„Ich versuche, nicht zu vergessen“

Murat Kurnaz wurde der internationalen Öffentlichkeit bekannt als zu Unrecht inhaftierter deutsch-türkischer Guantánamo-Insasse. Murat KurnazMurat Kurnaz stellte sich nach der Diskussion für ein kurzes Interview zur Verfügung. Der 27-Jährige ist in Bremen geboren und aufgewachsen. Im Oktober 2001 flog er als gläubiger Moslem nach Pakistan, um in der Koranschule „Tablighi Jamaat“ mehr über den Islam zu lernen. Auf dem Rückweg im November, das Flugzeugticket in der Tasche, wurde er von der pakistanischen Polizei aus dem Bus geholt und festgenommen. Gegen ein Kopfgeld verkaufte sie ihn an US-amerikanische Spezialeinheiten weiter. Was folgte, war ein viereinhalbjähriges Martyrium. Nach einem Aufenthalt im afghanischen Kandahar wurde der Bremer im Januar 2002 ins neu angelegte US-Gefangenenlager Guantánamo Bay gebracht, wo er nach eigenen Angaben physisch und psychisch gefoltert wurde. Im August 2006, nach beständiger Intervention durch Bundeskanzlerin Merkel, kehrte er nach Deutschland zurück. Inzwischen hat er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Am Rande der Podiumsdiskussion in der Bremer Universität stand er der Kontextschmiede für ein kurzes Gespräch zur Verfügung.

Herr Kurnaz, am Sonntag ist Europawahl. Wenn Sie den deutschen Pass schon hätten, würden Sie dann wählen gehen?

Ja.

Sie haben sich nicht resigniert von der Politik abgewendet?

Nein.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie den SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier sehen? Sie werfen ihm vor, nichts für Ihre Freilassung getan zu haben.

Schade, dass es diesen Mann in dieser Position noch gibt.

Haben Sie von ihm oder seitens der damaligen Bundesregierung jemals eine Entschuldigung gehört?

Nein, absolut nicht.

Warten Sie noch darauf?

Jetzt nicht mehr.

Wann sind Sie zuletzt in den Urlaub gefahren?

Ich reise häufig durch ganz Europa. Ich bin Menschenrechtsaktivist. Das mache ich ehrenamtlich. Jetzt bald bin ich in Japan.

Wann haben Sie dabei das letzte Mal die deutsche Grenze passiert?

Zuletzt vor ein paar Wochen. Manchmal bin ich sogar mehrmals in der Woche außerhalb Deutschlands. Das ist unterschiedlich.

Haben Sie dabei ein mulmiges Gefühl? Fehlt nicht die Sicherheit, im eigenen Land zu sein?

Daran denke ich nicht. Es gibt genug Menschen, die von zu Hause entführt werden. Was mir passiert ist, könnte hier genauso geschehen.

Denken Sie noch oft an den Aufenthalt in Guantánamo? Wie gehen Sie mit Ihren Erlebnissen um?

Ich versuche, es nicht zu vergessen. Mir ist sehr wichtig, erzählen zu können, was dort geschieht. Wenn das in Vergessenheit gerät, kann die Menschheit nicht daraus lernen.

Mit wem können Sie über Ihre Erfahrungen sprechen?

Das ist kein Problem, das geht auch mit Ihnen. Ansonsten würde ich auch nicht an die Öffentlichkeit gehen. Ich finde das aber okay.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Mitgefangenen?

In England gibt es sehr viele Ex-Häftlinge, die ein paar Jahre vor mir entlassen worden sind. Wenn ich dort bin, habe ich Kontakt zu ihnen.

Was halten Sie von der neuen US-Regierung um Barack Obama?

Hoffentlich sind seine Äußerungen nicht nur Gerede, um Anerkennung wiederzugewinnen. Wir wollen Taten sehen. Viele Worte kenne ich schon von den Politikern.

Welche Rolle spielt die Religion heute in Ihrem Leben?

Ich bin immer noch Moslem und übe meinen Glauben immer noch aus.

Würden Sie heute noch einmal nach Pakistan reisen?

Wenn ich die Garantie hätte, nicht wieder entführt zu werden, ja. Es ist ein sehr schönes Land. Die Natur dort ist sehr schön, und ich mag die exotischen Tiere.

Vielen Dank für das Interview!

Mit Murat Kurnaz sprach Kontextschmiede-Autor Philipp Elsbrock.

Die Kommentare sind abgeschaltet.

  • Chaos sagt:

    Bis Heute eine absolute schande das der Mann bis heute keine Entschuldigung bekommen hat, diese Regierung hat auf jeden Fall mal nen Denkzettel verdient.



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