Typografie: Eine Weltanschauung für Ästheten

Typografie: Eine Weltanschauung für Ästheten

Typografie ist die Kunst, Schrift in Szene zu setzen. In Zeiten von word processing und desktop publishing hat die digitale Datenverarbeitung zwar das Hantieren mit Buchstaben und Flächen allgemein zugänglich gemacht. Das Wissen um funktionale Kriterien der Lesbarkeit oder gar Gespür für die Schönheit von Schriften aber ist nicht allgemein verbreitet. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung „Typografische Botschaften“ organisierten einige Studenten der Fachhochschule Düsseldorf eine Demonstration im Stadtzentrum, um Typografie zum Volk zu bringen.

„Wir mussten einige ursprüngliche Ideen verwerfen, weil sie zu sehr erklärend und voller Fachchinesisch waren, statt plakativ die Wirkung von Schrift zu nutzen.“ erklären die Studenten. „Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger Designsünden anprangern, sondern viel mehr ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Umgang mit Schrift auch Bedeutung transportiert. Und wir möchten die Ästhetik der Typografie vermitteln.“

Vermummte Männer mit ProtestschildernTypografen sind zu allem entschlossen und gegen Sonnenbrand auf der Nase gefeit.Demonstranten trinken SektTypografen wissen aber auch die schönen Dinge des Lebens zu schätzen.Demonstranten auf einer KreuzungFür eine Projektarbeit des Seminars von Professor Andreas Uebele haben Christian Fischer, Katharina Moritzen und Tobias Reimann gemeinsam mit einigen Kommilitonen deshalb provokante Aussagen schwarz auf weiß verarbeitet. Sätze wie „Wir wollen keine Hurenkinder mehr“ verleiten so manchen Passanten zum innehalten und Grübeln, wenn er den monochrom gewandeten Zug der Demonstranten beobachtet. Viele Flyer, die über die Aktion aufklären und einige Fachbegriffe der Typografie erläutern, finden dankbare Abnehmer. Andere Beobachter haben nur Kopfschütteln für die skurril anmutende Truppe mit ihren lauthals vorgetragenen Parolen übrig.

„Vielleicht denkt der ein oder andere wenigstens mal darüber nach, welche Schrift er verwendet, wenn er Word anschmeißt.“ ist die Hoffnung der angehenden Designer. Arial sei nicht nur grundsätzlich fragwürdig, sondern auch öde, da von den Benutzern der Computerprogramme die immer gleichen Systemschriften verwendet würden. „Obwohl die beweglichen Lettern von Gutenberg die wichtigste Erfindung der letzten 2000 Jahre sind und maßgeblich unsere Kultur und Geschichte Geprägt haben, ist Schrift eine unbekannte Disziplin.“
Wenn doch nur die Browser das cite-tag mit deutschen Anführungszeichen versehen würden!
Wenn Grußkarten oder Plakate für Autohäuser mittlerweile ständig vom „Neffen mit Photoshop“ gestaltet werden, kann man sich nur wünschen, dass die Bedeutung von Schrift für den Gestaltungsprozess stärker ins Bewusstsein der Anwender rückt. Vielleicht werden dann auch weniger Schüler mit vermeintlich lustigen Hausaufgabenblättern gequält, die spaßeshalber in völlig unpassendem Comic Sans gesetzt sind. Hausaufgaben sind nicht lustig. Comic Sans ist nur unfreiwillig komisch. Die Kombination aus beidem führt womöglich zur Schriftverdrossenheit bereits in jungen Jahren. So gesehen, sind die Forderungen der Studenten überfällig. Es muss ja auch jemand an die Kinder denken.
Demonstranten vor Schild
Zumindest aber beweist der Enthusiasmus der Schriftliebhaber, dass eine junge Generation bereit ist, auch für wenig populäre Themen auf die Straße zu gehen. Selbst wenn manche der Designentscheidungen der PRO TYPO diskussionswürdig sind, haben die Teilnehmer der Demonstration zur ästhetischen Aufwertung des Düsseldorfer Schriftbildes beigetragen. Es wird in Zukunft bestimmt auch weniger Hurenkinder in Düsseldorf geben. Das sind die einsamen Enden eines Absatzes, die als einzelne Zeile auf die nächste Seite gerutscht sind. Wenn das Textverarbeitungsprogramm da nicht automatisch Abhilfe schafft, muss man halt mal von Hand den Seitenumbruch (oder Spaltenumbruch) korrigieren.

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  • Not­wen­dige Aktion. »Ein paar Design­sün­den anzu­pran­gern« wäre aller­dings keine schlechte Idee gewe­sen. Ich befürchte, die Maß­nahme hat für mehr Irri­ta­tion als Inter­esse gesorgt. Die Sprü­che auf den Schil­der, waren schon reich­lich abs­trakt für den Normal-​​Typo-​​Sünder.

    • erz sagt:

      Ich denke, es ging bei der Aktion auch mehr um eine abs­trakte Form der Prä­sen­ta­tion von Schrift. Das Semi­nar hieß schließ­lich »Typo­gra­fi­sche Bot­schaf­ten« und nicht »Die schlimms­ten Ent­glei­sun­gen der WordArt-​​Apologeten«. So gese­hen war auch Irri­ta­tion eine der gewünsch­ten Wirkungen.

  • Wie lange es gedau­ert hat, bis Typo­gra­fie in die­ser Art auf die Straße kommt — immer­hin trifft der Laie mit sei­nem Per­so­nal­com­pu­ter seit bald zwan­zig Jah­ren Schrift– und andere typo­gra­fi­sche Entscheidungen.

    Danke für die­sen schö­nen Beitrag!

    Die blanke Regel-​​Vermittlung kann auch schief gehen. Die meis­ten Buch­ver­lage schi­cken heute Umbruch­kor­rek­tu­ren mit Huren­kin­dern ihren Auto­ren mit dem Hin­weis, eine Zeile sei »ein­zu­brin­gen«. Also die Medi­en­de­si­gner, die da in den Set­ze­reien sit­zen, sind nicht gut aus­ge­bil­det. Daß die­ses Pro­blem ein rein typo­gra­fi­sches ist und anders gelöst wer­den muß, kann man schon bei Tschi­chold nach­le­sen. Zum Huren­kind und sei­ner beding­ten Ver­mei­dung hab ich neu­lich »hier«: im vor­letz­ten Absatz geschrieben.

  • […] für Ästhe­ten | kon­text­schmiede News­feed — Twit­ter + News vor­schla­gen — Link ein­tra­gen Typo­gra­fie: Eine Welt­an­schau­ung für Ästhe­ten – Ein Bericht der Kon­text­schmiede über die Demons­tra­tion für bes­sere Typo­gra­fie in […]

  • Hm, wieso heißt »Augen­pul­ver« in Düs­sel­dorf neu­er­dings »Augen­pu­der«? Außer­dem for­dere ich ulti­ma­tiv »mehr Frei­heit für Umlaute« … ;-)

    • erz sagt:

      Hmmm, Guil­le­mets. Jetzt wo ich das so im direk­ten Kon­trast sehe…
      Die wir­ken auch am Zei­len­an­fang gut, ohne ein­ge­rückt zu sein oder?




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