Comeback im Kreis der Favoriten

Aus der Reihe »Melbourne 2010«

Drei Tage sind die Australian Open 2010 nun bereits alt. Für hochklassiges Tennis garantierten bislang die Top-Spieler und Spielerinnen beim ersten Grand Slam-Event der jungen Saison. So kämpften US-Open-Champion Juan Martin del Potro und James Blake fast fünf Stunden um den Einzug in die dritte Runde – mit dem besseren Ende für den Argentinier, der 10:8 im entscheidenden Durchgang triumphierte. In Folge eins der Australian Open-Serie nimmt die Kontextschmiede ein Match in den Blick, zu dem es ungewöhnlich früh im Turnierverlauf kam. Justine Henin und Jelena Dementjewa begeisterten dabei 15 000 Zuschauer in der Rod Laver Arena.

Wera Dementjewa schickte flehentlich Stoßgebete gen Himmel. Ihre gefalteten Hände kneteten einander,  so dass das Weiß der Fingerknöchel zu Tage trat. Auch wenn Jelena Dementjewas Mutter und Trainerin eher der Stärke ihrer Tochter als übersinnlicher Hilfe eines Tennis-Gottes vertraute, hatte es den Anschein, als würde sie den Krimi in der zweiten Runde der Australian Open einzig in dieser verkrampften Position aushalten können. Sprössling Jelena hatte das unglückliche Los gezogen, bereits am dritten Turniertag in Melbourne auf die siebenmalige Grand Slam-Siegerin Justine Henin zu treffen. Das Spiel der night session wurde zum ersten Highlight dieses Jahres in der Rod Laver Arena und hinterließ eine ernst zu nehmende Warnung an die Damenkonkurrenz sowie eine geknickte Verliererin, die doch so hoffnungsfroh in die neue Saison gestartet war.

Ein Triumphzug wie der von Kim Clijsters in New York ist durchaus möglich.

Um 21:57 Uhr Ortszeit beendete Justine Henin die Partie mit einer tadellosen Aufschlag-Flugball-Kombination. Fast drei Stunden Damen-Tennis auf höchstem Niveau mit mehr als 200 hart umkämpften Punkten lagen zu diesem Zeitpunkt hinter den Ausnahmekönnerinnen, die viel zu früh im Turnierverlauf aufeinander getroffen waren. Mit 7:5 und 7:6 (6) bezwang Henin ihre russische Kontrahentin und machte den zweiten Schritt in Richtung eines neuerlichen belgischen Comeback-Wunders.

Die Australian Open sind erst das zweite Turnier für die langjährige Nummer eins der Damen-Tour, nachdem sie sich im Herbst des vergangenen Jahres zu einer Rückkehr in den Tennis-Zirkus entschieden hatte. War bereits das knapp verlorene Finale von Brisbane gegen Landsfrau Kim Clijsters ein erstes Ausrufezeichen, dürfte der Erfolg über Dementjewa die etablierten Spielerinnen wach gerüttelt haben. Als Nummer vier der Weltrangliste und mit dem Turniersieg von Sydney im Gepäck zählte die Olympiasiegerin von Peking doch zum Favoritenkreis in Melbourne. Welch Schicksal, dass es gerade Dementjewa traf, gegen die ungesetzte und mit einer wildcard ausgestattete Justine Henin bereits in der zweiten Runde antreten zu müssen, dachte sich wohl auch Mutter Wera im Verlauf des Matches.

Variables Spiel gegen eindimensionale Ballmaschinen

Möglichkeiten, das Spiel zu gewinnen, gab es für beide Spielerinnen genug. In den entscheidenden Phasen beider Sätze zeigte sich jedoch, warum Henin bereits sieben Major-Titel zu verzeichnen, während ihre Gegnerin einzig eine Finalteilnahme in Roland Garros zu Buche stehen hat. Die Belgierin wehrte im Tie-Break des zweiten Durchganges einen Satzball ab und beschloss die Partie mit einer taktischen Marschrichtung, die so selten geworden ist im Damen-Tennis.

Titelverteidigerin Serena Williams und US-Open-Champion Kim Clijsters werden genau hingeschaut haben, welches Offensivpotenzial Justine Henin nach ihrer Rückkehr bereits zur Verfügung steht. Sollte sich die zähe Belgierin mit der famosen einhändigen Rückhand im Turnierverlauf weiter steigern und ihren derzeit noch wackligen Aufschlag stabilisieren können, ist ein Triumphzug wie der von Kim Clijsters in New York durchaus möglich. Ihr variables Spiel mit präzisen Slicebällen und dem wohl besten Volley der Tour scheint prädestiniert gegen die Masse eindimensionaler Ballmaschinen, die in den nächsten Runden warten.

Das hatte auch Jelena Dementjewa gemerkt und suchte selbst immer wieder den Weg ans Netz. Der 1,68 Meter kleinen Justine Henin war sie dennoch nicht gewachsen. Mutter Weras Fingerknöchel mussten dies schmerzlich erfahren.

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