Frau Akgün muss noch mal kommen

Um halb neun ist sie weg. Hat den schmalen Oberkörper mit einem großen braunen Tuch umhüllt, den Blumenstrauß in die Hand genommen und ist zur Tür gegangen. „Bitte nicht klatschen“, hat sie noch gesagt, als die Genossen die Hände hoben. Draußen ist es dunkel. Ein Taxi wartet, Lale Akgün steigt hinten ein. Zum WDR geht es, eines der letzten Interviews geben.

„Besuch uns bald wieder“, hat Wilfried Becker an diesem Mittwoch zum Abschied im Bürgerbüro gesagt. „War ein Riesenglück für uns, dass du hier warst.“ Doch der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Köln-Sülz weiß, dass sie so schnell nicht wieder kommt. Lale Akgün, Mitglied des Bundestags von 2002 bis 2009, wird zurück nach Düsseldorf gehen. Als Psychologin, mit 56 Jahren. Am 27. September verlor sie ihren Wahlkreis Köln II an den CDU-Konkurrenten. Er holte 34,9 Prozent, sie 32,4 Prozent.

Ihr Kölner Büro, das sie sich mit den Ortsvereinen Sülz und Klettenberg geteilt hat, braucht sie nun nicht mehr. Die Episode in der Politik ist für sie abgeschlossen. „Ich hasse Typen, die nicht loslassen können“, hat Frau Akgün gesagt und dabei energisch ihre Hände bewegt. Verbittert sah sie nicht aus, ihre Webseite www.laleakguen.de ist schon gelöscht.

Auf der Mitgliederversammlung haben sie nun den Salat. „Bis Ende November brauchen wir einen neuen Mitmieter oder wir müssen das Büro aufgeben“, sagt Wilfried Becker. Ihm ist warm, sein gemütliches Gesicht ist rot. „Macht eusch schon ma Jedanken“, fügt der 57-Jährige hinzu. Die Genossen auf den unbequemen Holzstühlen nicken.

Bevor Lale Akgün kam, hat Becker die Sitzung vorbereitet. Schnaufend hat der Mann mit der runden Brille einen Stuhl nach dem anderen aus der Küche in den rechteckigen Raum getragen. „Meinst du das reicht?“, hat ihn ein Genosse gefragt und auf die Stuhlreihen gezeigt. „Es kommen doch bestimmt jede Menge.“ 20 sind es dann geworden, 230 Mitglieder hat der Ortsverein.

Eine Stunde lang war sie noch einmal dort, wo es sich warm anfühlt.

Und doch sind nicht genug Stühle für alle da. Markus muss auf dem Boden sitzen. Er hat sich an die Wand gelehnt, als Frau Akgün geredet hat. Eine Stunde lang war sie noch einmal dort, wo es sich warm anfühlt, wo unter den Füßen Holzbohlen liegen und zwei Kugellampen an der Decke weiches Licht verbreiten. Die Vergangenheit ist noch einmal lebendig geworden, als sie sich an den Tisch gesetzt hat, erzählt und geschimpft hat. Über die sozialdemokratische Partei Deutschlands, die nicht mehr weiß, was Sozialdemokratie ist. Nämlich für Frieden zu sein und gegen Krieg in Afghanistan. Über Duckmäuser, die sich nicht trauen, den Mund aufzumachen. Über die Männer aus der SPD-Führung, die keine abweichenden Stimmen hören wollten. „Seine Ostpolitik war auch nicht populär“, hat Frau Akgün gesagt und auf das Portraitfoto von Willy Brandt gezeigt.

Markus hat sich gemeldet, vom Boden aus, er hat sich hingehockt und den Arm gehoben. „Moment“, hat Vorsitzender Wilfried Becker gesagt, „nur Fragen, kein Statement, Markus.“ Und Markus hat resigniert geschaut und geklagt: „Meine Partei will mich mal wieder mundtot machen.“ Wilfried Becker hat gesagt: „Das ist doch nicht so gemeint, aber wir haben die Lale nur kurz hier.“ Schließlich hat Markus doch seine Frage gestellt. „Welche Rolle sollen Ortsvereine in Zukunft noch spielen?“ Lale Akgün hat geantwortet: „Ihr müsst euch zusammenschließen, damit es in Köln noch sechs und nicht 48 Vereine gibt.“

„Schreib das mal auf, deine Erfahrungen“, hat jemand vorge­schlagen. „So wie Oskar.“

Dann haben wieder alle an ihren Lippen gehangen und sich an die vergangenen Monate erinnert. „Schreib das mal auf, deine Erfahrungen“, hat jemand vorgeschlagen. „So wie Oskar.“ Draußen sind Passanten stehengeblieben, haben durch die Scheiben geschaut. Jugendliche sind grinsend vorbeigelaufen; welche alte Gesellschaft tagt dort denn, haben sie sich gefragt. Vielleicht vier Genossen sind jünger als 50.

Doch vielleicht geht es bald wieder aufwärts. „Wir haben allein im September elf Neuanmeldungen bekommen“, sagt Wilfried Becker. Die blaue Plastiktüte mit den Parteibüchern hat er schon dem neuen Mitgliedsbeauftragten gegeben. „Du hast bald viel zu tun“, kündigt Becker an.

Ob die Neuen das Bürgerbüro noch zu Gesicht bekommen werden? Den rechteckigen Raum, die enge Küche, in der sich nicht abgeholte Umzugskartons stapeln? Risse haben sie und Löcher, an manchen Stellen sind sie mit Klebeband geflickt. „Bürgerbriefe bundesweit und Wahlkreis“ steht auf einem, „Adressverteiler und Visitenkarten“ auf einem anderen. Absender: Deutscher Bundestag Verwaltung, Platz der Republik 1, 11001 Berlin.

Frau Akgün muss wohl noch mal kommen.

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