WM-​​Taktikbericht: Ein Zwischenfazit

Zur WM habe ich mich auf tak­ti­sche Vari­an­ten gefreut und auf Inno­va­tio­nen durch Exo­ten gehofft. Anders als es die fast durch­weg nega­ti­ven Bewer­tun­gen der Vor­runde durch die Sport­be­richt­er­stat­tung erwar­ten lie­ßen, bin ich nicht ent­täuscht: Eine For­ma­tion ent­wi­ckelt sich spä­tes­tens mit die­sem Tur­nier vom Trend zum Stan­dard, wor­auf­hin neue For­ma­tio­nen erst rich­tig span­nend wer­den — und ein paar die­ser Ver­su­che, dem Stan­dard ein Schnipp­chen zu schla­gen waren gera­dezu spektakulär.

Die meis­ten Teams spie­len in einem 4−2−3−1, von dem Jona­than Wil­son vor zwei Jah­ren bereits in sei­ner wun­der­ba­ren Serie zu Tak­tik­fra­gen beim Guar­dian erklärt hat, wie es sich aus ande­ren For­ma­tio­nen ent­wi­ckelt hat und wel­che Aus­prä­gun­gen des Sys­tems es gibt. Die kom­plett ver­schie­de­nen Spiel­an­la­gen von Teams bei der WM, die in die­sem Sys­tem spie­len, dürf­ten auch dem unbe­darf­ten Beob­ach­ter deut­lich machen, dass zwei Stür­mer nicht unbe­dingt für offen­si­ven Fuß­ball not­wen­dig sind. Gleich­zei­tig sagt das Sys­tem wenig über die Tak­tik aus, die ein Team ver­folgt. Berau­schen­der Offen­siv­fuß­ball ist genau so mög­lich, wie die Igeltaktik.

Span­nend sind die Details, in denen sich die Sys­teme trotz­dem unter­schei­den. Dank des 4−2−3−1 hat Deutsch­land aus­ge­rech­net jenen Spie­ler­ty­pen abge­schafft, der eine recht junge Ent­wick­lung ist und noch vor kur­zem die ver­meint­lich wich­tigste Posi­tion beklei­den sollte. Der »Sech­ser« nach Vor­bild Claude Makel­e­les oder Didier Deschamps als Defen­siv­spe­zia­list hin­ter den krea­ti­ven Spie­lern exis­tiert in der deut­schen Aus­prä­gung des Sys­tems nicht mehr.

Statt des­sen wer­den die defen­si­ven Halb­po­si­tio­nen im Mit­tel­feld mit Schwein­stei­ger und Khe­dira von zwei Spie­lern besetzt, die bei Ball­be­sitz extrem fle­xi­bel ihre Posi­tio­nen in der Bewe­gung zu den geg­ne­ri­schen Ket­ten suchen — bis hin zur letz­ten Abwehr­reihe. Dadurch ent­ste­hen für das offen­sive Mit­tel­feld Räume zwi­schen den Rei­hen. Vorne rotie­ren die Spie­ler in ihren Posi­tio­nen durch, jeder von ihnen fun­giert mal als Stür­mer, mal als Spiel­ma­cher. Deutsch­land spielt näher am Ideal des totaal voet­bal als sonst ein Team bei der WM mit die­sem System.

Es gibt sie noch, die Exoten

Aber es gibt auch Teams mit ande­ren For­ma­tio­nen: Chile presste in einem 3−3−3−1 ein­fach auf dem gan­zen Feld und beein­druckte mit aggres­si­vem Wil­len zur spie­le­ri­schen Domi­nanz auch große Geg­ner. Mexiko wech­selte zwi­schen meh­re­ren Sys­te­men hin und her, spielte mal mit drei, mal mit vier Ver­tei­di­gern und bot span­nende Offen­siv­ak­tio­nen mit drei Angrei­fern auf einer Linie.

Und dann war da ja noch Nord­ko­rea. So groß der Ein­bruch des Teams nach dem ers­ten Spiel war, so berau­schend war die Defen­sivstra­te­gie des »rope a dope«, bei der eine Fün­fer­kette hin­ter einer Drei­er­kette sich mit dem Geg­ner  unter Druck bis fast zur Grund­li­nie fal­len ließ, um den Druck sofort wie­der nach vorne zu ent­la­den und sich immer über die kom­plette Breite des Fel­des dicht am Ball aus­zu­rich­ten. So eine fle­xi­ble Wand funk­tio­niert nur mit extre­mer Dis­zi­plin und Lauf­be­reit­schaft, aber davon hat­ten die Korea­ner zur Genüge.

Oben­drein waren sie in der Lage, bei Bal­le­r­obe­rung sau­ber aus­ge­spielte Kon­ter zu fah­ren, wie Bra­si­lien mehr­fach erle­ben durfte. Diese Defen­sive bot einen Esprit auf, der nur von der dank­ba­ren Ange­wohn­heit der Spie­ler über­trof­fen wurde, nach Fouls ein­fach wie­der auf­zu­ste­hen. Meine Erwar­tung an die WM, auch exo­ti­sche Stra­te­gien zu prä­sen­tie­ren, wur­den also sowohl für die Defen­sive als auch für die Offen­sive voll erfüllt.

Ver­kehrte Welt

Span­nend bleibt nun, ob sich Trends wie die Defen­siv­spe­zia­li­sie­rung der Dop­pels­echs und Außen­ver­tei­di­ger fort­set­zen oder viel­mehr kom­plette Spie­ler eine Renais­sance erle­ben. Und ob sich Sac­chis und Leva­novs­kis Ideen vom flui­den Sys­tem doch noch im 4−2−3−1 umset­zen las­sen. Als Trep­pen­witz der Geschichte tritt oben­drein Argen­ti­nien für den Hel­den­fuß­ball gegen Deutsch­land als Ver­tre­ter des Sys­tem­fuß­balls an. Der tak­ti­sche Vor­teil liegt dabei ein­deu­tig auf deut­scher Seite, ein Grund mehr für mich, Löws Team die Dau­men zu drücken.

Ein Fazit kann für das Tur­nier jetzt schon abschlie­ßend gezo­gen wer­den: Indi­vi­du­elle Klasse der Spie­ler allein reicht nicht aus. Frank­reich, Eng­land und Ita­lien hat­ten neben tak­ti­scher Defi­zite ein­deu­tig ein wei­te­res Pro­blem: Fuß­ball wird tat­säch­lich auch im Kopf entschieden.

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  • Enno sagt:

    Stark.

    Aber noch zwei Abers, wenn­gleich auf hohem Niveau, die du aber als kri­ti­sches Lob ver­ste­hen soll­test: Es wäre natür­lich schön gewe­sen, gleich im Anschluss die Mög­lich­kei­ten der Tak­tik auf­ge­zeigt zu bekom­men. Das heißt letzt­lich aber nichts ande­res, als dass du gut vor­ge­legt und mich neu­gie­rig gemacht hast, wie du das Thema der Tak­tik ange­hen wür­dest. Ein ande­rer Aspekt betrifft die Auf­nahme dei­ner Stimme: Es hallt zu sehr. Du müss­test dich wahr­schein­lich in einem Schrank ein­sper­ren und die­sen vor­her iso­lie­ren, um das zu opti­mie­ren… Wie gesagt: Stark.

  • nedfuller sagt:

    Video ging nun dann auf einmal.

    Kannst du mal die Aus­sage Sys­tem ungleich Tak­tik den Ana­lys­ten im TV bei­brin­gen? Das Däne­mark Deutsch­land Bei­spiel ist sehr gut!

  • erz sagt:

    #Stimme: Beim nächs­ten Umzug baue ich mir ein klei­nes Medi­en­la­bor. Im Moment nehme ich man­gels Zeit aber ohne­hin auf, wo ich gerade gehe und stehe, damit über­haupt Con­tent hier rein kommt. Geht halt lei­der zu Las­ten der pro­fes­sio­nel­len Anmutung.

    #tak­tik Viele der Links aus dem Arti­kel soll­ten die erste Neu­gier nach tak­ti­schen Fines­sen bereits befrie­di­gen. Ich habe es im Text ja schon ange­spro­chen: Die Rol­len der Spie­ler kön­nen sehr ver­schie­den inter­pre­tiert wer­den und im Moment gibt es zwei gegen­läu­fige Trends. Ein­mal den Trend zur wei­ter­ge­hen­den Spe­zia­li­sie­rung — die Defen­siv­spie­ler beschrän­ken sich z. B. noch mehr auf Deckungs­ar­beit — und den Trend zur Poly­va­lenz — die Spie­ler wech­seln im Spiel ihre Auf­ga­ben, je nach­dem wel­chen Posi­tion sie gerade ein­neh­men. Beide Trends sind mög­li­che Aus­prä­gun­gen des 4−2−3−1.

    Bei Deutsch­land kann man übri­gens gut sehen, wie im glei­chen Sys­tem und bei glei­cher Spiel­an­lage ver­schie­dene Tak­ti­ken mög­lich sind. Gegen Eng­land hat Deutsch­land viel weni­ger auf Ball­kon­trolle gespielt als gegen Aus­tra­lien und statt des­sen auf die Umschalt­si­tua­tio­nen (aka Kon­ter) gesetzt. Des­we­gen fand die Bal­le­r­obe­rung viel tie­fer in der eige­nen Hälfte statt, was die geg­ne­ri­schen Ver­tei­di­ger noch mehr aus ihren opti­ma­len Posi­tio­nen zog, weil sie beim Spiel­auf­bau mit­hel­fen mussten.

    Zur Erin­ne­rung: Wenn ihr mir in den Kom­men­ta­ren sagt, was ich kon­kret mit der Tak­tik­ta­fel dar­stel­len soll, dann kann ich eure Bedürf­nisse auch bes­ser befrie­di­gen. Nur beim TV habe ich lei­der kei­nen gro­ßen Einfluss ;-)

  • RJonathan sagt:

    Zum Ton: zwei, drei Decken geschickt im Zim­mer auf­ge­han­gen rei­chen.
    Ganz arbeits­un­auf­wän­dig wäre es, unter einem Laken oder einer Tages­de­cke auf­zu­neh­men. Even­tu­ell hilft auch das schon, den Raum­klang ein­zu­däm­men. Aber das muss man tes­ten. Ich emp­fehle sehr da mal rum­zu­ex­pe­ri­men­tie­ren, das lohnt sich, wei der Gesamt­ein­druck sich deut­lich professionalisiert.

    • erz sagt:

      Decken. Bei der Hitze.
      Aber du hast schon recht, nor­ma­ler­weise gehe ich ins Bett, wenn ich kom­pak­ten Sound haben will. Sollte mir da viel­leicht dei­nen Rat zu Her­zen neh­men und grund­sätz­lich mit mehr Schall­schlu­ckern arbei­ten, auch ohne Sprecherkabine.

  • Gooseman sagt:

    Stimme im jedem der genann­ten Punkte zu, wirk­lich klasse. Was mir noch hier­bei fehlt, ist der nähere Blick auf die Außen­ver­tei­di­ger: Im Grunde wer­den diese doch immer spiel­stär­ker und wich­ti­ger, ins­be­son­dere im Auf­bau. Durch deren Spiel­weise ent­steht doch oft­mals erst der Platz für die Sech­ser im Zen­trum und somit für den Spiel­auf­bau. Des­halb ist die­ses Sys­tem inzwi­schen auch so verbreitet.

    • erz sagt:

      Auch das ist ein guter Auf­hän­ger für eine Folge, sich mal die Aus­prä­gun­gen ein­zel­ner Posi­tio­nen anzu­schauen. Will do.

  • endibear sagt:

    via aas bin ich hier,

    sehr gut, da weis ich was mir bei ARD/​ZDF fehlt.

  • krog sagt:

    Grad dei­nen Hin­weis bei aas gele­sen: Nicht, dass du meinst deine Bei­träge wer­den nicht geschätzt :). Ich lese und schaue sie immer gern und lerne viel dabei, kom­men­tiere aller­dings nor­mal nie, da ich nichts sub­stan­ti­el­les außer »bitte mehr davon« bei­tra­gen kann.

    Deine Bei­träge hier oder auch z.B. viele Texte von Zonal Mar­king brin­gen mich als Laien end­lich wei­ter. Etwas was unsere Mas­sen­me­dien lei­der nicht kön­nen oder sich nicht trauen. Ein mün­di­ger Zuschauer wäre ja auch nur Arbeit :)

  • NiWa sagt:

    Über Zonal​mar​king​.net hier gelan­det. Schö­ner Bei­trag der ins­be­son­dere den
    uner­fah­re­nen sehr hel­fen sollte. Mein Tipp wäre da noch die Ana­lyse der
    Lauf­wege in der Ent­ste­hung von Toren. Hier kannst du dem inter­es­sier­ten
    Laien noch sehr viel zeigen.

    Im TV kommt dies meist zu kurz. Klopp/​Scholl haben es teil­weise gemacht,
    Net­zer würde gerne aber Del­ling sieht es nicht, Kahn hat es nicht gezeigt.

    Gutes Bei­spiel wäre mei­nes Erach­tens die Vor­lage von Schwein­stei­ger auf
    Fried­rich. Mit ent­schei­dend bei dem Tor war der (ein­zig rich­tige) Lauf­weg
    von Mül­ler, der sei­nen Gegen­spie­ler vor die undank­bare Wahl gestellt hat
    ent­we­der mit Mül­ler mit zuge­hen um Ihn zu den­ken (und dadurch den Weg für
    Schweini frei zu machen) oder umge­kehrt auf Schweine zu gehen, womit die­ser
    dann statt­des­sen auf Mül­ler in guter Posi­tion pas­sen kann.

    Erwähnt hat das lei­der kei­ner, zu schön war es wohl Schweini zu zu
    schauen. Aber es sind nun mal diese Lauf­wege die ent­schei­dend für die Tore
    der deut­schen Natio­nal­mann­schaft sind. Özil, Klose & Mül­ler sind in der
    Bezie­hung her­aus­ra­gend, ihre Lauf­wege ohne Ball füh­ren zu deut­lich bes­se­ren
    Optio­nen für die Ball-​​führenden Mit­spie­ler, und sor­gen oft dafür dass die
    ange­spielte Offen­siv­kraft nur noch einen Gegen­spie­ler zu schla­gen hat (z.b.
    mehr­mals gegen Eng­land zu sehen).

    • erz sagt:

      Das mit den offen­si­ven Lauf­we­gen ohne Ball ist tat­säch­lich ein inter­es­san­ter Auf­hän­ger für einen eige­nen Bei­trag. Ich werde bestimmt noch mal dar­auf zurückkommen.

      Auch wenn es nicht direkt zu einem Tor geführt hat, waren es Özils Lauf­wege, die ich in die­sem Spiel beson­ders beein­dru­ckend fand. Laut Sta­tis­tik hatte er so viele Meter auf dem Buckel wie die Maschine Le’Schwein, dazu eine Pass­quote von 90% — der war mit nicht viel ande­rem beschäf­tigt, als damit Mascher­ano aus dem Zen­trum zu zie­hen und den Ball auf Zuspiel in die Mitte pral­len zu las­sen. So erklärt sich auch Schwein­stei­gers schlech­tere Pass­quote (für seine Ver­hält­nisse) er musste näm­lich aus dem Zen­trum dann die schwie­ri­gen Zuspiele in die Spitze übernehmen.

  • Linksaussen sagt:

    Ein Trend, der mir auf­ge­fal­len ist: Mann­schaf­ten mit einer Offense Unit (Andere Begriffs­vor­schläge will­kom­men). Schnel­les Umschal­ten bei Ball­ge­winn ja, aber nur mit weni­gen Spie­lern, wäh­rend der Rest defen­siv bleibt. Bei­spiele: Bra­si­lien (Kaka, Robinho, Fabiano, dazu häu­fig Mai­con), Argen­ti­nien (3er-​​Reihe vorne, dazu Di Maria), teil­weise auch Hol­land (Snei­j­der, Rob­ben, Kuyt, van Persie).

    Bei Hol­land schließt sich der Kreis zu Mourin­hos Inter, wo mir das zum ers­ten Mal so sys­te­ma­tisch auf­fiel: Milito, Snei­j­der, Pan­dev, Mai­con waren dort die Protagonisten.

    Setzt natür­lich vor­aus, daß man indi­vi­du­ell starke Spie­ler vorne hat, die auch zu dritt oder viert eine Abwehr aus­he­beln können.

    • erz sagt:

      Ich schrieb ja schon von zwei gegen­läu­fi­gen Trends: Den mit mög­lichst poly­va­len­ten (frag Favre) und den mit mög­lichst spe­zia­li­sier­ten Spie­lern. Da passt deine Beob­ach­tung ganz gut rein.

  • erz sagt:

    Danke für das Lob und eure Kommentare!




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