Wie in einem Schwarzen Loch

Von Januar 2002 bis August 2006 saß Murat Kur­naz unschul­dig im US-​​Gefangenenlager Guan­tá­namo. Er und sein Anwalt Bern­hard Docke waren am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag in der Bre­mer Uni­ver­si­tät zu Gast. In einer Podi­ums­dis­kus­sion berich­tete Kur­naz über Fol­ter und Ernied­ri­gung, wäh­rend Docke die Hin­ter­gründe des müh­sa­men Kampfs gegen einen aus den Fugen gera­te­nen Rechts­staat schil­derte. Er belegte mit Doku­men­ten ein­deu­tig die unrühm­li­che Rolle des dama­li­gen Kanz­ler­amts­chefs Frank-​​Walter Stein­meier (SPD).

Studenten bei einer PodiumsdiskussionVol­les Haus wäh­rend der Podiumsdiskussion

Im Saal B3009 der Bre­mer Uni­ver­si­tät sitzt ein Mann. Seine kur­zen Haare sind gepflegt zurück­ge­kämmt, im Gesicht sprießt ein Drei­ta­ge­bart. Unter dem schwar­zen Jackett trägt er ein lachs­far­be­nes Hemd. Ihm gegen­über sit­zen viele Stu­den­ten und hören zu. „Ich arbeite als Aus­hilfe im Thea­ter, das berei­tet mir Spaß“, erzählt der Mann. In sei­ner Frei­zeit fahre er gerne Motor­rad. Ab und zu lächelt er. Hin­ter ihm wirft ein Bea­mer in flauen Far­ben den Aus­schnitt einer Welt­karte an die Wand. Mit roter Farbe ein­ge­kreist: die Bucht von Guan­tá­namo, jenes Fleck­chen Land, auf dem die USA seit dem Spanisch-​​Amerikanischen Krieg eine Mari­ne­ba­sis unter­hält. 2002 wurde dort unter George W. Bush das berüch­tigte Gefan­ge­nen­la­ger für Ter­ror­ver­däch­tige errich­tet. Der Mann, der in Saal B3009 sitzt und über sein Leben plau­dert, war da.

Was Murat Kur­naz, 27, in ruhi­gem und sach­li­chem Ton­fall noch zu erzäh­len hat, kennt man nur zu gut. Es hat für gro­ßes Auf­se­hen in der Mitte des lang­sam zu Ende gehen­den Jahr­zehnts gesorgt, sämt­li­che Zei­tun­gen haben dar­über berich­tet. Nun klingt es fast wie aus einer ande­ren, fer­nen Zeit. Der ehe­ma­lige Bre­mer Schiffs­bau­lehr­ling hat Dinge erlebt, die man dem schlimms­ten Feind nicht ange­tan wis­sen möchte. Von ‚water tre­at­ment’ spricht Kur­naz, einer vor­neh­men Beschrei­bung für das Ein­tau­chen des Kop­fes in ein Was­ser­be­cken, wäh­rend die Hände an einen Stuhl gefes­selt sind und der Magen Faust­schläge erhält. Von Leben in Iso­la­ti­ons­haft. Von ärzt­li­cher Betreu­ung, die darin besteht, die Insas­sen des Lagers auf wei­tere Fol­ter­taug­lich­keit zu unter­su­chen, funk­tio­nie­rende Glied­ma­ßen zu ampu­tie­ren und Zwangs­me­di­ka­tion durchzuführen.

Was waren das für Zei­ten, als der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Vol­taire fand, „bes­ser einen Schul­di­gen zu ret­ten, als einen Unschul­di­gen zu ver­ur­tei­len.“ Dabei gab es im Fall Kur­naz, genauso wie im Fall aller ande­ren auf Guan­tá­namo fest­ge­hal­te­nen Häft­linge, noch nicht mal ein Urteil. Oder wie Kur­naz’ Anwalt Bern­hard Docke sagt: „Es gab kei­nen Rich­ter, es gab kei­nen Staats­an­walt, es gab keine Akten.“ Rechts­freier Raum.

Update 9.6.2009 23:55 Uhr

Nach Medi­en­be­rich­ten ist mit Ahmed Ghai­lani der erste Guantánamo-​​Gefangene vor ein US-​​Zivilgericht gestellt wor­den.

Eigent­lich sollte die Podi­ums­dis­kus­sion in der Bre­mer Hoch­schule mit Kur­naz und Docke um 19 Uhr begin­nen, doch der Besu­cher­strom ebbt nicht ab, selbst nach der aka­de­mi­schen Vier­tel­stunde wer­den unauf­hör­lich neue Stühle in den Saal getra­gen. Der Alters­durch­schnitt ist gering, er liegt viel­leicht bei 24 Jah­ren. „Ich war in Guan­tá­namo“ lau­tet der schlichte Titel der Runde, die die Amnesty Inter­na­tio­nal Hoch­schul­gruppe Bre­men orga­ni­siert hat. Ein Gemur­mel wie vor Semin­ar­be­ginn füllt den Raum. Als Mode­ra­tor Alex­an­der Gries­wald die Anwe­sen­den 20 Minu­ten spä­ter schließ­lich begrüßt, kehrt augen­blick­lich Stille ein.

Der ehemalige Guantánamo-Insasse Kurnaz (r.) mit seinem Anwalt Bernhard DockeDer ehe­ma­lige Guantánamo-​​Insasse Kur­naz (r.) mit sei­nem Anwalt Bern­hard Docke
Die Stu­den­ten bli­cken auf zwei Men­schen, wie sie unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten. Neben dem kräf­ti­gen, gedrun­ge­nen Kur­naz wirkt der Jurist Docke noch schma­ler, als er ohne­hin schon ist. Sein fein­glied­ri­ges Auf­tre­ten wird unter­stützt durch die rand­lose Brille, seine Ober­lippe bedeckt ein grau­me­lier­ter Schnauz­bart. Auch wenn es auf den ers­ten Blick nicht so aus­sieht, ist die­ser Mann ein Ener­gie­bün­del, des­sen Odys­see durch ein aus den Fugen gera­te­nes Rechts­sys­tem wohl nur die engs­ten Mit­ar­bei­ter wirk­lich nach­voll­zie­hen können.

Mehr als vier Jahre hat er für einen „Geis­ter­kli­en­ten“ gear­bei­tet, wie er es nennt. Sehen durfte er als Nicht-​​US-​​Bürger sei­nen Man­dan­ten auf­grund der strik­ten ame­ri­ka­ni­schen Gesetz­ge­bung nicht, tele­fo­ni­scher Kon­takt war eben­falls nicht erlaubt. Das über­nahm sein New Yor­ker Kol­lege Baher Azmy, mit dem Docke auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten einige Pro­zesse aus­focht und noch immer für die Rechte der Gefan­ge­nen in Guan­tá­namo ein­tritt. Er über­mit­telte Kur­naz 2006 per Fern­spre­cher die Infor­ma­tion, dass seine Frei­las­sung kurz bevor­stehe. Da aber hatte der Türke, der in Bre­men gebo­ren und auf­ge­wach­sen ist, bereits vier­ein­halb Jahre unschul­dig in einer Art Käfig ausgeharrt.

In der Bun­des­re­pu­blik fühl­ten sich Dockes Bemü­hun­gen wäh­rend die­ser Zeit wie ein Kampf gegen Wind­müh­len an. Mit sei­nem tür­ki­schen Pass saß Kur­naz in einer „diplo­ma­ti­schen Ver­sor­gungs­lü­cke“, so Docke. Die Tür­kei fühlte sich nicht zustän­dig, die deut­schen Behör­den woll­ten ihn nicht haben. „Unsere ein­zi­gen Ver­bün­de­ten waren die Medien“, sagt der Jurist. In der Bre­mer Uni zitiert der Anwalt aus Doku­men­ten, Mails, ver­sen­det im Sep­tem­ber 2002 durch die deut­sche Bot­schaft in Washing­ton, Emp­fän­ger: das Kanz­ler­amt in Ber­lin. Kur­naz sei durch Nai­vi­tät wohl in die Sache „hin­ein­ge­schlit­tert“, „zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort“ gewe­sen, hat­ten die Befra­ger aus Deutsch­land nach dem Ver­hör auf Guan­tá­namo erkannt. Ebenso wie ihre Kol­le­gen aus den USA sahen sie Kur­naz’ Unschuld als erwie­sen an, eine Abho­lung von deut­scher Seite sei mög­lich. Sogar an die Außen­wir­kung war gedacht: Die Ame­ri­ka­ner hät­ten nichts dage­gen, eine Frei­las­sung als von Deutsch­land erwirkt dar­zu­stel­len, heißt es in der Nachricht.

Einen Monat spä­ter beschließt die ‚Prä­si­den­ten­runde’ im Kanz­ler­amt, Kur­naz die Wie­der­ein­reise zu ver­wei­gern. Der­je­nige, der als Kanz­ler­amts­chef regel­mä­ßig an der Ver­samm­lung mit dem dama­li­gen BND-​​Leiter Han­ning und wei­te­ren Geheim­diensto­be­ren teil­nahm und an der Ent­schei­dung betei­ligt war, führt heute die SPD in den Bun­des­tags­wahl­kampf. „Die Ame­ri­ka­ner waren sauer und ver­stört, als sie vom deut­schen Beschluss erfuh­ren“, beschreibt Docke die Reaktion.

Ob er ange­sichts die­ser Bedin­gun­gen nie davor gewe­sen sei, alles hin­zu­schmei­ßen, will jemand aus dem Publi­kum wis­sen. „Manch­mal waren die Zei­ten sehr dun­kel“, erwi­dert Docke, der vor vie­len Jah­ren selbst an der Bre­mer Uni­ver­si­tät die Bänke gedrückt hat. Beson­ders schlimm sei die Situa­tion gewe­sen, als sich eine Mel­dung tür­ki­scher Zei­tun­gen über die Ent­las­sung Kur­naz’ als falsch her­aus­stellte. Zu dem Zeit­punkt war Docke mit Kur­naz’ Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen hoff­nungs­voll nach Istan­bul geflo­gen, nur um nach der Ankunft fest­zu­stel­len, dass es sich bei der Nach­richt um eine Ente han­delte. Auf­ge­ben war den­noch keine Option „Ich wusste, da sitzt jemand, der dich braucht“, so Docke. „Bei einem so offen­sicht­li­chen Rechts­bruch wie in den USA nach den Anschlä­gen des 11. Sep­tem­ber wird jeder Anwalt an der Ehre gepackt“, schil­dert er seine Motivation.

Auch sein Man­dant im fer­nen Kuba hält durch. „Die Hoff­nung habe ich nie auf­ge­ge­ben“, so Kur­naz. Man kann nur stau­nen über die Wider­stands­fä­hig­keit des Bre­mers. Tage­lang häng­ten die Wär­ter ihn bis zur Bewusst­lo­sig­keit an den Hän­den auf. Zum Ver­hör wurde er auf dem Boden fest­ge­ket­tet. Mehr­fach sah er in der Haft ver­stor­bene Insas­sen, er selbst dachte mehr als ein­mal, dass das Ende bevor­stünde. Hass auf die Ver­ant­wort­li­chen sei­ner Lei­dens­zeit spürt man trotz­dem nicht. „Warum sollte ich die Ame­ri­ka­ner has­sen? Ich habe aus dem Land auch viel Unter­stüt­zung erhal­ten.“ Unzäh­lige Briefe und Mails von Ein­zel­per­so­nen und Bür­ger­in­itia­ti­ven bedeu­te­ten dem Bre­mer, dass neben der Rechts­beu­gung der Regie­rung Bush auch noch ein ande­res Ame­rika existierte.

Seine Aus­sage, Frank-​​Walter Stein­meier nicht ver­zei­hen zu wol­len, sieht der Ex-​​Insasse heute anders. „Natür­lich kann ich ihm ver­ge­ben. Aber ich will es nicht, weil ich damit nach­träg­lich Fol­ter gut­hei­ßen würde.“ Kur­naz ist nicht nach­tra­gend. Er will eigent­lich nur, dass sein Unrecht aner­kannt wird. Doch davon ist bis heute nichts zu mer­ken (siehe Inter­view). Man sei dabei, die Rechts­mit­tel für Scha­dens­er­satz­kla­gen in den USA und Deutsch­land zu über­prü­fen, so Advo­kat Docke. Ob das Erfolg haben wird, sei noch nicht absehbar.

Fernab aller juris­ti­schen Fra­gen von Schuld und Unrecht muss der Rück­keh­rer bei sei­ner Ankunft in Deutsch­land im August 2006 erken­nen, dass das Leben ohne ihn wei­ter gegan­gen ist. Bewusst wird ihm das über eine ver­meint­li­che Lap­pa­lie auf der Mili­tär­ba­sis Ram­stein, zu der er per Mili­tär­trans­por­ter aus­ge­flo­gen wor­den war. „Ein Beam­ter wollte mit sei­nem Farb­handy ein Foto von mir machen. Das hatte ich zuvor noch nie gese­hen“, erin­nert sich Kur­naz. Mehr als vier­ein­halb Jahre sei­nes Lebens sind ver­schwun­den. Ein­fach weg. Wie in einem Schwar­zen Loch. „In Guan­tá­namo gab es keine Zeit.“

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