nach zahlreichen Misshandlungen in eine Plastiktüte gepackt und von hinten erschossen. „It is funny to dehumanise a person who is not a person in your eyes“ versucht er die Motive seiner Peiniger zu begreifen. „Weiße“ Farmer befahlen ihren „farbigen“ Arbeitern, sich auf die Erde zu legen und fuhren daraufhin mit dem Wagen über sie hinweg. Menschenrechte galten nicht für alle.

Hin und wieder hält Denis Goldberg inne. Einzelne Episoden der Folter und Brutalität aus seinem eigenen Bericht lassen ihn stocken. Manchmal muss er ablesen, den Blick nach unten gerichtet, wenn er besonders brutale Szenen schildert. Psychisch und physisch hat er sich nie ganz erholt. „Am I normal? I don‘t know.“

Er wendet sich der Gegenwart zu. Die Menschenrechte zu respektieren, sagt Goldberg, bedeutet Folter zu verhindern. Folter in Guantánamo und während des Irakkrieges zeugten von mangelndem Respekt. Die Notwendigkeit der Veränderung des Bewusstseins um Menschenrechte verdeutlicht Goldberg auf deutsch. „Die weißen Unterdrücker waren durch ihre Unterdrückung nicht frei.“ Die Notwendigkeit des Wandels müsse sowohl den Opfern, als auch den Tätern klar werden.

Goldberg zitiert seinen Freund Nelson Mandela. „Freiheit muss aufgebaut werden. Die ‚Weißen‘ müssen auch von ihrer Unmenschlichkeit befreit werden.“

Am Ende des dreißigminütigen Berichts ist Denis Goldberg sichtlich erschöpft. Er bittet, keine weiteren Fragen zu stellen. „It‘s not enough to say I don’t have the torture in me“. Der kategorische Imperativ gilt in der realen Welt nicht immer. Auch der Friedfertige ist vor Gewalt nicht gefeit. „We are too comfortable“, warnt er vor Gleichgültigkeit. Mit müden Schritten verlässt er als Erster den Saal.

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