Wissenschaft und Gesellschaft: Der Elfenbeinturm ist ein Hemmschuh für Bildungsreformen

Investitionen in Bildung sind die Basis einer Wissensgesellschaft. Obwohl dieses Mantra von Politikern, Wirtschaftsvertretern und Akademikern gleichermaßen gepredigt wird, stehen die tatsächlichen Investitionen in Bildung und die Präsenz des Themas im gesellschaftlichen Diskurs in keinem Verhältnis zu dessen propagierter Wichtigkeit. Warum wird in Deutschland so häufig über die Wichtigkeit von Bildung und so selten über Bildung gesprochen?
Die Akademiker schaffen es nicht, ein zutreffenderes Bild wissenschaftlichen Arbeitens zu verbreiten.
Ein Teil dieses Widerspruchs kann womöglich mit einem grundlegenden Defizit der akademischen Kreise erklärt werden: Die Wissenschaft ist in Deutschland kaum an die Gesellschaft angebunden. Sie ist im sprichwörtlichen Elfenbeinturm eingeschlossen. Auch wenn eine Studie über die Zusammenarbeit von Biomedizinern mit Journalisten zum Fazit kommt, der Elfenbeinturm sei ein Mythos, ändert das noch nichts an der Wahrnehmung in der Bevölkerung. Ausgerechnet die Berichterstattung zu dieser Studie kann als negatives Beispiel dienen, wie die Jagd nach dem Sensationsgehalt einer Nachricht deren Wahrheitsgehalt schmälert. Dabei beklagen sich Wissenschaftler häufig über genau diese Unsitte, ihre um Präzision bemühten Aussagen bis zur Verfälschung zuzuspitzen.

Selbst im Interview mit dem Leiter der Untersuchung, Hans Peter Peters, wird nicht klargestellt, dass die Studie keineswegs Aussagen über alle Wissenschaftler treffen kann, sondern sich nur die Selbsteinschätzung von Stammzellenforschern und Epidemiologen zur Grundlage macht. Trotzdem wird aus diesem durchweg positiven Selbstbild der beteiligten Mediziner die plakative Behauptung aufgestellt, Wissenschaftler in Deutschland seien völlig verkannt. „Den Elfenbeinturm gibt es nicht.“

Einige Indizien deuten leider in die gegenteilige Richtung. Informationsangebote der Universitäten richten sich in erster Linie an potentielle Sponsoren oder künftige Studenten und setzen auf die Sogwirkung solcher Veranstaltungen, statt stärker auf die Bürger ihrer Stadt zuzugehen. Gerade unter Geisteswissenschaftlern ist es in manchen Kreisen dermaßen verpönt, sich einer „unwissenschaftlichen“ Diskussion zu stellen, dass Kollegen, die sich der Öffentlichkeit in Fernsehinterviews anbieten, mit Verachtung gestraft werden. Infolge des Vorwurfs von „Unwissenschaftlichkeit“ kann sogar die wissenschaftliche Karriere nachhaltig beschädigt werden. Man ist unter Wissenschaftlern sehr vom guten Willen seiner Kollegen abhängig, damit die eigenen Arbeiten häufig zitiert werden. So ist der Anreiz, sich außerhalb akademischer Kreise an Debatten zu beteiligen, natürlich sehr gering.

Ein besonders krasses Indiz dafür, dass Wissenschaftler eine abgeschottete Rolle in der Gesellschaft spielen, ist das Verhalten der etablierten Politiker, wenn Wissenschaftler Zutritt zur Politik suchen. Paul Kirchhof klingeln wahrscheinlich heute noch die Ohren von der Gehässigkeit, mit der seine akademische Qualifikation, „der Professor aus Heidelberg“ zu sein, in Volksferne umgedeutet wurde. Offensichtlich sind Wissenschaftler in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig „Volk“ um Volksvertreter zu sein. Wie sonst könnte aus der Qualifikation eine Diffamierung werden?

Wissenschaftler sind selbst in solchen gesellschaftlichen Debatten unterrepräsentiert, die ihre ureigene Kompetenz berühren. Dies gilt nicht nur beim Thema Bildung, sondern auch in Diskussionen, wie man mit wissenschaftsfeindlichen Weltanschauungen umzugehen habe. Ein aktuelles Beispiel ist die Debatte um die Bedeutung der Evolutionslehre, die auch in Deutschland von kreationistischen Weltanschauungen angegriffen wird. Vorabendsendungen, die ihr „Infotainment“ mit einem völlig ungerechtfertigten Anstrich von Wissenschaftlichkeit versehen, verfälschen auf perfide Weise die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft. Sie werden jedoch von nichtakademischen Zuschauern mangels Gegenstimme häufig als repräsentativ wahrgenommen. Populärwissenschaftliche Beiträge, die der Repräsentation von wissenschaftlicher Arbeit im Selbstverständnis der Forscher gerecht werden, verdienen mangels ihrer Verbreitung leider in den seltensten Fällen das Prädikat „populär“. Die Akademiker schaffen es nicht, ein zutreffenderes Bild wissenschaftlichen Arbeitens zu verbreiten. Fraglich ist allerdings, ob sie sich in ausreichendem Maße darum bemühen.

Wissenschaftliche Diskurse sind zunächst einmal im wahrsten Sinne des Wortes exklusiv - sie schließen nichtakademische Teilnehmer grundsätzlich aus. Um so wichtiger ist eine aktive Auseinandersetzung mit dem Rest der Gesellschaft, die dieser die wissenschaftlichen Positionen erläutert und zugänglich macht. Nicht zuletzt gibt es eine gewisse moralische Verantwortung, sich um die Legitimation von Wissenschaft zu bemühen. Wer von der Gesellschaft alimentiert wird, um an staatlich finanzierten Einrichtungen seinen Interessen nachzugehen, darf sich auch in der Pflicht sehen, diesen Vorschuss zurückzuzahlen. Nicht nur, in dem er seine Arbeit tut, sondern auch, indem er seinen Gönnern Zuwendung schenkt und versucht, ihnen die Ergebnisse seines Tuns nahezubringen. Die Science-Blogs könnten ein Indikator dafür sein, dass es ein wachsendes Bemühen um aktives Zugehen auf den Rest der Gesellschaft gibt. Dort wird die Selbstgenügsamkeit mancher Akademiker jedenfalls sehr kritisch beäugt.

Es bleibt zu hoffen, dass von Wissenschaftlern in Zukunft tatsächlich vermehrt die Öffentlichkeit gesucht wird. Sie haben neben Schülern, Lehrern und Studenten am meisten zu gewinnen. Dafür müssen sie sich im Kampf um die öffentliche Meinung mit Werbung für die eigenen Interessen hervortun und zeigen, dass sie Teil der Gesellschaft sind. Sonst reden in den Talkshows weiter die immer gleichen Arbeitgebervertreter, Gewerkschafter und Politiker darüber, wie wichtig Bildung doch sei. Dass man jetzt aber zunächst das Augenmerk auf Investitionen für die Wirtschaft legen müsse.

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  • Die Wis­sen­schaft gibt es nicht. Von wem reden wir? Sozio­lo­gie? Natur– oder Geis­tes­wis­sen­schaft? Das Fach– bzw. Arbeits­ge­biet ist für die öffent­li­che Rele­vanz entscheidend.

    Nicht jeder Wis­sen­schaft­ler wird öffent­lich geför­dert, es gibt auch pri­vate Forschungseinrichtungen.

    Viele Wis­sen­schaft­ler (vor allem in der Natur­wis­sen­schaft) arbei­ten an Detail­pro­ble­men, die immens schwer zu ver­mit­teln sind, und fast immer Rand­the­men blei­ben wer­den. Zudem sollte man nicht ver­ges­sen, dass viele Wis­sen­schaft­ler ein hohes Arbeits­pen­sum wahr­neh­men müs­sen um dort­hin zu gelan­gen (und wei­ter zu blei­ben), wo sie gerade sind.

    Viel­leicht ist es tat­säch­lich die Form des öffent­li­chen Dis­kur­ses, die man­chen Wis­sen­schaft­ler abschreckt, nicht weil er nicht wis­sen­schaft­lich, son­dern weil er ent­täu­schend ist.

    Gene­rell befür­worte ich die ver­stärkte Betei­li­gung von Wis­sen­schaft­lern an dem was man als Öffent­lich­keit bezeich­net, ich bin nur skep­tisch ob diese For­de­rung rea­lis­tisch ist (jen­seits einer sel­te­nen The­ma­ti­sie­rung der eige­nen Arbeit). Viel­leicht muss man auch andere Bedin­gun­gen schaffen.

  • erz sagt:

    Die Wis­sen­schaft gibt es sehr wohl — ich fasse ein­fach alle aka­de­mi­schen Dis­zi­pli­nen zusam­men, die laut Eigen­de­fi­ni­tion Wis­sen­schaft sind. Für Astro­phy­si­ker wie Anthro­po­lo­gen aus­tro­ne­si­scher Wan­der­be­we­gun­gen gilt glei­cher­ma­ßen, dass sie den ide­el­len Wert von Wis­sen an sich für die Gesell­schaft befeu­ern. Aus jedem Orchi­de­en­fach kann auch Rele­vanz für gesell­schaft­li­che Dis­kurse erwach­sen, auch wenn man­che Dis­zi­pli­nen zen­tra­ler für öffent­li­che Debat­ten sind als andere. Volks­nähe möchte ich jedoch allen wünschen.

    Die For­de­rung nach Öffent­lich­keit von For­schern ist Vor­raus­set­zung dafür, dass andere Bedin­gun­gen ent­ste­hen. Die müs­sen Wis­sen­schaft­ler schon selbst schaf­fen — wenn man sein Tun nie in nicht­aka­de­mi­sche Dis­kurse ein­brin­gen will, wird man auch außer­halb aka­de­mi­scher Dis­kurse nie wahr– oder ernst­ge­nom­men. Das gilt auch für For­scher an pri­va­ten For­schungs­ein­rich­tun­gen oder in den Ent­wick­lungs­ab­tei­lun­gen der Industrie.

    An hol­län­di­schen Uni­ver­si­tä­ten tut man sich übri­gens leich­ter, Ver­suchs­per­so­nen aus der Bevöl­ke­rung zu gewin­nen, anstatt immer nur die eige­nen Stu­den­ten zu tes­ten. Dort ver­steht sich die Uni­ver­si­tät auch mehr als Dienst­leis­ter ihrer Gemeinde. Es wer­den die Bür­ger mit Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­ten und Events bedient, nicht nur poten­ti­elle Groß­spon­so­ren aus der Wirt­schaft hofiert. Zumin­dest für die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, die ich kenne, fehlt so eine Anbin­dung an die Gemeinde. Wis­sen­schaft ist nicht volksnah.

  • Das meinte ich ja: Man­che Dis­zi­pli­nen sind eben zen­tra­ler. Und ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob eine theo­re­ti­sche Klam­mer um alle Wis­sen­schaf­ten mög­lich ist (aber das ist jetzt nicht Thema).

    Wis­sen­schaft­ler sol­len sich ja öffent­lich äußern (und ihre spe­zi­el­len Dis­kurse ver­las­sen), aber das wird ent­we­der all­ge­mein poli­tisch sein oder all­ge­mein fach­lich. Sehr sel­ten wer­den sie detail­liert über ihr Arbeits­ge­biet zu einem brei­ten, all­ge­mei­nen Publi­kum spre­chen oder schreiben.

    Wenn pri­vate oder indus­tri­elle For­schung nicht staat­lich unter­stützt oder getra­gen wird, dann ist die Ver­ant­wort­lich­keit gegen­über der All­ge­mein­heit eine andere (sie ist wie die jedes ande­ren Bür­gers auch).

    Wis­sen­schaft ist wesens­mä­ßig nicht volks­nah — ein Dok­tor­rand der Jahre mit einem Detail­pro­blem ver­bringt hat mit der nor­ma­len All­tags­welt wenig gemein. Und er ist auch kein Dienst­leis­ter, er ver­sucht pri­mär ein wis­sen­schaft­li­ches Pro­blem zu lösen. Der Dienst­leis­ter han­delt in einem bestimm­ten Inter­esse, Grund­la­gen­for­schung bei­spiels­weise tut das nicht.

    In Summe: Wis­sen­schaft­ler sol­len sich am öffent­li­chen Dis­kurs betei­li­gen (ebenso Uni­ver­si­tä­ten), und sich zu gesell­schafts­re­le­van­ten The­men äußern. Aber ich bin skep­tisch was volks­nähe betrifft (was auch immer das eigent­lich genau meint).




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