Von alten Medien lernen

Im ersten Teil dieser Reihe um Kompetenz in alten und neuen Medien haben wir die Grundannahme vorgestellt, dass Medien von ihren Nutzern geformt werden. Außerdem haben wir uns mit einigen Besonderheiten des Mediums Distributionskanals Internet beschäftigt. Heute wollen wir uns zum Ausgleich mit alten Medien beschäftigen und mit den Lehren, die wir für den Umgang mit neuen Medien daraus ziehen können. Denn auch wenn es konzeptionelle Unterschiede zwischen verschiedenen Medientypen gibt, darf man darüber deren Gemeinsamkeiten nicht vergessen: Es geht weniger darum, was ein Medium oder eine Technologie konzeptionell erlauben, als vielmehr darum, welche Konventionen sich für die Nutzung ergeben.

Alte Medien haben einen Reifungsprozess hinter sich, den wir als Erfahrungsschatz nicht vernachlässigen können. Viele der Konventionen übernehmen wir schließlich, ohne sie zu hinterfragen. Wir lesen auch im Internet von links nach rechts, wir benutzen Überschriften und Absätze, um Themen einzuführen und zu gruppieren. Wir klicken auf Pixel, die wie die Piktogramme auf unseren Kassettenrekordern aussehen, wenn wir ein Video starten wollen. All die Gewohnheiten, die wir im Umgang mit anderen Medien erworben haben, begegnen uns in neuen Medien wieder. […] → zu Ende lesen

Wozu noch Feminismus in Blogs? Eine Frage der Perspektive

Die Frauen im deutschen Netzdiskurs verschaffen sich gerade mächtig Gehör – gemessen an der Lautstärke, die sie bislang an den Tag legten. Als Anne Roth im Freitag die Frage stellte, warum es keine Frauen unter den meinungsführenden deutschen Bloggern gäbe, bekam dieses oftmals unbemerkt vor sich hin köchelnde Thema Öffentlichkeit. Daraufhin wurde sie von Philip Banse für seine dctp.tv-Interviewreihe mit Bloggern befragt. Zeitnah gab es eine Wahl zur Bloggerin des Jahres und damit einher ging ein weiterer Zuwachs an Öffentlichkeit femininer und feministischer Diskurse. Denn viele der beteiligten Bloggerinnen bekennen sich zu Feminismus, Frauenrechten und Geschlechterdebatten.

Prompt werden sie dafür angefeindet. Selbst wenn wir die Trolle und Idioten vernachlässigen, die um des Radaus willen oder aus überzeugter Ignoranz gegen solche Emanzipationsbemühungen anstänkern, müssen wir feststellen: Der Teil des Netzes, in dem Meinung gemacht wird, ist ein von Männern dominierter Diskursraum und damit ein Paradebeispiel für patriarchalische Strukturen. Die Stimmen von Frauen werden marginalisiert, auch aufgeklärte, moderne Männer betreiben unwillentlich beständig othering und gemäß dem Wesen von struktureller Diskriminierung arbeiten auch Frauen an der Bestätigung fremdbestimmter Selbstbilder mit.

Wie sehr die eigene Perspektive von einem patriarchalischen System und den darin begründeten Erwartungen geprägt ist? Der geneigte Leser und auch die geneigte Leserin möge sich fragen: Was sind vier erfolgversprechende Verhaltensregeln, die Frauen Schutz vor Vergewaltigung bieten? […] → zu Ende lesen

Medienkompetenz und das Internet

Stand der Dinge: Alles ändert sich. Also alles wie immer in diesem Internet. Mancherorts führt das die elder statesmen der deutschen Netzpublizistik und Blogszene zu melancholischen Betrachtungen, das Zwischenfazit für Blogs fällt entsprechend nüchtern aus. Aber es wird ja bald Frühling, da erwacht auch der cabriofahrtwindgeföhnte Eulenspiegel mit der Hasskappe wieder aus dem Winterschlaf und schießt gegen den Wildwuchs der selbsterklärten Netzexperten und social-media-Berater. Worauf eine kluge Replik dem lesenden Betrachter offenbart, dass es tatsächlich Experten mit Sachverstand und Willen zum Diskurs auch in Deutschland gibt. Wie schon regelmäßig zuvor stellt sich trotzdem die Speerspitze der Netzevangelisten die Frage, wohin die Reise eigentlich geht und gibt einige Antworten gleich mit.

Der Wandel scheint stets von Außen zu kommen: Der vermeintlich heilige Gral der Onlinejournalismusfinanzierung wird in Gestalt einer proprietären Plattform aus Cupertino vorgestellt und die Hysterie der Verlagsmedien implodiert zur größten pro bono Werbekampagne aller Zeiten. Es gibt auch Medienmenschen, die kluge Fragen stellen: Wo sollen denn eigentlich die Inhalte herkommen, same old, same old wird auch auf der eierlegenden Wollmilchsau iPad nicht funktionieren. Ein Magazin aus Amerika legt vor und die Messlatte auf: Die Studie von Wired ist angesichts der dort vermutlich gebündelten Medienkompetenz (das Blatt wird regelmäßig in einschlägigen Schriften aus der CMC-Forschung zitiert) allerdings eher unterwältigend. […] → zu Ende lesen

Nobelpreis Schmobelpreis

Besserwisser allerorten. Was haben sich die Spinner aus Norwegen gedacht, diesen Barack Obama, von dem man nun langsam wirklich genug gehört hat, auch noch zum Preisträger zu ernennen? „Der Preis kommt zu früh.“ Dieser Satz ist selbst preisverdächtig, entlarvt er doch das Politikverständnis und die Arroganz der vielen Kommentatoren, die  schon Meinungen zum Nobelpreisträger in die Welt posaunten, bevor der Preisträger selbst überhaupt eine Erklärung abgegeben hatte. Vom Blätterwald bis zur Blogosphäre wird an der Entscheidung herumgekrittelt.

Bevor ich mich dem allgemeinen Rumgemeine anschließe, mal etwas Grundsätzliches vorweg: Das Nobelpreiskomitee schuldet mir, dem Heer der übrigen politischen Kommentatoren und im Grunde auch dem Rest der Welt ganz genau: Nichts. Schon gar keine Rechenschaft. Prestigeträchtig wird ein Preis erst in den Augen des Publikums – daraus lässt sich aber noch lange kein Anspruch ableiten, dass die eigenen Vorlieben die der Juroren seien. Ganz im Gegenteil gewinnt neben dem Preisträger der Preis selbst an Aufmerksamkeit, wenn er kontrovers diskutiert wird.  Da macht das Bisschen Geld den Kohl nicht fett. Herzlichen Glückwunsch nach Oslo, man redet wieder über euch und setzt sich sogar mit den Motiven eures Stiftungsgründers auseinander. So viel Wirkmacht war ihm lange nicht vergönnt, dem guten Alfred Nobel. […] → zu Ende lesen

Geschlechterverwirrung

Als ich mit den Recherchen zum folgenden Artikel begann, hatte ich eine aufklärerische Story über die Geschlechterdebatte und den katalytischen Effekt von Sportereignissen für gesellschaftliche Diskurse im Sinn. Caster Semanya hatte gerade den 800-Meter-Lauf der Frauen gewonnen, da stürzte sich die Weltöffentlichkeit auf ihr Privatleben. Sie sei womöglich keine Frau, der Sieg somit erschlichen. Über ihr Geschlecht wurde öffentlich spekuliert, Vorurteile willfährig bedient, auch die beteiligten Funktionäre der Leichtathletik erschienen in keinem guten Licht. Ich wollte das Schicksal von Caster Semanya als Aufhänger nehmen, um über Diskriminierung und Rückständigkeit zu schreiben. Einige Emailanfragen, Dokumentensichtungen und Telefonate später beschloss ich, statt dessen über Menschen zu schreiben. Und darüber, wie Menschen dem Unbekannten begegnen.

Ein Ingenieur, ein Mathematiker und ein Philosoph entdecken auf einer Wandertour durch Schottland ein einzelnes, schwarzes Schaf. „Na so was, in Schottland sind die Schafe schwarz“ meint der Ingenieur. „Das kannst du gar nicht wissen,“ verbessert ihn der Mathematiker, „wir wissen nur, dass es mindestens ein schwarzes Schaf in Schottland gibt.“ „Eigentlich,“ wirft der Philosoph ein, „sehen wir nur, dass es auf der uns zugewandten Seite schwarz ist.“

Weil uns in der Welt immer wieder Männer und Frauen begegnen, nehmen die meisten Menschen an, es gebe genau diese zwei Geschlechter. Diese Unterteilung der Menschheit ist in unserer Gesellschaft so fest verankert, dass sie nie hinterfragt wird. Wir sind keine Mathematiker und keine Philosophen, zumindest sind wir das nicht ständig und selten bei banalen Alltagsweisheiten. Alle Menschen sind entweder männlich oder weiblich. […] → zu Ende lesen

Wahlentscheidungen und Visionen

Wenn man sich die Diskussion um die kürzlich vergangene Bundestagswahl anschaut, stößt man in erstaunlicher Häufigkeit auf Zukunftsvisionen. Aus Mehrheitsverhältnissen werden greifbare politische Entwicklungen abgeleitet. Es werden Schreckensszenarios als unabwendbare Konsequenz bestimmter Machtkonstellationen präsentiert. Sei es soziale Kälte, Umverteilung von Unten nach Oben, Erosion der Familienwerte oder gar konkrete Gesetzesvorhaben, die man je nach Gesinnung  als schädlich oder notwendig bezeichnet. All den Wahlempfehlungen und Prognosen zur Politik der gewählten Mehrheit liegt die gleiche Annahme zugrunde: Aus den Weltanschauungen, die von einer Partei repräsentiert werden, leiten sich die politischen Entscheidungen dieser Partei ab. Mittels einer Quasiarithmetik, dem Aufrechnen der Weltanschauungen in den geltenden Mehrheitsverhältnissen, kann man Politik errechnen.

politische Visionen bleiben auf der Strecke

Dieser Arithmetik folgend werden dann auch die Wahlempfehlungen ausgesprochen. Dabei gibt es jene, die mittels „taktischem Wählen“ versuchen eine Mehrheit zu erzielen, die näherungsweise ihrer eigenen Weltanschauung entspricht. Sie stimmen unter der Vorgabe ab, dass ihre Stimme die eine entscheidende zur Mehrheitsbeschaffung sei und versuchen das Gewicht ihrer Stimme zu optimieren. Andere stimmen nur in Übereinstimmung mit ihrer Weltanschauung ab, selbst auf die Gefahr, die Mehrheitsverhältnisse nicht entscheidend beeinflussen zu können. Sie verstehen ihre Stimme als Werkzeug der politischen Meinungsäußerung.

Auch die gewählten Politiker sprechen gerne vom „Wahlauftrag“ und folgen der Logik der addierten Mehrheiten von Weltanschauungen. Nur die politischen Entscheidungen, die letzendlich getroffen werden, folgen dieser Logik nicht. […] → zu Ende lesen



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