Emmet Brown und das Arbeitsamt

Aus der Reihe »Emmet Brown«

Gestern habe ich wieder mit meinem Freund Emmet Brown telefoniert. Emmet gehört zu dem, was manche heute Prekariat nennen, einer sozialen Gruppierung von Menschen, die in unsicheren Einkommensverhältnissen leben. Weil Emmet seiner Passion folgt, von der die gleichen Leute, die das Wachstum des Prekariats mit herablassender Sorge betrachten, sagen, dass diese Passion ein wichtiges und schützenswertes Gut sei, wird er so schnell das Prekariat auch nicht verlassen. Emmet ist nämlich Wissenschaftler.

Für den sozialen Aufstieg ist seine Berufswahl wenig vielversprechend. Leider ist er keiner dieser Forschung-ist-die-beste-Medizin-ham-se-mal-ne-Milliarde-Euro-für-Schweinegrippe-Wissenschaftler, geschweige, dass er „was Ordentliches“ mit Technik und so macht, sondern ein Grundlagenforscher, dem es um den  finanziell irrelevanten Gewinn von Erkenntnis geht. Mit der Arbeit an Fluxkompensatoren ist für „die Wirtschaft“ nun mal kein Staat zu machen. Emmet verzweifelt aber nicht an der Ungerechtigkeit der Welt, sondern kniet sich weiter in ein Leben ohne Wochenenden, pendelt für Forschungsprojekte regelmäßig 600 Kilometer zwischen verschiedenen Labors hin und her und ist froh, dass er überhaupt einen Arbeitsvertrag hat, der ihm seine Forschung und die Ausbildung der nächsten Generation von Arbeitssuchenden ermöglicht. Dummerweise läuft sein aktueller Vertrag bald aus und weil Emmet weiter seine Miete(n) zahlen muss, während er auf neue Forschungsprojekte oder Lehraufträge wartet, wendet er sich ans Arbeitsamt.

Die Agentur für Arbeit, wie das Arbeitsamt heute genannt werden will, soll fördern und fordern und dafür sorgen, dass Arbeitgeber und Arbeitssuchende zügig zueinander finden. Es kann aber seinen Charakter nicht mit seinem Namen wechseln, die Beamtenseele bleibt dem Laden treu. Das mag Vorteile haben, zumindest ist es politisch kaum anders zu lösen. Nur für Emmet ist das etwas unglücklich, weil er einen Arbeitgeber hat, der von einer mindestens eben so großen Sturheit geprägt ist, wie sie dem Arbeitsamt als Staatsorgan zu eigen ist. Die deutschen Universitäten haben ihre ganz eigenen politischen Vorgaben, von denen nicht jede darauf abzielt, ihren Arbeitnehmern finanzielle Sicherheit zu bieten.

Das wäre alles nicht so schlimm, Emmet ist flexibel, er schaut sich im Ausland nach Arbeit um und geht auch ohne Arbeitsvertrag weiter seiner Tätigkeit als Forscher nach, während er darauf wartet, dass Gelder für auf seine Arbeit zugeschnittene Projekte bewilligt werden, aus denen neue, befristete Stellen entstehen. Emmet ist ja noch jung und muss sich erst als Forscher einen Namen machen, mit dem er selbst Gelder beantragen kann oder gar einen jener legendären Lehrstühle ergattern, die für das Fortbestehen des universitären Ausbildungsbetriebes nicht ganz unwichtig sind. Wobei Emmet mir auch ganz schaurige Geschichten über die Juniorprofessur erzählt hat, aber davon will ich lieber ein anderes Mal berichten. Jedenfalls war er ganz aufgeregt am Telefon, weil die Agentur für Arbeit so viel Flexibilität anscheinend nicht gewohnt ist, vielleicht ist sie auch nicht gewollt, in jedem Fall ist für Emmet womöglich Sense mit einen Namen machen und gezielt weiter am Forschungsprofil arbeiten.

Das Arbeitsamt ist nämlich gar nicht begeistert, dass Emmet seine (recht beachtlichen) Forschungsergebnisse auf namhaften Tagungen in Amerika vorstellen will, noch sind Fortbildungsmaßnahmen an hochspezialisierten Einrichtungen im Ausland Teil der Programme, die das Amt als relevant für berufliches Fortkommen ansieht. Dabei ist es für Forscher an Fluxkompensatoren geradezu unabdingbar, auch mal mit einem Zeitparadoxon zu arbeiten. Dafür gibt es in Deutschland einfach keine Labors. Jetzt wartet Emmet, während darüber befunden wird, ob er entgegen den Bestimmungen für Arbeitssuchende ins Ausland reisen darf. Es könnte ja sein, dass während seiner Abwesenheit auf einer Tagung plötzlich ein Arbeitgeber die passende Stelle für sein Profil aus dem Hut zaubert. Also ein Labor für Fluxkompensatoren quasi aus dem Nichts in der deutschen Universitätenlandschaft auftaucht.

Nun ja, wenn es einen Forschungsbereich gibt, bei dem man mit diesem Phänomen rechnen muss, dann wohl den von Doc Brown.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • Huge sagt:

    Mein Geschichte-Dozent, der gerade habilitiert, hat uns letzlich auch erzählt, dass viele seiner Kollegen auf Hartz-IV-Niveau rumkrebsen. Fördergelder gibt´s fast nur noch für technische und medizinische Projekte, scheint mir. Vielleicht machen Wissenschaftler deshalb so gern Panik um Schweinegrippe und Co.

  • maks sagt:

    Nachdem Doc endlich den Fluxkompensator konstruiert hat, soll er zu diesem Zeitpunkt in die Vergangenheit reisen, wo er für die Arbeitsagentur erreichbar sein muss. So kann er an zwei Orten gleichzeitig seine Pflichten gegenüber dem Verwaltungssystem erfühlen und seine genialen Entwicklungen weiter bei den Kongressen in der USA vorantreiben. Ein kleines Problem zwings sich allerdings auf, wie kann er sein Wissen erst nachhinein für seine Entwicklungen nutzen? Ich denke, da hilft nur der Zeitparadoxon



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