Medienkompetenz und das Internet

Stand der Dinge: Alles ändert sich. Also alles wie immer in diesem Internet. Mancherorts führt das die elder statesmen der deutschen Netzpublizistik und Blogszene zu melancholischen Betrachtungen, das Zwischenfazit für Blogs fällt entsprechend nüchtern aus. Aber es wird ja bald Frühling, da erwacht auch der cabriofahrtwindgeföhnte Eulenspiegel mit der Hasskappe wieder aus dem Winterschlaf und schießt gegen den Wildwuchs der selbsterklärten Netzexperten und social-media-Berater. Worauf eine kluge Replik dem lesenden Betrachter offenbart, dass es tatsächlich Experten mit Sachverstand und Willen zum Diskurs auch in Deutschland gibt. Wie schon regelmäßig zuvor stellt sich trotzdem die Speerspitze der Netzevangelisten die Frage, wohin die Reise eigentlich geht und gibt einige Antworten gleich mit.

Der Wandel scheint stets von Außen zu kommen: Der vermeintlich heilige Gral der Onlinejournalismusfinanzierung wird in Gestalt einer proprietären Plattform aus Cupertino vorgestellt und die Hysterie der Verlagsmedien implodiert zur größten pro bono Werbekampagne aller Zeiten. Es gibt auch Medienmenschen, die kluge Fragen stellen: Wo sollen denn eigentlich die Inhalte herkommen, same old, same old wird auch auf der eierlegenden Wollmilchsau iPad nicht funktionieren. Ein Magazin aus Amerika legt vor und die Messlatte auf: Die Studie von Wired ist angesichts der dort vermutlich gebündelten Medienkompetenz (das Blatt wird regelmäßig in einschlägigen Schriften aus der CMC-Forschung zitiert) allerdings eher unterwältigend. […] → zu Ende lesen

Der Rundgang – Sehen und gesehen werden

Die Spannung steigt. Schon Wochen zuvor kreisen die Gedanken der Studierenden der Kunstakademie Düsseldorf um die alljährliche Ausstellung, mit der jedes Wintersemester seit 1932 abschließt: An fünf offiziellen Besuchstagen strömen die unterschiedlichsten Menschen zu einem eintrittsfreien Kulturereignis, das sich nicht allein durch die Werke und ihre Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Kunstschaffenden erschöpft. Die Akademie wird Schauplatz der Kritik, der Inspiration und der divergierenden Auffassungen über Kunst und das sowohl für den Besucher als auch für die Studierenden selbst.

Letztere erleben diese Woche eine Art Ausnahmezustand, gehen nur noch zum Schlafen nach hause, sitzen in oder vor den Räumen ihrer Klassen und erfahren neben dem Gefühl, eine Leistung vollbracht zu haben, gleichzeitig die Ohnmacht gegenüber ihren Werken. Die hängen jetzt da, müssen für sich selbst sprechen, denn nach zu fragen kostet gerade den Beobachter Überwindung, dem der inhaltliche Zugang versperrt bleibt.

In diesem Jahr wandere ich nicht ziellos durch die Räume, denn meine persönliche Insideradresse stellt gleich im ersten Stock aus. Erstmal akklimatisieren, den Overkill verhindern. Was gleich folgen soll, ist eine Flut von Eindrücken, für die ich mich wappnen will. […] → zu Ende lesen

„Niemand ist objektiv“ – Interview mit Sabine Schiffer

Portrait Dr. Sabine SchifferFoto: Susanne Gabler. Mit freundlicher Genehmigung von Sabine Schiffer

Dr. Sabine Schiffer ist Gründerin und Vorsitzende des Institutes für Medienverantwortung. Sie promovierte über die Islamdarstellung in den Medien und formuliert zu diesem Themenkomplex Positionen, die durchaus das Prädikat kontrovers verdienen. Zumindest dienen ihre Thesen immer wieder als Projektionsfolie für wütenden Widerspruch, zum Beispiel den des Kolumnisten Henryk M. Broders. Wegen einer Aussage in einem Interview zum Mord an Marwa El-Sherbini, in dem Sie einen „sicherlich rassistischen“ Hintergrund des Polizistenfehlschusses in dem tragischen Ereignis vermutete, wurde ihr ein Strafbefehl des Amtsgerichtes Erlangen zugestellt. Ein in den Gerichtssaal stürmender Polizist schoss damals auf den Ehemann El-Sherbinis, während dieser mit dem Angreifer rang.

Frau Schiffer erklärte sich bereit, trotz des laufenden Verfahrens einige Fragen per Mail zu beantworten, nachdem Sie bereits einen anderen Artikel der Kontextschmiede kommentiert hatte. Wir haben uns darauf geeinigt, das Interview ungekürzt im Wortlaut zu veröffentlichen. […] → zu Ende lesen

Geschäftsmodelle, neue Medien und Rechtssicherheit. Ein Zustandsbericht.

Dies ist eine Geschichte über Deutschland, auch wenn sie in Israel beginnt. Dort setzten sich vor einigen Jahren zwei tapfere Kamelreiter selbstironisch mit ihrer Vita auseinander, überlegten, was sie mit ihrem Know-how anfangen könnten und schufen einen neuen Dienst für das Internet. Die Idee dürfte „hätte man ja auch früher drauf kommen können“-Format haben. Hochwertiges Bildmaterial aus den Fotoagenturen wird über eine embedding-Applikation mit Werbeeinblendungen verknüpft und so dem Nutzer zur Verfügung gestellt. Ähnlich wie Youtubevideos kann jeder Internetuser auf diese Weise Inhalte, die der Dienst bereithält, auf seiner Seite einbinden. Die Bildagenturen erschließen sich ein neues Einkommensmodell und Otto-Normalnutzer kann sich aus einem reichen Archiv von professionellem Fotomaterial bedienen, um seine Texte im Internet zu illustrieren: PicApp.

Damit wurde eine legale Alternative zur oftmals unbedarft angewandten Praxis des Bilderklaus geschaffen. PicApp fand auch Partner mit großem Namen, die ihre Fotos zur Verfügung stellten. Der Corbis-CEO Gary Shenk pries das neue Geschäftsmodell an, mit dem Corbis seine Fotos nun auch Bloggern zugänglich machen könne. Getty Images, Newscom, Jupiterimages und weitere namhafte Partner wurden für das Modell gewonnen. PicApps Partner lizensieren ausgewählte Fotos aus ihren Archiven für PicApp, die ihren Usern die Einbettung dieser Fotos ermöglichen. Risikokapitalgeber begeisterten sich für das Modell und ein weiteres Beispiel, wie ein Bedürfnis, das mangels legaler Alternative sich aus illegalen Quellen stillt, zum legalen Geschäftsmodell werden kann, war geboren. In den USA wurden die lizenzrechtlichen Fragen ausgehandelt und Klärungsinstanzen zu urheberrechtlichen Streitigkeiten etabliert. Auf Grundlage amerikanischen Rechtsverständnisses. […] → zu Ende lesen

Nobelpreis Schmobelpreis

Besserwisser allerorten. Was haben sich die Spinner aus Norwegen gedacht, diesen Barack Obama, von dem man nun langsam wirklich genug gehört hat, auch noch zum Preisträger zu ernennen? „Der Preis kommt zu früh.“ Dieser Satz ist selbst preisverdächtig, entlarvt er doch das Politikverständnis und die Arroganz der vielen Kommentatoren, die  schon Meinungen zum Nobelpreisträger in die Welt posaunten, bevor der Preisträger selbst überhaupt eine Erklärung abgegeben hatte. Vom Blätterwald bis zur Blogosphäre wird an der Entscheidung herumgekrittelt.

Bevor ich mich dem allgemeinen Rumgemeine anschließe, mal etwas Grundsätzliches vorweg: Das Nobelpreiskomitee schuldet mir, dem Heer der übrigen politischen Kommentatoren und im Grunde auch dem Rest der Welt ganz genau: Nichts. Schon gar keine Rechenschaft. Prestigeträchtig wird ein Preis erst in den Augen des Publikums – daraus lässt sich aber noch lange kein Anspruch ableiten, dass die eigenen Vorlieben die der Juroren seien. Ganz im Gegenteil gewinnt neben dem Preisträger der Preis selbst an Aufmerksamkeit, wenn er kontrovers diskutiert wird.  Da macht das Bisschen Geld den Kohl nicht fett. Herzlichen Glückwunsch nach Oslo, man redet wieder über euch und setzt sich sogar mit den Motiven eures Stiftungsgründers auseinander. So viel Wirkmacht war ihm lange nicht vergönnt, dem guten Alfred Nobel. […] → zu Ende lesen

The Limits of Control, Retrogaming und MacGuffins

Das Wichtigste vorweg: Jim Jarmusch hat einen Film gemacht, der nichts für jeden ist. The Limits of Control ist ein Film ohne Handlung. Er ist aber trotzdem ein großartiges Stück Kino für jene, die sich an künstlerischem Handwerk erfreuen und bereit sind, großartige Bilder und tolles Sounddesign auf sich wirken zu lassen. Die inhaltliche Leere zu füllen, bleibt völlig dem Zuschauer überlassen. Der Regisseur bedient sich für diese Volte eines erzähltechnischen Taschenspielertricks: Er ersetzt Handlung durch etwas, das Alfred Hitchcock einen MacGuffin nannte.

Der Altmeister, den Jarmusch in seinem jüngsten Film mehrmals zitiert, beschrieb den MacGuffin in einer Anekdote:

It might be a Scottish name, taken from a story about two men in a train. One man says, ‚What’s that package up there in the baggage rack?‘ And the other answers, ‚Oh that’s a McGuffin.‘ The first one asks, ‚What’s a McGuffin?‘ ‚Well,‘ the other man says, ‚It’s an apparatus for trapping lions in the Scottish Highlands.‘ The first man says, ‚But there are no lions in the Scottish Highlands,‘ and the other one answers ‚Well, then that’s no McGuffin!‘ So you see, a McGuffin is nothing at all.

[…] → zu Ende lesen



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