Zwei Seelen in Fortunas Brust

Zwei Seelen in Fortunas Brust

Seit Beginn des Jahres 2009 läuft in Köln ein basisdemokratisches Experiment. Die Anhänger von Fortuna Köln können auf der Plattform deinfussballclub.de (DFC) die Belange des Vereins mitbestimmen. Tausende klickender Co-Trainer, die der in der NRW-Liga angekommenen Fortuna einen Geldsegen bescherten – und damit den Traum von der Rückkehr in den Profi-Fußball. Doch knapp ein halbes Jahr nach dem Start des Projektes mehren sich rund um das Kölner Südstadion die Fragezeichen.

Vom Muster der Eckfahne bis zur Mannschaftsaufstellung bestimmen die Fans die Geschicke des Vereins. Zumindest diejenigen, die sich als Investoren am Projekt beteiligen. Dafür hat die zweite Kraft im Kölner Fußball ihre Satzung geändert, die erste Mannschaft in eine eigene Gesellschaft ausgelagert und 49 Prozent der Besitzanteile an den DFC übertragen. Rein rechtlich entscheidet zwar weiterhin der Verein, aber die Mitbestimmung ist ernst gemeint. „Das Projekt hat nur eine Zukunft, wenn wir Wort halten und die User ein 100-prozentiges Mitspracherecht haben“, kündigte Fortunas erster Vorsitzender Klaus Ulonska im Januar an.

Dass die Stimme der Fans so hoch im Kurs steht, hat einen einfachen Grund. Sie bescherte dem Verein zu Jahresbeginn öffentliche Aufmerksamkeit und einen beachtlichen Geldsegen. 39,95 Euro kostet den Fan eine jährliche Mitgliedschaft, 30 davon gehen an den Verein, genauer gesagt die neue Spielbetriebsgesellschaft.

„Mussten den Euro viermal umdrehen“

Container vor StadionFortuna im Umbruch – Manch ein User fürchtet um die Zukunft des Projekts
Von den offiziell knapp 12 000 Usern sollten ab Januar auf diese Weise 360 000 Euro fließen, versprachen die Macher – zusätzlich zum regulären Etat von etwa 500 000 Euro. Viel Geld für einen Verein, der einst 26 Jahre in der 2. und ein Jahr in der 1. Bundesliga spielte und nach Absturz und gerade noch abgewendeter Insolvenz die Saison in der fünften Liga auf Rang zehn beendete. „Wir mussten den Euro viermal umdrehen, bevor wir ihn ausgegeben haben“, fasste Ulonska die Fortuna-Vergangenheit zusammen.

Der erste prominente Transfer gelang der Fortuna bereits abseits des Spielfeldes. Der ehemalige Nationalspieler Jens Nowotny arbeitet als Berater der Internetgemeinde. „Ich will meine Meinung abgeben, ohne Meinung zu bilden“, beschreibt der langjährige Leverkusener seinen neuen Job, für den er nach DFC-Angaben nur eine Aufwandsentschädigung bekommt. Die User stehen hinter ihm: 78 Prozent stimmten für seine Einstellung.

In Köln verfolgt man ehrgeizige Ziele: Nach dem Vorbild des englischen Fünftligisten Ebbsfleet United wollte DFC binnen eines Jahres 30 000 Mitglieder gewinnen – unterstützt vom Regisseur Sönke Wortmann, der das Projekt mit dem Slogan „Köln – Ein Fußballmärchen“ bewarb. Als bis zum Winter jedoch nicht einmal die Hälfte zusammenkam, wurde der Starttermin vorgezogen.

Bis spätestens 2015 will man laut Präsident Ulonska in der 1. Bundesliga spielen, Nowotny hält dann immerhin die 2. Bundesliga für realistisch und die Fans im Südstadion singen lauthals: „Eines Tages wird es geschehen, da fahren wir nach Mailand, um Fortuna Köln zu sehen.“ Die vitale Fanszene, die sich im Schatten des Kölner Platzhirschs 1.FC bei der kleinen Fortuna etabliert hat, verfügt über viel Humor. Denn der rasche sportliche Erfolg, den das Projekt zum Wachsen so dringend nötig hätte, steht mehr denn je in den Sternen.

Knapp ein halbes Jahr nach dem Start ist trotz prominenter Namen ein Großteil der Euphorie im Kölner Süden verflogen. Der erhoffte Aufstieg in die Regionalliga wurde verpasst. Nach deutlichem Rückstand in der Meisterschaft entschieden sich die Internet-Co-Trainer mehrheitlich, die Lizenz für die höhere Klasse erst gar nicht zu beantragen. Auch in der kommenden Saison wird es mit dem Aufstieg schwer. Fraglich ist zudem, ob Fortuna bei stagnierenden Leistungen auf dem Platz weitere zahlungswillige Fans für das Projekt begeistern kann.

Fortuna will die Kosten senken

Stadioneingang Köln SüdDas Kölner Südstadion erinnert an erfolgreichere Zeiten des Klubs
Bereits jetzt besteht Unklarheit über die tatsächliche Zahl der Mitglieder. Statt der anvisierten 360.000 Euro aus Beiträgen flossen bis Juni gerade einmal zwei Drittel dieser Summe. Ein Anzeichen dafür, dass sich die offizielle Userzahl deutlich unter den kolportierten 12.000 bewegt. Die DFC-Macher halten sich mit genauen Zahlen zurück. Der Zähler auf der DFC-Seite steht nun bei gut 10.000 Mitgliedern.

Fragezeichen kommen vor dem Start der ersten kompletten Saison des DFC-Projektes daher mehr denn je auch in finanzieller Hinsicht auf. In den Monaten März, April und Mai stiegen die Kosten der GmbH deutlich, die Einnahmen stagnierten jedoch gleich der sportlichen Entwicklung. Die DFC-Macher um Burkhard Mathiak geben alten Spielerverträgen die Schuld. Mit leistungsbezogenen Verträgen will Fortuna die Kosten senken. Der Verband erteilte diesen Plänen seinen Segen und vergab die Lizenz.

Dennoch sorgt die Planung für die neue Saison für Verunsicherung bei vielen Usern. Wird dabei doch mit weiteren 200.000 Euro von etwa 8.000 Mitgliedern gerechnet. In den DFC-Internetforen gilt es indes als nicht sehr wahrscheinlich, dass ein Großteil der Beitragszahler verlängert. Manch ein DFC-User sieht bereits den Pleitegeier über der Südstadt kreisen. „In meinen Augen scheint das Projekt einzuschlafen“, so ein Teilnehmer.

Alteingesessene Fortuna-Fans machen sich Gedanken, wie der Verein einen möglichen Rückzug der Internetgemeinde verkraften würde. Daniel Cronemeyer vom Fanclub SC Mülltonn warnt vor den Fehlern der Vergangenheit: „Größenwahn und teure Profis haben Fortuna fast in den Untergang geführt. Man sollte sich auf die Basis konzentrieren.“

Zwei Seelen in Fortunas Brust

Das Dilemma: Der Club braucht sportlichen Erfolg, um neue Internetinvestoren zu locken und die alten über das erste Jahr hinaus zu halten. Aber der Traditionsverein lebt zugleich von seinem familiären Miteinander und den langjährigen Fans. Dass diese nicht mit allen Entwicklungen einverstanden sind, bekamen die Fortuna-Oberen in der vergangenen Saison zu spüren. So erzwangen die „Mülltonnen“ per Boykott die Wiedereinführung der abgeschafften Stehplätze.

Nicht nur in dieser Frage ist die Vermittlung von Klaus Ulonska gefragt, der wie kein Zweiter die beiden Seelen in der Brust der Fortuna verkörpert. Seit Januar fungiert er als Geschäftsführer des DFC und spricht offen über seine Sympathie für Geldgeber wie den Hoffenheimer Dietmar Hopp. Doch bei den Heimspielen zieht er höchstpersönlich durch die Reihen und sammelt Spenden für die Jugendabteilung. Das ist die Gegenwart der Fortuna. Die Rückkehr in den Profifußball dürfte dagegen auf Dauer ein Traum bleiben.

Transparenzerklärung:

Der Autor ist Mitglied des DFC.
Dieser Artikel stützt sich auf die Recherchen zum Artikel „Eines Tages gegen Inter Mailand“ von Manuel Preuten und David C. Lerch.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • denis sagt:

    Scheinbar war der Verein im Januar schon pleite, denn man zog das Projekt nur vor, damit man den Zahlungsverpflichtungen nachkommen konnte.. Die überteuerten Verträge konnten nur von Hern Ulonska abgeschlossen worden sein…von wem sonst?? Somit wäre dies ein Rücktrittsgrund, den die Gemeinde beschliessen solllte. Alleine die Aussage, früher mußten wirden Euro viermal umdrehen zeugt nun von Arroganz und Geltungssucht. Mit dem Geld anderer lässt sich gut arbeiten…

  • D'r Chef sagt:

    Also ich finde es leider eine Schande wie sich der aktuelle Vorstand mit dem Namen Fortuna profiliert. Es werden viele Spieler einfach weggeschickt die Talent haben… Aber nicht nur im Finanziellen sondern auch im sportlichen stimmen einige Sachen nicht! Ein Trainer gespann was vor Arroganz nur so strahlt… Selbst Darstellung in alle Richtungen von den jenigen die sich im Namen des noch aktuellen Tabellenführers der ewigen Tabelle der zweiten Fußball Bundesliga. Die treue und sympathische Fangemeinde des Löring Clubs wird komplett geblendet von der Vereinsführung! Der Verein muss sich wieder vom Projekt distanzieren, und den Vorstand entlassten!

    Es müssen Leute an die Macht die Ihr letztes Hemd für den Kult-Club aus dem Süden Kölns geben! So wie es der FORTUNA-„MACHER“ getan hat! Er hat den Verein gelebt und nur so kann Fortuna wirklich am Leben gehalten werden!

  • 7 sagt:

    „Ein Stadion muss nach Bratwurst riechen“

  • Stehen sagt:

    jetzt wird denen auch noch der Stehplatzbereich abgelutzt…wiederlich



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