Transformationen, Demokratie und der nahe Osten: Was wird aus Ägypten?

Nachdem in Tunesien sich eine Transformation des politischen Systems deutlich abzeichnet, ist nun auch in Ägypten eine Transformation in greifbare Nähe gerückt. An dieser Stelle ist bewusst nicht die Rede von „demokratischen Revolutionen,“ weil dieses Transformationsparadigma in seiner Beschreibung eine fragwürdige Perspektive darstellt. Die durch Samuel Huntington populär gewordene Metapher von den Wellen der Demokratisierung entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als wenig hilfreich. Ihre Definition von Demokratie ist beschränkt auf die prozessfixierte Dimension des Wahlvorgangs.

The ›democratic method,‹ he said, ›is that institutional arramgement for arriving at political decisions in which individuals acquire the power to decide by means of a competitive struggle for the people’s vote.‹

Schumpeter, zitiert durch Huntington

Die durch diese Linse wahrgenommenen Wellen der Demokratisierung führten dazu, dass eine große Anzahl autokratisch geführter Staaten kurzerhand die Bedingungen prozessuraler Demokratie einführten, um als „Demokratien“ in den Genuss von Entwicklungshilfe oder auch nur  öffentlicher Anerkennung zu kommen. Wahlen sind das beste Feigenblatt für Despoten. Huntingtons Metapher der demokratischen Wellen ist aber so griffig, dass sie im öffentlichen Diskurs als „Standard“ der Transformationsforschung wahrgenommen wird. Joseph Joffe hat das kürzlich wieder einmal demonstriert. Dabei hat die Politikwissenschaft längst andere Kriterien für die Demokratieforschung oder den Systemwandel aufgegriffen. […] → zu Ende lesen

Denn sie tun nicht, was sie wissen: Klimawandel in der Diskussion

Wir erleben zum zweiten Mal hintereinander einen für uns ungewöhnlich kalten Winter. Prompt wird auf das Wetter geschimpft: „Schnee im November, das gab es ja noch nie!“ oder auch „ich musste noch nie so früh die Heizung wieder anstellen.“ Zeit für Medien und Gesellschaft, sich mit dem Klima auseinander zu setzen. Dies geschieht in zuletzt ungewohnter Richtung – statt über Hitzerekorde wird über Kälterekorde gesprochen. Aber der Mensch ist ja flexibel, der Klimawandel ist schnell abgesagt.

Folgt man der internationalen Presse, so rumort es bereits seit Anfang des Jahres. Ausgelöst durch den sogenannten „Climategate“-Skandal gerieten Klimaforscher in Misskredit. In internen E-Mails diskutierten führende WissenschaftlerInnen, wie sie die größtmögliche Wirkung für ihre Forschungsergebnisse erreichen könnten. Außerdem wurde gleich eine ganze Fülle von Fehlern in den Berichten des zwischenstaatlichen Ausschusses zum Klimawandel (IPCC) gefunden. Die öffentlich gewordenen Emails waren ein gefundenes Fressen für Klimaskeptiker, das Befeuern von Kontroverse ist wiederum ein Garant für Auflage und weil jeder eine Meinung zum Wetter hat, findet das Thema Erderwärmung großen Anklang. Die Emails wurden zur Schlagzeile. […] → zu Ende lesen

Emmet Brown und Bullshit-Science-Journalismus

Hui, was war der Emmet böse. Als mein Freund Emmet Brown mich ungeachtet der Zeitverschiebung diese Woche aus dem Bett klingelte, dachte ich schon, es sei ihm etwas zugestoßen. In gewisser Weise war es das auch, weil der Boulevard nämlich seine geliebte Wissenschaft vereinnahmt hatte. Das kann Emmet nicht auf die leichte Schulter nehmen, er ist schließlich Wissenschaftler aus Leidenschaft. Wenn er auf den Titelseiten am Kiosk liest, dass Liberale und Atheisten einen höheren IQ haben als Konservative und dass Fremdgeher einen niedrigeren IQ haben als treue Partner, dann fühlt er, der er eher agnostisch und vielleicht auch liberal ist und trotzdem konservativ in seinem partnerschaftlichen Verhalten, sich nicht geschmeichelt. Dann schrillen bei ihm alle Alarmglocken und er möchte wissen, ob so eine marktschreierische Aussage auch stimmt.

Spätestens nach dem Satz „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…“ setzt nämlich in den Redaktionsstuben die oftmals eigengelobte Faktenrecherche komplett aus und jeder Unsinn wird wiedergekäut. Dass ein Journalist sich auf fremde Expertise verlässt, bei einem Thema wo er ausnahmsweise nicht das Gefühl hat, selbst ausreichend Experte zu sein, um Meinung zu machen, finde ich eigentlich nur menschlich und nicht verdammungswürdig. Aber Emmet schreit mich durch den Hörer an, dass diese Schlagzeilen ein Paradebeispiel dafür liefern, was so grundsätzlich falsch läuft in der Beziehung von Wissenschaft, Gesellschaft und den vermittelnden Medien. Der wissenschaftliche Artikel, der hinter der boulevardesken Zuspitzung steht, ist noch vor Abdruck in einem wissenschaftlichen Magazin in den Medien lanciert worden. […] → zu Ende lesen

Emmet Brown und das Arbeitsamt

Gestern habe ich wieder mit meinem Freund Emmet Brown telefoniert. Emmet gehört zu dem, was manche heute Prekariat nennen, einer sozialen Gruppierung von Menschen, die in unsicheren Einkommensverhältnissen leben. Weil Emmet seiner Passion folgt, von der die gleichen Leute, die das Wachstum des Prekariats mit herablassender Sorge betrachten, sagen, dass diese Passion ein wichtiges und schützenswertes Gut sei, wird er so schnell das Prekariat auch nicht verlassen. Emmet ist nämlich Wissenschaftler.

Für den sozialen Aufstieg ist seine Berufswahl wenig vielversprechend. Leider ist er keiner dieser Forschung-ist-die-beste-Medizin-ham-se-mal-ne-Milliarde-Euro-für-Schweinegrippe-Wissenschaftler, geschweige, dass er „was Ordentliches“ mit Technik und so macht, sondern ein Grundlagenforscher, dem es um den  finanziell irrelevanten Gewinn von Erkenntnis geht. Mit der Arbeit an Fluxkompensatoren ist für „die Wirtschaft“ nun mal kein Staat zu machen. Emmet verzweifelt aber nicht an der Ungerechtigkeit der Welt, sondern kniet sich weiter in ein Leben ohne Wochenenden, pendelt für Forschungsprojekte regelmäßig 600 Kilometer zwischen verschiedenen Labors hin und her und ist froh, dass er überhaupt einen Arbeitsvertrag hat, der ihm seine Forschung und die Ausbildung der nächsten Generation von Arbeitssuchenden ermöglicht. Dummerweise läuft sein aktueller Vertrag bald aus und weil Emmet weiter seine Miete(n) zahlen muss, während er auf neue Forschungsprojekte oder Lehraufträge wartet, wendet er sich ans Arbeitsamt. […] → zu Ende lesen

Wissenschaft und Gesellschaft: Der Elfenbeinturm ist ein Hemmschuh für Bildungsreformen

Investitionen in Bildung sind die Basis einer Wissensgesellschaft. Obwohl dieses Mantra von Politikern, Wirtschaftsvertretern und Akademikern gleichermaßen gepredigt wird, stehen die tatsächlichen Investitionen in Bildung und die Präsenz des Themas im gesellschaftlichen Diskurs in keinem Verhältnis zu dessen propagierter Wichtigkeit. Warum wird in Deutschland so häufig über die Wichtigkeit von Bildung und so selten über Bildung gesprochen?
Die Akademiker schaffen es nicht, ein zutreffenderes Bild wissenschaftlichen Arbeitens zu verbreiten.
Ein Teil dieses Widerspruchs kann womöglich mit einem grundlegenden Defizit der akademischen Kreise erklärt werden: Die Wissenschaft ist in Deutschland kaum an die Gesellschaft angebunden. Sie ist im sprichwörtlichen Elfenbeinturm eingeschlossen. Auch wenn eine Studie über die Zusammenarbeit von Biomedizinern mit Journalisten zum Fazit kommt, der Elfenbeinturm sei ein Mythos, ändert das noch nichts an der Wahrnehmung in der Bevölkerung. Ausgerechnet die Berichterstattung zu dieser Studie kann als negatives Beispiel dienen, wie die Jagd nach dem Sensationsgehalt einer Nachricht deren Wahrheitsgehalt schmälert. Dabei beklagen sich Wissenschaftler häufig über genau diese Unsitte, ihre um Präzision bemühten Aussagen bis zur Verfälschung zuzuspitzen.
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