Geschlechterverwirrung

Als ich mit den Recherchen zum folgenden Artikel begann, hatte ich eine aufklärerische Story über die Geschlechterdebatte und den katalytischen Effekt von Sportereignissen für gesellschaftliche Diskurse im Sinn. Caster Semanya hatte gerade den 800-Meter-Lauf der Frauen gewonnen, da stürzte sich die Weltöffentlichkeit auf ihr Privatleben. Sie sei womöglich keine Frau, der Sieg somit erschlichen. Über ihr Geschlecht wurde öffentlich spekuliert, Vorurteile willfährig bedient, auch die beteiligten Funktionäre der Leichtathletik erschienen in keinem guten Licht. Ich wollte das Schicksal von Caster Semanya als Aufhänger nehmen, um über Diskriminierung und Rückständigkeit zu schreiben. Einige Emailanfragen, Dokumentensichtungen und Telefonate später beschloss ich, statt dessen über Menschen zu schreiben. Und darüber, wie Menschen dem Unbekannten begegnen.

Ein Ingenieur, ein Mathematiker und ein Philosoph entdecken auf einer Wandertour durch Schottland ein einzelnes, schwarzes Schaf. „Na so was, in Schottland sind die Schafe schwarz“ meint der Ingenieur. „Das kannst du gar nicht wissen,“ verbessert ihn der Mathematiker, „wir wissen nur, dass es mindestens ein schwarzes Schaf in Schottland gibt.“ „Eigentlich,“ wirft der Philosoph ein, „sehen wir nur, dass es auf der uns zugewandten Seite schwarz ist.“

Weil uns in der Welt immer wieder Männer und Frauen begegnen, nehmen die meisten Menschen an, es gebe genau diese zwei Geschlechter. Diese Unterteilung der Menschheit ist in unserer Gesellschaft so fest verankert, dass sie nie hinterfragt wird. Wir sind keine Mathematiker und keine Philosophen, zumindest sind wir das nicht ständig und selten bei banalen Alltagsweisheiten. Alle Menschen sind entweder männlich oder weiblich.

Rollenverteilung: Wann ist ein Mann ein Mann?

Dabei gibt es durchaus Kulturen, die andere Geschlechterrollen in ihrer Gesellschaft verankert haben als nur unsere zwei Dimensionen. Anhand welcher Kriterien sie diese Rollen definieren und wie diese historisch entstanden sind, ist ein faszinierendes Thema nicht nur für Ethnologen und Kulturwissenschaftler. Seien es Mahu oder Hijra, geschlechtliche Identität und Biologie sind nicht notwendigerweise direkt miteinander verknüpft.

Auch in unserer Gesellschaft werden Geschlechterrollen seit den Erfolgen der Feminismusbewegung, spätestens aber seit der wachsenden Emanzipation der Homosexuellen hinterfragt. Sie haben zumindest im akademischen Diskurs dafür gesorgt, dass Geschlecht als eine gesellschaftliche Rolle wahrgenommen wird. Mann und Frau ist nicht länger eine rein biologische Größe, sondern geschlechtliche Sexualität wird mehr und mehr als kulturelles Konstrukt angesehen. Im Englischen fällt eine solche Unterscheidung leichter, weil „sex“ und „gender“ sich schon auf zwei verschiedene Bedeutungen von „Geschlecht“ stützen, einer biologischen und einer sozialen Interpretation.

Das biologische Paradigma allerdings bleibt bis heute weitgehend unangetastet. Der Staat akzeptiert nur zwei Geschlechter auf dem Papier. Kinder mit biologisch uneindeutiger Zuordnung werden willkürlich auf ein Geschlecht festgelegt, notfalls mit chirurgischen Eingriffen. Dabei zeigt sich gerade hier, wie die gesellschaftliche Konvention zu den zwei Geschlechtern sich als Konstrukt entpuppt. Die Natur ist da bei weitem nicht so eindeutig auf ein binäres Schema bedacht. Je nach Spezies werden andere Chromosomenpaare relevant für sexuelle Fortpflanzung, manche Fische wechseln munter zwischen den biologischen Geschlechtern und Regenwürmer legen sich erst gar nicht fest.

Auch beim Menschen ist die Chromosomengrenze nicht eindeutig. Immer mal wieder brechen Menschen aus dem XX/XY-Schema aus. Es gibt Chromosomentripel, manche Y-Chromosomenträger sind für Testosteron unempfänglich und geradezu weiblicher als XX-Frauen, es gibt Chimarismus und mehr. Die Natur liebt Variation. Biologische Geschlechtsmerkmale sind häufiger abweichend von der Norm, als einen der Alltag glauben macht. Einer Studie der Universität Lübeck zufolge gilt das für ein Kind von 2000.

Die Diskussion um Geschlechterrollen allerdings ist heute noch so weit tabuisiert und stigmatisiert, dass längst nicht jeder Homosexuelle sich in diesem gesellschaftlichen Umfeld outet. Wenn neben Sexualität auch noch Geschlechtsidentitäten oder gar der Dimorphismus selbst in Frage gestellt wird, stößt Toleranz sehr schnell an Grenzen. Eine Frau, die im Körper eines Mannes lebt? Befremdlich. Ein Mensch, der sich erst gar nicht auf Mann oder Frau festlegen will? Unerhört. Eine Sportlerin, die womöglich gar keine Frau ist? Unglaublich.

Als ich mich mit der Leichtathletik auseinander setzte, um zu sehen, wie in diesem sportlichen Mikrokosmos mit gender-spezifischen Fragen umgegangen wird, musste ich mich meinen eigenen Vorurteilen stellen. Ich erkannte, dass Sport nicht notwendigerweise wertkonservativ bis zur Rückständigkeit ist. Caster Semanya wurde, nach allem was bis heute nachvollziehbar ist, Opfer der rücksichtslosen Interessen von Sportpolitikern und als Konsequenz zum Opfer einer sensationslüsternen Öffentlichkeit. Aber auf meine Nachfrage beim deutschen Verband, wie er zu dem Fall stehe, traf ich auf ein sehr menschliches Eingeständnis von Hilflosigkeit. Ich fand Bemühen um Einfühlung und Respekt.

„Ich kann nur hoffen, dass uns so ein Fall nie betrifft.“

Jan Kern, der technische Direktor des Verbandes, war für Geschlechterfragen deutlich sensibilisiert und verwies darauf, dass immer tragische persönliche Schicksale mit öffentlich diskutierten Identitätsfragen einhergingen. Einige konkrete Fälle waren ihm noch im Gedächtnis. Außerdem hat er miterlebt, wie der internationale Verband eine Zeit lang weibliche Sportler zu Geschlechtstests zwangsverpflichtete.

Der Sport steht an besonders exponierter Stelle für Fragen zur Geschlechtsidentität. Er muss dafür Sorge tragen, dass Frauen im gleichen Maße an Wettkämpfen teilnehmen können wie Männer. Zusätzlich muss er Mechanismen zur Chancengleichheit der Athleten anbieten. Da dem biologisch männlichen Geschlecht physische Vorteile für athletische Leistungen gegeben sind, werden die Geschlechter getrennt. Sobald es im Sport Fälle gibt, die eine  eindeutig binäre Zuordnung zweifelhaft erscheinen lassen, muss der Sport sich Regeln geben, nach denen geschlechtliche Identität für die Zulassung zum Wettbewerb definiert wird.

Das hat der internationale Leichtathletikverband als erster Sportverband überhaupt getan. Einige Mitglieder des Verbandes haben sich mit gesellschaftlich relevanten Fragen zu Geschlecht und Diskriminierung befasst und auch mit medizinischen Definitionen, wer an welchen Wettkämpfen teilnehmen darf. Das Dilemma ist nicht aufzulösen: Wenn die Selbstauskunft über die geschlechtliche Identität, also gender, der Maßstab ist, werden Frauen benachteiligt, deren biologisches Geschlecht, sex, die charakteristischen Merkmale für „weiblich“ aufweist. Das männliche Geschlechtshormon Testosteron ist schließlich ein mächtiges Mittel zur Leistungssteigerung. Wenn aber zum Beispiel der Chromosomensatz der Maßstab ist, werden Personen mit Y-Chromosom, deren geschlechtliche Identität weiblich ist, die obendrein alle oberflächlichen Merkmale weiblichen biologischen Geschlechts auf sich vereinigen, faktisch vom sportlichen Wettkampf ausgeschlossen. Mangels natürlichem Testosteron können sie nicht mit Männern konkurrieren.

Der Verband hat sich deutlich positioniert: Geschlechterfragen sind alles andere als einfach, man muss der Vielfalt der Natur und den delikaten Fragen zu geschlechtlicher Identität Rechnung tragen. Man möchte Wettbewerbsvorteile ausschließen, aber gleichzeitig Diskriminierung vermeiden und versucht einen Mittelweg zu finden. Laut der policy on gender verification des IAAF gibt es einige medizinische Definitionen von biologischen Männern, die sehr wohl bei den Frauen antreten dürfen. Es gibt Regelungen, wie man mit Zweifeln am Geschlecht umzugehen habe – im Dokument wird eindeutig auf das soziale Geschlecht referiert. Was fehlt, sind Regeln, die den menschlichen Faktor der Angst vor Begegnung mit dem Unbekannten ausschalten.

Denn die Entscheidungen, wie die knappen und meist theoretischen Anweisungen umzusetzen seien, werden an Landesverbände und unbestimmtes medizinisches und sportpolitisches Personal delegiert. Es gibt keine fest eingesetzte Kommission, die über so komplexe Fälle wie die von Caster Semanya entscheidet. Auch beim deutschen Verband müsste eine solche Kommission ad hoc gebildet werden – und längst nicht alle Mitglieder eines Sportverbandes sind auch nur soweit aufgeklärt, dass sie, wie Jan Kern, Demut vor der Komplexität des Themas mitbringen. Die Kolumnen einiger Sportredaktionen zeugen von der inkompetenten Impertinenz, mit der der Geschlechterdebatte im Sport auch begegnet werden kann.

Man kann allen Athleten also nur wünschen, mehr Glück zu haben mit den Personen, die über ihr Schicksal bestimmen. Mehr Glück bei den Personen, die über ihr Schicksal schreiben. Vor allem aber eine Gesellschaft, deren Mitglieder aufgeklärter über Geschlechterfragen sind, und so anderen Geschlechtsidentitäten mit Respekt begegnen, statt mit Ablehnung und Furcht. Eine Gesellschaft, in der man weniger Glück braucht, um nicht als Freak im Medienzirkus zu enden.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • maks sagt:

    Ist eine sehr interessante und komplizierte Sache – die Frage nach der Identität. Duale Systeme sind noch sehr starke Kategorisierungseinheiten in der nördlichen Hemisphäre. Starre Kategorien führen automatisch zur Angst durch Unverständnis und zur Ausgrenzung von Allem, was in diese Kategorien nicht passt. In der Queer-Theorie wird das Problem der Geschlechterdefinition behandelt. Ich sehe es aber generell als Problem der Identität, die nur zu oft als kulturpolitisches Werkzeug zu Kontrolle dienlich ist.



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