„Bloß nicht abkacken!“

Eine bessere Dramaturgie hätten sich die Organisatoren der Leichtathletik-WM in Berlin nicht ausdenken können. Hauptdarsteller, Statisten und die Kulisse sorgten dafür, dass der zweite Wettkampftag im Olympiastadion unvergessen bleiben wird. Ein Starschuss wie ein Urknall in die Weltmeisterschaft, die nicht nur in der Bundeshauptstadt einen schweren Stand zu haben schien. Doch Usain Bolt, Jennifer Oeser und Nadine Kleinert interpretierten das Drehbuch nach ihren eigenen Vorstellungen und bewiesen, dass die Leichtathletik-WM allen Rufen zum Trotz zu einem großen Film werden kann.

Zwei Silbermedaillen sicherten Zehnkämpferin Oeser und Kugelstoßerin Kleinert dem Deutschen Leichtathletik-Verband an diesem denkwürdigen 16. August. Das Berliner Olympiastadion feierte zwei große Sportlerinnen, die bereits wenige Tage nach der Eröffnungsfeier die DLV-Bilanz von Peking – damals gab es nur einmal Bronze – übertrafen und vor allem Begeisterung für ein mittlerweile unterschätztes Sportevent entfachten.

In dem Moment, als die deutschen Silber-Mädchen über die blaue Tartanbahn tanzten, waren die wenigen Weltstars der WM kurzfristig nur Nebendarsteller. Die großartige Atmosphäre auf den Rängen und im Innenraum musste aber auch die 100 Meter-Sprinter inspiriert haben. Scheinbar gelassen, aber auch fasziniert schauten Usain Bolt, Tyson Gay und die weiteren Statisten des WM-Höhepunktes dem bunten Jubel-Treiben zu, während sie auf den Startschuss zum letztlich schnellsten Sprintrennen aller Zeiten warteten.

Ein dringend benötigter Startschuss

9,58 Sekunden! Mehr oder besser weniger Zeit brauchte die Weltmeisterschaft dann nicht, um einen Euphorieschub zu bekommen, der die Athleten auch durch vermeintlich unspektakuläre 3000 Meter Hindernisrennen begleiten kann. Usain Bolt hämmerte diesen Weltrekord auf die schmucke Berliner Bahn. Ein Auftakt, wie ihn sonst nur Hollywood in seinen kühnsten Drehbüchern erdenken kann. Ein Startschuss allerdings, den die WM dringend benötigte – trotz der obligatorischen Zweifel an der beinahe übermenschlichen Leistung.

Noch im Vorfeld der Weltmeisterschaft haftete der Sportart Leichtathletik das Prädikat an, verstaubt und farblos zu sein. Da schien auch die durchdringend blaue Bahn im Olympiastadion nur wenig zu helfen, das Interesse am traditionellen Kräftemessen der Athleten zu wecken. Farbtupfer wurden einzig Usain Bolt, Jelena Issinbajewa oder – aus heimischer Sicht – Ariane Friedrich zugetraut. Mit den Silbermedaillen von Nadine Kleinert und Jennifer Oeser plus dem Boltschen Fabelweltrekord ist das Event jedoch schon zu Beginn in voller Fahrt.

Rückschläge, Langeweile und Alltag werden zwar auch in Berlin wieder folgen. Die 50 Kilometer Gehen, Hammerwerfen der Frauen oder ein 400 Meter-Hürdenlauf reißen neutrale Zuschauer bestimmt nicht von den Sitzen. Daher darf sich die gesamte Weltmeisterschaft gerne an Jennifer Oesers Motto nach dem famosen Zwischenspurt im finalen 800 Meter-Lauf ein Beispiel nehmen. „Nur nicht abkacken“, schoss es der Siebenkämpferin nach ihrem Sturz durch den Kopf. „Nur nicht abkacken“, heißt es auch für die Leichtathletik-WM nach ihrem grandiosen Start.

Die Kommentare sind abgeschaltet.



  • Über uns

    Die Kontextschmiede ist eine Plattform für junge Autoren, auf der ein breites Spektrum von gesellschaftlich relevanten Themen abgedeckt wird. Die Beiträge sollen Zusammenhänge, Hintergründe und Analysen bieten und Inhalte stets in einen Kontext einbetten, der neue Perspektiven eröffnet.

↑ Springe zum Seitenanfang

An der Technik der Kontextschmiede wird beständig gefeilt. Für Fehler bitten wir um Nachsicht. © Kontextschmiede